UNTERWEISUNGEN
Der
Rote Faden. Zweiter Teil.
Dem Faden folgen.
Wie
geht der Weg weiter?
Nach
der Zuflucht fächert sich der Weg der Praxis immer weiter
auf. Es stehen uns viele Methoden zur Verfügung. Diese Methoden
ergänzen sich, können aber nicht alle gleichzeitig praktiziert
werden. Das Beste ist, sich einem verläßlichen Lehrer
oder einer Lehrerin anzuvertrauen, die/der die verschiedenen Methoden
lange Zeit praktiziert hat. Sie können uns raten, welche
Form der Praxis für uns am geeignetsten ist, und uns zeigen,
wie wir diese ausführen können. Außerdem werden
sie uns durch die dabei entstehenden Erfahrungen hindurch begleiten.
Im
Rahmen des Roten Fadens werden wir uns zunächst eine Praxis
anschauen, die für alle geeignet ist: die Praxis des Geistestrainings
(Lodjong). Das Geistestraining ist eine alles umfassende Praxis,
die uns den gesamten Weg begleitet wird. Sie arbeitet mit allen
Situationen unseres Alltags und schult unseren Geist im Auflösen
von Ichanhaften und Entwickeln von Liebe und Mitgefühl. Sie
zeigt uns, wie wir den Erleuchtungsgeist in der sitzenden Meditation
wie auch im Kontakt mit anderen hervorbringen können. Es
gibt dazu bereits einiges an Literatur. Doch Lesen alleine reicht
keineswegs aus. Wir sollten uns darum bemühen, die direkten
Erklärungen zu dieser Praxis von einem erfahrenen Lehrer
der Übertragungslinie zu bekommen. Das Geistestraining benutzt
zwei hauptsächliche Methoden:
-
die Praxis des Gebens und Annehmens (Tonglen)
-
und das Anwenden von Merksprüchen
B.
Die Praxis des Gebens und Annehmens (Tonglen)
Wir
werden uns zuerst der Praxis des Gebens und Annehmens zuwenden.
Dieser können wir uns schrittweise durch eine Abfolge von
Übungen nähern:
- Sich
mit den Unterweisungen des Geistestrainings vertraut machen
Dies
ist eine Übung, die etwas Zeit braucht. Es geht darum,
sich die Grundlagen für alles Folgende zu erarbeiten:
Lesen Sie die kurzen Erklärungen zu den 59 Merksprüchen,
die Sie im Anhang finden, einmal ganz durch. Das gibt Ihnen
einen Überblick über die Praxis, auf die Sie sich
jetzt einlassen. Zusätzlich hierzu ist als ein erster
Einstieg das Buch von Pema Chödrön „Beginne,
wo Du bist" empfehlenswert. Fahren Sie bitte erst,
wenn Sie diese Vorbereitung abgeschlossen haben, mit den folgenden
Übungen fort. Vergessen Sie aber nicht, zwischendurch
immer mal wieder tief durchzuatmen.
Jedes
Mal, wenn wir uns zur Meditation hinsetzen und/oder Tonglen
(Geben und Annehmen) praktizieren, beginnen wir mit einem
kurzen Bedenken der vier grundlegenden Gedanken, so wie wir
sie in Übung Fünf kennengelernt haben.. Dann lassen
wir den Geist zur Ruhe kommen, so gut es gerade geht. Wir
folgen darin dem ersten Merkspruch „Übe dich zuerst in
den Vorbereitungen".
- Die
Kontemplation der vier unermeßlichen Qualitäten
Als
Basis für diese Kontemplation gibt es ein Gebet, daß
wir ein- oder dreimal sprechen können:
„Mögen
alle Wesen glücklich sein und die Ursachen des Glücks
besitzen.
Mögen
sie frei von Leid und dessen Ursachen sein.
Mögen
sie niemals von wirklicher, leidfreier Freude getrennt sein.
Mögen
sie bei Nah und Fern frei von Anhaftung und Abneigung in großem
Gleichmut verweilen."
Wir
kontemplieren die erleuchteten Qualitäten Liebe, Mitgefühl,
Freude und Gleichmut auf solche Weise, daß sich unser
Geist mehr und mehr öffnet und seine Beschränkungen
hinter sich läßt.
