UNTERWEISUNGEN
Der
Rote Faden. Erster Teil.
Den Faden aufnehmen.
Vertrauen in die Methoden und
Helfer entwickeln, Dharma und Sangha
Die
dritte Art des Vertrauens, von dem wir sprachen, war das Vertrauen
in die Methoden, mit Hilfe derer wir den Weg zum Ziel zurücklegen.
Natürlich müssen uns die Methoden zunächst einmal
einleuchten, zumindest teilweise, aber die einzige Weise, echtes
Vertrauen in sie zu gewinnen, ist, sie anzuwenden und auf ihre
Tauglichkeit zu überprüfen. Wir müssen die Methoden,
d.h. die Dharma-Unterweisungen, genauso anwenden, wie wir sie
erklärt bekommen. Wenn sich dann keine Resultate einstellen,
brauchen wir kein Vertrauen zu haben. Vertrauen entsteht hier
aufgrund der eigenen Erfahrungen. Wir sollten den Dharma in unserer
eigenen Erfahrung testen. Die Entdeckungsreise auf dem inneren
Weg findet in unserem eigenen Geist statt. Ein anderes Labor für
unsere Erforschung spiritueller Werte gibt es nicht. Mit jeder
erfolgreich auf uns selbst angewendeten Unterweisung wächst
unser Vertrauen in die Methoden. Damit wächst auch unser
Vertrauen in die spirituellen Freunde, die Sangha, denn wir machen
die Erfahrung, daß ihre Ratschläge wirklich helfen.
Wir brauchen jedoch Geduld auf dem Weg. Was zählt, ist kontinuierliche
Praxis.
Nachdem
wir so viel über Basis, Weg und Ziel gesprochen haben, sei
zumindest am Rande erwähnt, daß es letzten Endes nichts
dergleichen gibt. In dem Moment, wo wir den Weg authentisch praktizieren,
sind Basis (Buddhanatur), Weg (Dharma) und Ziel (Buddhaschaft)
eins. Die Tatsache aber, daß es viel Praxis braucht, um
den Dharma tatsächlich authentisch praktizieren zu können,
läßt uns von einem Weg mit Ziel und Ausgangspunkt (Basis)
sprechen.
Es
soll an dieser Stelle davor gewarnt werden, sich den Dharma einfach
anzulesen, ihn sich überzuziehen wie ein neues Kleid. Das
bringt nur ein schickes Dharma-Image mit viel theoretischem Wissen,
aber keine Befreiung von Ichbezogenheit. Doch findet fast unumgänglich
die erste Annäherung an den Dharma über das Lesen statt,
deswegen hierzu eine kleine Übung:
Kontemplatives
Lesen
Jede
Zeile der traditionellen Dharmatexte ist dafür da, zu Herzen
genommen und angewendet zu werden – nicht auf andere, sondern
auf uns selbst. Machen Sie es sich deshalb zur Übung, langsam
zu lesen und über die Bedeutung zu meditieren. Ein Satz oder
ein Abschnitt reichen oft bereits. Aufmerksames, kontemplatives
Lesen ist wichtiger Teil spiritueller Praxis. Es gibt zwei Arten
so zu lesen.
a) Wir
legen ein Dharmabuch unserer Wahl aufgeschlagen vor uns hin und
lesen einige Zeilen, maximal einen Abschnitt, einer interessanten
Passage. Dann halten wir inne, schließen unter Umständen
für einen Moment die Augen und fragen uns: Was haben diese
Zeilen mit mir zu tun, mit meiner jetzigen Situation? Was ist
der tiefere Sinn dieser Passage? Was muß ich ändern,
wenn ich mich auf die in ihnen ausgedrückte Wahrheit einlasse?
Bringen Sie auf diese Art jede auch noch so abstrakte Passage
unmittelbar mit Ihrem Lebensweg in Beziehung. So ziehen Sie größten
Nutzen aus den Unterweisungen.
b)
An anderen Tagen fühlen wir uns nicht nach dieser intensiven
Art des Lesens. Wir lesen dann einfach mit dem Wunsch, daß
der Text einen wohltuenden Einfluß auf uns haben möge,
daß sich unser Geist beruhigt und öffnet und daß
wir Segen empfangen. Wir lesen, ohne den Intellekt speziell zu
aktivieren. Hierfür sind besonders Texte gut geeignet, die
wir bereits kennen.
Das
Lesen von Dharmatexten sollte persönlichen Wandel stimulieren.
Solch ein Lesen darf nicht ohne Konsequenzen bleiben, denn Dharma
ist keine intellektuelle Spielerei. Dharma muß angewendet
werden; er ist kein bloßer Wissensstoff. Dharma ist das
Entdecken der Wahrheit in uns. Man kann auch nicht sagen, wie
man gelegentlich hört, daß es darum gehe, den Dharma
zu „integrieren". Das hört sich so an, als sei der Dharma
etwas Getrenntes von uns. Vielmehr geht es darum, ihn in uns freizulegen,
in jeder Situation. Dharma ist das befreite Potential einer jeden
Situation und eines jeden Gedankens. Das gilt es zu entdecken.
