UNTERWEISUNGEN

Der Rote Faden. Zweiter Teil.
Dem Faden folgen.

Lama Lhündrub

Eine Einführung zu: Zufluchtnehmen, Hervorbringen des Erleuchtungsgeistes, die Praxis des Geben und Nehmens (Tonglen) und das Arbeiten mit den Merksprüchen des Geistestrainings (Lodjong) .

Unterweisungen von Lama Lhündrub

zusammengestellt in Anlehnung an den Kostbaren Schmuck der Befreiung und den Großen Pfad des Erwachens.

Lama - Quelle allen Segens,

Buddha - Dimension völliger Offenheit,

Dharma - Einheit von Weisheit und Mitgefühl,

Sangha - höchste Gemeinschaft der Helfer auf dem Weg,

zu Euch nehme ich Zuflucht bis das Herz der Erleuchtung verwirklicht ist.

Bitte gewährt Euren Segen, daß ich dem Beispiel aller Buddhas folge.

Möge der höchste Erleuchtungsgeist in mir erwachen.

Mit der Kontemplation der vier grundlegenden Gedanken, die den Geist auf sinnvolles Handeln ausrichten, und mit einigen Übungen zum „bewußten Nichtstun" haben wir im ersten Teil den roten Faden unserer spirituellen Praxis aufgenommen. Wie geht es nun weiter? Wie können wir uns von Ichbezogenheit befreien, und wohin soll uns der Faden unserer Praxis führen - was ist sein Fixpunkt und damit unser Ziel? Mit dieser Frage haben wir uns bereits in den Übungen Eins, Sechs usw. von Teil Eins beschäftigt. Doch jetzt sollten wir, um mehr Kraft und Entschlossenheit in unserer Praxis zu entwickeln, zu einer klaren Entscheidung kommen, ob wir dem Dharma wirklich als Weg folgen möchten.

A. Zufluchtnehmen und das Hervorbringen des Erleuchtungsgeistes

Die traditionelle Überlieferung fordert uns auf, als Basis des weiteren Weges eine klare innere Ausrichtung zu finden und eine Verpflichtung in Hinblick auf das Ziel unseres Weges einzugehen. Im Rahmen buddhistischer Praxis nennen wir dies „Zuflucht nehmen". Damit drücken wir unser Vertrauen in das Ziel (Buddhaschaft), in den Weg (den Dharma) und in die Helfer (die Gemeinschaft, Sangha) aus. Es heißt, die Unterweisungen Buddhas zu praktizieren, ohne Zuflucht genommen zu haben, sei vergleichbar damit, ein Ziel anzustreben, ohne den ersten Schritt zu tun. Zuflucht zu nehmen bedeutet, unserem spirituellen Weg die nötige eindeutige Ausrichtung zu geben und den Nagel für unseren roten Faden fest einzuschlagen, damit dieser uns bei allem, was wir tun, immer in Richtung auf das selbe Ziel führt: hinaus aus dem Labyrinth der Ichbezogenheit zur Befreiung von allem Anhaften.

  1. Über Zuflucht nachlesen und kontemplieren
  2. Sie finden in vielen buddhistischen Büchern Hinweise zur traditionellen Zuflucht in Buddha, Dharma und Sangha. Lesen Sie Sich die entsprechenden Kapitel durch. Zunächst mag manches schwierig zu verstehen sein. Vielleicht wollen Sie sich Notizen zu Fragen und wichtigen Punkten machen. Fragen Sie bei allem, was Sie lesen: Was hat das mit mir zu tun? Welche Relevanz hat das Gesagte für meinen Weg? Kontemplieren Sie diese Fragen, indem Sie kurze Momente der stillen Besinnung einlegen.

  3. Andere Praktizierende nach der Zuflucht befragen

Sprechen Sie zusätzlich zum Studium der geschriebenen Unterweisungen mit verschiedenen Praktizierenden über ihre Zufluchtnahme. Sie können ihnen Fragen stellen wie: Was hat dich zur Zufluchtnahme bewogen? Wie hat sich dein Leben dadurch verändert? Was bedeutet Zuflucht heute für dich? Bereust du deinen Schritt? Ist Zuflucht wirklich so wichtig? usw. Mit solchen Gesprächen wird das Bild dessen, worum es bei der Zuflucht geht, allmählich klarer.

Manche Praktizierende nehmen direkt bei der ersten Begegnung mit dem Dharma Zuflucht und klären ihre Fragen später. Andere überlegen sich die Zuflucht lange Zeit und klären zunächst einmal alle Fragen, die ihnen im Zusammenhang damit auftauchen. Wenn sie dann Zuflucht nehmen, wissen sie genau, was sie tun. Es gibt keine Regel, wie wir in Hinblick auf diese Entscheidung vorgehen sollten. Irgendwann fühlen wir uns reif für diesen Schritt.

