UNTERWEISUNGEN

Der Rote Faden. Erster Teil.
Den Faden aufnehmen.

Lama Lhündrub

Eine Einführung in die Kontemplation der Vier Grundlegenden Gedanken mit einfachen Meditationsübungen.
Unterweisungen von Lama Lhündrub, zusammengestellt in Anlehnung an den Kostbaren Schmuck der Befreiung von Gampopa.

NAMO GURU.

NAMO BUDDHA.

NAMO DHARMA.

NAMO SANGHA.

Der Rote Faden beabsichtigt, ein Leitfaden auf dem inneren Weg zu sein, der dabei hilft, sich durch die verwirrende Vielfalt der Dharma-Literatur hindurchzufinden und das Gelesene in der persönlichen Praxis zum Leben zu erwecken. Dieser erste Teil richtet sich an Menschen, die den Lehren Buddhas aufgeschlossen gegenüberstehen und die einen Einstieg in die Dharmapraxis suchen. Im Folgenden werden einige Gedankengänge und Kontemplationen erläutert, die uns diesen Einstieg erleichtern können. Jeder wichtige Gedankengang wird durch Übungen vertieft. Diese können uns unter anderem dabei helfen, die Entscheidung zu treffen, ob wir den buddhistischen Weg gehen wollen oder nicht. Sie können uns auch helfen, unsere Praxismotivation zu stärken.

Die folgenden Anregungen beruhen auf Erfahrungen im Unterricht der „Vier grundlegenden Gedanken, die den Geist von Samsara abwenden", welche auch die „Allgemeinen Vorbereitenden Übungen" genannt werden. Sie führen uns in ein Verständnis der klassischen Unterweisungen dieser Grundgedanken ein, wie sie sich in Büchern wie Der Kostbare Schmuck der Befreiung und Mahamudra, Der Ozean des Wahren Sinnes, Band 1: Mahamudra-Vorbereitungen (beide im Theseus Verlag) oder im Licht des wahren Sinnes (Übersetzung von Kündröl Ling) finden. Die entsprechenden Kapitel der genannten Bücher sollten begleitend zum Ausführen dieser Übungen gelesen und nach Möglichkeit mit einem Lehrer der Tradition durchgesprochen werden. Erst dadurch erhalten diese Übungen ihre volle Kraft. Die Betonung im Roten Faden liegt auf den Übungen. Für den theoretischen Hintergrund müssen wir auf die genannten Werke zurückgreifen.

Um den Geist auf den Dharma auszurichten, wird empfohlen, jeden Tag mit Kontemplationen dieser Art zu beginnen und zu beenden. Dharmapraxis ist eine Entdeckungsreise - jeder Tag, jede Situation, jede Meditationssitzung ist anders als alle bisherigen. Von daher sind auch diese Übungen immer wieder neu und frisch. Wir werden sie nie endgültig und für immer ausgelotet haben.

Bitte lassen Sie mich Ihre Verbesserungsvorschläge wissen. Spätere Versionen ersetzen die älteren - bitte verbrennen Sie die alten Versionen.

Viel Inspiration!

Lama Lhündrub

Kopien von diesem Text sollten nur mit Erlaubnis gemacht werden. Weitere Kapitel dieses Buches sind geplant, bisher existieren aber nur der erste und der zweite Teil. Alle Rechte einer Veröffentlichung sind vorbehalten.


 

Einführung

Oft beginnt unsere spirituelle Suche mit einer Krise. Doch nicht immer. Manche Menschen verspüren auch einfach den Wunsch, mehr Tiefe in ihrem Leben zu erfahren oder mehr für andere tun zu können. Jedenfalls beginnen wir irgendwann, uns Fragen über das Leben zu stellen. Diese sind zu Anfang oft noch sehr vage, und es braucht Mut, sie überhaupt ins Bewußtsein treten zu lassen. Um ein klareres Formulieren dieser Fragen zu ermöglichen, können wir die folgende Übung ausführen:

Was sind meine Lebensfragen ?

