UNTERWEISUNGEN

Der Rote Faden. Zweiter Teil.
Dem Faden folgen.

Lama Lhündrub

Vor der Zufluchtnahme tauchen bei manchen Menschen eine ganze Reihe Fragen und Zweifel auf. Wir sollten uns ihnen zuwenden. Oft haben wir diese Zweifel aufgrund früherer schwieriger Erfahrungen in unserem christlichen Umfeld, die unser Vertrauen in uns selbst, in andere Menschen und in Religion an sich erschüttert haben. In so einem Fall sollten wir die Zeit vor der Zufluchtnahme zum Aufarbeiten dieser Erfahrungen nutzen. Um dies zu erleichtern, sei hier ein kleiner Exkurs zum Thema Religion eingefügt:

Ist der buddhistische Weg eine Religion? Das Wort Religion geht auf das lateinische Verb ‚religere‘ zurück, was mit ‚zurück-verbinden‘ oder auch ‚zurückführen‘ übersetzt werden kann. Religion bezieht sich also auf einen Prozeß der Rückbindung oder Rückführung. Wohin zurück? Zum Ursprung, zum Wesentlichen, zu Gott, zur ursprünglichen Wahrheit. In diesem Sinne könnten wir sagen, daß der Buddhadharma eine Religion ist, denn er führt uns zurück zum Wesentlichen, zur wahren Natur des Geistes, dem Ursprung aller Phänomene. Der Dharma führt uns zur Erkenntnis unserer wahren Natur, der Buddhanatur, die schon immer unser wahres Sein ausmacht. Lassen Sie uns wieder eine Kontemplation ausführen:

  1. Was beinhaltet für mich Religion?

Legen Sie Papier und Stift neben sich. Zunächst entspannen wir uns, wie bereits gewohnt, durch einige Minuten bewußtes Nichtstun. Wir lassen den Atem ein- und ausfließen, ohne ihn in irgendeiner Weise zu manipulieren. Aufsteigende Gedanken lassen wir kommen und gehen, ohne einzugreifen. Der Körper ist entspannt und gerade. Wir lassen uns Zeit.

Dann stellen wir uns die Frage: Was beinhaltet für mich Religion? Sie können die Antworten aufschreiben, aber es reicht aus, wenn Sie diese in Stichworten notieren. Was für Assoziationen löst das Wort ‚Religion‘ bei Ihnen aus? Was berührt Sie daran unangenehm und löst vielleicht Ablehnung oder Angst aus? Was für Erfahrungen möchten Sie nicht unbedingt wiederholen? Was ist für Sie das Wichtige oder Kostbare an dem, was Religion bisher für Sie war? Nehmen Sie Sich Zeit über Ihr Verhältnis zu Religion an sich nachzudenken. Was ist im Unterschied zu Religion ein spiritueller Weg?

Als Erweiterung dieser Übung können Sie diese Fragen auch zu einem Gesprächsthema im vertrauten Kreis machen. Viele der Leser dürften als Christen aufgewachsen sein und bringen so den Begriff Religion unweigerlich mit christlicher Religion in Verbindung. Dabei werden viele Erinnerungen wach, schöne und auch weniger schöne. Der Begriff „Glauben" taucht auf. Glauben ist in den meisten Religionen von zentraler Bedeutung, nicht nur in der christlichen Religion. Hier aber unterscheidet sich der Dharma von anderen Religionen. Um den Dharmaweg zu gehen, braucht man nicht zu glauben - weder an Buddha, noch an Karma, Wiedergeburt und dergleichen. Man darf aber auch im Dharma glauben, nur ist man den Weg damit noch längst nicht gegangen. Der heilsame Aspekt von Glauben ist, tiefes Vertrauen zu haben und darin alle Zweifel loslassen zu können. Der unter Umständen schädliche Aspekt von Glauben ist, Aussagen zu glauben, die nicht wahr sind, und deshalb in die Irre zu gehen und möglicherweise sogar anderen zu schaden. Wer Glauben immer gleich mit Irrglauben und blindem Glauben gleichsetzt und sich deshalb von allen Formen des Glaubens abwendet, der „schüttet das Kind mit dem Bade aus".

Glücklicherweise bleibt uns im Dharma dieser Konflikt weitgehend erspart, denn hier ist von Vertrauen statt von Glauben die Rede. Und es ist normal, daß jemand zu Anfang des Weges weniger Vertrauen als vielleicht später hat. Niemand verlangt Glauben von uns. Es ist sogar eher ein gutes Zeichen, den Weg langsam und sorgfältig schauend anzugehen und nicht bei allem, was man hört voll naiven Vertrauens zu sein. Vertrauen wächst und baut auf Erfahrung auf. Dieses Vertrauen wird dann allmählich entsprechend der eigenen Erfahrung zu Gewißheit. Diese Gewißheit ist stabil und unumstößlich, weil sie auf der persönlichen Erfahrung beruht. Doch jemand, der Gewißheit in die Wahrheit von Buddha, Dharma und Sangha entwickelt hat, gleicht in seiner Überzeugtheit jemandem mit einer tiefen, persönlichen Glaubenserfahrung. Das wirft erneut die Frage auf, die wir gerade eben für beantwortet hielten: Gibt es nun Glauben im Dharma oder sind Buddhisten ‚Ungläubige‘? Was ist Dharma?

