UNTERWEISUNGEN

Der Rote Faden. Erster Teil.
Den Faden aufnehmen.

Lama Lhündrub

Vertrauen entwickeln

Damit diese Entdeckungsreise in das Reich des Geistes erfolgreich ist, müssen nicht nur all die Bedingungen zusammentreffen, über die wir in Übung Drei nachgedacht haben. Es braucht noch mehr. Als erste weitere Voraussetzung nennt Meister Gampopa, einer der großen Meister des tibetischen Buddhismus, Vertrauen. Es braucht verschiedene Arten von Vertrauen, um den inneren Weg gehen zu können. Doch bevor wir uns eingehender damit befassen, sollten wir unsere Fähigkeit zu entspannen weiter vertiefen.

Tieferes Entspannen mit dem Atem

Setzen Sie sich bequem hin, nach Möglichkeit mit gerader und doch entspannter Wirbelsäule. Lassen Sie ihre Schultern frei hängen, legen Sie die Hände in den Schoß. Auch die Beine sollten in einer angenehm entspannten Haltung sein, in der Sie ohne weiteres eine Weile sitzen können. Um Spannungen im Nackenbereich zu lösen, können Sie einige Male sanft mit dem Nacken und dann mit den Schultern kreisen. Lockern Sie nach Bedarf Ihre Glieder. Dann nehmen Sie Ihre bevorzugte Haltung ein und verweilen nach Möglichkeit, ohne sich weiter zu bewegen.

Lassen Sie den Atem ein- und ausströmen. Fühlen Sie den Atem im Bauchraum. Mit dem Heben und Senken der Bauchdecke sind Sie im Moment, gerade so wie er ist. Um die Atembewegungen deutlicher zu spüren, können Sie Ihre Hände auch für eine Weile auf den Bauch legen. Es gibt nichts am Atem zu verändern. Falls Sie irgendwo im Körper oder Geist Anspannung verspüren, können Sie den Ausatem nutzen, um diese loszulassen. Mit jedem Ausatem besteht die Möglichkeit, sich in den weiten Raum zu entspannen - einfach in die Weite hinein loszulassen. Das Einatmen geschieht von selbst, und mit dem Ausatem können wir alle Anspannung loslassen. Dann bleiben wir mit unserer Aufmerksamkeit beim Ein- und Ausfließen des Atems, so als würden wir dem Kommen und Gehen der Brandung des Meeres zuschauen. Wenn wir bemerken, daß wir anderen Gedanken nachhängen, kehren wir sanft, aber unverzüglich zum Atem zurück.

Bewußtes Nichtstun

Es gibt heutzutage nicht viele Menschen, die fünfzehn Minuten einfach still sitzen können, ohne sich zu unterhalten, ohne Radio zu hören, fernzusehen oder zu lesen, ohne zu essen oder zu trinken und ohne einzuschlafen. Einfach nur sitzen und nichts tun. Sollte doch nicht so schwierig sein? Wir können ja mit fünf Minuten anfangen. Schon fünf Minuten Nichtstun verändern den Tag. Diese Art von bewußtem oder kultiviertem Nichtstun ist nicht schädlich. Sie weckt ein Gewahrsein tieferer Schichten in uns, wodurch wir jeden Tag aufs neue den Faden unserer eigentlichen Lebensfragen wieder in die Hand nehmen. Nennen Sie es bloß nicht „Meditation" - dann wird es gleich wieder zu etwas Exotischem oder zu einer hohen spirituellen Übung. Es geht hier um einfaches Nichtstun, frei von äußeren Ablenkungen. Das braucht man nicht Meditation zu nennen.