Zusammengefaßt hat Zufluchtnehmen folgende Aspekte:

  • wir bekräftigen unser Vertrauen in Buddha, Dharma und Sangha
  • wir verpflichten uns, das Ziel der Befreiung nicht aus den Augen zu verlieren, auch nicht unter schwierigen Umständen
  • wir verpflichten uns, nichtheilsame Handlungen soweit möglich zu unterlassen und das Leben aller Lebewesen zu respektieren
  • wir bringen uns symbolisch mit Körper, Rede und Geist dar und öffnen uns dadurch für Inspiration und Segen durch die Quellen der Zuflucht
  • wir bitten um Segen, Schutz und Führung

Der Sinn des Zufluchtnehmens ist, unserem Weg Kraft und Ausrichtung zu verleihen. Ohne ein klares, inneres Zufluchtnehmen bleibt unser Weg unentschlossen, unklar und kraftlos. Wir gehen mal in die eine, mal in die andere Richtung. Zufluchtnahme markiert den Punkt in unserem Leben, an dem wir unsere Entschlossenheit zum Ausdruck bringen, dem Weg zu folgen. Wir haben keine Vorbehalte mehr. Wir öffnen uns. Diese Öffnung läßt uns mit tieferen Ebenen unseres Wesens in Kontakt kommen, die sich uns ohne entsprechendes Vertrauen nicht eröffnen.

Zufluchtnahme ist kein Glaubensbekenntnis und keine Taufe, sondern ein dynamischer Prozeß, der sich unser ganzes Leben weiter fortsetzen und vertiefen wird. Sie ist Ausdruck von Vertrauen in die Quellen der Zuflucht. Wir brauchen dafür nichts zu glauben, was über den Bereich unserer Erfahrung hinausgeht. Wir öffnen uns für eine Forschungsreise, die wir mit Hilfe von Buddha, Dharma und Sangha in unseren Geist und in die vielen Aspekte des Lebens machen werden. Für diese Reise vertrauen wir uns kundigen Führern an. Wir werden jeden Tag unseres Lebens weiter und tiefer Zuflucht nehmen und Zuflucht schließlich überall entdecken. Für diese Reise braucht es eine tiefe innere Entschlossenheit, die Wahrheit des Zieles (Buddha), des Weges (Dharma) und der Helfer (Sangha) wirklich entdecken zu wollen.

In der tibetisch-buddhistischen Tradition gibt es die Möglichkeit, formell in einer Zeremonie Zuflucht zu nehmen. Natürlich können wir dem Dharma auch folgen, ohne an einer solchen formellen Zeremonie teilgenommen zu haben. Doch wird die Zeremonie von vielen als ein erster Kulminationspunkt der spirituellen Reise empfunden. Das formelle Zufluchtnehmen bestärkt das Vertrauen in unsere Fähigkeit, den Lehren zu folgen. Wir richten uns eindeutig auf das Ziel der Befreiung und Erleuchtung aus. Dadurch werden wir zu einem „geeigneten Gefäß" für Dharma-Unterweisungen. Zudem erleichtert uns der mit der Zufluchtnahme verbundene Segen die Praxis.

Was ist eigentlich „Segen"? Segen ist das Erlebnis innerer Öffnung. Wir öffnen uns für den immer gegenwärtigen Gewahrseinsraum. Die Öffnung wird ermöglicht durch Vertrauen, Hingabe, Entspannung und auch durch den Kontakt mit anderen Menschen, die offen sind. Segen kann nicht (und braucht zum Glück auch nicht) erzeugt werden. Er ist immer schon da als die dem offenen Gewahrseinsraum innewohnende inspirierende Kraft. Wir sprechen von einer Segenskraft oder einem Segensstrom, wenn eine Situation unseren Geist öffnet jenseits der uns gewohnten Beschränkungen. Segen erfahren wir nur, wenn eine Bereitschaft zu solcher Öffnung vorhanden ist. Solange wir im Wollen sind, in der Anstrengung, in ichbezogener Anspannung können wir nicht mit dem Segen in Kontakt treten. Oft wird Segen auch bestimmten Menschen, spirituellen Orten oder Gegenständen zugeschrieben. Dies trifft nur in sofern zu, als es in ihrer Gegenwart vielleicht leichter ist, sich zu öffnen. Doch man kann auch fast ‚immun‘ gegen jede Art von Segen sein oder diese Öffnung eher bei einem Sonnenuntergang oder auf einer Bergspitze erfahren. Das ist sehr unterschiedlich. Wir öffnen uns nicht alle gleichermaßen in den selben Situationen.