Der
erste Wunsch ist Ausdruck von Liebe. Wir wünschen allen Wesen
ohne eine einzige Ausnahme, daß sie glücklich sein
mögen. Aber nicht nur das, sondern auch, daß sie die
Ursachen des Glücks besitzen mögen. Damit ist das Ausführen
von positiven Handlungen gemeint, denn nur wenn alle Lebewesen
heilsame Handlungen ausführen und so ihr Karma verbessern,
werden sie Glück erfahren können und den Weg zur Erleuchtung
finden. Das Glück, von dem hier die Rede ist, ist das wahre,
höchste Glück der Erleuchtung, welches nicht mehr von
Bedingungen abhängig ist.
Der
zweite Wunsch ist Ausdruck von Mitgefühl. Wenn wir sämtlichen
Wesen wünschen frei von Leid zu sein, so sind damit alle
drei Formen von Leid gemeint: das offenkundige Leid, das Leid
des Haftens an Vergänglichem und das Leid dualistischer Fixierung.
Von diesem Leid frei zu sein bedeutet völlige Befreiung,
so wie sie der Buddha erklärt hat. Doch um dahin zu kommen,
müssen sich alle Wesen von den Ursachen des Leides frei machen
und deshalb sämtliche nichtheilsamen Handlungen aufgeben.
Der
dritte Wunsch ist in Bezug auf die erleuchtete Qualität der
Freude. Wirkliche Freude ist frei von allem Leid. Sie ist unbegrenzt
und durch nichts erzeugt. Sie ist eine Qualität der Natur
des Geistes. Wir kontemplieren voller Freude, die Möglichkeit,
daß alle Wesen Buddhaschaft erlangen, und freuen uns an
ihrer Befreiung.
Der
vierte Wunsch bezieht sich auf die erleuchtete Qualität wahren
Gleichmutes. Solcher Gleichmut ist eine ungeteilte, völlige
Offenheit gegenüber allen Lebewesen ohne Ausnahme, ohne in
nahestehende und fernstehende Wesen zu unterscheiden, ohne in
Kategorien von Freund und Feind, angenehm und unangenehm zu denken.
Gleichmut ist Ausdruck der Stabilität des erleuchteten Geistes,
welcher stets die Natur aller Dinge sieht und durch nichts in
Anhaften und Ablehnen gerät, weil allumfassendes Gewahrsein
da ist.
Diese
vier Qualitäten werden „unermeßlich" oder „grenzenlos"
genannt, weil sie die unermeßlich vielen Lebewesen umfassen
und alle Grenzen, alle Beschränkungen des dualistischen Geistes
überschreiten.
16.
Meditation auf den Atem
Als
Vorbereitung für die Praxis des Gebens und Annehmens lasse
Körper, Rede und Geist ruhig werden. Sitze gerade und unbeweglich
wie ein Berg und lasse den Atem natürlich ein- und ausströmen.
Der Atem darf genauso sein, wie er gerade ist. Versuche nicht,
ihn zu verändern. Mal geht er schneller, mal langsamer,
mal tiefer, mal flacher. Für die Meditation ist dies kaum
von Bedeutung.
Während
du so dasitzt werden Gedanken auftauchen. Folge ihnen nicht,
sondern bringe den Geist immer wieder zum Ein- und Ausströmen
des Atems zurück. Fühle den Atemstrom an der Nasenspitze,
fühle, wie er in die Lungen strömt und wie sich die
Bauchdecke hebt und wieder senkt. Lasse die Augen dabei leicht
geöffnet, ohne den Blick auf irgend etwas Bestimmtes zu
richten.
Wenn
es schwierig sein sollte, Gedankenketten loszulassen, kannst
du dich des Ausatmens bedienen. Mit dem Ausatmen ist es leichter,
Gedanken loszulassen. Am Ende ein jeden Ausatems ist wie eine
kleine Pause, ein Moment natürlicher Offenheit, wo sich
Gedanken wie von selbst auflösen. Wir entspannen uns in
dieses Loslassen der Gedanken hinein. Es gibt nichts, was jetzt
gerade noch wichtig genug ist, um darüber nachzudenken.
Das Einzige, was jetzt zählt, ist Loslassen zu üben.
Alles andere ist unwichtig. So meditieren wir für einige
Minuten.
Um
das Geben und Annehmen nicht in der Illusion zu praktizieren,
wir beschränkte Individuen könnten alles selber bewirken,
wenden wir uns jetzt mit einem Gebet an den Buddha des Mitgefühls.
Er ist die Repräsentation des erleuchteten Geistes von Liebe
und Weisheit aller Buddhas. Auf Tibetisch wird er Tschenresi genannt
„Der mitfühlend Schauende". Tschenresi steht für
alle Buddhas, für unseren persönlichen Lama und für
die Lamas der Überlieferungslinie der Praxis des Geistestrainings.
