UNTERWEISUNGEN

Der Rote Faden. Zweiter Teil.
Dem Faden folgen.

Lama Lhündrub

Die folgende Übung ist von grundlegender Wichtigkeit. Wenn wir uns selbst nicht annehmen, wie werden wir dann je andere wirklich annehmen können? Wir folgen in dieser Übung dem zehnten Merkspruch: „Beginne mit dem Annehmen bei dir selbst." Der tibetische Text spricht hier ausdrücklich nicht von Tonglen (Geben und Annehmen), sondern nur von Lenpa (Annehmen). Das Geben werden wir deshalb erst in einem zweiten Schritt üben.

  1. Sich selbst und sein Leben Annehmen

Wir lassen den Atem ruhig ein- und ausfließen. Dann denken wir an etwas, das uns in Bezug auf uns selbst Schwierigkeiten bereitet. Mit dem Einatem stellen wir uns vor, daß dieses Problem in die Buddha-Lichtsphäre im Herzen strömt und völlig aufgenommen wird. Mit dem Ausatem entspannen wir uns. Mehrere Atemzüge denken wir an diese Schwierigkeit oder diesen schwer zu akzeptierenden Zug von uns selbst und atmen ihn in den Buddha im Herzen ein. Der Buddha-Geist ist jenseits von Bewertungen und voller Mitgefühl. Er hat unendlich viel Raum für alle unsere Macken und Schwierigkeiten. Was immer wir für wahre oder vermeintliche Probleme haben, sie alle werden in diese Buddha-Lichtsphäre hinein genommen und lösen sich darin auf wie Wasserdampf im klaren Himmel. Mit jedem Ausatmen entspannen wir uns in der Weite liebevollen Gewahrseins.

Wir wenden uns dem eigenen Leid zu, vor allem dem gerade gegenwärtigen Leid. Wir lassen die Welle des Gewahrseins unseres eigenen Leides in den Lichtraum im Herzen strömen. Immer neue Wellen branden heran und werden mit dem Einatmen vom liebevollen, nicht bewertenden Gewahrsein in unserem Herzen aufgenommen. Sie strömen hinein und verlaufen sich auf dem endlos weiten Strand vorurteilsfreien Annehmens. Da ist unendlich viel Platz. Wir öffnen unser Herz durch alle Widerstände hindurch für alle Gefühle, indem wir uns gelegentlich daran erinnern, daß all dies nicht ganz so wirklich ist, wie wir es oft meinen. Jedes Gefühl wird vollständig angenommen. Es gibt keine Charakterzüge, keine äußeren oder inneren Probleme, keine Gefühle oder Empfindungen, die ausgespart bleiben. Wir nehmen uns selbst an in all unserer Unfähigkeit und Unvollkommenheit, mit all unseren Blockaden und Emotionen. Was immer wir entdecken wird in den Lichtraum des mitfühlenden Buddhas in unserem Herzen eingeatmet. Mit dem Ausatem lassen wir los in die Weite liebevollen Gewahrseins, wo wir uns nicht mehr mit Schwierigkeiten identifizieren.

Es ist nicht das „Ich", das sich hier selbst annimmt, sondern das Ich mit all seinen neurotischen Zügen löst sich in der Buddhanatur unseres Geistes auf, die frei von Bewertungen ist. Die Buddhanatur kämpft nicht gegen das vermeintliche „Ich" mit seinen vielen Ängsten und Mauern. Sie ist der Raum selbst und gibt dem leidvollen Haften an einem Ich den Raum, sich zu entspannen. Mehr ist nicht nötig. Das Leid wird erkannt und angenommen. Wir hören auf, uns vor uns selber zu verstecken. Damit hört schon ein Großteil des Leides auf, denn der Kampf hört auf und die leiderzeugenden Muster werden einer liebevollen Bearbeitung zugänglich. Diese besteht vor allem im Entspannen und im Kultivieren neuer, sinnvollerer Haltungen uns selbst und anderen gegenüber. Wir hören auf, vor unserem Leid davonzulaufen.