Bei der Antwort müssen wir sehr differenziert sein. Auf dem Dharmaweg wird der Lehrer nie seine Schüler zu Glauben aufrufen oder Glauben einfordern. Der Weg beginnt dort, wo wir sind - mit mehr oder weniger Vertrauen. Der Lehrer wird uns den Weg zeigen, wie wir durch unsere Praxis mehr Vertrauen in unseren Geist, in die Erleuchtung, in die relative Wahrheit und in die letztendliche, höchste Wahrheit entwickeln können.

Es gibt aber Menschen, die nicht daran interessiert sind, intensiv in der Meditation und im Alltag mit ihrem Geist zu arbeiten, um auf diese Weise ein Vertrauen und eine Gewißheit zu entwickeln, die auf tiefer, persönlicher Erfahrung beruhen. Diese Menschen können aber durchaus ein Vertrauen, eine spontane Hingabe und Dankbarkeit für den Buddhadharma empfinden. Dies ist Glauben, ein gläubiges Vertrauen. Solchen Glauben finden wir überall, wo der Buddhismus Volksreligion ist. Menschen glauben an Buddha Shakyamuni, wie sie anderswo an Christus glauben. Sie glauben an den Buddha des Grenzenlosen Lichtes (Amitabha) und das Land der reinen Freude (Dewatschen) so wie andere an Gott und das Paradies glauben. Und das ist völlig in Ordnung. Die Kraft ihres Glaubens gibt ihnen Stärke und innere Ausrichtung.

Es gibt im Buddhismus viele Gebete und Rituale, die dieses gläubige Vertrauen ausdrücken und wecken. Von daher gibt es durchaus Glauben und Gläubige im Buddhadharma. Bitte verstehen Sie nicht falsch: Buddha und Christus, Amitabha und Gott, usw. sind keineswegs gleichzusetzen; auch gibt es markante Unterschiede in der Art und Weise, wie im Buddhismus und im Christentum gebetet wird. Doch die Kraft des Glaubens ist gleich. Und auch im Buddhismus gibt es wie in anderen Religionen die Gefahr, in einem dualistischen Glauben steckenzubleiben, wo die Befreiung oder Erlösung von außen erwartet wird und Buddha als ein Objekt der Verehrung außen bleibt. Diese Art des Glaubens ist aber nicht zu verurteilen. Sie kann eine Brücke zu tieferem Verständnis sein, denn starker Glaube hat im besten Falle die Kraft, die dualistische Barriere aufzulösen. Dies vor allem dann, wenn ein weiser Lehrer die Kraft dieses Glaubens von der Fixierung an Äußeres lösen kann.

Doch der Buddhadharma beruht nicht auf Glauben sondern auf Erfahrung und direkter Erkenntnis. Er zeigt auch völlig ‚Ungläubigen‘ den Weg der Befreiung, einen Weg, der auf nichts anderes aufbaut als auf unserer persönlichen Erfahrung, einen Weg frei von Dogmen. Die buddhistischen Lehren sind Erfahrungsberichte, die anderen Suchenden zur Verfügung gestellt werden, damit sie es etwas leichter haben, zu diesen Erkenntnissen vorzudringen. Wahrer, lebendiger Dharma ist frei von Glaubenssätzen, die man ‚schlucken‘ muß, um diesen Weg praktizieren zu können. Dharma ist von daher als eine Erkenntnislehre oder ein „Weg der Wahrheit" aufzufassen und nicht als eine Religion oder eine Philosophie, die zumeist dogmatische beziehungsweise spekulative Züge haben. Der Dharma ist kein Theoriengebäude, das sich der Buddha und seine Schüler ausgedacht haben und das irgendwann in sich zusammenstürzen wird. Dharma ist die einfache Beschreibung von Erfahrungen und Erkenntnissen, die im Grunde jeder nachvollziehen könnte. Dharma beschreibt die Wahrheiten des Lebens und den Weg, sie selbst zu verstehen.

Nun aber zurück zur Zuflucht. Darüber ließe sich noch viel schreiben. Es gibt viele Ebenen, auf denen wir Zuflucht nehmen können: äußere, innere und letztendliche. Bereits zu Anfang des Weges ist es wichtig, die drei Juwelen (Buddha, Dharma, Sangha) nicht als etwas nur Äußeres zu betrachten. Buddha ist zwar das äußere Vorbild des erleuchteten Meisters, aber zugleich auch der zu entdeckende Buddha in uns. Dharma ist die Übertragung der Texte und Unterweisungen, aber auch die durch sie in unserem eigenen Geist zu entdeckende Wahrheit. Sangha sind die Helfer auf dem Weg, aber auch unser eigenes Potential, anderen jenseits von Ichbezogenheit helfen zu können.

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