UNTERWEISUNGEN
Das erleuchtete
Wirken der Gyalwa Karmapas
Einführung
Die Motivation
beim Empfangen der Unterweisungen
Zu
Beginn einer jeden Unterweisung ist es wichtig, dass wir uns daran
erinnern, was unsere eigentliche Motivation ist. Wir sind hierher
gekommen, um mit Hilfe dieser Erläuterungen den spirituellen
Weg ein wenig besser zu verstehen und so anderen besser helfen
zu können. Zu Beginn jeder Unterweisung im Dharma sollten
wir uns an dieses Ziel unseres spirituellen Weges erinnern. Ein
Bodhisattva wünscht sich zutiefst, alle Wesen aus dem Leid
zu befreien und zur Buddhaschaft zu führen. Um dieses hohe
Ziel verwirklichen zu können, müssen wir als erstes
in aller Bescheidenheit an uns selbst arbeiten und selber Befreiung
erlangen. Wie sonst sollten wir je in der Lage sein, anderen wirklich
grundlegend zu helfen?
Ohne
persönliche Dharmapraxis werden wir anderen immer nur helfen
können, es ein wenig besser im Kreislauf leidvoller Existenzen
zu haben, aber wir werden nicht in der Lage sein, ihnen den Weg
aus diesem Kreislauf heraus zu zeigen. Wenn wir genau hinschauen,
sehen wir, dass auch diejenigen unter uns, denen es im Moment
recht gut geht, im Ichanhaften feststecken und Opfer ihrer eigenen
Emotionen sind. Aufgrund von Unwissenheit, dem Glauben an die
Existenz eines Ich oder Selbst, entstehen pausenlos Anhaftung
und Ablehnung in unserem Geist, gefolgt von Emotionen wie Begierde,
Hass, Stolz und Eifersucht. Daraus müssen wir uns befreien,
bevor wir anderen tiefergehend helfen können. Der Wunsch,
sich und andere aus der Verstrickung in emotionale Verblendung
zu befreien und die Erleuchtung zum Wohle aller Wesen ohne Ausnahme
zu erreichen, wird das Hervorbringen des Erleuchtungsgeistes genannt.
Handlungen,
die mit dem Dharma zu tun haben, wie z.B. den Dharma unterrichten
oder einer Unterweisung zuhören, führen wir nicht einfach
aus, weil wir gerade Lust dazu haben, sondern weil eine Notwendigkeit,
ein echtes Bedürfnis besteht. Ich lese eine Unterweisung,
weil ein aufrichtiges Bedürfnis besteht, weiter zu kommen,
den Dharma tiefer zu verstehen, mich aus alten Mustern zu lösen.
Und wir können das nicht alleine. Den Dharma verstehen die
meisten von uns nicht von selbst, einfach nur so aus gutem Willen
und spontaner Eingebung heraus, sondern es braucht dazu neben
unserer Öffnung und Bereitwilligkeit auch jemanden, der uns
den Weg zeigt.
Wir
schaffen es einfach nicht, uns selbst an den Haaren aus dem Sumpf
herauszuziehen, weil wir nicht die Kraft haben. Je mehr wir uns
im Schlamm unserer Ichbezogenheit abstrampeln, desto mehr verstricken
wir uns in unseren Mustern. Wir stecken bereits so tief in den
Schwierigkeiten, dass wir jemanden brauchen, der uns vom trockenen
Ufer herauszieht, der uns eine Hand reicht und uns den Weg zeigt.
Das ist die Aufgabe der Lehrer. Alle Lehrer waren selber in dieser
Situation und wissen bestens, was es bedeutet, in Emotionen gefangen
zu sein, nicht richtig verstehen zu können und nur einen
ganz kleinen Teil von dem, was man zunächst in den Dharma-Unterweisungen
hört, aufnehmen und behalten zu können.
