UNTERWEISUNGEN

Das erleuchtete Wirken der Gyalwa Karmapas
Einführung

Der fünfte Karmapa Deschin Schegpa (1384- 1415)

Der fünfte Karmapa, der ebenfalls weit durch Tibet, die Mongolei und China reiste, bekam von dem ihm völlig ergebenen chinesischen Kaiser Tai Ming Chen (Taming Yunglo) im Jahre 1407 das Angebot, dieser könne mit seiner Macht dafür sorgen, dass es nur noch eine Schule, nämlich die der Karma Kagyüpas gäbe, dass er alle vier Schulen zu einer unter der Leitung von Karmapa verschmelzen wolle. Doch Deschin Schegpa erklärte ihm, dass dies keinesfalls sein Wunsch wäre und auch keinen Nutzen für die Menschheit brächte, da es vielfältige Methoden der Unterweisung bräuchte und in Wirklichkeit alle buddhistischen Schulen eine einzige große Familie seien. Er erklärte, dass die vier Schulen wie vier Eingangstore zum Dharma wären, die sich aufgrund der unterschiedlichen Neigungen und Leiden der Lebewesen entwickelt hätten. Trotz des Druckes seiner Minister folgte der Kaiser dem Rat des Karmapa und zog seine Truppen, die er bereits in großer Zahl für einen Einfall hatte mobilisieren lassen, von der tibetischen Grenze ab. Der Kaiser Yunglo erklärte Karmapa aber dennoch offiziell zum höchsten spirituellen Führer Tibet, was etwa der Ernennung zum König gleichkam.

Eines Tages sah der Kaiser während einer Zeremonie aufgrund seiner Hingabe den schwarzen Vajra-Hut aus den Haaren von hunderttausend Dakinis, der alle Inkarnationen der Karmapas unsichtbar für normale Augen bereits seit der Zeit schmückt, wo er sich als der Siddha Lodrö Rintschen in Indien manifestierte. Er sah diesen Hut über dem Kopf des Karmapa schweben und erlebte, welch tiefer Segen davon ausströmte. Er bat darum, eine Kopie dieser Krone anfertigen lassen zu dürfen, die auch für andere Menschen sichtbar wäre. der Karmapa gab seine Zustimmung. Seit dieser Zeit tragen die Karmapas zu speziellen Anlässen diese schwarze Krone, welche die Kraft besitzt, allein dadurch dass man sie sieht, Befreiung von Samsara zu schenken. Seit dieser Zeit, wo der Karmapa in Peking unter anderem einmal achtzehn Tage lang (einige sagen: 100 Tage) jeden Tag ein Wunder vollbrachte, wird er der "Lebende Buddha" genannt.

Im Jahre 1413 inthronisierte der Karmapa den dritten Shamarpa Tschöpäl Jesche (1406–1452). Nachdem er Vorhersagen für seine nächsten Wiedergeburt gegeben hatte, verließ Deschin Schegpa nach nur 31 Jahren seinen Körper.

Zwischenbemerkung: Die Anerkennung tibetischer Meister als spirituelle Lehrer an den Höfen der Kaiser und Könige in China und der Mongolei brachte Tibet den Schutz dieser mächtigen Herrscher und bewahrte es vor dem Einfall fremder Truppen. Einige spirituelle Würdenträger wurden sogar zu Herrschern im Rang von Königen in Tibet ernannt. Dies ermöglichte ihnen, viel für das Wohl der Menschen zu tun, aber es brachte auch die Institutionalisierung einer politisch-religiösen Hierarchie mit ihren Titeln und Thronen – was in den ersten Jahrhunderten der Ausbreitung des Dharma in Tibet nicht der Fall gewesen war. Dies sollte große Auswirkungen haben, weil damit eine Verquickung von Religion und Politik geschaffen wurde mit großen Abhängigkeiten und allen Möglichkeiten für Machtmissbrauch, Neid und Rivalität. So mancher religiöser Würdenträger verlor in seiner Abhängigkeit von reichen Herrschern seine Entscheidungsfreiheit und konnte als Folge seiner Verwicklung in politische Geschäfte sein spirituelles Potential nicht voll entwickeln.