UNTERWEISUNGEN

Der Rote Faden. Zweiter Teil.
Dem Faden folgen.

Lama Lhündrub

8. Kontinuierliche Zufluchtnahme

Um die Zuflucht tiefer in unserem Bewußtsein zu verankern, sprechen wir mehrmals täglich eines der verschiedenen Zufluchtsgebete. Wenn wir alleine sind, können wir dies mit lauter Stimme tun. Wenn andere anwesend sind, sprechen wir es einfach innerlich oder denken auch nur: Ich nehme Zuflucht! Dafür sind alle Situationen unseres Alltags geeignet. Wir nehmen Zuflucht beim Autofahren, vor dem Betreten des Büros, in der Warteschlange an der Kasse, wo auch immer wir sein mögen.

Besonders wenn eine Situation schwierig oder gar gefährlich wird, sollten wir uns der Zuflucht anvertrauen. In schwierigen Situationen, bei Krankheiten von uns oder anderen – immer wenn wir Unterstützung brauchen – können wir innerlich Zuflucht nehmen. Dies wird die Situation etwas entschärfen, weil wir nicht mehr ganz so angespannt sind und nicht mehr meinen, wir müßten alles alleine schaffen. Wir sollten uns angewöhnen, die Zuflucht als eine konkrete Hilfe im Alltag zu nutzen. Je mehr wir uns den drei Juwelen anvertrauen, desto leichter und fließender wird unser Leben. Wir kommen immer mehr in Kontakt mit entspannteren, offeneren Bereichen in uns. Wir sind nicht mehr so stark in den Fixierungen unseres Wollens. Das „Ich" tritt allmählich zurück. Natürlich haben wir weiterhin die volle Verantwortung für alle unser Handlungen, aber diese Verantwortung drückt nicht mehr so wie zuvor - denn wir können stets Zuflucht nehmen. Es wird uns dadurch leichter fallen, die richtigen Worte zu finden und angemessen zu handeln. Wo Vertrauen und Hingabe sind, erleben wir Führung und Schutz.

9. Zufluchtnehmen begleitet von einer Visualisation

Wir können uns beim Zufluchtnehmen vorstellen, daß Buddha Shakyamuni und all die anderen Buddhas und Bodhisattvas aller Zeiten tatsächlich vor uns im Raum anwesend sind. Wir stehen vor ihnen, zusammen mit Vater, Mutter, Geschwistern, Kindern, Freunden und vor allem auch mit unseren Feinden, das heißt mit all denen, die uns weniger angenehm sind. Letztere bekommen den Ehrenplatz direkt vor uns. Wir alle sind den Buddhas zugewendet und sprechen gemeinsam die Zuflucht und richten uns auf das höchste Ziel aus.

Dabei spielt es keine Rolle, ob diese Menschen noch leben und ob sie selber den Dharmaweg gehen oder nicht. Das Wichtige ist, alle Wesen ohne Ausnahme mit auf unseren Weg zu nehmen. Um so etwas zu visualisieren, brauchen wir natürlich etwas Zeit, vor allem beim ersten Mal. Die Visualisation soll dabei helfen, unseren Geist zu weiten. Vor uns sind immens viele Buddhas, ohne Grenzen, so weit wie der Himmel. Und um uns herum ist ein ebenso unüberschaubarer Ozean von Wesen. Dies führt die Praxis des Zufluchtnehmens aus den Beschränkungen unserer kleinen Welt heraus, wo wir als einzelne Personen Zuflucht zu einem einzelnen Buddha nehmen.

  1. Zufluchtnehmen begleitet von einer symbolischen Gabe
  2. Zufluchtnehmen hat eigentlich mehr mit Geben und sich Öffnen zu tun, als mit Nehmen. Wir können dies zum Ausdruck bringen, indem wir zum Beispiel eine Kerze anzünden oder den drei Juwelen eine Blume darbringen, und dazu das Zufluchtsgebet sprechen. Wir vergegenwärtigen uns dabei, daß wir unser ganzes Sein der Erleuchtung und damit dem Wohle aller Wesen widmen.

