UNTERWEISUNGEN
Das erleuchtete
Wirken der Gyalwa Karmapas
Einführung
Der Vierte Karmapa, Rölpä
Dordje (1340 - 1383)
Wie vorhergesagt
wurde Karmapa alsbald in der Provinz Kongpo wiedergeboren. Bereits
in der Gebärmutter konnte man ihn das Mantra "Om Mani Peme
Hung" rezitieren hören und oft nahm das Kind seltsame Haltungen
im Bauch der Mutter ein, die sie zum Zittern brachten. Sobald
er geboren wurde saß er mit gekreuzten Beinen und sagte
"Om Mani Peme Hung, Hri! Ich bin der Karmapa" Dann rezitierte
er die Silben des Sanskrit-Alphabets. Sein Vater war sehr skeptisch,
aber seine Mutter sagte ihm, er solle sich keine Sorgen machen,
da sie viele glückverheißende Träume gehabt hatte.
Mit drei Jahren sagte das Kind zu seiner Mutter: "Ich bin die
Wiedergeburt von Karma Pakschi und werde viele Schüler in
dieser Welt haben – warte einfach ab und schau!" Er nahm die Meditationshaltung
von Amitabha, dem Buddha des Grenzenlosen Lichtes, ein und bat
seine Mutter niemanden von ihrer Unterhaltung wissen zu lassen.
Dann fügte er hinzu, dass er eines Tages nach Tsurphu und
Karma Gön in seine Klöster gehen würde und dass
er auch bereits viele Schüler im Palast des Kaisers von China
hätte.
Bald darauf fand
ihn der Suchtrupp des Klosters und brachte ihn in Gampopas Kloster
in Dhagpo, wo er auf die Statuen der vergangenen drei Karmapas
deutete und zu jeder einzelnen von ihnen sagte: "Das bin ich!"
Dann begann eine Zeit der Studien und der Meditation bei den besten
Lehrern, wie sie für alle Karmapas üblich geworden ist.
Schnell meisterte er alles, was ihm übertragen wurde, und
mit achtzehn Jahren bat er Gyalwa Jungtönpa (1296
- 1376), einen weiteren seiner wichtigen Schüler aus
dem letzten Leben, ihm die Lehren Tilopas weiterzugeben. Jungtönpa
bat ihn um einen Beweis, dass er wirklich der Karmapa sei, und
so erzählte der junge Lama ihm viele Details aus den Reisen
zu den mongolischen Kaisern und durch ganz Tibet. Einmal gab er
eine ausführliche Beschreibung des Kaiserpalastes in China
mit der genauen Anzahl der Bewohner und vielen ihrer Namen. Er
sagte zu seinen Zuhörern: "Merkt es Euch gut und vergleicht
es dann mit dem, was ihr finden werdet, wenn wir dort sind."
Rölpä Dordje
war sehr genau im Befolgen aller Regeln des Vinaya. Er verbot
es zudem, dass irgend jemand auch nur ein Stück Fleisch in
seine Gegenwart brachte. Auch hatte er stets viele Bücher
um sich herum und es hieß, dass er sie im Traum lesen konnte.
Er beherrschte sechzig verschiedene Schriftarten und überraschte
seine Lehrer stets mit seinem immensen Wissen.
1360 kam er in China
an, wo ihn der Mongolenkaiser Toghon Temur, Schüler aus dem
früheren Leben, freudig begrüßte. Einmal geschah
es, dass seine Unterweisung spontan von all den Anwesenden aus
verschiedenen Ländern in ihrer eigenen Sprache gehört
werden konnte. Er verbreitete seine segensreiche Aktivität
überall wie zuvor, bis sah. dass es Zeit war, zurück
nach Tibet zu gehen. Er sah große leidvolle Veränderungen
auf den Kaiserthron und China zukommen, die es unmöglich
machen würden, den Frieden zu wahren. Diesen vollzogen sich
1368 mit dem Fall der mongolischen Kaiser, auf die der 1. Kaiser
der chinesischen Ming Dynastie folgte.
1361 wurde ein Hirtenjunge
zu ihm gebracht, um die Novizen-Ordination zu erhalten. Aber statt
dieser gewährte der Karmapa ihm die volle Ordination und
machte eine Vorhersage, dass dieser Junge ein großer spiritueller
Meister werden würde. Dies war der große Lehrer Tsongkhapa,
der spätere Begründer der Gelugpa Schule.
Auf dem Weg nach
Karma Gön, während er den Shamnam Fluss überquerte,
begegnete er der sechsjährigen Inkarnation des Shamarpa,
die sich bereits anderen gegenüber als solche bezeichnet
hatte, inthronisierte ihn und gab ihm, dem Zweiten Shamarpa, den
Namen Katschö Wangpo (1350- 1405). Der Karmapa
sagte zu ihm:
"Du bist die
eine Manifestation, während ich die andere bin.
Die Verantwortung,
die Linie der Kagyü Übertragung
kontinuierlich,
ohne jede Unterbrechung aufrecht zu erhalten,
liegt demnach genauso
wie bei mir auch bei Dir."
Die Umstände
seines Todes sind recht außerordentlich: Bereits in Karma
Gön, bei voller Gesundheit, machte er folgende Andeutung:
"Ich werde nicht jetzt gleich sterben. Ängstigt euch nicht!
Aber später, falls ich an einem reinen Ort krank werden sollte,
wo es viel Rotwild gibt, dann verstreut bitte nicht meine Bücher!"
Bevor er sich in die nördliche Region von Tschang aufmachte,
machte er eine weitere Andeutung: "Ich vermute, dass es wenig
Feuerholz im Norden gibt, schlagt deshalb eine große Menge
Wacholder und nehmt das Holz mit auf den Weg." (Wacholder ist
besonders geeignetes Holz für Verbrennungen.) Karmapa reiste
dann weit hoch in den Norden zu einem einzeln stehenden Berg und
lehrte überall ausführlich. Er schlug das Lager an dem
kahlen Bergabhang auf und sagte: "Wenn die Überreste
eines guten Mönches auf der Spitze dieses Berges verbrannt
würden, dann werden die chinesischen Truppen nicht nach Tibet
einfallen!" Dann, im Alter von 44 Jahren, begann er Anzeichen
von Unwohlsein zu zeigen. Elf Tage später, am Vollmondtag,
packte er alle seine persönlichen Texte und Ritualgegenstände
zusammen und erklärte, dass sie sorgfältig für
seine nächste Inkarnation aufgehoben werden sollten, die
in Nyang Dam wiedergeboren werden würde. Dann umwandelte
er die heiligen Objekte fünfundfünfzig Mal und verließ
seinen Körper. Seine Überreste wurde auf dem Berg dem
Kremationsfeuer übergeben, wobei viel glückverheißende
Zeichen auftraten: Regenbögen, funkelnde Lichter, die Erde
bebte und Blumen regneten herab. Schüler sahen ihn im Himmel
inmitten eines Regenbogenkreises, auf einem Löwen reitend
und auf Sonne, Mond und Sternen sitzend. Viele Reliquien wurden
im Feuer gefunden.
Vor seinem Tod hatte er den zweiten
Shamarpa als seinen offiziellen Nachfolger bestimmt, der ihn im
folgenden Leben inthronisieren und ihm alle Übertragungen
weitergeben solle.