Zudem repräsentiert er die Natur unseres eigenen Geistes.
Als Ausdruck der völligen Reinheit unserer Buddhanatur ist
er von weißer Körperfarbe. Über seinem Kopf ist
auf den traditionellen Darstellungen der rote Buddha des Grenzenlosen
Lichtes zu sehen, Ausdruck davon, daß auch Tschenresi Erleuchtung
mit Hilfe eines Lehrers fand.
17.
Gebet
an den Buddha des Mitgefühls und Verschmelzen mit ihm
Wir stellen
uns vor, daß der leuchtend weiße Buddha des Mitgefühls
(Tschenresi) über unserem Scheitel weilt, und wenden uns
mit dem traditionellen Gebet an ihn:
„Mächtiger,
Dein Körper ist weiß, denn Du bist frei von allen
Fehlern. Der vollendete Buddha krönt Dein Haupt, mit mitfühlendem
Blick siehst Du alle Wesen. Tschenresi, vor Dir verbeuge ich
mich."
Dies
wird gewöhnlich dreimal rezitiert. Damit bekräftigen
wir unsere Motivation, für das Wohl aller Wesen zu praktizieren..
Dies können wir zusätzlich durch folgendes Gebet zum
Ausdruck bringen:
„Gib
Deinen Segen, daß Liebe, Mitgefühl und der außerordentliche
Erleuchtungsgeist in mir entstehen."
Auch
diese Bitte kann mehrmals oder sogar viele Male wiederholt werden.
Danach stellen wir uns vor, daß sich der Buddha auf unserem
Scheitel in Licht auflöst und in unser Herzzentrum verschmilzt.
Es reicht aus, wenn wir uns einen weißen Lichtraum in
der Mitte unserer Brust vorstellen oder einfach denken, daß
der Geist aller Buddhas ein offener, unbegrenzter Raum in unserem
Herzen ist.
Wir
sind jetzt eigentlich bereit, mit der Übung des Annehmens
von uns selber zu beginnen. Doch vor jeder Tonglen-Praxis, sollten
wir uns kurz den zweiten Merkspruch „Betrachte alle Erscheinungen
als Traum" in Erinnerung rufen. Er führt uns näher
an ein wahres Verständnis des Weges heran. Dieses Verständnis
der traumgleichen, leeren Natur aller Erscheinungen wird auch
„letztendlicher Erleuchtungsgeist" genannt. Hierbei wird
keineswegs erwartet, daß wir diesen höchsten Erleuchtungsgeist
bereits verwirklicht haben, sondern wir werden einfach daran
erinnert, uns darin zu üben und nicht alles so tierisch
ernst zu nehmen, auch nicht die Übungen des Tonglen.
18. Alle
Erscheinungen als Traum betrachten
Zu
Beginn der Meditationssitzung, nachdem der Buddha des Mitgefühls
in deinem Herzen Platz genommen hat, lasse den Geist wiederum
unabgelenkt auf dem Atem ruhen. Werde gewahr, daß sich
alles im Geist abspielt, und daß genau genommen kein Unterschied
zwischen einem Traum und der vermeintlichen Wirklichkeit besteht.
All die Objekte, an denen wir mit unseren Sinnen haften, haben
keinerlei unabhängige, konkrete Existenz, genau wie in
der Erfahrung des Traumes. So wirklich deine Wahrnehmungen und
Gefühle auch erscheinen mögen, laß dich nicht
faszinieren – sie alle haben dieselbe traumgleiche Qualität.
Auf diese Art die Welt unserer Wahrnehmungen zu betrachten bedeutet,
mit den Augen des Lamas zu schauen - des Lamas, der als
Buddha des Mitgefühls im Zentrum unseres Wesens ist.
Vergegenwärtige
dir nach Bedarf auch die Unterweisungen zu den Merksprüchen
Drei, Vier und Fünf, und wende sie an, so gut du kannst.
Wende dich dann den Übungen des Gebens und Annehmens zu,
die den „relativen Erleuchtungsgeist" in uns erwecken. Er
wird „relativer" oder „bedingter" Erleuchtungsgeist
genannt, weil damit das Hervorbringen von Liebe und Mitgefühl
auf relativer Ebene, das heißt innerhalb der Welt von Ich
und Du gemeint ist. Letztendliche Erkenntnis und Liebe sind jenseits
dieser relativen Ebene. Aber es ist unerläßlich, zunächst
auf dieser relativen Ebene mit ganz konkreten Bezugspunkten zu
praktizieren, auch wenn wir schon eine Ahnung von ihrer traumhaften
Qualität haben.