Alle
Lehrer haben einmal angefangen damit, in ihren Ängsten und
Hoffnungen fest zu stecken, in ihren Projekten, in ihren Erinnerungen
und Identifikationen, in dem, was wir normalerweise Samsara
nennen, den Daseinskreislauf. Samsara ist der Kreislauf des Ichanhaftens,
der zu immer wieder neuem Ichanhaften führt. Aus diesem Anhaften
an den eigenen Vorstellungen und Emotionen heraus zu finden, ist
allein mit dem Ich nicht möglich. Das Ich führt immer
wieder nur zur neuen Verstärkung des Ich. Wir müssen
Loslassen lernen, diese festen Muster und Vorstellungen, die sich
unserem Geistesstrom eingeprägt haben, loszulassen, und uns
den Weg zeigen lassen, hilfreichere Denkweisen, Sichtweisen und
Verhaltensweisen zu entwickeln.
Jemand,
der den Weg aus Samsara, dem Kreislauf der Ichbezogenheit, heraus
geht, ist in dem Maße, wie er sich selbst daraus befreit,
in der Lage, anderen zu helfen. Aber er kann nur so weit helfen,
wie er selbst den Weg kennt. Es ist schwer möglich, jemandem
den Weg weiter zu zeigen, als man selbst gegangen ist. Von daher
ist es für jemanden, der sich wirklich auf den Weg begibt
und Mitgefühl entwickelt, ganz natürlich das höchste
Ziel, so weit auf diesem Weg zu gehen wie möglich, in diesem
Leben und in späteren Leben, um immer besser anderen helfen
zu können. Wenn ich nur ein kleines Stück der Wegstrecke
kenne, kann ich auch nur denen helfen, die gerade dieses kleine
Stück der Wegstrecke gehen möchten. Wenn ich den ganzen
Weg kenne, kann ich sie den ganzen Weg führen. Wenn ich nur
ein kleines Stück gegangen bin, ohne das Ende des Weges zu
kennen, kann ich mir zudem gar nicht sicher sein, in die richtige
Richtung gegangen zu sein. Deswegen ist es eigentlich unerlässlich,
mit ganzer Kraft den spirituellen Weg bis ans Ende zu gehen, um
dann mit voller Verwirklichung anderen den Weg zeigen zu können.
Die
Motivation, den Weg wirklich ganz und gar zu gehen, bis zur Erleuchtung,
ohne unterwegs Halt zu machen und sich wieder in Mustern der Ichbezogenheit,
wie z.B. Stolz, zu verfangen, ist Teil der Bodhisattva-Motivation.
Bodhisattvas richten sich ganz auf die Erleuchtung aus und zwar
nicht nur zum eigenen Nutzen, sondern zum Nutzen aller Wesen.
Sie merken, dass das eigene Wohlergehen und das Wohlergehen anderer
eng miteinander verknüpft sind. Weil sie wirklich ihr Herz
öffnen, macht es sie nicht mehr glücklich, nur alleine
glücklich zu sein. Das Gewahrsein des Leides anderer ist
wie ein kleiner Bewusstseinsstachel inmitten all des persönlichen
Glücks der persönlich erlebten Freiheit. Wir müssen
immer wieder an die anderen Wesen denken und sagen uns: "Ich
kann die nicht alleine sitzen lassen!"
Bodhisattvas
entschließen sich deshalb, immer wieder in diese Welt zu
kommen, obwohl sie die Möglichkeit hätten, in den reinen
Bereichen erleuchteten Gewahrseins zu verweilen. Sie nehmen immer
wieder Geburt an, um anderen, die noch kräftig in diesem
Kreislauf des Ichanhaftens rudern, beizustehen. Sie sehen, dass
wahres Glück eigentlich nur gemeinsam zu verwirklichen ist.
Die persönliche Befreiung aus den ichbezogenen Mustern der
Dualität ist dabei die Voraussetzung dazu, anderen helfen
zu können. Wenn wir selber nicht mehr unter dieser ichbezogenen
Anspannung stehen und frei sind von dem Druck, uns aus dem Leid
befreien zu müssen, dann entsteht ganz automatisch der Wunsch,
für andere da zu sein.
Diese
Motivation einerseits wirklich den Weg selber bis ans Ende
gehen zu wollen und andererseits sich auf die Erleuchtung sämtlicher
Wesen auszurichten, weil man versteht, dass echtes Glück
nur möglich ist, wenn alle Wesen Erleuchtung erlangen
bildet das, was wir die Bodhisattva-Motivation nennen.