Dharma ist ein Sanskrit-Wort, und eine von seinen vielen Bedeutungen
ist „Wahrheit". Die Wahrheit ist nicht getrennt von uns.
Sie ist nicht der Besitz einer Kultur oder eines Menschen. Man
kann sie sich nicht aneignen. Und es ist auch nicht so, daß
mit einem einmaligen Erkennen der Wahrheit diese ein für
allemal unser Besitz ist. Keineswegs. Jede Situation ist aufs
Neue eine Herausforderung, mit dem in ihr enthaltenen Dharma in
Kontakt zu kommen. Das Erkennen der Wahrheit ist ein ständiger
Prozeß. In diesem Prozeß ist das Lesen von Dharmatexten
und der Austausch mit Dharmafreunden und -lehrern eine wesentliche
Hilfe. Hierdurch entsteht zunehmend mehr Verständnis davon,
wie unser Geist, unsere Emotionen, zwischenmenschliche Beziehungen
und gleichzeitig der Weg der Befreiung funktionieren. Und zunehmendes
Verständnis bringt wachsendes Vertrauen in Hinblick auf Basis,
Ziel und Weg.
II. Die
Kontemplation der Vergänglichkeit
Ganz
zu Anfang, in Übung Drei, haben wir bereits eine Möglichkeit
kennengelernt, unsere gegenwärtige Situation tiefer schätzen
zu lernen. Dies war die Kontemplation über die Kostbarkeit
einer jeden Situation. Nun wollen wir uns der zweiten dieser vier
traditionellen Kontemplationen zuwenden, die uns mit einem anderen
wichtigen Aspekt unseres Lebens vertraut macht: der Vergänglichkeit.
Einstiegsübung
Setzen
Sie sich wiederum bequem und gerade hin. Nachdem Sie sich für
einige Momente an das Ziel ihres Weges erinnert haben – Warum
bin ich hier? Was ist das Ziel meiner Praxis? – wenden Sie sich
dem Atem zu und entspannen. Wir sind einfach nur da und atmen.
Wieviele Gedanken auch immer auftauchen mögen, wir folgen
ihnen nicht und bringen unseren Geist immer wieder sanft zum Atem
zurück. So üben wir für eine Weile bewußtes
Nichtstun.
Die
Vergänglichkeit äußerer Objekte
Dann
beginnen wir mit der Kontemplation der Vergänglichkeit der
äußeren Objekte: Der Teppich, auf den unser Blick fällt
– einst war er neu und schön, doch verliert er bereits etwas
von seiner Frische und irgendwann wird er wieder zu Staub geworden
sein; so auch der Schrank, der Tisch, die Wand – sie alle wurden
einmal gebaut und werden wieder einmal auseinanderfallen. Wenn
wir genau hinschauen, entdecken wir an jedem Gegenstand Zeichen
seiner Vergänglichkeit.
Wir
können auch nach draußen schauen: Wiese, Bäume,
Sträucher – noch ist es Winter, doch bald werden die Blumen
kommen, und auch sie werden wieder welken. Aus klein wird groß,
und auch die Großen haben irgendwann ausgelebt. Bäume
fallen um, Moos wächst auf ihnen und sie werden wieder zu
Erde. Wir finden nichts, was beständig so bleibt wie es ist.
Alles wandelt sich. Vorhin war der Himmel noch bedeckt, jetzt
scheint gerade die Sonne, und bald wird es Abend sein.
Wo
wir auch hinschauen, überall entdecken wir Vergänglichkeit.
Ihr treuester Bote ist der Staub. Gerade noch haben wir geputzt,
doch schon setzen sich wieder die ersten Stäubchen. Woher
kommen sie? Sie künden vom steten Verfall alles Zusammengesetzten.
Kleidung löst sich auf, pflanzliches Material zersetzt sich,
und selbst die Plastikstühle vor dem Haus überdauern
keine drei Winter unversehrt. Das ist die äußere Vergänglichkeit.
Schauen Sie sich gut um. Jedes Ding verdient, in seiner Vergänglichkeit
gewürdigt zu werden. Seine Vergänglichkeit macht es
um so einzigartiger und kostbarer.
