UNTERWEISUNGEN
Der
Rote Faden. Zweiter Teil.
Dem Faden folgen.
Die Zufluchtnahme
ermöglicht uns, mit einem aufnahmebereiten Geist der Lehre
Buddhas zu begegnen, diese zu erhalten, zu praktizieren und den
Weg ohne größere Schwierigkeiten zu gehen. Wir irren
nicht weiter richtungslos im leidvollen Kreislauf unserer Ichbezogenheit
umher, denn Zuflucht öffnet das Tor zur Befreiung. Vor der
eigentlichen Zufluchtnahme werden wir uns nun in einer Kontemplation
mit den Gedankengängen beschäftigen, die auch während
einer formellen Zufluchtszeremonie erklärt werden:
- Vorbereitende Kontemplation für
die Zufluchtnahme
Die folgenden Sätze
fassen die wesentlichen Gedankengänge zusammen, die der Zufluchtnahme
vorausgehen. Lesen Sie diese aufmerksam. Jeder Satz für sich
bedarf der Kontemplation. Stellen Sie Sich bei jeder dieser Aussagen
die Frage: Empfinde ich das auch so? Oder gibt es da noch etwas
zu klären?
Ich bin des vielfältigen
Leides von mir selbst und allen Wesen gewahr und erkenne, wie
machtlos ich bin, mich selbst und andere hieraus zu befreien.
Ich sehe, daß die Wurzel aller Probleme und allen Leides
Ichbezogenheit ist, und bin mir bewußt, daß ich Hilfe
brauche, um den Weg aus dieser Ichbezogenheit herauszufinden.
Diese Hilfe kann ich nur in einer Zuflucht finden, die jenseits
von Ichanhaften, Leid und Dualität ist. Keine andere Form
von Zuflucht wird mir diese Hilfe geben können. Buddha, Dharma
und Sangha sind jenseits von Leid und Dualität. Sie sind
deshalb eine wirkliche, verläßliche Zuflucht. Ich möchte
mich ganz auf den Dharmaweg einlassen und herausfinden, ob er
tatsächlich zur Befreiung von Leid führt. Ich habe Vertrauen,
daß der Weg gangbar ist. Ich möchte die Methoden des
Dharmas anwenden, um zu wahrem Glück zu finden, um höchste
Weisheit und Liebe freizulegen und auch, um andere dorthin führen
zu können. Deshalb wende ich mich vertrauensvoll an Buddha,
Dharma und Sangha und bitte um Schutz und Führung.
Sie können die
Kontemplation dieser Gedanken für eine Weile zu einem Teil
ihrer täglichen Praxis machen, auch wenn Sie bereits formell
Zuflucht genommen haben. Wenn Sie mit diesen Gedankengängen
übereinstimmen, sind Sie bereit, Zuflucht zu nehmen. Sie
können dies mit einem der vielen Zufluchtsgebete tun. Das
einfachste Gebet ist:
Ich nehme Zuflucht
zum Buddha.
Ich nehme Zuflucht
zum Dharma.
Ich nehme Zuflucht
zur Sangha.
„Ich nehme Zuflucht
zum Lama" kann diesem Gebet als erste Zeile hinzugefügt
werden. Der Lama wird dabei als die Einheit von Buddha, Dharma
und Sangha betrachtet. Er ist sowohl der äußere Lama,
der uns mit den drei Juwelen vertraut macht, als auch der innere
Lama, der die Natur unseres Geistes ist. Die Zuflucht zum Lama
ist Ausdruck der Erkenntnis, daß wir zusätzlich zur
Zuflucht die Unterweisungen eines authentischen spirituellen Lehrers
brauchen, um den Weg tatsächlich gehen zu können. Eigentlich
ist der Lama ohnehin schon in der Zuflucht zur Sangha enthalten.
Der in der Zufluchtszeremonie
verwendete Text ist ausführlicher als die obige Zuflucht
und bezieht sich nur auf Buddha, Dharma und Sangha:
All Ihr Buddhas
und Bodhisattvas, die Ihr in den zehn Richtungen weilt,
edle Gemeinschaft
und edler Lehrer, bitte denkt an mich.