Schieben Sie ihre Lebensfragen nicht beiseite, sondern sprechen Sie diese ruhig einmal laut aus. Vielleicht hilft es auch, sie aufzuschreiben. Diese Fragen sind der Anfang Ihres roten Fadens, der Startpunkt ihres spirituellen Weges. Was beschäftigt Sie in Hinblick auf Leben und Tod? Was sind Ihre Lebensfragen? Die Fragen mögen sich im Laufe Ihres Weges verändern, sie mögen an Tiefe und Präzision gewinnen. Was gibt diesem Leben Sinn? Was möchte ich mit diesem Leben anfangen? Tasten Sie sich von solchen eher allgemeinen Fragen zu immer präziseren Fragen vor.

Vielleicht ödet uns unser bisheriges Leben an; vielleicht ist unser Leben auch gar nicht so schlecht, aber es erfüllt uns eine Ahnung, es könne noch besser genutzt werden; vielleicht stecken wir mitten in einer dicken Krise und suchen verzweifelt nach einem Ausweg; vielleicht sind wir krank und denken an den Tod – was auch immer unsere gegenwärtige Situation sein mag: der Weg beginnt gerade hier. Keine Situation im Leben ist ungeeignet, um sich den tieferen Lebensfragen zuzuwenden. Was wir allerdings lernen müssen, ist ein klein wenig Entspannung. Denn entspannter können wir uns um vieles klarer mit solchen Fragen befassen als hektisch und angespannt. Um zu entspannen, genügen bereits kleine Pausen von wenigen Minuten im Alltag. Die folgende Übung ist ein erster kleiner Versuch. Später werden wir uns noch ausführlicher damit befassen.

Entspannen

Lama LhündrubWir setzen uns bequem hin. Wir lassen Arme und Beine völlig entspannt. Fühlen Sie Ihren Atem? Es spielt keine Rolle, ob der Atem schnell oder langsam fließt. Wir lassen unseren Geist so gut wir können darauf ruhen. Mehr ist im Moment gar nicht nötig. Wir lassen den Atem einfach ein- und ausfließen. Das tut er von selbst, und das ist an sich schon ein Geschenk. Es gibt nichts weiter zu tun, als des Atems gewahr zu sein. Genießen Sie den Atem, das Geschenk dieses Augenblicks. Atmen Sie sich satt. Wir beeinflussen die Atmung nicht; der Atem wird sich von selbst beruhigen, wenn wir erst einmal genug Luft geschöpft haben.

In der tibetischen Tradition nimmt man den Faden des spirituellen Weges mit vier Kontemplationen auf, die unseren Geist von der Beschäftigung mit äußeren Dingen abwenden und ihn auf das Wesentliche im Leben ausrichten:

Kontemplation der Kostbarkeit unserer gegenwärtigen Situation

Kontemplation der Vergänglichkeit

Kontemplation von Ursache und Wirkung (Karma)

Kontemplation der drei Arten von Leid (Samsara).

Im Folgenden werden wir uns diesen vier Kontemplationen widmen, uns aber gleichzeitig auch all den in Zusammenhang damit auftretenden Fragen zuwenden.

I. Die Kontemplation der Kostbarkeit unserer gegenwärtigen Situation

Die erste dieser Kontemplationen ist der Gedanke an die Kostbarkeit unserer gegenwärtigen Situation. Wir werden uns bewußt, für was wir alles dankbar sein können. Dankbarkeit für unsere augenblickliche Situation läßt zugleich auch den Wunsch entstehen, diese Situation gut zu nutzen. Wir können für so vieles dankbar sein. Wir erleben vielleicht Dankbarkeit darüber, daß wir einen tiefen Atemzug nehmen können, daß wir noch leben, daß wir genug zu essen haben, daß wir genug Zeit haben für solche Kontemplationen, daß unsere Sinne intakt sind, daß gerade kein Streit oder Krieg ist, daß uns jemand freundlich anlächelt und uns unsere Sorgen kleiner vorkommen. Sich gewahr zu werden, wofür wir alles dankbar sein können, ist gut gegen Niedergeschlagenheit und gibt frische Kraft.

Dankbarkeit entwickeln

Wir setzen uns wieder bequem hin und atmen zuerst wiederum für eine Weile bewußt ein und aus, ohne damit ein Ziel zu verfolgen. Dabei lassen wir unsere Gedanken frei, das heißt, wir folgen ihnen nicht, sondern kehren immer wieder zum Atem zurück. Wir genießen so zunächst einfach den Moment.