Jetzt
brauchen Sie vermutlich eine Pause. Wann immer Sie sich wieder
frisch fühlen, können Sie erneut bei Übung Zehn
einsteigen und dann mit Übung Zwölf weiterfahren. Diese
Übung beleuchtet einen weiteren Aspekt der Vergänglichkeit:
Die
Vergänglichkeit von Situationen
Keine
einzige Situation wiederholt sich auf genau dieselbe Weise. Die
Beteiligten verändern sich. Der äußere Rahmen
verändert sich. Die Stimmungen verändern sich. Wir können
Situationen nicht anhalten oder einfrieren und nach Belieben wieder
auftauen. Selbst Bücher, die wir lesen, und Filme, die wir
anschauen, erleben wir jedesmal ein klein wenig anders. Unser
Geliebter von gestern wird zum Ärgernis von heute, der Feind
von heute wird zum Freund von morgen. Die vertrauten Lebensgefährten
sterben uns weg. Wir können es nicht aufhalten. Das Leben
ist ein Fluß. Wer wäre so töricht, sich an Vergängliches
zu klammern?
Eventuell
machen Sie hier wieder eine Pause und nehmen die Praxis zu einem
beliebigen Zeitpunkt wieder mit Übung Zehn auf, um dann mit
Übung Dreizehn weiterzufahren.
Die
Vergänglichkeit des Körpers :
Dann
gehen wir mit der Aufmerksamkeit durch unseren eigenen Körper.
Einige Stellen sind warm, andere kalt, manche sind verspannt,
wieder andere fühlen sich gelöst an. Wir lassen uns
Zeit, jeden Teil des Körpers auszukundschaften. Ist nicht
auch der Atem genauso wie der Staub eine stete Erinnerung an die
Vergänglichkeit? Das Klopfen des Herzens, der Hunger im Bauch,
das Wachsen der Haare, das Vibrieren einer jeden Zelle, die Runzeln
im Gesicht, die Fingernägel, die wieder einmal geschnitten
werden müßten – kündigt nicht all dies von der
Vergänglichkeit? Wer wäre so töricht, daran zu
haften? Einst waren wir Säuglinge, bald sind wir Leichen.
Wollen wir uns dagegen auflehnen? Oder möchten wir lernen,
jeden Moment in seiner Einzigartigkeit als ein Geschenk entgegenzunehmen
und zu nutzen?
Brauchen
Sie eine Pause? Für einen Moment erfrischen und weiter geht’s:
Die
Vergänglichkeit geistiger Erfahrungen :
Auch
die Gedanken und Gefühle in unserem Geist sind allesamt vergänglich.
Sie kommen und gehen unaufhörlich. Nichts bleibt, weder die
schönen noch die unangenehmen Gefühle. Sie lassen sich
nicht einfangen. Je mehr wir entspannen, desto mehr erfahren wir
das Entstehen und Vergehen von Gedanken als simultan: Geburt und
Tod im selben Augenblick. Wer würde sich darin erschöpfen
wollen, Gedanken und Gefühle festzuhalten? Doch tun wir nicht
alle genau dies?
Die
Kontemplation der Vergänglichkeit aller Dinge lockert unser
Haften am scheinbar Konkreten. Leben beinhaltet Vergänglichkeit
und Tod. Wenn sich nichts ändern würde, wie könnte
es da Leben geben? Es wäre eine starre, unbewegte Welt. Leben
bedingt Wandel. Werden wir uns der Vergänglichkeit unserer
Situation bewußt, werden wir versuchen, diese Situation
gut zu nutzen. Wer weiß, ob sich morgen noch die gleichen
Möglichkeiten zur Dharmapraxis bieten?
Den
inneren Weg sollten wir nicht auf morgen verschieben, sonst kommt
irgendwann überraschend der Tod, und wir sind nicht auf ihn
vorbereitet. Dharmapraxis – und besonders das Kontemplieren der
Vergänglichkeit – erleichtert uns das Sterben. Es wäre
gut, jeden Tag in dem Bewußtsein zu leben, daß es
der letzte Tag dieses Lebens sein könnte. Das ist keine pessimistische
Lebenseinstellung, sondern nüchterner Realismus, der sogar
viel Energie freisetzt. Denn auf diese Weise werden wir das tun,
was uns tatsächlich am wichtigsten ist und die Zeit nicht
mit Nebensächlichkeiten vertun. Den Tod als täglichen
Begleiter im Bewußtsein zu behalten erweist sich als guter
Freund eines jeden spirituellen Weges. Der Gedanke an den Tod
hilft uns, das Haften an Freunden, Familie, Ablenkungen und Besitz
zu lösen, auch das Haften an unserem Körper und an allem
anderen, mit dem wir uns identifizieren. Denn von all dem bleibt
uns nichts im Tod.
Was
bleibt denn im Tod? Was begleitet uns ins nächste Leben?
Wir wissen es nicht. Natürlich gibt es Unterweisungen erleuchteter
Lehrer hierzu. Diese sagen, daß uns zweierlei bleibt: (a)
was immer wir an echtem Verständnis und Qualitäten hervorgebracht
haben und (b) was immer wir an karmischen Kräften und Tendenzen
aufgebaut haben.