UNTERWEISUNGEN
Der
Rote Faden. Erster Teil.
Den Faden aufnehmen.
Die Kontemplation
der drei Arten von Leid - Samsara
Der Buddha nannte
dieses Leben in zwanghaften emotionalen Reaktionsmustern „Samsara"
– was oft mit Kreislauf übersetzt wird. Damit gemeint ist
das schier endlose Kreisen in unterschiedlichen Existenzformen,
die alle von Unfreiheit und Leid geprägt sind - ein Leben
nach dem anderen. Als der Buddha zu unterrichten begann, öffnete
er seinen Zuhörern zuerst die Augen über ihre wirkliche
Situation - und erst dann zeigte er ihnen den Weg zur Befreiung.
Diese grundlegende Analyse unserer Situation nannte er die „Wahrheit
des Leides". Er schaute dabei tiefer als andere, die zu Recht
- aber vielleicht voreilig - darauf hinweisen, es gebe
auch sehr viel Freude und Freiheit in diesem Leben. Der Buddha
war selbst ein durch und durch freudiger Mensch, er sah durchaus
die vielen wunderbaren Aspekte des Lebens. Um aber die Menschen
auf dem Weg der Befreiung zu führen, bestand er darauf, daß
seine Schüler ihre rosa Brille ablegten und lehrte sie über
die drei Arten von Leid, die Samsara kennzeichnen. Die zweite
und dritte Form von Leid treffen auch auf subjektiv als äußerst
glücklich erlebte Situationen zu - eine Erkenntnis, gegen
die viele sich zunächst sträuben. Für ein Verständnis
seiner Ausführungen zu den drei Formen von Leid ist es keineswegs
notwendig, an Wiedergeburt oder die Existenz anderer Daseinsbereiche
zu glauben. Wir können diese traditionelle buddhistische
Analyse in der persönlichen Kontemplation nachvollziehen.
Um unsere Motivation auf dem Weg zu stärken, analysieren
wir unser Leben in Hinblick auf die drei Arten von Leid: das offensichtliche
Leid, das Leid des Wandels und das Leid des Dualismus:
Zunächst
entspannen wir uns wie zu Beginn einer jeden Praxissitzung. Wir
erinnern uns an das Ziel unseres Weges, von Ichbezogenheit freizuwerden
und etwas zutiefst Sinnvolles für andere zu tun.
Das offensichtliche
Leid
Das offensichtliche
Leid wird traditionell das „Leid des Leidens" genannt und
beinhaltet alle offenkundig unangenehmen geistigen und körperlichen
Erfahrungen wie Krankheiten, Schmerzen, emotionales Leid und dergleichen.
Wir fragen uns:
Erfahre ich jetzt gerade offensichtliches Leid? Schmerzt mein
Körper? Drückt mein Sitzkissen? Bin ich hungrig oder
müde? Ist mir zu heiß oder zu kalt? Habe ich Angst?
Bin ich aufgewühlt, oder ist mir sonst etwas Unangenehmes
bewußt? Zunächst fühlen wir genau in die gegenwärtige
Situation hinein.
Dann erinnern
wir uns des offensichtlichen Leides in unserem bisherigen Leben.
Habe ich in der Vergangenheit körperliches oder geistiges
Leid erfahren? Dann dehnen wir diese Kontemplation auf alle Menschen
aus - und auch auf die Tiere. Was erfahren andere Menschen
an offenkundigem Leid? Was erleiden die Tiere?
Es gibt viel offensichtliches
Leid, wenn auch einzelne Situationen für kurze Zeit frei
davon sein können. Diese von Leid scheinbar freien Situationen
nennen wir glückliche Situationen. Sie sind angenehm oder
zumindest nicht unangenehm. Doch erfahren wir in ihnen eine Form
von Leid, die wir das „Leid des Wandels" nennen. Es entsteht
aufgrund unseres mangelnden Verständnisses von Vergänglichkeit.
Auch dieses ist einer Kontemplation zugänglich:
Das Leid des
Wandels
Nach einer kurzen
Einstimmungsphase fragen wir uns: Erinnere ich mich an glückliche,
angenehme Situationen, die nicht irgendwann einmal in weniger
glückliche Situationen gemündet wären? Bin ich
in glücklichen Momenten oder Stunden frei von dem Wunsch,
daß sie andauern oder sich zumindest wiederholen mögen?
Bin ich traurig, wenn die Situation vorbei ist? Mache ich Versuche,
die gleiche Situation wieder zu erleben? Werde ich ärgerlich,
wenn jemand dieses Glück stört? Gibt es glückliche
Situationen, in denen ich vorher, während und danach frei
von Anhaften, Erwartungen und Hoffnungen bin?
