UNTERWEISUNGEN

Der Rote Faden. Zweiter Teil.
Dem Faden folgen.

Lama Lhündrub

Mit der Zuflucht tun wir den ersten ‚handfesten‘ Schritt auf dem Weg zur Erleuchtung. Nun ist es wichtig, den Dharma weiter zu hören und zu studieren, um so über den zu gehenden Weg Klarheit zu bekommen. Doch wie weit unsere Praxis auch fortgeschritten sein mag, wir sollten nie ihre Grundlagen vergessen, sondern diese ständig weiter vertiefen. Dies tun wir mit den folgenden Übungen. Um diese im Detail auszuführen, möchten Sie vielleicht auf die ausführlicheren Übungen in Teil Eins des Roten Fadens zurückgreifen. Die folgenden Kontemplationstexte sind so geschrieben, daß sie auch laut gelesen werden können. Sie wurden in Anlehnung an den Text der Vorbereitenden Übungen des Neunten Karmapa formuliert.

  1. Die tägliche Kontemplation der vier grundlegenden Gedanken

Das kostbare Menschendasein: Zuerst kontempliere ich, wie kostbar diese gegenwärtige Situation ist. Ich bin dankbar, die kostbaren Freiheiten und günstigen Bedingungen eines Menschen zu besitzen, der sich der Praxis des Dharmas widmen kann. Diese Freiheiten und Bedingungen sind äußerst schwierig zu erlangen, aber sehr leicht zu zerstören. Darum werde ich sie unverzüglich sinnvoll nutzen.

Tod und Vergänglichkeit: Die Welt und alle Wesen sind vergänglich. Auch mein Leben ist vergänglich wie eine Luftblase im Wasser. Ich weiß nicht, wann ich sterben werde. Es ist nicht einmal sicher, daß ich morgen noch lebe. Mein Körper wird zu einer Leiche werden, und ich werde im Tod alles zurücklassen müssen. Darum praktiziere ich eifrig, weil im Tod nur der Dharma von Nutzen ist.

Karma: Zur Todesstunde erlange ich keine Freiheit, denn aufgrund des Gesetzes von Ursache und Wirkung wird mich mein Karma weiter begleiten. Daher sollte ich nichtheilsame Handlungen aufgeben und mich unaufhörlich heilsamen Handlungen widmen. Ich werde jeden Tag, bei allen Aktivitäten, darauf achten, was für Handlungen ich ausführe und mit welcher Motivation ich handle, und darauf hinarbeiten, immer achtsamer in Hinblick auf die Auswirkungen meiner Handlungen zu werden.

Die Nachteile des Daseinskreislaufes: Da keine Erfahrung im Daseinskreislauf frei von den drei Arten von Leid ist, können Orte, Freunde, Freuden und Besitz keine Quelle bleibenden Glückes sein. Sie sind wie das Festmahl eines Henkers, das mich durch kurzfristiges Vergnügen von Leid, Vergänglichkeit und Tod ablenken soll. Daher löse ich mich aus meinen Verhaftungen und nutze alle mir zur Verfügung stehende Energie für den Weg zur Erleuchtung.

Diese vier Kontemplationen werden die „Vier Allgemeinen Vorbereitungen" genannt. Wir sollten uns jeden Tag damit beschäftigen, denn sie sind die Basis aller folgenden Praxis. Wenn die Freuden des Daseins darin mit dem „Festmahl eines Henkers" verglichen werden, erscheint Ihnen das zunächst vielleicht etwas übertrieben. Doch schauen Sie genau hin. Ist es nicht so, daß uns die Freuden unserer Welt immer wieder von Tod, Vergänglichkeit und dem spirituellen Weg ablenken? Scheint es nicht immer Wichtigeres zu tun zu geben, als den Dharma zu praktizieren? Verwickeln wir uns nicht häufig in unnötige Aktivitäten?

Die vier grundlegenden Kontemplationen helfen uns, tiefe Entsagung zu entwickeln, was unerläßlich für den spirituellen Weg ist. Entsagung ist heutzutage nicht gerade die beliebteste Unterweisung, denn das Wort Entsagung löst fast unweigerlich Assoziationen von Lebensfeindlichkeit aus. Doch in Wirklichkeit entspricht zunehmende, auf Einsicht beruhende Entsagung einem Prozeß zunehmender innerer Gelöstheit und befähigt uns, dem Leben immer freier zu begegnen. Wir befreien uns von Anhaftungen an weltlichen Werten und lösen uns von dem, was Ichanhaften fördert und nur vermeintlich zu Glück führt. Entsagung ist gleichbedeutend mit Sich Lösen und steht keineswegs im Widerspruch zur Freude am Leben. Zunehmende innere Gelöstheit bringt mehr und mehr Entspannung und Freude.

