UNTERWEISUNGEN

Der Rote Faden. Erster Teil.
Den Faden aufnehmen.

Lama Lhündrub

Karmishe bestandsaufnahme

Auch bei den folgenden Kontemplationen ist es sinnvoll, einige Minuten des entspannten und bewußten Nichtstuns vorausgehen zu lassen. Dann denken wir über folgende Fragen nach und gehen dabei zurück bis in unsere Kindheit:

Handlungen des Körpers

Wir denken über all die Handlungen nach, die wir mit dem Körper ausgeführt haben. Obwohl wir vielleicht so manche negative Handlung nicht selbst ausgeführt haben, können wir auch darüber nachdenken, ob wir uns gefreut und es gutgeheißen haben, daß andere sie ausführten? Dabei gehen wir die drei Bereiche körperlicher Handlungen durch, die in den Texten der Überlieferung erwähnt werden:

a) Habe ich in diesem Leben getötet – angefangen bei Insekten bis hin zu größeren Tieren und Menschen? Habe ich Lebewesen gequält, geschlagen, mißbraucht, genötigt und ihnen sonstwie durch körperliche Handlungen Schaden zugefügt? Oder habe ich ihr Leben geschützt, ihre Schmerzen gelindert, ihren Hunger gestillt, sie gepflegt und mit Respekt behandelt?

b) Habe ich gestohlen, mir Dinge angeeignet, die mir nicht gegeben wurden? Habe ich den Besitz anderer beschädigt? Oder war ich großzügig und habe gegeben, was andere brauchten?

c) Habe ich durch mein sexuelles Verhalten Leid erzeugt, sei es durch Mangel an Feinfühligkeit oder durch Eindringen in bestehende Beziehungen? Oder habe ich an das Wohl meiner Partner gedacht und bestehende Beziehungen gepflegt und respektiert?

Handlungen der Rede

In einer weiteren Kontemplation schauen wir uns an, was wir für Tendenzen in unserem Redeverhalten haben. Dabei gehen wir die vier Bereiche von Handlungen der Rede durch, die traditionell erwähnt werden, und betrachten eingehend, wie wir mit Worten umgegangen sind:

a) Habe ich gelogen oder unumwunden und ehrlich, mit offenem Herzen gesprochen?

b) Streite ich mich ständig, beschimpfe andere mit groben, verletzenden Worten? Habe ich andere verleumdet, heruntergemacht, öffentlich bloßgestellt und beleidigt? Oder habe ich unterstützende und feinfühlige Worte gesprochen, die Qualitäten anderer gestärkt und Kritik auf angemessene und hilfreiche Weise geäußert?

c) Habe ich Intrigen angezettelt, Freunde durch Bemerkungen auseinandergebracht, Streit gesät und schlecht über Dritte geredet? Oder habe ich harmonisierend gewirkt, Streit geschlichtet und versucht, Verständnis für Dritte zu wecken?

d) Habe ich meine Zeit mit unnützem Geschwätz, Tratsch und geistlosen Witzen vertan? Oder habe ich über Sinnvolles geredet, die Privatsphäre anderer respektiert und guten Humor gepflegt?

Geistige Handlungen

Dann schauen wir uns unsere Gedankenwelt und Emotionen an. Was für karmische Impulse haben wir mit dem Geist gesetzt? Dabei untersuchen wir die drei klassischen Bereiche nichtheilsamer geistiger Handlungen Böswilligkeit, Habsucht und verkehrte Anschauungen (sowie die fünf Emotionen Unwissenheit, Begierde, Haß, Stolz und Eifersucht):

a) Sind oder waren meine Gedanken von Böswilligkeit geprägt? War oder bin ich eher nachtragend, voller Ärger und schlechter Absichten? Bin ich ungeduldig, leicht gereizt, deprimiert und verschlossen? Was habe ich schon an haßerfüllten Gedanken gehabt? Hege ich langen Groll? Oder war und bin ich eher zum Guten geneigt, liebevoll und mitfühlend? Bin ich geduldig, freudig und aufgeschlossen? Kann ich verzeihen?