Ich nehme von jetzt
an bis ans Ende meines Lebens
Zuflucht zum Buddha,
dem großen Lehrer der Menschen.
Ich nehme Zuflucht
zum Dharma, der erhellenden Lehre, die von allem Anhaften befreit.
Ich nehme Zuflucht
zur Sangha, der edelsten aller Gemeinschaften.
Haltet mich bitte
von jetzt an bis ans Ende meines Lebens
als eine(n) Praktizierende(n)
wahrer Tugend in der dreifachen Zuflucht.
Dabei kann das zweimalige
„bis ans Ende meines Lebens" auf Wunsch durch die Formel
„bis zum Verwirklichen des Herzens der Erleuchtung"
ersetzt werden, was bedeutet, daß uns die Praxis der Zuflucht
auch im Tod und in zukünftigen Leben begleitet, bis wir Erleuchtung
erreicht haben. Natürlich hört sie auch danach nicht
auf, aber dann sind wir selbst zur Zuflucht geworden.
Es gibt noch viele
weitere Zufluchtsgebete in der buddhistischen Tradition. So können
wir in unserer täglichen Praxis auch das kurze, oft benutzte
Gebet des indischen Verwirklichten Atisha verwenden, welches
in der Tschenresi-Praxis vorkommt:
Bis zur Erleuchtung
nehme ich Zuflucht
in den Buddha, den
Dharma und die höchste Gemeinschaft.
Dem schließt
sich im selben Gebet das Hervorbringen des Erleuchtungsgeistes
an:
Möge ich durch
die positive Kraft der Praxis
von Freigebigkeit
und der anderen befreienden Qualitäten
zum Wohle der Wesen
Buddhaschaft verwirklichen.
Hiermit drücken
wir aus, daß wir uns zur Praxis der sechs befreienden Qualitäten
Freigebigkeit, Disziplin, Geduld, freudige Ausdauer, meditative
Stabilität und Weisheit verpflichten. Die kontinuierliche
Praxis dieser Qualitäten setzt große positive Kräfte
(auch ‚Verdienste‘ genannt) frei, deren Frucht es sein wird, daß
wir tatsächlich Buddhaschaft, das höchste aller vorstellbaren
Ziele, verwirklichen werden. In diesem Gebet geht es uns nicht
mehr um das eigene Wohlergehen und die eigene Befreiung, sondern
um das höchste Wohl aller Wesen. Wenn wir „alle Wesen"
sagen, sind wir selbst natürlich mit eingeschlossen. Wir
nehmen Zuflucht sowohl für unseren persönlichen Nutzen
als auch, um den Nutzen anderer zu bewirken. Das Wohl anderer
entsteht, wenn wir bei all unseren Handlungen den Erleuchtungsgeist
hervorbringen. Dieser drückt sich in dem Wunsch aus, stets
zur Erleuchtung sämtlicher Wesen beitragen zu wollen. Mit
dieser Einstellung gewinnt jede auch noch so unscheinbare Handlung
weitreichende Bedeutung, und die Aktivitäten unseres täglichen
Lebens werden zu einem Mittel, auf dem Weg zur Erleuchtung fortzuschreiten
und Befreiung zu erlangen.
Der Entschluß,
all unser Handeln auf die Erleuchtung aller Wesen auszurichten,
ist die Grundlage des „Weges der Bodhisattvas". Bodhisattvas
sind Praktizierende, die in die Fußstapfen der Buddhas treten.
Bodhisattvas können wir auf Deutsch „Erleuchtungsmutige"
nennen, denn ihr ganzes Denken, Reden und Handeln ist auf die
Erleuchtung zum Wohle aller Wesen ausgerichtet. Dabei lassen sie
sich auf einen Prozeß ein, der allmählich alles Ichanhaften
untergräbt; dem „Ich" wird der Teppich unter den Füßen
weggezogen. Um das zuzulassen, braucht es Mut und Vertrauen. Wir
werden im Rahmen des Roten Fadens jetzt nicht weiter darauf eingehen.
Es geht erst einmal darum, den Dharma besser kennenzulernen. Doch
sollten wir bereits wissen, daß alles, was im Folgenden
erklärt wird, Ausdruck der Bodhisattva-Motivation ist.