Geben
und Annehmen mit für uns schwierigen Menschen
Auch hier ändert
sich die Praxis nicht. Wir arbeiten hier gezielt daran, uns
für die Menschen zu öffnen, die am schwierigsten für
uns sind und wo es überhaupt nicht leicht fällt, Liebe
und Mitgefühl zu empfinden. Wir beginnen stets mit einer
Phase der stillen Meditation auf den Atem. Dann denken wir an
diese Person und vergegenwärtigen uns all ihr Leid. Dieses
atmen wir ein in unser Herz, die Buddha-Lichtsphäre in
unsrem Innersten. Vielleicht sind wir so aufgebracht in Hinblick
auf diese Person, daß wir erst eine ganze Weile Tonglen
mit uns selbst praktizieren müssen, bevor wir auch nur
den Gedanken fassen können, das Leid unserer größten
Herausforderung einzuatmen. Doch geduldig tasten wir uns heran
und atmen zunächst einmal ein ganz kleines bißchen
von dem Leid dieser Person ein.
Dann pausieren
wir etwas und machen einen ganz kleinen positiven Wunsch, wie
zum Beispiel: Ich wünsche ihm, daß er heute keinen
Unfall hat. Ja, sie werden lachen, aber das kann schon ein Riesenfortschritt
gegenüber den negativen Wünschen sein, die uns in
den Sinn kommen, wenn wir tatsächlich von Haß erfüllt
sind. Der Wunsch, jemanden umbringen zu wollen, ist nur die
Spitze einer Vielfalt negativer Wünsche. Nach einer erneuten
Pause, nehmen wir wieder etwas von dem Leid dieser Person an,
vielleicht eine Sorge, die sie drückt, und machen wieder
einen kleinen Wunsch, zum Beispiel, daß sie kein Kopfweh
habe, und so weiter... Wir nehmen immer umfassendere schwierige
und leidvolle Aspekte dieser Person im Herzen an und machen
immer umfassendere Wünsche.
Wir fahren damit
so lange fort, eventuell in mehreren Sitzungen, bis wir dieser
Person von ganzem Herzen wünschen können glücklich
zu sein und Erleuchtung zu erreichen - und das auch noch
vor uns! Wir wünschen diesem Menschen Glück und Erfolg
im Privaten wie im Beruf und auf dem spirituellen Weg. Bei unseren
Wünschen gehen wir so weit, ihm sogar zu wünschen,
daß er in allen Bereichen glücklicher und erfolgreicher
sein möge als wir selbst.
Können Sie
Sich das vorstellen? Es ist wirklich ein weiter Weg, dies allen
Menschen ohne Ausnahme wünschen zu können. Aber im
Grunde genommen finden wir erst dann Frieden im Herzen. Wir
sollten mit der Tonglen-Praxis fortfahren, bis wirklich auch
die letzten Barrieren geschmolzen sind. Das ist der Sinn der
Praxis.
Nachdem wir nun
die schwierigste Anwendung der Praxis des Gebens und Nehmens
kennengelernt haben, können wir diese Praxis noch weiter
ausweiten. Die Möglichkeiten hierzu seien im Überblick
angedeutet:
- Das Ausweiten und Vertiefen
der Tonglen-Praxis
Wir können
nun auch in Bezug auf ganze Personengruppen das Tonglen praktizieren,
zum Beispiel alle Bewohner unseres Hauses oder unseres Wohnblocks,
oder alle Leute in einem Krankenhaus, in einem Gefängnis,
in einem Kaufhaus usw. Dies läßt sich ausweiten,
bis wir mit ganzen Daseinsbereichen praktizieren, zum Beispiel
mit allen Menschen, allen Tieren und mit allen unsichtbaren
Wesen.
Wir können
Geben und Nehmen mit jedem Menschen praktizieren, an den wir
denken. Wir können auch spezifischer vorgehen und Tonglen
in Bezug auf typische Situationen praktizieren, die für
uns schwierig sind, zum Beispiel kritisiert zu werden, betrogen
zu werden, oder zu verlieren und so weiter.
Das Gleiche
können wir mit Emotionen machen: Wir stellen uns Situationen
vor, in denen Neid, Begierde, Angst, Eifersucht, Wut, Stolz
und dergleichen Gefühle auftauchen, und atmen das damit
verbundene Leid von uns selbst und allen Wesen ein. Gleichzeitig
machen wir Wünsche für gegenwärtige und zukünftige
Situationen dieser Art und stellen uns vor, wie alle Beteiligten
von weißem Licht durchflutet und in ihrer Buddhanatur
berührt werden. So können wir schlußendlich
Geben und Nehmen in jeder Situation unseres Lebens zur Anwendung
bringen. Tonglen-Praxis wird dadurch zu unserem ständigen
Begleiter.
- Geben und Annehmen bei Krankheit
oder Problemen
Liegen wir krank
im Bett, haben Fieber, Kopfschmerzen oder auch eine chronische
Krankheit, dann können wir uns vorstellen, daß das
Leid aller Wesen mit ähnlichen Beschwerden in uns verschmilzt.
Wir atmen ihr Leid in die betroffene Körperstelle ein.
Dabei wünschen wir ihnen, daß sie dadurch von diesem
Leid befreit sein mögen. Mit dem Ausatmen schicken wir
ihnen Erleichterung und Genesung.
Genauso können
wir vorgehen, wenn wir ein Problem haben. Während wir unser
Problem voll und ganz annehmen und in den Buddha im Herzen einatmen,
stellen wir uns vor, daß wir zugleich auch das Leid aller
Wesen mit ähnlichen Problemen einatmen. Wir wünschen
ihnen, daß sie dauerhaft von diesen Schwierigkeiten befreit
sein mögen.
- Nutzen unserer eigenen Emotionen
zum Annehmen der Emotionen anderer