UNTERWEISUNGEN
Der neunte
Karmapa Wangtschug Dordje (1556- 1603)
Karmapa
setzte sich unmittelbar nach seiner Geburt – wie andere Karmapas
vor ihm auch – mit gekreuzten Beinen hin und sagte "Ich bin
der Karmapa", aber dann blieb er für drei Tage so sitzen
und wollte sich nicht hinlegen. Der Vater wurde von solcher Ehrfurcht
erfasst, dass er begann, Niederwerfungen vor dem meditierenden
Baby auszuführen. Daraufhin stand dieses auf, sagte "Om,
Ah, Hung!" und lachte. Mit achtzehn Tagen konnte er laufen
und war völlig unabhängig.
Der
neunte Karmapa war ein großer Mahamudra Lehrer und zugleich
die führende Figur im Staat Tibet. Damals war es noch so,
dass sich der dritte Gyalwa Rinpotsche, der später als dritter
Dalai Lama bekannt wurde, sich dem offiziellen Protokoll zufolge
respektvoll vor ihm verbeugen musste. Dies hat sich dann im Strom
der Geschichte geändert. Es sei hier erwähnt, weil solche
eher politischen Aspekte der äußeren Rangordnung manchmal
mit spiritueller Verwirklichung verwechselt werden.
Wangtschug
Dordje schrieb unter anderem das Mahamudra Kompendium "Ozean
des wahren Sinnes", das uns noch heute als Anleitung für
den Weg der Meditation dient. Er inthronisierte den sechsten Shamarpa
Garwang Tschökyi Wangtschug (1584- 1629), den
fünften Situ, den fünften Gyaltsab und den dritten Pawo
Tulku. Inzwischen gab es bereits eine ganze Anzahl solcher Tulku
Linien und es war des Karmapas Aufgabe, jeweils die Wiedergeburten
zu identifizieren. Er hinterließ dem Shamarpa all seine
persönlichen Gegenstände und die Aufgabe, die Linie
weiterzuführen, aber er machte diesmal keinerlei Angaben
zu seiner nächsten Wiedergeburt.
Zu
diesem Zeitpunkt war die Karma Kagyü Linie aufgrund der Aktivität
ihrer großen Meister die bekannteste und einflussreichste
der buddhistischen Schulen in Tibet. Auch die Kontakte mit den
chinesischen Kaisern hielten an. Shamar Tschökyi Wangtschug
unterrichtete dort und veranlasste einen Neudruck des gesamten
buddhistischen Kanons (Kangyur und Tängyur).
Die
Konflikte zur Zeit des Zehnten Karmapa Tschöjing Dordje (1604-
1674)
Aus
China zurückgekehrt fand und inthronisierte Shamarpa den
zehnten Karmapa. In Tibet selbst herrschten große Spannungen
und es sah nach Bürgerkrieg aus. Doch der Shamarpa konnte
die streitenden Herrscher an die Grundprinzipien des Dharma erinnern
und so einen Krieg verhindern. Dann reiste er auf Einladung des
Königs nach Nepal, wo er viele neue Schüler unterrichtete.
Der
zehnte Karmapa war ebenso erstaunlich früh reif wie seine
Vorgänger: Mit sieben Jahren debattierte er bereits öffentlich
in Anwesenheit von fünfhundert Mönchen über Themen
wie Buddhas Lebensgeschichte, die Bodhisattva Lehren und philosophische
Aspekte der Madhyamaka Sichtweise. Einige Tage darauf insistierte
er auf einem Spaziergang, dass ein riesiger weißer Fels
aus der Mitte des Flusses geholt und aufgebrochen würde.
Er ließ sich von keinerlei Einwänden davon abbringen.
Als der Stein entzwei war, zeigte sich, dass sich innen drin eine
große Anzahl von Insekten befand, die in dem Stein eingeschlossen
waren und nur so befreit werden konnten.
Als
Tschöjing Dordje neun oder zehn Jahre alt war, war er zu
Besuch bei dem König von Tsang in Lhasa. Da erreichte ihn
die Nachricht, dass ein anderer König aus dem Osten namens
Chi Ew mit einem großen Heer auf die Stadt zu marschierte
und einen Angriff vorbereitete. Der König bat Karmapa um
Hilfe, worauf dieser nur sagte, es gäbe keinen Grund zur
Sorge. Wundersamerweise kehrte die Armee, als sie Lhasa erreichte,
einfach um und ging zurück woher sie gekommen war.
Das
Jahr 1630 brachte eine schlimme Wende für die Kagyü
Linie wie auch für Tibet, doch zum Glück zeigte sich
der Karmapa als die vollkommene Verkörperung des Paramitas
der Geduld in diesen schockierenden Ereignissen. Karmapa hatte
vorhergesehen, dass es schwierige Zeiten politischer Unterdrückung
geben würde.
Zunächst
verschied der von allen, auch von den Gelugpa, sehr verehrte und
integrierend wirkende sechste Shamar Tschökyi Wangtschug.
