UNTERWEISUNGEN

Der Rote Faden. Erster Teil.
Den Faden aufnehmen.

Lama Lhündrub

Vertrauen entwickeln

Was ist das Ziel meines Weges?

Beginnen Sie wie immer mit einigen Minuten Nichtstun. Schreiben Sie dann einmal alles auf, was Ihnen an wahrhaft erstrebenswerten Qualitäten einfällt - alles, was vielleicht ein Ziel Ihres inneren Weges sein könnte. Schreiben oder sagen Sie spontan, was Ihnen in den Sinn kommt. Es braucht keineswegs bereits geordnet zu sein. Lassen Sie sich zwischendurch immer wieder Zeit, genau hinzuspüren. Legen Sie dazu den Stift aus der Hand.

Vielleicht tauchen Vorbilder in Ihnen auf, Erinnerungen an Menschen, von deren Qualitäten Sie immer noch beeindruckt sind. Schreiben Sie deren Namen mit aufs Blatt. Möchten Sie so werden wie diese Menschen? Ganz und gar, oder nur zum Teil? Was für Qualitäten sind es, die Sie an diesen Menschen erstrebenswert finden? Was für Einstellungen und Verhaltensweisen möchten Sie gerne kultivieren? Auch diese können Sie wieder aufschreiben. Unterstreichen Sie schließlich, was Ihnen am wichtigsten erscheint.

Sie haben jetzt auf dem Blatt eine Liste von Qualitäten oder auch von Namen, die für bestimmte Qualitäten stehen. Diese Qualitäten umreißen in etwa Ihre Idealvorstellung von einem vorbildhaften Menschen oder Verhalten. Es kann fruchtbar sein, dieses Bild mit den Leitbildern anderer Menschen oder ganzer Religionen und Weltanschauungen zu vergleichen.

Der traditionelle buddhistische Weg gibt uns für die Zielfindung Unterweisungen über das Wesen der Buddhaschaft und über die Aktivität eines Buddhas. Außerdem haben wir die Lebensgeschichten des historischen Buddhas und der großen Verwirklichten. Es lohnt sich, sich mit diesen Unterweisungen und Lebensgeschichten zu befassen. Sie stimulieren unsere Vorstellung von dem, was in uns Menschen an Potential schlummert. Der spirituelle Weg im Dharma hat zum Ziel, dieses Potential voll zu wecken, hervorzubringen und zu entfalten. Dies geschieht in dem Maße, wie alles, was dieses Potential behindert oder verschleiert, aufgelöst wird. Dies ist die tibetische Definition eines Buddhas: einer, dessen Potential völlig entfaltet ist und dessen Schleier vollends gereinigt sind.

Die Schleier, von denen dabei die Rede ist, sind die Schleier der Ichbezogenheit. Dies ist ein weiterer zentraler Begriff im Dharma. Ichbezogenheit macht den Unterschied zwischen gewöhnlichem und erleuchtetem Verhalten aus. Ein Buddha ist vierundzwanzig Stunden am Tag frei von Ichbezogenheit - ein gewöhnliches Wesen hingegen kennt kaum einen Moment der Freiheit von Ichbezogenheit. Bei der Bestimmung unseres spirituellen Zieles ist es hilfreich, sich eingehender hiermit zu befassen. Dabei hilft die nächste Übung:

Welche Rolle spielt Ichbezogenheit?

Schauen Sie sich wieder die Liste der Qualitäten und Vorbilder an, die Sie aufgeschrieben haben. Welche dieser Ziele sind ichbezogen? Markieren Sie diese. Gibt es Zielvorstellungen oder Qualitäten darunter, die nicht ichbezogen ist? Kann ein- und dieselbe Qualität ichbezogen wie auch nicht ichbezogen sein? Was macht den Unterschied? Gibt es in unserem Erleben so etwas wie zumindest zeitweise Freisein von Ichbezogenheit? Meditieren Sie über diese Fragen.

Merken Sie? Als ichbezogenen Menschen scheint es uns kaum möglich, auch nur eine einzige Qualität völlig frei von Ichbezogenheit zu erleben oder an ein Leben frei von Ichbezogenheit zu denken. Denn Freisein von Ichbezogenheit bedeutet ja nicht nur, uneigennützig zu sein, sondern eben auch nicht mit diesem Ichgefühl zu handeln. Selbst so hehre Qualitäten wie Liebe, Weisheit und Mitgefühl bekommen unversehens einen ichbezogenen Beigeschmack: „Ich, der liebt.", „Ich, der so weise ist.", „Was ich für ein Mitgefühl empfinde". Das ist ein ziemliches Dilemma. Fast wären wir geneigt, uns damit abzufinden, für immer in den Mustern der Ichbezogenheit zu bleiben. Doch die spirituellen Wege zeigen uns einen Ausweg. Speziell der Buddha hatte es sich zur Aufgabe gemacht, uns detailliert zu beschreiben, wie sich diese Ichbezogenheit auflösen kann. Doch lassen Sie uns nochmals einen Schritt zurück gehen. Zunächst müssen wir uns darüber klar werden, ob wir das überhaupt wollen - das heißt, ob das Auflösen von Ichbezogenheit tatsächlich Teil unserer Zielvorstellung des spirituellen Weges sein soll. Da dies eine zentrale Frage ist, sei ihr eine weitere Übung gewidmet:

Ichbezogenheit genauer untersuchen :

Damit die von uns angestrebten Qualitäten wirkliche spirituelle Qualitäten werden, müssen diese frei von Ichbezogenheit werden. Sind Sie einverstanden mit dieser Aussage? Nehmen Sie sich etwas Zeit, um darüber zu meditieren. Gehen Ichbezogenheit und Spiritualität zusammen? Möchte ich auf meinem Weg Ichbezogenheit auflösen? Warum ist es ein Vorteil, frei von Ichbezogenheit zu sein? Worin bestehen die Fesseln der Ichbezogenheit? Ist Ichbezogenheit tatsächlich, wie der Dharma sagt, die Wurzel aller Emotionen und allen Leides?