Entsagung ist eine natürliche Qualität, die sich durch das sich in der Praxis entwickelnde Verständnis hervorkommt. Im Grunde genommen ist Entsagung Weisheit, denn sie entsteht aufgrund der Einsicht in die Mechanismen von Samsara. Wenn wir verstehen, wie Leid entsteht, dann lassen wir von Leid verursachenden Handlungen los. Entsagung ist keineswegs eine leidige Pflicht, die wir uns auferlegen. Das könnten wir eher Möchtegern- oder Hau-ruck-Entsagung nennen. Wenn wir meinen, zähneknirschend entsagen zu müssen, ist etwas faul an der Sache. Wir sind dann zu stark im Wollen und deshalb sehr angespannt. Ein Teil unseres Egos will zugunsten eines erhofften spirituellen Aufstiegs in reine, über alles weltliche Anhaften erhabene Gefilde entsagen und ein anderer Teil möchte ganz gewöhnlichen Spaß in der Welt haben. Wir denken, Entsagung und Spaß seien unvereinbar und werden griesgrämige Praktizierende. Entsagung bedeutet jedoch, durchaus seinen Spaß haben zu können, wobei man aber nicht im geringsten am Vergnügen festhält, sondern alle Erfahrungen zur Praxis der Entspannung und des Loslassens nutzt und keine Handlungen ausführt, die weiteres Leid verursachen. Auf der Ebene der Meditation bedeutet Entsagung, nicht an Gedanken zu haften, sich nicht immer wieder in Anhaften und Ablehnen zu verwickeln. Solche innere Gelöstheit ist wahre Entsagung.

  1. Was bedeutet Entsagung für mich?
  2. Überlegen wir uns einmal, wo wir in unserer Arbeit und unserem Privatleben auf ungesunde Weise in unnütze Aktivitäten verwickelt sind: Wo könnte ich mehr Zeit für die spirituelle Praxis finden? Wie müßten sich meine Prioritäten ändern? Wo gerate ich in meinem Bemühen, Dharma zu praktizieren, in Gefahr steif und inflexibel zu werden? Wie kann ich mit meiner Familie Spaß haben? An was für Gedanken und Projekten hafte ich am stärksten? Was macht Sinn, wenn der Tod tatsächlich bereits vor der Tür steht? Wie würde ich dann meinen heutigen Tag verbringen?

    Der Gedanke an den Tod erweist sich als einer unserer besten Freunde im Entwickeln der Dharmapraxis. Er rückt das Wichtige in den Vordergrund. Wenn heute der letzte Tag wäre, würde ich vielleicht einen Ausflug mit meinem Sohn machen, oder den Streit mit meiner Frau bereinigen, oder tiefe Wünsche für den weiteren Weg machen, oder das tun, was ich immer aufgeschoben habe.

  3. Entsagung durch eine symbolische Handlung üben

Wenn uns auffällt, daß wir an etwas besonders stark festhalten und gleichzeitig das Bedürfnis haben, mehr Raum in unserer Beziehung dazu zu schaffen, dann bietet sich an, dieses Objekt unseres Festhaltens symbolisch herzuschenken: Wir nehmen eine Blume, einen Stein, eine Muschel oder einen ähnlichen Gegenstand und stellen uns vor, daß dieser Gegenstand das Objekt unseres Anhaftens symbolisiert. Mit dem Gedanken „Ich bringe dieses Objekt meines Anhaftens der erleuchteten Dimension dar. Bitte helft mir innere Gelöstheit zu entwickeln" legen wir den Gegenstand an einen uns geeignet erscheinenden Ort. Wir können ihn auch symbolisch gen Himmel, in die Weite oder ins Wasser werfen. Dies können wir auch mehrmals an verschiedenen Tagen wiederholen.

Mit diesem inneren Herschenken geht keinerlei Verpflichtung oder Versprechen einher, sich jetzt im äußeren Leben von diesem Objekt des Anhaftens lösen zu müssen. Es ist einfach eine Form des symbolischen Gebetes, das unseren Wunsch ausdrückt, eine freiere Beziehung dazu zu entwickeln.

Die nächste Übung ist das Zufluchtnehmen selbst. Dabei geht es um zwei Dinge: unsere Haltung in diesem Leben und die Vorbereitung auf den Tod. Der erste Aspekt ist, uns Tag für Tag und in jeder Situation der Zuflucht zu erinnern, uns für ihre Inspiration und Führung zu öffnen und zunehmend alle unsere Kräfte auf unser eigentliches Lebensziel auszurichten. Der zweite Aspekt ist, eine tiefe Gewohnheit des Zufluchtnehmens zu schaffen, die auch im Moment des Todes und im Nachtodzustand wirksam werden wird, wodurch sich Möglichkeiten der Befreiung im Tod und in der Zeit danach eröffnen. Das Zufluchtnehmen vor dem Einschlafen bildet die Gewohnheit, die uns im Augenblick des Todes helfen wird, ein letztes Gebet zu sprechen. Das Zufluchtnehmen beim Erwachen schafft die Gewohnheit, die uns helfen wird, uns direkt beim Erwachen im Nachtodzustand an die erleuchtete Dimension zu wenden. Und das Zufluchtnehmen tagsüber wird uns helfen, nicht den vielen Illusionen der Nachtodwelt zu verfallen. So ist unsere jetzige Praxis eine direkte Vorbereitung für später.

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