Ja, das ist tatsächlich
etwas viel verlangt, völlig frei von Anhaften und Erwartungen
zu sein. Es war auch nur eine mehr rhetorische Frage. Selbst jemand,
welcher der Vergänglichkeit schon viele Male tief ins Auge
geschaut hat, freut sich doch, wenn er zuweilen angenehme Umstände
erlebt und ist zumeist ein kleines bißchen weniger erfreut,
wenn Schwierigkeiten kommen. Dies ist die zweite Form von Leid,
die allen angenehmen, vergänglichen Situationen innewohnt,
solange wir an ihnen anhaften. Wenn wir der Vergänglichkeit
dieser Situationen gewahr sind, verringert sich unser Anhaften
und folglich auch das aus diesem Anhaften sich ergebende Leid
des (unerwünschten) Wandels.
Die dritte Form von
Leid, das Leid des Dualismus, wird von vielen Menschen nicht so
bewußt wahrgenommen. Das Leiden am Dualismus kommt manchmal
in dem Wunsch zum Ausdruck, sich zu vereinigen, zu verschmelzen
und die völlige Einheit erfahren zu wollen, in der die Trennung
in Ich und Anderes aufgelöst ist. Die Erfahrung dieser Trennung
und ihrer Auswirkungen sind die dritte Form von Leid.
Auch der Meditierende
wird sich dieser Trennung zunächst nicht als Leid bewußt.
Wir merken zunächst nicht, welches Leid in diesem Dualismus
verborgen ist. Der Meditierende (der bewußt Nichts Tuende)
nimmt einfach wahr, daß es im Geist stets einen Beobachter
gibt, der alles kommentiert, beurteilt und untersucht. Dieser
Beobachter ist in vieler Hinsicht das, was wir unsere Ich-Instanz
nennen könnten. Er ist auf vielfältige Weise aktiv.
Wir wollen uns nun ihm zuwenden:
Das Leid des
Dualismus – der Beobachter
Lassen Sie den
Geist so gut wie möglich in sich selbst zur Ruhe kommen.
Wenn der Geist etwas stiller wird und Sie ihren Gedanken zuschauen
und zuhören, nehmen Sie dann den Beobachter wahr? In dem
Gewirr der vielen Gedanken gibt es welche, die sagen: „Ich meditiere",
„Ich sollte nicht so viel denken", „Du bist zu aufgewühlt"
oder „Welch wunderbare Ruhe" usw.
Lassen Sie den
Geist weiterhin so ruhig und entspannt wie möglich. Wenn
Sie genauer hinfühlen, werden Sie allmählich die Entdeckung
machen, daß dieses Ich-Gefühl ein bleibender Zustand
von Anspannung ist. Alles wird beobachtet, beurteilt, klassifiziert.
Dieses Ich ist immer auf der Hut und stets aktiv. Diesem Wachtposten
entgeht nichts.
Das Kennenlernen
dieses beurteilenden, benennenden Berichterstatters mit seinen
vielen Facetten wird sich über viele Jahre hinziehen. Manchmal
ist er fast wertneutral, andere Male ist er voller Werturteile.
Der Beobachter ist das Subjekt, und all die anderen Gedanken sind
seine Objekte. Da diesem Subjekt durchaus eine ordnende, integrierende
Funktion zukommt, wird es auch das „Ich", „Selbst" oder
„Ego" genannt. Bei genauerer Analyse der beschriebenen Ich-Funktionen
können mehrere Ebenen unterschieden werden, die uns aber
jetzt nicht weiter zu interessieren brauchen.
Bei unserer Erforschung
der Ich-Instanz (und damit der dritten Form von Leid) bemerken
wir recht bald, daß dieses „Ich" offenbar große
Angst hat, die Kontrolle zu verlieren. Wir haben - meist unbewußt
- große Angst davor, was passieren würde, wenn
der Beobachter uns nicht mehr das angenehm beruhigende Gefühl
vermittelt: „Ich denke, also bin ich". Der Meditierende erkennt
allmählich, daß es immer einen Rest von Anspannung
im Geist geben wird, solange der Beobachter im Unterschied zu
den von ihm beobachteten Objekten vorhanden ist. Die Ursache dieser
Anspannung ist die grundlegende, existentielle Angst, nicht zu
sein, das befürchtete Ende des „Ich".
Es ist diese dualistische
Grundspannung - wir könnten vielleicht sagen: diese existentielle
Angst, die mit dem Glauben an ein real existierendes Ich verbunden
ist - die der Buddha das „Leid aller bedingten Existenz"
oder kurz das „Leid der Bedingtheit" nannte. Mit bedingter
Existenz sind hier alle Daseinsformen gemeint, die auf karmischen
Kräften beruhen und von daher karmisch bedingt sind. Karma
bezieht sich immer auf Handlungen, die mit einer dualistischen,
sprich ichbezogenen Haltung ausgeführt wurden. Das Leid der
Bedingtheit entspringt also dem dualistisch funktionierenden Geist,
der sich als Ich oder Subjekt in Beziehung zu Objekten der Wahrnehmung
(inklusive Gedanken) setzt. Um diesen Zusammenhang zu verdeutlichen,
können wir einfachheitshalber vom „Leid des Dualismus"
sprechen.