19. Sich vom Mitgefühl der Buddhanatur durchströmen lassen

In einem weiteren Schritt betonen wir das Geben uns selbst gegenüber: Wir fahren dabei beim Einatmen mit dem Annehmen aller problematischen Aspekte von uns selbst und unseres Lebens fort. Dies können wir uns als eine Wolke von dunklem Rauch oder Licht vorstellen, die wir in die Lichtsphäre in unserem Herzen einatmen. Der Rauch löst sich spurlos in der Weite der Buddha-Lichtsphäre auf. Nichts bleibt übrig, denn in diesem Buddha-Gewahrsein gibt es kein Anhaften. Aus der Weite dieses Gewahrsein strömt unaufhörlich mit jedem Ausatmen ein strahlendes, angenehmes Licht, welches uns ganz und gar durchflutet und erfüllt. Es strömt auch nach außen und umhüllt uns von Kopf bis Fuß. Dieses helle Licht steht für alles, was wir uns wünschen. Es badet uns in den Buddha-Qualitäten von Liebe, Mitgefühl und Weisheit. Es ist Ausdruck davon, daß wir fundamental, auf der tiefsten Ebene unseres Wesens, völlig in Ordnung sind, und daß die Buddhanatur schon immer in uns ist, mit all ihren Qualitäten. Wir lassen uns von diesem Licht bei jedem Ausatmen mehr und mehr erfüllen und umhüllen und machen Wünsche, daß wir die uns innewohnende Buddhanatur voll und ganz erkennen mögen.

  1. Widmen und Übergang in die Praxis im Alltag

Zum Abschluß lasse den Geist im Gewahrsein der Leerheit, der traumgleichen Natur des gesamten Prozesses verweilen. Meditiere in völliger Gelöstheit. Widme dann die entstandene positive Kraft der Erleuchtung aller Wesen. Nach einigen weiteren Augenblicken des Verweilens jenseits aller Bezugspunkte wende dich mit eben solcher Offenheit deinem nächsten Anliegen zu. Handle dabei im Bewußtsein der Illusion (Merkspruch Sechs) und fahre mit der Praxis einfachen, aufmerksamen Gewahrseins fort. Präge dir hilfreiche Merksprüche tief ein, und übe die damit verbundene Haltung bei allen Aktivitäten (Merkspruch Neun). Arbeite kontinuierlich weiter daran, deine Denkweise grundlegend zu ändern.

Bei der bisherigen Übung haben wir es so gemacht, daß wir uns mehrere oder viele Atemzüge zunächst auf das Annehmen und dann auf das Geben konzentriert haben. Das hat uns Zeit gelassen, die beiden Phasen des Prozesses ausführlich kennenzulernen. Jetzt werden wir uns in Übereinstimmung mit dem siebten Merkspruch „Übe Geben und Annehmen im Wechsel, und verbinde beide mit dem Atem" dem steten Wechsel dieser beiden Phasen zuwenden. Das übt unseren Geist in zunehmender Flexibilität. Wir können dabei weniger an Gefühlen festzuhalten. Unser Herz wird durchlässig in beide Richtungen.

  1. Geben und Annehmen von uns selbst in stetem Wechsel

Zunächst entspannen wir Körper und Geist. Der Atem fließt natürlich ein und aus. Mit dem Einatmen lassen wir all unser Leid, all unser Anhaften in Form von dunklem Licht einströmen. Mit dem Ausatmen lassen wir helles Licht, die Qualitäten des Buddha-Geistes, ausströmen. Mit dem Einatmen öffnen wir uns im Annehmen unserer Unvollkommenheit. Mit dem Ausatmen öffnen wir uns im Empfangen unserer wahren Natur. Im Einatmen öffnen wir uns für alle unsere Schwierigkeiten, und im Ausatmen öffnen wir uns für alle unsere Qualitäten. Ein und aus, dunkel und hell, ein steter Wechsel, ein steter Austausch, mal dunkel mal hell, mal hell mal dunkel. In dem Annehmen des einen ist Raum für das andere. Im Ausströmen des Hellen wird das Dunkle angenommen. Im Annehmen des Dunklen wird das Helle entdeckt. So lassen wir den Atem ein- und ausfließen und das Herz sich öffnen. Dabei können wir zwischendurch immer mal wieder eine der beiden Phasen für einige Atemzüge betonen.