Tatsächlich hat bewußtes Nichtstun viel mit Vertrauen zu tun. Wir gewinnen mehr Vertrauen in unseren eigenen Geist, da wir ihn besser kennenlernen und mit der Zeit merken, daß wir seine vielen Gedanken und Gefühle nicht unterdrücken oder bekämpfen müssen. Sie kommen und gehen von selbst. Wir merken allmählich, daß es so etwas wie eine natürliche Gesundheit in unserem Geist gibt, auf die wir vertrauen können. Wir kultivieren zudem das Vertrauen, daß uns die Welt nicht wegläuft, bloß weil wir gelegentlich einmal einige Minuten nichts tun. Machen Sie doch mal einen Versuch, einige Minuten bewußten Nichtstuns hier und da in Ihren Tagesablauf einzubauen. Das wirkt sehr erfrischend und sollte doch nicht so schwierig sein.

Schwieriger ist die Übung, die jetzt kommt. Wir werden versuchen, ein wenig mehr Vertrauen zu fassen, daß ein spiritueller Weg tatsächlich möglich ist. Wir brauchen dafür:

- Vertrauen in die Basis, unser tieferes Selbst (d.h. in unser Potential, die „Buddhanatur")

- Vertrauen in das Ziel unseres spirituellen Weges (d.h. in die Verwirklichung der Buddhaschaft)

- Vertrauen in die Methoden und Helfer auf dem Weg. (d.h. in Dharma und Sangha)

Um das Vertrauen in unser tieferes Selbst zu wecken, werden traditionell die Unterweisungen zur Buddhanatur gegeben, die als Potential in allen Lebewesen zu finden ist. Dieses Potential ist die Basis, auf der sich der innere Weg entfaltet. Die Buddhanatur wird auch die „Ursache" der Erleuchtung genannt.

Das Vertrauen in das Ziel wird durch Unterweisungen über die Qualitäten der Buddhaschaft, des vollkommenen Erwachens, als Endphase des Weges, geweckt.

Das Vertrauen in die Methoden und Helfer auf dem dahin zu beschreitenden Weg entsteht, indem wir Unterweisungen im Dharma erhalten und die erläuterten Methoden anwenden, sowie durch die persönlich erlebte Hilfe durch die Freunde auf dem Weg, den Sangha. Besonders aber die Person des Lehrers, unser nächster spiritueller Freund, weckt dieses Vertrauen. Das sind, in aller Kürze, die traditionellen Hinweise zum Entwickeln von Vertrauen.Vertrauen in die Basis entwickeln, die Buddhanatur

Wir werden uns nun dem ersten Aspekt, dem Vertrauen in unser tieferes Selbst, in die Buddhanatur, zuwenden. Dies beginnen wir mit einer Übung, in der wir uns direkt mit unserem eigenen Geist befassen und das Zusammenspiel von Gedanken und Raum untersuchen. Diese Übung macht man nicht nur einmal. Sie wird uns vielleicht über Jahre begleiten, bis Gewißheit zu diesen Fragen entstanden ist:

Was sind Gedanken?

Um das herauszufinden, müssen wir in unseren eigenen Geist schauen. Bei dieser Übung ist es unerläßlich, sich jedes Mal durch bewußtes Nichtstun einzustimmen und zu entspannen. Erst dann wenden wir unsere Aufmerksamkeit dem Strom unserer Gedanken zu.

Ist es nicht auffallend, daß so viele Gedanken entstehen und wieder vergehen, ohne irgendwelche Spuren zu hinterlassen? Untersuchen Sie genau: Was sind Gedanken? Haben Gedanken Substanz? Hinterlassen Gedanken Spuren oder nicht? Wenn ja: Besteht die Spur aus demselben Gedanken, oder ist sie ein neuer Gedanke? Wenn nein: Wohin lösen sich Gedanken auf?

Dieses fragende Hineinschauen in den Geist machen wir jeweils nur für kurze Momente. Dann lassen wir den Geist wieder völlig frei, ohne uns um die Fragen zu kümmern. Die Antworten entstehen auf einer mehr intuitiven Ebene, die wir uns durch zu insistierendes Fragen verbauen. In der Entspannung fragen wir dann wieder für einen Gedankenmoment: Woher kommen Gedanken? Was ist das für eine Dimension, in der das Spiel der Gedanken abläuft?

