UNTERWEISUNGEN

Der Rote Faden. Zweiter Teil.
Dem Faden folgen.

Lama Lhündrub

23. Geben und Annehmen mit einem weniger nahestehenden Menschen

Jetzt stellen wir uns vor uns eine Person vor, die wir wenig kennen und der gegenüber wir keine besonderen Gefühle haben, sei es der Busfahrer, die Dame an der Kasse im Supermarkt oder wer auch immer. Wir versetzen uns wie vorher mit der geliebten Person so gut wir können in sie hinein und atmen in gleicher Weise all ihr Leid in Form schwarzen Lichtes ein und schenken ihr alles Glück in Form von weißem Licht. Wir führen diesen Austausch fort, bis er sich abgerundet anfühlt.

Um diesen Austausch zu vertiefen, ist es sehr hilfreich, daran zu denken, daß auch diese uns unbekannte Person vermutlich viel für andere (und indirekt vielleicht sogar für uns) getan hat und anderen vermutlich ebensoviel bedeutet wie uns die geliebten Personen, auf die wir zuvor meditiert haben. Diese Person sehnt sich genauso wie wir selbst und alle anderen Menschen danach, glücklich zu sein. Sie möchte genauso wie wir und alle anderen Leid vermeiden und sich von ihrem Leid lösen können. Und genauso wie für uns ist dies keineswegs leicht für sie. Sie ist ebenso wie wir in ihren Gefühlen und Mustern gefangen und strampelt sich vielleicht mühsam ab, den Kopf über Wasser zu halten. Wenn wir uns dies richtig überlegen, sehen wir keinen Grund mehr, diese Person weniger liebevoll zu behandeln und anders für sie zu empfinden als für die von uns geliebten Personen. Wir schenken ihr darum genauso unser Herz, wie den uns nahestehenden Menschen.

An dieser Stelle der Überlegung gehen die buddhistischen Lehrer noch einen Schritt weiter. Sie machen uns klar - was wir allerdings im Moment nicht überprüfen können - , daß wir schon unzählige Male gelebt haben. In diesen unzähligen Existenzen hatten wir jeweils eine Mutter, die sich um uns gekümmert hat, so daß wir nicht sofort gestorben sind, sondern Nahrung und Schutz hatten. Wir verdankten dieser Mutter unser Leben, so wie wir unser jetziges Leben unserer jetzigen Mutter verdanken, beziehungsweise der Person, welche die Rolle unserer Mutter übernommen hat. Eins jedenfalls ist klar: Alleine hätten wir es nicht geschafft, am Leben zu bleiben. Bitte lesen Sie aufmerksam die Kapitel über das Entwickeln von Liebe und Mitgefühl in der traditionellen Literatur.

Und die Argumentation geht noch einen Schritt weiter: Nicht nur hatten wir schon viele Mütter, sondern jedes Lebewesen im Universum sei bereits unzählige Male unsere Mutter gewesen. Und natürlich waren auch wir dann logischerweise bereits unzählige Male die Mutter all dieser Lebewesen. Wenn wir uns diese Sichtweise zu eigen machen, entsteht das Bild eines ungeheuren, unüberschaubaren Beziehungsgeflechtes vor unserem inneren Auge, denn wir waren ja nicht nur Mütter, sondern auch Väter, Brüder, Schwestern, Partner und so weiter. Und selbstverständlich haben wir einander nicht nur Gutes getan, aber das ist hier nicht der springende Punkt. Worauf es ankommt ist, sich bei dieser Kontemplation darauf einzulassen, jeder Person, mit der gleichen Dankbarkeit wie unserer Mutter zu begegnen. Denn das, was eine Mutter für ihr Kind tut (oder auch ein Vater), übersteigt fast alles, was wir uns sonst noch Gutes tun können, und darf auch angesichts all des Leides, das wir einander in diesem Leben und vielleicht in früheren bereits zugefügt haben, nicht in Vergessenheit geraten.

Wir kommen auf dem spirituellen Weg nicht darum herum, unsere Beziehung mit den eigenen Eltern zu klären. Es ist unerläßlich, sich aus einer ablehnenden, verachtenden, lieblosen Haltung ihnen gegenüber zu lösen. Wenn wir unsere Eltern annehmen lernen, werden wir auch uns selbst besser annehmen können. Nun also an die Arbeit, zuerst die Mutter, dann der Vater.

  1. Entwickeln von Dankbarkeit gegenüber unseren Eltern

Kontemplieren Sie in dieser Übung über alles, was Ihre Eltern für Sie getan haben. Beginnen Sie mit der Schwangerschaft, dann die Geburt gefolgt von der Säuglingszeit. Denken Sie an die Zeit, als sie ein kleines Kind waren, dann an die Schulzeit als Kind und Jugendlicher. Erinnern Sie Sich auch an das, was Ihre Eltern vielleicht noch für Sie getan haben, als Sie schon erwachsen waren. Denken Sie mal nur an die positiven Aspekte. Vielleicht wollen Sie Sich sogar Notizen dazu machen.