b) Sind oder waren meine Gedanken von Habsucht geprägt? Bin ich neidisch auf den Besitz oder die Qualitäten anderer? Will ich alles für mich haben? Bin ich eifersüchtig oder ehrgeizig? Oder gönne ich anderen ihren Besitz, ihr Glück und ihren Erfolg? Freue ich mich aufrichtig mit, wenn andere etwas Positives tun, wenn es ihnen gut geht und sie glücklich sind? Teile ich meinen Besitz gerne mit anderen und verzichte freudig, wenn sie etwas haben möchten?

c) Sind oder waren meine Gedanken vom Festhalten an verkehrten Anschauungen geprägt? Halte ich stur an Dogmen fest und mache anderen Vorschriften, was sie zu glauben haben? Bin ich eingebildet, immer davon überzeugt, daß ich Recht habe? Bin ich leicht im Stolz gekränkt? Oder lasse ich mir etwas sagen und nehme Kritik an? Bin ich bereit, meine Meinung zu überprüfen und eventuell zu ändern? Ist mein Geist offen und aufnahmebereit für neue Sichtweisen? Ist es mir möglich, auch einmal unbeachtet zu bleiben, ohne gelobt und gepriesen zu werden?

Die Liste der Fragen, die wir uns stellen können, ist schier unerschöpflich. Wenn wir uns ehrlich darauf antworten, bekommen wir einen recht exakten Eindruck davon, was für karmische Tendenzen in diesem Leben aktiv sind und was für Kräfte wir zudem bereits in diesem Leben in Gang gesetzt haben. Es wird wohl kaum ein Engel unter uns sein... Wir sind eine ziemliche Mischung ‚schwarzer‘ und ‚weißer‘ karmischer Tendenzen. Bei genauerem Hinschauen drängt sich folgende Frage auf:

Habe ich schon einmal frei von Ichbezogenheit gehandelt ?

Kontemplieren Sie auch über diese Frage erst nach einer vorangehenden Phase des Loslassens und Entspannens. Dann versuchen wir, uns zu erinnern: Wieviele Handlungen können wir in unserem Leben finden, die wirklich frei von Ichbezogenheit waren? Gibt es welche mit völlig reiner Motivation, wo keine Beimengung von Eigeninteressen dabei war? Haben wir nicht auch beim Helfen oftmals den Wunsch nach Anerkennung und Dank verspürt?

Der Wunsch nach Anerkennung und Dank ist normal, doch er ist Ausdruck unserer persönlichen Erwartungen. Idealerweise, um der Beschreibung „wirklich frei von Ichbezogenheit" zu genügen und voll und ganz ‚weiß‘ zu sein, sollte eine positive Handlung von allen Erwartungen frei sein, so verständlich diese auch sind. Wir dachten vielleicht, wir hätten viele wirklich gute Handlungen ausgeführt, doch wieviel Ego entdecken wir da bei genauerem Hinsehen! Kaum einmal waren wir völlig frei von Eigeninteressen.

Ein anderer Aspekt unseres karmischen Make-ups oder Potentials, der es verdient, angeschaut zu werden, ist die Frage nach dem latent in uns vorhandenen Negativen. Auf das latent vorhandene Positive sind wir bereits eingegangen - das sind die Qualitäten der Buddhanatur, die der spontane Ausdruck des Geistes frei von Ichbezogenheit sind: Weisheit, Liebe, Mitgefühl, Hingabe... Doch wie steht es mit dem ‚spontanen‘ (oder hier besser: automatisch-zwanghaftem) Ausdruck des von Ichbezogenheit geprägten Geistes, wenn er durch bestimmte Situationen unter großen Druck gerät?

Zu was für negativen Handlungen wäre ich potentiell fähig ?