Sie werden diese Fragen vermutlich nicht beim ersten Mal lösen können. Auch könnten Sie zu Recht fragen: Was hat denn das mit Vertrauen zu tun? Nun, die Antwort ist folgende:

Es scheint den meisten Menschen schwer zu fallen, in diesen von Gedanken wimmelnden Geist Vertrauen zu haben. Denn Vertrauen kann man eigentlich nur in etwas Stabiles, Verläßliches haben. Sie haben sicher auch die Erfahrung gemacht, daß der Geist immer wieder von neuen Gedanken gefüllt ist, eine Gedankenkette um die andere. Die Inhalte des Geistes scheinen in ständiger Veränderung zu sein. Auch messen wir diesen Inhalten große Bedeutung zu. Das merken wir daran, daß es nicht so einfach ist, den Fluß der Gedanken zu beobachten, ohne sich von ihrem Inhalt verleiten und wegtragen zu lassen. Der Inhalt der Gedanken ist für einen ungeübten Beobachter im Moment ihres Auftauchens so beeindruckend, so wichtig, daß er daran festhält, wodurch Gedankenketten, also Gedanken über Gedanken über Gedanken entstehen. Wir fühlen uns eher beunruhigt oder gestört durch all dieses Denken und sehnen uns nach Frieden, Ruhe und Ferien von diesem ewigen, unruhigen Geplapper.

Die Übung möchte Sie dazu anregen, das, was Sie denken, die Inhalte, einmal nicht so wichtig zu nehmen und mehr darauf zu schauen, wie das alles funktioniert. Wir können uns von den Gedankeninhalten lösen, indem wir sie alle, ohne Wertung, zulassen, ohne ihnen zu folgen. Das schafft Platz für die Erfahrung von Raum, in dem die Gedanken wie transparent erscheinen – wie ein Traum, eine Fata Morgana, ungreifbar, unwirklich, und doch vorhanden. Es ist ein bißchen so, als würden wir uns nicht mehr für den Film interessieren, sondern für die Leinwand und den Projektor, also für den Hintergrund des Filmes und die Kräfte, die ihn ablaufen lassen.

Ein Kind ist im Film gefangen, aber ein Erwachsener kann sich zurücklehnen und nimmt auch die Rahmenbedingungen wahr. Wenn wir uns innerlich so zurücklehnen und mehr auf die Rahmenbedingungen des Erscheinens von Gedanken in unserem Geist achten, dann werden wir der illusionsgleichen Qualität der Bewegungen im Geist gewahr und bemerken, daß all diese Gedanken in einem grenzenlosen und undefinierbaren Raum stattfinden, der sich nicht zu verändern scheint. Dieser Raum hat Platz für alle Gedanken, alle Filme - und scheint unberührt von all den Ereignissen zu bleiben, die sich in ihm abspielen. Nichtstun und auf diese entspannte Art in den Geist zu schauen öffnet uns mit der Zeit für eine Wahrnehmung der Weite des geistigen Raumes und weckt eine Ahnung von etwas Unwandelbarem, Urgutem - etwas, was auf verläßliche, unwandelbare Weise immer da ist, aber nicht mir, Ihnen oder irgend jemandem gehört und auch nicht näher zu definieren ist.

