UNTERWEISUNGEN

Der Rote Faden. Zweiter Teil.
Dem Faden folgen.

  1. Lama LhündrubGeben und Annehmen mit für uns schwierigen Menschen
  2. Auch hier ändert sich die Praxis nicht. Wir arbeiten hier gezielt daran, uns für die Menschen zu öffnen, die am schwierigsten für uns sind und wo es überhaupt nicht leicht fällt, Liebe und Mitgefühl zu empfinden. Wir beginnen stets mit einer Phase der stillen Meditation auf den Atem. Dann denken wir an diese Person und vergegenwärtigen uns all ihr Leid. Dieses atmen wir ein in unser Herz, die Buddha-Lichtsphäre in unsrem Innersten. Vielleicht sind wir so aufgebracht in Hinblick auf diese Person, daß wir erst eine ganze Weile Tonglen mit uns selbst praktizieren müssen, bevor wir auch nur den Gedanken fassen können, das Leid unserer größten Herausforderung einzuatmen. Doch geduldig tasten wir uns heran und atmen zunächst einmal ein ganz kleines bißchen von dem Leid dieser Person ein.

    Dann pausieren wir etwas und machen einen ganz kleinen positiven Wunsch, wie zum Beispiel: Ich wünsche ihm, daß er heute keinen Unfall hat. Ja, sie werden lachen, aber das kann schon ein Riesenfortschritt gegenüber den negativen Wünschen sein, die uns in den Sinn kommen, wenn wir tatsächlich von Haß erfüllt sind. Der Wunsch, jemanden umbringen zu wollen, ist nur die Spitze einer Vielfalt negativer Wünsche. Nach einer erneuten Pause, nehmen wir wieder etwas von dem Leid dieser Person an, vielleicht eine Sorge, die sie drückt, und machen wieder einen kleinen Wunsch, zum Beispiel, daß sie kein Kopfweh habe, und so weiter... Wir nehmen immer umfassendere schwierige und leidvolle Aspekte dieser Person im Herzen an und machen immer umfassendere Wünsche.

    Wir fahren damit so lange fort, eventuell in mehreren Sitzungen, bis wir dieser Person von ganzem Herzen wünschen können glücklich zu sein und Erleuchtung zu erreichen - und das auch noch vor uns! Wir wünschen diesem Menschen Glück und Erfolg im Privaten wie im Beruf und auf dem spirituellen Weg. Bei unseren Wünschen gehen wir so weit, ihm sogar zu wünschen, daß er in allen Bereichen glücklicher und erfolgreicher sein möge als wir selbst.

    Können Sie Sich das vorstellen? Es ist wirklich ein weiter Weg, dies allen Menschen ohne Ausnahme wünschen zu können. Aber im Grunde genommen finden wir erst dann Frieden im Herzen. Wir sollten mit der Tonglen-Praxis fortfahren, bis wirklich auch die letzten Barrieren geschmolzen sind. Das ist der Sinn der Praxis.

    Nachdem wir nun die schwierigste Anwendung der Praxis des Gebens und Nehmens kennengelernt haben, können wir diese Praxis noch weiter ausweiten. Die Möglichkeiten hierzu seien im Überblick angedeutet:

  3. Das Ausweiten und Vertiefen der Tonglen-Praxis
  4. Wir können nun auch in Bezug auf ganze Personengruppen das Tonglen praktizieren, zum Beispiel alle Bewohner unseres Hauses oder unseres Wohnblocks, oder alle Leute in einem Krankenhaus, in einem Gefängnis, in einem Kaufhaus usw. Dies läßt sich ausweiten, bis wir mit ganzen Daseinsbereichen praktizieren, zum Beispiel mit allen Menschen, allen Tieren und mit allen unsichtbaren Wesen.

    Wir können Geben und Nehmen mit jedem Menschen praktizieren, an den wir denken. Wir können auch spezifischer vorgehen und Tonglen in Bezug auf typische Situationen praktizieren, die für uns schwierig sind, zum Beispiel kritisiert zu werden, betrogen zu werden, oder zu verlieren und so weiter.

    Das Gleiche können wir mit Emotionen machen: Wir stellen uns Situationen vor, in denen Neid, Begierde, Angst, Eifersucht, Wut, Stolz und dergleichen Gefühle auftauchen, und atmen das damit verbundene Leid von uns selbst und allen Wesen ein. Gleichzeitig machen wir Wünsche für gegenwärtige und zukünftige Situationen dieser Art und stellen uns vor, wie alle Beteiligten von weißem Licht durchflutet und in ihrer Buddhanatur berührt werden. So können wir schlußendlich Geben und Nehmen in jeder Situation unseres Lebens zur Anwendung bringen. Tonglen-Praxis wird dadurch zu unserem ständigen Begleiter.