Um uns zu gebären, hat unsere Mutter zunächst einmal all die Unannehmlichkeiten der Schwangerschaft auf sich genommen. Kennen Sie die Herausforderungen einer Schwangerschaft? (Übung besonders für Männer und für Frauen, die noch kein Kind geboren haben: Notieren Sie mal die Herausforderungen einer Schwangerschaft). Vielleicht hat Ihnen Ihre Mutter auch ein wenig von der Zeit erzählt, als Sie noch in ihrem Bauch waren. Manche Schwangerschaften sind leichter als andere, doch alle sind körperlich, psychisch und sozial eine Herausforderung.

Dann kam die Geburt, was fast immer mit Schmerzen verbunden ist. Manche Frauen bezeichnen diese als die ärgsten Schmerzen ihres Lebens. Auch wenn ihre Mutter vielleicht eine schmerzfreie Geburt erlebte, so war sie doch bereit, durch die Geburt, komme was wolle, hindurchzugehen. Ist das allein nicht schon erstaunlich und Grund zur Dankbarkeit? Auch ein Kaiserschnitt ist sehr unangenehm. Wer würde sich schon einfach den Bauch aufschneiden lassen?

Nach der Geburt kamen die ersten Jahre unserer Kindheit, wo wir völlig unselbständig waren. Für die einfachsten Dinge waren wir auf Hilfe angewiesen. Uns war kalt, wir hatten Hunger, waren durstig, konnten aber noch nicht essen und trinken. Wir machten ständig die Windeln voll, schrien so manches Mal mitten in der Nacht, wurden krank, probierten so manches aus und brachten so manches in Unordnung. Wir hatten keine Ahnung von den vielen Gefahren wie Wasser, Feuer, Hitze und Kälte, Autos, Hunde, was auch immer. Stets kümmerte sich unsere Mutter oder unser Vater um uns, auch wenn es ihnen gerade nicht so paßte. Auch wenn wir Mutter oder Vater vielleicht früh verloren haben, so muß doch eine andere Person diese mütterlichen Funktionen übernommen haben, vielleicht eine Schwester, die zweite Frau unseres Vaters, eine Tante... irgend jemand hat sich um uns gekümmert, und wenn es auch Pflegerinnen in einem Waisenhaus waren. Nur weil es Menschen gab, die dies getan haben, sind wir heute am Leben. Und wir dürfen ihnen dafür dankbar sein, auch wenn uns das Leben bis heute vielleicht nur Probleme gebracht hat. Das Leben ist unser kostbarster Besitz, ohne den wir nicht dem Dharma begegnen könnten.

In der späteren Kindheit und Jugend brachten uns die Eltern und andere Menschen zu Hause, im Kindergarten, in der Schule und bei Freunden die vielen Fertigkeiten bei, die wir für unser tägliches Leben brauchen. Sind Sie Sich dessen bewußt, welche elementare Rolle dabei die Eltern gespielt haben. Sie haben den Rahmen geschaffen und sich um viele Einzelheiten gekümmert. Im Rahmen ihrer emotionalen Möglichkeiten haben sie ihr Bestes getan. Dafür können wir ihnen dankbar sein. Was bringt es, sie anzuklagen für all das, was sie nicht getan haben? Sie waren und sind genauso gefangen wie alle anderen auch in ihren Ängsten und Wünschen, in ihrer Ichbezogenheit. Das darf uns den Blick nicht verstellen für all das Lebenswichtige, was sie für uns getan haben.

Einem König des späten Mittelalters wird folgender grausamer aber sehr erhellender Versuch zu geschrieben: Er ließ mehrere Kinder, vorwiegend Jungen aufs Beste mit allem Lebensnotwendigen versorgen, Nahrung, Kleider, medizinische Behandlung und Unterkunft. Sie wurden von Ammen gestillt und gewaschen, aber niemand durfte auch nur ein einziges Wort mit diesen Kindern sprechen oder mit ihnen spielen. Das traurige Ergebnis dieses Experimentes war, daß alle Kinder starben, bevor sie hätten sprechen können, weil ihnen offensichtlich die menschliche Wärme und Kommunikation fehlte. Wir dürfen daraus schließen, daß wir offenbar dieses Minimum an menschlicher Wärme hatten, um zu überleben. Und in den meisten Fällen haben wir weit mehr als das erhalten. Wir haben allen Grund, dankbar zu sein.