Mit dieser Kontemplation lassen wir uns auf ein unangenehmes Gedankenspiel ein. Bitte führen Sie es nur aus, wenn Sie sich bereit dazu fühlen und den Sinn der Frage verstehen.

Wir stellen uns die schlimmstmöglichen Situationen vor, die unseren Haß, unsere Angst, unsere Begierde, unseren Stolz und Neid provozieren. Wie würden wir handeln, wenn in einer solchen Situation unsere empfindlichsten emotionalen Knöpfe gedrückt werden? Können wir uns vorstellen, jemanden zu schlagen? Können wir uns Situationen vorstellen, in denen wir zur Waffe greifen würden? Wie sehr muß man uns reizen, bis sogar ein Mord möglich wäre? Haben wir im Traum vielleicht schon einmal jemanden umgebracht? Haben wir bereits Mordphantasien oder eine schier mörderische Wut gehabt? Was braucht es, bis wir stehlen, vergewaltigen, foltern, lügen, Streit und Krieg anzetteln?

Wir haben die meisten dieser Handlungen in diesem Leben wohl noch nicht ausgeführt, aber es ist vorstellbar, daß wir dies tun könnten oder bereits in früheren Leben einmal getan haben. Wenn wir den Buddhas glauben können, dann haben wir bereits unzählig viele Leben hinter uns und waren in nahezu alle vorstellbaren Situationen verwickelt.

Unser jetziges Leben - und dazu gehören auch die Tendenzen, die sich in Träumen zeigen - ist wie ein Spiegel für unsere Handlungen in der Vergangenheit. In diesem Spiegel sind viele, aber nicht alle unserer karmischen Tendenzen zu sehen. So manche karmischen Kräfte, heißt es, sind für uns im Moment unentdeckbar, weil die Bedingungen gerade nicht zusammenkommen, die ihr Erscheinen auf des Spiegels Oberfläche bewirken würden.

Unser „karmischer Ballast" sind die Kräfte, die von unseren schädlichen, ichbezogenen Handlungen in Gang gesetzt wurden, und unser „karmischer Schatz" sind die Kräfte, die von unseren hilfreichen, selbstlosen Handlungen bewirkt wurden. Hier liegt auch unsere Chance: Wir haben die Wahl, welche Kräfte wir stärken wollen. Das ist unsere Freiheit. Aber die Schwierigkeiten im Ausführen unserer bevorzugten Wahl zeigen auch unsere Unfreiheit, denn allzu leicht werden wir von den tief eingeprägten ichbezogenen Tendenzen mitgerissen. Es braucht viel Kraft, um ihnen zu widerstehen!

Der Weg der Befreiung besteht darin, mehr Geistesgegenwart, Entspannung und Mitgefühl zu kultivieren. Diese ermöglichen uns, mehr und mehr heilsame Handlungen auszuführen. Wenn die Kraft positiver Handlungen zunimmt, wir der Weg allmählich leichter. Wir stecken dann nicht mehr so entsetzlich fest in eingefahrenen emotionalen Reaktionsmustern.

Wenn wir das Leben so wie eben in den letzten Übungen betrachten und uns vor Augen halten, wie sehr wir in den Klauen unserer Emotionen stecken, dann erscheint uns die viel gepriesene menschliche Freiheit wie eine Illusion. Kaum taucht etwas Angenehmes vor unseren Sinnen auf, reagieren wir schon mit Anhaften, und kaum taucht etwas Unangenehmes auf, reagieren wir mit Ablehnung. Das geht so schnell, daß uns kaum eine Wahl bleibt. So sieht es jedenfalls aus. Zum Glück gibt es aber Möglichkeiten, den „Fuß in die Tür" zu schieben, bevor wir uns wieder davonreißen lassen. Doch dazu später, in Teil Zwei. Zunächst geht es noch darum, die Bestandsaufnahme unserer Situation zu vervollständigen.

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