Gedanken, Gefühle, Sinneswahrnehmungen haben keinerlei Einfluß auf die Unbegrenztheit des Geistes, er bleibt unberührt von gut und schlecht. Die Begegnung mit diesem Raum bringt natürlicherweise ein Gefühl von Vertrauen mit sich. Zuerst ist es noch recht zaghaft. Wir haben Angst, uns diesem Raum voll und ganz zu öffnen und anzuvertrauen. Doch wir ahnen bereits die diesem Raum innewohnende Güte und Liebe. Dieses Gute ist nicht den Schwankungen der Gedankenströme ausgesetzt, es hat eine unwandelbare Qualität. Dies ist, was die Schriften „Buddhanatur" nennen. Diese ist nicht ein Ding, ein Etwas, das wir anschauen könnten. Wir brauchen sie auch nicht zu erzeugen – denn sie ist bereits da. Mit dem Willen, der spirituellen Brechstange, finden wir keinen Zugang zu dieser Dimension, so sehr wir uns auch bemühen. Sie erschließt sich uns durch Entspannung, Vertrauen und Hingabe. Wir werden sie erst dann unmittelbar erfahren, wenn sich die Trennung in Subjekt und wahrgenommene Erfahrung auflöst. Doch bereits jetzt können wir diese Dimension erahnen, wenn wir des Raumes gewahr werden, in dem das Spiel der Gedanken stattfindet.

Dieser unwandelbare, selbstlose Gewahrseinsraum ist die Quelle für das Auftauchen von Impulsen wahrer Güte und Liebe. Es ist dieser Raum, der uns spüren läßt, daß es mehr gibt im Leben als Ichbezogenheit. Wer in Kontakt mit diesem Raum ist, erkennt, daß alle Wesen Anteil an dieser Dimension mit all ihren Qualitäten haben und daß dieser Raum, Buddhanatur genannt, identisch ist für alle Wesen. Daraus entsteht Gewißheit, daß alle Wesen Buddhaschaft erlangen könnten, wenn sie sich nur darauf einlassen würden, mit dieser Dimension Kontakt aufzunehmen.

Die Erfahrung, den Gedanken nicht folgen oder sie wegschieben zu müssen, sie also in der Erfahrung des Raumes loslassen zu können, führt zu Entspannung und Erleichterung, worin sich Ichbezogenheit und Festhalten auflösen. Und das Vertrauen wächst mit zunehmender Vertrautheit mit unserem Geist. Allein von diesem Raum, der Buddhanatur, gehört zu haben, kann in uns das Vertrauen wecken, daß der Weg des Erwachens möglich ist. Wir sollten nie verzagen und denken, der spirituelle Weg sei uns versperrt, weil wir zu schlecht, zu schwach, zu verblendet oder einfach sonstwie nicht geeignet seien. Es ist tatsächlich so, daß alle Wesen diesen Raum teilen. Es liegt an uns, ihn freizulegen. Es gibt keine anderen Mittel, ihn freizulegen, als durch unsere persönliche Praxis bewußten Nichtstuns (‚Meditation‘), sowie durch den Segen und die Unterweisungen eines authentischen Lehrers.

Vertrauen in das Ziel entwickeln, das Vollkommene Erwachen

Jetzt werden wir uns dem Vertrauen in das Ziel des Weges zuwenden. In Übung Eins haben wir uns mit dem Sinn unseres Lebens beschäftigt. Jetzt geht es um die konkrete Umsetzung davon, nämlich genauer herauszufinden, in welche Richtung unsere spirituelle Praxis gehen soll und ob der Weg tatsächlich gangbar ist. Es ist sehr wichtig, eine klare Vorstellung davon zu haben, wo wir hin wollen – genauso wie bei einer Reise. Wenn wir kein klares Ziel vor Augen haben, werden wir zum Spielball von Impulsen; einmal geht unsere Reise in die eine Richtung, ein andermal in eine andere. Und wenn Hindernisse auftauchen, lassen wir uns vom eingeschlagenen Weg abbringen. Ein klares Ziel zu haben gibt hingegen Kraft und Ausrichtung.

Jeder von uns ahnt, daß wir uns das Ziel unseres spirituellen Weges nicht einfach überstülpen lassen können. Oder würden Sie für die so wichtige Reise „Lebensweg" Ziele akzeptieren, die Ihnen einfach vorgesetzt werden? Wohl kaum. Wir müssen uns selbst darüber klar werden. Andere können uns allerdings dabei helfen.

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