  3. Zufluchtnehmen begleitet von Verbeugungen
  4. Begleitend zum Zufluchtsgebet können wir auch Verbeugungen ausführen. Dabei halten wir zunächst die aneinandergelegten Hände an die Stirn, dann an die Kehle und dann an das Herz und verbeugen uns dann vor den Buddhas und Bodhisattvas. Die Stirn symbolisiert den Körper, die Kehle die Rede und das Herz den Geist. Das Berühren dieser drei Stellen symbolisiert das sich Öffnen mit Körper, Rede und Geist. Wir bringen Körper, Rede und Geist dem Weg der Erleuchtung dar. Bei der Verbeugung bitten wir darum, daß durch den Segen der Buddhas alle Schleier, die wir mit Körper, Rede und Geist angesammelt haben, gereinigt werden. Wenn wir mit Stirn, Händen und Füßen den Boden berühren, stellen wir uns vor, daß alle Ichbezogenheit gereinigt wird, als würde uns alle emotionale Verhaftung in den Boden hinein verlassen. Dies läßt die Freude des ursprünglichen Gewahrseins hervorkommen.

    Dies sind wohlgemerkt symbolische Handlungen. Bei solchen Handlungen geht es stets um das Entwickeln neuer Sichtweisen und Geisteshaltungen. Und solche Entwicklungen brauchen viel Zeit, da ist es nicht mit dem einmaligen Ausführen solcher Handlungen getan. Unsere innere Entwicklung wird durch das Einbeziehen der symbolischen Ebene deutlich beschleunigt. Symbole sprechen zu uns auf tieferen Ebenen, als wir dies zunächst wahrhaben wollen. Sie gehen tiefer als der Intellekt. Auch hier kommt es auf einen Versuch an. Doch diese Art der Praxis ist keineswegs unerläßlich.

    Soweit fürs erste zum Zufluchtnehmen. Zusammengefaßt besteht also unsere tägliche Praxis bis jetzt in einer Kontemplation der vier grundlegenden Gedanken und dem Zufluchtnehmen. Daran schließt sich gewöhnlich eine Phase der stillen Meditation an, die von der Widmung abgeschlossen wird. Zuflucht, Meditation und Widmung sind die drei wesentlichen Merkmale formeller buddhistischer Praxis. Die informelle Ebene besteht in unserer Verpflichtung, allen Lebewesen immer weniger Leid zuzufügen und immer mehr hilfreiche Handlungen auszuführen. In beide Formen der Praxis wachsen wir allmählich hinein. Sie können an diesem Punkt also bereits eine formelle buddhistische Praxis durchführen:

  5. Eine kurze formelle Praxis
  6. Als erstes nehmen wir Zuflucht mit einem der obigen Gebete. Daran kann sich eine Phase der stillen Meditation anschließen: Wir lassen den Geist entspannt. Ohne aufsteigende Gedanken oder Gefühle abzuwehren, festzuhalten oder zu bewerten verweilen wir natürlich gelöst und offen. Zum Kultivieren von entspannter Achtsamkeit können wir unser Gewahrsein auf das Ein- und Ausatmen lenken. So praktizieren wir für eine Weile bewußtes Nichtstun und beenden dann die Praxis, indem wir all das so entstandene Gute der Erleuchtung aller Wesen widmen – gefolgt von einem Moment des vollkommen stillen Verweilens.

  7. Widmung

Wir können die positive Kraft, die durch heilsame Handlungen egal welcher Art entsteht, sowohl in Gedanken mit unseren eigenen Worten widmen als auch mit traditionellen Widmungsgebeten, wie den beiden folgenden:

„Mögen durch diese Verdienste die Lebewesen Allwissenheit erlangen und alle schädlichen Kräfte besiegen. Mögen sie so vom Ozean der Existenzen, den die Wellen von Geburt, Alter, Krankheit und Tod aufwühlen, befreit sein.

Durch den Segen des Buddhas, der die drei Körper verwirklicht hat, durch den Segen der unveränderlichen Wahrheit der Natur aller Dinge und durch den Segen der ungeteilten Ausrichtung der edlen Gemeinschaft, mögen diese Widmungsgebete genauso in Erfüllung gehen."

Danach verweilen wir für einen kurzen Moment in stiller Meditation frei von allen Bezugspunkten, in völliger Natürlichkeit. Dies dient zum ‚Versiegeln‘ der Widmung.

Die entstandene positive Kraft wird dadurch dem Wohl aller Wesen dargebracht und sozusagen enteignet. Sie gehört nun nicht mehr zu uns als einzelne Person. „Allwissenheit" meint in diesem Gebet das vollkommene Wissen um das Entstehen und die Befreiung von Leid, das Wissen eines Buddhas. Mit „schädlichen Kräften" sind die ichbezogenen Tendenzen gemeint. Die drei Körper des Buddhas sind der Wahrheitskörper als Natur unseres Geistes, der Freudenkörper als die diesem Geist innewohnende Dynamik, und der Ausstrahlungskörper als all die Manifestationen, die der erleuchtete Geist hervorbringt.

<<<