  5. Geben und Annehmen bei Krankheit oder Problemen
  6. Liegen wir krank im Bett, haben Fieber, Kopfschmerzen oder auch eine chronische Krankheit, dann können wir uns vorstellen, daß das Leid aller Wesen mit ähnlichen Beschwerden in uns verschmilzt. Wir atmen ihr Leid in die betroffene Körperstelle ein. Dabei wünschen wir ihnen, daß sie dadurch von diesem Leid befreit sein mögen. Mit dem Ausatmen schicken wir ihnen Erleichterung und Genesung.

    Genauso können wir vorgehen, wenn wir ein Problem haben. Während wir unser Problem voll und ganz annehmen und in den Buddha im Herzen einatmen, stellen wir uns vor, daß wir zugleich auch das Leid aller Wesen mit ähnlichen Problemen einatmen. Wir wünschen ihnen, daß sie dauerhaft von diesen Schwierigkeiten befreit sein mögen.

  7. Nutzen unserer eigenen Emotionen zum Annehmen der Emotionen anderer

Ob es nun Begierde, Ärger, Haß, Eifersucht, Neid, Stolz oder bloße Dummheit sind, die wir erfahren - wir nutzen sie alle als Grundlage der Tonglen-Praxis, indem wir die entsprechende Emotion aller Wesen darin verschmelzen und annehmen. Mit dem Ausatmen schenken wir ihnen (und uns selbst) Gelöstheit, Geduld, Mitgefühl, Freude, Wohlwollen, Bescheidenheit, Weisheit und dergleichen. Wir nehmen Verlust und Niederlage auf uns und schenken ihnen Gewinn und Sieg. Wir brauchen uns keine Sorge um uns selbst zu machen, denn wir haben Zuflucht und innere Öffnung gefunden. Jetzt können wir anderen aus dem unendlichen Raum im Herzen Zuflucht und Offenheit zukommen lassen.

Wir sollten bei allen diesen Übungen allerdings nicht vergessen, selbst immer wieder Zuflucht zu nehmen und die entstehende positive Kraft zum Abschluß der Übungen zu widmen. Doch brauchen wir mit in einer Situation im Alltag mit der Tonglen-Praxis keineswegs zu warten, bis wir ein Zufluchtsgebet rezitiert haben. Geben und Nehmen geschieht dann völlig spontan, ganz einfach weil es die angemessene Verhaltensweise in allen Situationen ist. Nur sollte man dabei nicht in die Falle tappen zu denken, „Ich" würde Tonglen praktizieren. Dann ist die ganze Praxis für die Katz‘ und macht einen nur noch stolzer. Dem wirkt das Zufluchtnehmen und Widmen entgegen.

C. Das Arbeiten mit den Merksprüchen des Geistestrainings

Zusätzlich zu diesen Übungen sollten wir uns ausführlich mit den Merksprüchen befassen, denn es gehört noch sehr viel mehr zum Geistestraining als nur die Praxis des Gebens und Annehmens. Die Merksprüche sind der zweite Pfeiler des Geistestrainings. Sie seien Ihnen deshalb jeweils mit einigen Stichpunkten vorgestellt.

Die vollständige Arbeit mit einem Merkspruch beinhaltet,

(a) sich die Erklärungen dazu in der nachfolgenden Übersicht, im Großen Pfad des Erwachens und in Beginne, wo du bist durchzulesen,

(b) persönliche Erklärungen dazu von einem Lehrer zu erbitten und

(c) diesen Merkspruch dann so lange im Alltag zur Anwendung zu bringen, bis er tief in uns verwurzelt ist.

Wir können uns einzelne Sätze abschreiben und sie zum Beispiel als Erinnerungskärtchen für eine Weile bei uns tragen oder sie an unserem Arbeitsplatz oder neben dem Telefon aufstellen. Wenn wir davon ausgehen, daß wir jeden dieser Merksprüche für eine Woche in den Mittelpunkt unserer Praxis stellen, dann brauchen wir ein gutes Jahr für den ersten gründlichen Durchgang. Darauf folgen weitere Jahre der Vertiefung und Integration.

 

<<<