Das Leid des Dualismus
wird erst aufgelöst, wenn der Beobachter wegfällt und
das reine, ursprüngliche Gewahrsein hervorkommt. Hierdurch
werden auch das Leid des Wandels und das Leid des Leidens transzendiert,
weil beide an die Existenz eines anhaftenden, beurteilenden Beobachters
geknüpft sind. Buddhaschaft, heißt es, ist die völlige
Auflösung dieser drei Arten von Leid, wodurch natürliche,
nicht von Bedingungen abhängige Freude ungehindert alles
durchdringt.
Was unsere Analyse
von Samsara, unserer gegenwärtigen Situation, angeht, so
führt unsere Kontemplation zu der nüchternen Feststellung,
daß tatsächlich alle dualistischen Erfahrungen von
Leid charakterisiert sind. Wenn wir uns dessen noch nicht so sicher
sind, sollten wir wiederholt alle Lebenssituationen auf diese
drei Formen von Leid untersuchen. Dies wird den Wunsch in uns
verstärken, nicht nur das offenkundige Leid hinter uns zu
lassen, sondern auch den zugrundeliegenden Dualismus sowie das
Haften an angenehmen, aber vergänglichen Erfahrungen. Diese
Kontemplation ist ein wichtiges Gegenmittel für unser Haften
an einem angenehmen, glücklichen Leben, in dem wir vielleicht
gerade keine Schwierigkeiten erleben. Probleme sind in gewisser
Hinsicht immer ein Ansporn weiterzugehen. Deswegen ist es gut,
sich das grundlegende Problem auch glücklicher Situationen
klar zu machen. Das heißt nicht, daß wir uns daran
nicht freuen sollten – es ist einfach ein Schutz vor dem selbstgenügsamen
Einschlafen im Glück.
Wir kommen hiermit
ans Ende des ersten Teils vom Roten Faden. Damit unser
spiritueller Weg sich weiterhin voll entfalten kann, ist regelmäßige
Praxis vonnöten. Falls es sich für Sie herausgestellt
hat, daß der Dharma, so wie er von Gautama Buddha und den
Erleuchteten seiner Linie gelehrt wurde, Ihrem Wunsch nach einem
spirituellen Weg entspricht, dann sollten Sie auf jeden Fall direkten
Kontakt mit einem Dharma-Lehrer aufnehmen. Dieser kann Ihnen weitere
Unterweisungen geben. Es geht darum, zutiefst Zuflucht zu nehmen
und Mitgefühl und Weisheit zu entwickeln. Dafür bietet
der Weg viele Methoden an. Einige dieser Methoden sind im Zweiten
Teil des Roten Fadens erläutert.
IV.
Zum Schluß
einer jeden Meditationssitzung ist es üblich, die entstandene
positive Kraft zu widmen. Dies vermehrt die positive Kraft und
bewahrt davor, sich mit der spirituellen Praxis zu identifizieren:
Widmung
Wir lassen den
Geist wieder zur Ruhe kommen und können dann folgende Wünsche
sprechen: „Möge alles Positive, das durch diese Praxis entstanden
ist, dem Wohl und der Erleuchtung aller Wesen zugute kommen. Möge
die entstandene positive Kraft dazu beitragen, das Leid aller
Wesen zu verringern und förderliche Bedingungen für
ihren inneren Weg entstehen lassen. Mögen auch alle anderen
heilsamen Handlungen, die je in diesem Universum ausgeführt
wurden, dem Wohl und der Erleuchtung aller Wesen gewidmet sein.
Möge diese Widmung durch den Segen der Erleuchteten und den
Segen der ursprünglichen Weite des Geistes genauso in Erfüllung
gehen!" Danach verweilen wir für einen Augenblick in
tiefer Entspannung, in der wir alles Anhaften und alle Identifikationen
loslassen.
* * *
Folgende Bücher
können uns helfen, mehr über den Dharma und seine Anwendung
im Alltag herauszufinden:
Dilgo Khyentse: Das
Herzjuwel der Erleuchteten, Theseus Verlag. Gampopa: Der
Kostbare Schmuck der Befreiung, Theseus Verlag. Gendün
Rinpoche: Der Große Pfau. Die Umwandlung der Emotionen
im tibetischen Buddhismus, Theseus Verlag. Gendün Rinpoche:
Der Weg des Bodhisattva, Dhagpo Kündröl Ling
(nur privat erhältlich). Jamgon Kongtrul: Der große
Pfad des Erwachens. Ein Kommentar zu der Mahayana-Lehre der Sieben
Punkte der Geistesübung, Theseus Verlag. Karmapa Wangtschug
Dordsche: Mahamudra, Ozean des Wahren Sinnes. Band 1:
Mahamudra-Vorbereitungen; Band 2: Geistige Ruhe und Intuitive
Einsicht. Theseus Verlag. Levine, Stephen: Wege durch den
Tod (Über den Umgang mit Schmerz und Sterben), Context
Verlag. Pema Chödrön: Beginne, wo du bist. Eine Anleitung
zum mitfühlenden Leben, Aurum Verlag. Weil, Alfred (Hrsg.):
Karma, Theseus Verlag.