Ichbezogenheit bedeutet, daß das Ich im Mittelpunkt steht: Ich will, ich will nicht. Das Ich regiert, und jede Situation wird aus dem Blickwinkel des Ichs betrachtet: Wie kann ich aus der Situation einen Vorteil ziehen? Wovor muß ich mich in dieser Situation schützen? Jeder Gegenstand, ja auch jeder Mensch wird vom Ich untersucht: Kann mir das oder der nutzen oder mir ein angenehmes Gefühl verschaffen? Oder gibt es eine Gefahr für mich? Könnte etwas Unangenehmes hieraus entstehen? Ständig checken wir alles und jeden ab, ein unaufhörlicher, dualistischer Prozeß: Ich und die Umwelt. Das Ich setzt sich beständig zu etwas anderem in Beziehung. Stellt dieses andere eine Bedrohung für mein Territorium dar, oder kann ich es mir gewinnbringend einverleiben? Mit solch einer ichbezogenen Haltung stehen wir ständig unter Spannung. Diese Spannung ist Ausdruck von Anhaften und Ablehnen und von daher die Quelle aller Emotionen.

Wenn Sie Freiheit von Ichbezogenheit für wahrhaft erstrebenswert halten, dann ist der Weg des Dharmas wirklich etwas für Sie. Wenn Sie hinter jede der erstrebenswert erscheinenden Qualitäten aus Ihrer Liste aus Übung Sechs „frei von Ichbezogenheit" schreiben, dann werden diese Qualitäten zu Qualitäten eines Buddhas. Selbst wenn wir ursprünglich vielleicht weltliche Dinge wie Durchsetzungsvermögen, Reichtum oder Schönheit aufgeschrieben hatten, so werden sie durch diesen alles entscheidenden Zusatz zu Buddhaqualitäten, den Qualitäten eines völlig erwachten Wesens frei von allen Schleiern der Ichbezogenheit. Selbst Zorn wird zu einer Buddhaqualität, wenn er frei von Ichbezogenheit ist. Er behält seine machtvolle Energie, aber ist durchdrungen von Mitgefühl.

Nun aber zurück zu unserem ursprünglichen Anliegen: Vertrauen in das Ziel des Weges zu wecken. Dafür haben wir zunächst in Übung Sechs unser persönliches Ziel definiert, umrissen durch all die Qualitäten, die wir aufgeschrieben haben. Dann haben wir die traditionellen Unterweisungen zu Hilfe genommen und unsere Zieldefinition verfeinert, indem wir uns in den Übungen Sieben und Acht über die Rolle der Ichbezogenheit klarer geworden sind. Vermutlich sind Sie nun an einem Punkt, wo Sie sagen können: „Stimmt, die von mir aufgeschriebenen Qualitäten entfalten erst dann all ihre Kraft, wenn sie frei von Ichbezogenheit sind. Ich akzeptiere diesen Zusatz."

Um uns unseres spirituellen Zieles noch sicherer zu werden, können wir die von uns formulierten Vorstellungen auch noch mit anderen spirituellen Wegen vergleichen. Gibt es etwas Wesentliches, was wir noch nicht berücksichtigt haben? Sind jetzt noch Zweifel in mir? Wenn ja, sollten Sie sich diese merken, um vielleicht gezielt nach Antworten darauf zu suchen.

Ohnehin werden wir unser Ziel im Verlauf des Weges noch weiter präzisieren, aber unsere persönliche Hauptrichtung ist jetzt klar. Unser Intellekt kann sich nach dieser anstrengenden Arbeit etwas ausruhen. Wir haben uns bereits eine solidere Basis für unser Vertrauen erarbeitet, indem wir unser Ziel definiert haben. Wir haben den gesamten Horizont unseres Bewußtseins abgesucht und haben die auftauchenden Zweifel berücksichtigt. Weiter kann der Intellekt im Moment nicht gehen.

Doch abgesehen vom Vertrauen in die Zieldefinition brauchen wir auch etwas Vertrauen, daß das Ziel erreichbar ist. Dieses so wichtige Vertrauen in die Gangbarkeit des Weges entsteht durch die persönliche Begegnung mit Meistern, die – so weit wir sehen können – dieses Ziel verwirklicht haben. Das Vertrauen entsteht spontan, wenn wir ihnen begegnen oder auch nur von ihnen hören oder lesen. Es wächst mit jeder Begegnung langsam weiter: Oft sind wir zuerst kritisch eingestellt, aber die wiederholte Begegnung mit einem authentischen Lehrer läßt uns mehr und mehr Vertrauen fassen.

So mancher wünscht sich zwar, einen inneren Weg zu finden und hofft, einen authentischen Lehrer zu treffen, aber seine bisherige Lebenserfahrung zeigt, daß auf Menschen kein Verlaß ist. Selbst sogenannte spirituelle Lehrer entpuppen sich oft als fragwürdig bei näherem Hinschauen. Manche Sucher haben die Hoffnung vielleicht schon aufgegeben, auf dieser Welt einen durch und durch vertrauenswürdigen Lehrer finden zu können. Doch es gibt sie. Ihnen zu begegnen und festzustellen, daß ihr Verhalten, ihre Liebe und Weisheit wirklich dem gleichkommen, was wir intellektuell und intuitiv als unser Ziel definieren – das gibt Vertrauen ins Ziel.

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