So wie wir diese Übung mit uns selbst ausgeführt haben, werden wir sie jetzt schrittweise mit anderen Menschen ausführen. Zunächst haben wir uns unseren eigenen Schwierigkeiten zugewendet und uns selber Liebe zuströmen lassen. Dies macht uns bereit, uns anderen zuzuwenden. Das Gewahrsein unserer eigenen Schwierigkeiten bewahrt uns dabei vor einer arroganten Haltung. Wir üben das Annehmen anderer nicht als „gute Menschen" oder „große Helfer", die sich anderen liebevoll zuwenden und dabei noch stolzer werden, weil sie nun wieder eine gute Tat ausgeführt haben. Wir wenden uns anderen zu, weil uns unser eigenes Anhaften Leid verursacht und weil wir aufgrund dieses Anhaftens ständig mehr Leid in dieser Welt verursachen. Wir sind im Grunde genommen eine Zumutung für diese Welt und arbeiten jetzt daran, etwas weicher und offener zu werden. Glücklicherweise sind wir nicht nur eine Zumutung, sondern sind auch potentielle Buddhas. Diese Entdeckung machen wir, indem wir uns dem offenen Raum in unserem Herzen zuwenden. Und glücklicherweise sind wir auch nicht die einzigen potentiellen Buddhas, sondern teilen dieses Potential mit allen Wesen. So bleibt auch diese Entdeckung nicht unser persönlicher Besitz. Wir teilen sie im Geben mit allen anderen. Wir wissen, daß andere genauso wie wir oder sogar noch mehr leiden, und ahnen, daß wir alle dieselbe Buddhanatur besitzen. Um mit dem Annehmen und Geben in Bezug auf andere nicht überfordert zu sein, beginnen wir in einem ersten Schritt mit einem geliebten Menschen.

Wir haben als Vorbereitung die grundlegenden Gedanken kontempliert, Zuflucht genommen, die vier unermeßlichen Qualitäten kontempliert, den Geist mit der Meditation auf den Atem zur Ruhe kommen lassen, den Buddha des Mitgefühls in unser Herz verschmelzen lassen, haben uns an die traumgleiche Natur aller Erscheinungen erinnert und Annehmen und Geben mit uns selbst praktiziert. Jetzt sind wir bereit für den nächsten Schritt:

  1. Geben und Annehmen mit einem geliebten Menschen

Stelle dir eine Person, die du sehr magst, vor dir vor. Es kann eine geliebte Person sein oder einfach jemand, dem du sehr dankbar bist. Bedenken die Güte dieser Person und auch ihr Leid, bis Liebe und echtes Mitgefühl entstehen. Lasse dann mit dem Einatmen das Leid dieser Person in Form von dunklem Licht oder Rauch in dein Herz strömen. Nimm ihre Trauer, Ängste, Sorgen und Schmerzen, alle ihre Gefühle in Dein Herz auf. Sie verschmelzen in den weiten Raum deines Geistes und lösen sich vollkommen darin auf. Schenke der Person mit dem Ausatmen alles, was sie sich wünschen mag und was ihr zutiefst gut tut. Stelle dir vor, daß sie immer glücklicher wird und ihre Buddhanatur hervorkommt. Setze so den Prozeß des Annehmens aller Schmerzen, allen Leides und aller Negativität und des Gebens alles Gewünschten und Heilsamen fort bis ein völliger Austausch stattgefunden hat. Fühle dich dabei in die andere Person hinein: Worunter leidet sie? Was bedrückt sie? Wonach sehnt sie sich? Was würde ihr Freude bereiten?

Traditionell wurde als Beispiel für diese geliebte Person die eigene Mutter genommen. Doch heutzutage sind die Beziehungen zu den Eltern manchmal sehr belastet, weshalb die Tonglen-Praxis mit Mutter und Vater im Rahmen dieser Einführung erst später angegangen wird. Bei der Übung geht es darum, eine Person zu nehmen, für die wir sehr warme Gefühle haben und zu der unsere Beziehung relativ unbelastet ist. Wenn wir mit dem Wort „geliebte" Person wenig anfangen können, so können wir an jemanden denken, der viel für uns getan hat und wo wir starke Dankbarkeit empfinden. Dies waren früher natürlicherweise Mutter und Vater, die uns großgezogen haben.

Wenn wir uns ganz auf den Austausch einlassen, machen wir eine interessante Entdeckung: Je mehr Negativität wir mit innerer Offenheit und Mitgefühl einatmen, desto mehr Güte können wir ausatmen. Annehmen und Geben bedingen sich gegenseitig. Das ist auch im Alltag so. Wer sein Leben annimmt und auch Schwierigkeiten als Geschenke empfindet, der kann auch unermüdlich weiterschenken. Er ist in ständigem Austausch. Jede Situation hilft ihm oder ihr, sich weiter zu öffnen.

Bevor wir die nächste Übung ausführen, sollten wir Tonglen mit mehreren geliebten Menschen üben. Jedem widmen wir in einer kleinen Sitzung unsere volle Aufmerksamkeit. Dann können wir die Praxis auch auf mehrere geliebte Personen gleichzeitig ausdehnen.