Manche Menschen denken, es wäre ja schließlich die Pflicht der Eltern gewesen, sich um sie zu kümmern. Warum dafür dankbar sein? Nun, zum einen sollten wir auch voller Dank für Menschen sein, die einfach ihrer Pflicht und Verantwortung nachkommen, und zum anderen hätten unsere Eltern ihre Aufgabe tatsächlich auch mit viel weniger Liebe oder gar nicht erfüllen können. Die Liebe der Eltern läßt sich nicht einklagen. Sie bleibt immer ein Geschenk. Und die Eltern geben davon, so viel sie halt können. Dafür können wir dankbar sein. Wenn wir wirkliche Dankbarkeit empfinden, wird die Liebe für unsere Eltern spürbar werden. Wir werden ihnen von ganzem Herzen wünschen können, daß sie glücklich sind. Darum geht es im Rahmen der Tonglen-Praxis. Wir versuchen, uns allen Lebewesen so zu öffnen, daß wir ihnen von Herzen Glück und Erleuchtung wünschen können und es aus Dankbarkeit auf uns nehmen, für ihr Wohl zu arbeiten.

  1. Geben und Annehmen mit unserer Mutter

Wir stellen uns unsere Mutter vor und gehen durch die selben Schritte des Einatmens allen Leides und des Ausatmens von Glück und guten Wünschen wie zuvor. Wir stellen uns vor, wie erleichtert sich unsere Mutter fühlt und wie sie immer mehr vor Glück zu strahlen beginnt. Wir sprechen innerlich immer stärkere Wünsche für ihr Wohlergehen und ihre zukünftige Erleuchtung. Diesen Prozeß setzen wir solange fort, bis wir uns unserer Mutter gegenüber ohne Einschränkungen offen fühlen.

  1. Geben und Annehmen mit unserem Vater

Die Übung mit dem Vater machen wir auf die gleiche Weise. Wir können dabei durchaus auch mit dem Geben und Wünschen beginnen und dann mit dem Annehmen fortfahren. Wir fühlen uns tief in ihn hinein und spüren, was sein Leid und was seine Wünsche und Hoffnungen sind. Das Wichtige ist, ohne jegliche Bewertungen zu bleiben und einfach zu atmen und durchlässiger zu werden. Wir wiederholen diese beiden Übungen, bis es keinerlei Widerstände mehr gibt.

Letzten Endes führen diese Übungen dazu, daß wir erkennen, wie wenig wir und unsere Eltern sich unterscheiden und wie wenig verschieden wir von anderen Menschen sind. Das Geben und Annehmen läßt uns die Liebe und das Mitgefühl, die wir für die uns nächsten Menschen empfinden, auf alle Menschen und schließlich auf alle Lebewesen ausdehnen. Wir begegnen allen Wesen mit der gleichen Offenheit und Zuwendung. Das ist zunächst schwer vorstellbar, aber keineswegs unmöglich. Alle Menschen und Lebewesen gleich zu behandeln bedeutet also nicht, allen gegenüber gleich gleichgültig oder distanziert zu sein, sondern allen gegenüber die gleiche Intensität des Austausches zuzulassen wie mit den Menschen, die wir am meisten lieben.

Um es zu erleichtern, Mitgefühl für uns unbekannte Menschen und Lebewesen zu empfinden, schlagen die buddhistischen Lehrer folgende Brücke: Wenn doch alle Wesen bereits unsere Mütter gewesen sind, dann können wir unsere Gleichgültigkeit ihrem Leid gegenüber dadurch auflösen, daß wir uns vorstellen, es wäre unsere eigene Mutter aus diesem Leben (oder eine andere geliebte Person), welche ihre verschiedenen Leiden zu ertragen hat. Um es anschaulicher zu machen: Wenn wir an einem Bettler vorbeigehen, können wir uns vorstellen, er sei unsere geliebte Mutter. Würden wir dann anders handeln und empfinden? Wenn wir einen Kranken sehen, können wir uns vorstellen, er sei unser geliebter Partner, und so fort. Es lohnt sich, mit solchen Gedanken im Alltag zu arbeiten, um den Panzer der Gleichgültigkeit aufzulösen. Das heißt nicht, daß wir immer gleich etwas Konkretes tun müssen. Es reicht, das Herz zu öffnen und Tonglen zu praktizieren. Alles andere ergibt sich dann von selbst.

  1. Geben und Annehmen mit unserem Partner

Diese Übung können wir auch ausführen, wenn wir nicht in einer Paarbeziehung leben. Wir können einen nahen Freund nehmen, oder jemanden, mit dem wir früher mal zusammengelebt haben. Das Annehmen und Geben ist genauso wie zuvor.

Das regelmäßige Praktizieren von Tonglen mit unserem Partner (ohne daß dieser dafür anwesend sein müßte) wird dazu führen, daß wir uns dem anderen wieder öffnen, wo wir verschlossen waren, daß wir mehr Interesse am anderen entwickeln und besser zuhören. Tonglen entwickelt unsere Bereitschaft zur Kommunikation und unser Einfühlungsvermögen.