Dann lenken wir unsere Gedanken zu der Frage: Worüber kann ich jetzt gerade froh und dankbar sein? Dabei können uns ganz viele Antworten in den Sinn kommen, kleine Details, die fast unwichtig erscheinen, oder große Zusammenhänge, die unser Hiersein als Mensch auf dieser Welt ermöglichen. Nichts ist zu gering, um nicht beachtet zu werden. Wir können – wenn es unser Nachdenken erleichtert – auch Stift und Notizbuch zur Hand nehmen.

Das Kissen, auf dem ich sitze, wurde von jemandem gemacht, das Haus wurde von jemandem gebaut, die Nahrung wurde angepflanzt und zubereitet. Jeder einzelne Gegenstand hat seine Geschichte genauso wie die großen Zusammenhänge wie Krieg und Frieden in der Welt, Völkerwanderungen, Entdeckungen...

Die traditionelle Kontemplation beginnt damit, sich bewußt zu machen, von wie vielen ungünstigen Bedingungen wir frei sind. Überlegen Sie einmal, wieviel schwieriger Ihr Leben sein könnte. Wie sähe es aus, wenn uns dieses oder jenes nicht möglich wäre? Dann denken wir an all die Lebewesen, die nicht so frei sind wie wir. Wir führen uns vor Augen, mit welch schweren Behinderungen und Einschränkungen andere leben müssen und wie schwierig es für sie unter solchen Bedingungen ist, einen spirituellen Weg zu gehen. Wir wünschen Ihnen, daß sie diese Freiheiten finden mögen.

Dann entwickeln wir Dankbarkeit dafür, selber ausreichende innere und äußere Freiheiten zu genießen. Wir wenden uns den vielen günstigen Bedingungen zu, die zusammengekommen sind, so daß wir jetzt hier sitzen und unseren Geist auf den inneren Weg ausrichten können. Dazu sind ganz viele Faktoren notwendig: Wir müssen gesund und offen sein, die Lehren für den inneren Weg (Dharma) müssen verfügbar sein und unsere gegenwärtige Situation muß geeignet für spirituelle Praxis sein. Wir denken darüber nach, wieviele Menschen durch ihren Einsatz zu dieser Situation beigetragen haben - wieviele Menschen sich zum Beispiel eingesetzt haben, um späteren Generationen die spirituellen Unterweisungen zu erhalten. Sie haben studiert, kontempliert und meditiert. Sie haben unterrichtet, Texte abgeschrieben, übersetzt und kommentiert. Sie haben Schüler um sich gesammelt, Unterkünfte gebaut und für spirituelle Übertragung geeignete Strukturen geschaffen.

Lama LhündrubManchmal haben wir die Tendenz, uns über die vielen Schwierigkeiten in unserem Leben zu beklagen. Diese Kontemplation hilft, unsere Sichtweise zu ändern - nach dem Motto: Mein Glas ist nicht halb leer, sondern halb voll – oder sogar ganz schön voll! Im Grunde genommen bin ich ganz schön reich! So entwickeln wir Dankbarkeit und große Freude. Wir entdecken, daß unser bescheidenes Menschenleben wirklich etwas äußerst Kostbares ist, ein großes Geschenk, eine Chance.

Doch wofür ist unser Leben eine Chance? Wir haben die Frage nach dem Ziel unseres Lebens immer noch nicht ganz geklärt. Es empfiehlt sich, wieder einmal durchzuatmen und dann zu Übung Eins zurückzukehren, um diese zu vertiefen.

Sie sind auf einer Entdeckungsreise. Jedes Mal, wenn Sie eine dieser Übungen ausführen, werden Sie neue Nuancen, neue Bedeutungs- und Erfahrungsebenen, entdecken. Sie werden stets auch Bekanntem begegnen, aber doch jedesmal eine kleine Vertiefung oder Klärung erfahren. Die Antwort auf Ihre Fragen müssen Sie selber finden, durch Ihre persönliche Praxis. Deswegen beschreibt Ihnen dieses Buch meist nur die Art des Vorgehens und wie Sie mit dem Material in der traditionellen Literatur umgehen können. Es muß eine persönliche Entdeckungsreise bleiben, sonst ist kein Saft in der Praxis. Machen Sie sich also die Mühe, immer tiefer und eindringlicher zu fragen und hinzuschauen.