Dann wandte sich der dritte Kagyü König von Tsang, Desi
Karma Tänkyong Wangpo, der sich eigentlich ein Schüler
des Karmapa nannte und der Nachfolger des oben erwähnten
Königs war, immer stärker gegen die Gelugpa Schule und
praktizierte religiöse Diskriminierung. All seine Unterstützung
galt dem Kagyü Orden unter völliger Vernachlässigung
der Gelugpas. Die schwierige Situation wurde zum Anlass dafür,
dass der Hofrat des fünften Gyalwa Rinpotsche Ngawang
Lobsang Gyamtso (1617–1682) drei Gesandte in die Mongolei
schickte, um von den dortigen Herrschern Unterstützung zu
erbitten. Gushri Khan, Herrscher der Qoshot Mongolen in
Sinjiang, versprach, Tibet zu besuchen und den Gelugpas zu helfen.
1638 lernte er den jungen Gyalwa Rinpotsche kennen und sehr schätzen.
Er gab die Zusage, ihm beizustehen und verlieh ihm den Titel Dalai
Lama.
Die
Ereignisse seien hier in voller Länge geschildert, da sie
ein wichtiger Schlüssel für das Verständnis der
großen Spannungen in den darauf folgenden Jahrhunderten
sind.
Karmapa
war sehr beunruhigt von all diesen Aktivitäten, die dem Dharma
entgegengesetzt waren, und schickte einen Brief an den Dalai Lama,
in dem er erklärte, dass er keinerlei militärische Handlungen
im Namen der Religion befürworten könne und dass weder
er noch die Kagyü Schule in irgendeiner Weise mit den Handlungen
des Königs von Tibet einverstanden seien. Der Dalai Lama
antwortete, dass er wisse, dass dies der Fall sei und dass der
Karmapa sich nicht beunruhigen solle – es würde nichts passieren.
Der Dalai Lama wusste allerdings nicht, dass seine Minister bereits
feste Kriegspläne hatten. Karmapa sah aber, dass die Dinge
einen unguten Verlauf nehmen würden.
Der
König von Tsang war dabei, eine große Armee zu sammeln
und auch Leute aus Kongpo herbeizuholen und auf den Kampf vorzubereiten.
Karmapa reiste zu ihm und forderte ihn auf, sofort mit allen Kriegsvorbereitungen
aufzuhören, da dies in völligem Widerspruch zu den Lehren
Buddhas sei. Er wies darauf hin, dass im Falle eines Krieges viele
tausend Menschen sterben würden und dass, falls er angreifen
würde, auch der König von Tsang mit Sicherheit sterben
würde.
In
der Zwischenzeit war der Mongolenkönig Gushri Khan in Kham
einmarschiert und hatte den nichtbuddhistischen Herrscher der
Bheri Donyo Dorje bezwungen (1639). Dieser hatte sich mit
dem König von Tsang verbunden, in der Absicht, die Gelugpas
zu vernichten. Er wurde gefangengenommen und getötet. Nach
einem Jahr hatte Gushri Khan ganz Kham (in Osttibet) unter seine
Kontrolle gebracht und bewegte sich auf Tsang (Zentraltibet) zu.
Der
Dalai Lama, den man nicht in vollem Umfang über die Entwicklungen
informiert hatte, war sehr erzürnt und verlangte, dass der
Mongolenkönig überzeugt werden solle, in sein Land zurückzukehren.
Er sagte zu seinem engsten Betreuer: "Wenn Du es aufgrund
der Versprechen, die Du eingegangen bist, schwierig findest zu
Gushri Khan zu gehen, dann werde ich ihn selber sehen und versuchen,
meinen religiösen Einfluss geltend zu machen. Wenn es uns
gelingen könnte, ihn zu überzeugen abzuziehen, so wird
uns das politisch nutzen und auch sehr zu unserer Ehre gereichen."
Der Betreuer weigerte sich, es dem Dalai Lama zu ermöglichen,
Gushri Khan aufzusuchen und sagte, es sei bereits zu spät,
um das Unausweichliche aufzuhalten.
Karmapa
Tschöjing Dordje begann, all seinen angesammelten Besitz
unter die Armen zu verteilen. Da er wusste, dass er schlussendlich
mit in diese gefährliche Situation hineingezogen werden würde,
ernannte er Gyaltsab Tulku als seinen zeitweiligen Vertreter im
Kloster von Tsurphu. Dann zog er nach Yam Dur, wo er ein Lager
aufschlug. Einige Tage verstrichen. Dann griff der Mongolenkönig
Gushri Khan Schigatse, die Hauptstadt von Tsang, an und umstellte
sie. Am achten Tag des ersten Monats im Wasserpferd Jahr (1642)
fiel die Stadt nach einer heftigen Schlacht. Der König von
Tsang wurde gefangen genommen, viele starben und Tausende wurden
verwundet. Der König selbst wurde noch im selben Jahr hingerichtet.
Karmapa
war in seinem Lager in Yam Dur, als er einen Brief vom Dalai Lama
erhielt, worin dieser ihn fragte, ob er sich vorbereiten würden,
einen Krieg gegen die Gelugpas anzuzetteln, und er bat ihn, ihm
sein Ehrenwort zu schicken, dass er auf jede feindliche Handlung
verzichten würde. Karmapa antwortete: "Wie würden
wir es je wagen, den Gelugpas in Zukunft Schaden zuzufügen,
haben wir ihnen doch auch in der Vergangenheit nicht geschadet",
und er fügte hinzu, dass er mit jeder Bitte des Dalai Lama
einverstanden sei, um seine Aufrichtigkeit in diesem Punkt zu
beweisen.
Als
sie die Antwort erhielten brach unter den Gelugpa Ministern eine
Meinungsverschiedenheit um die Worte und ihre Bedeutung aus und
sie einigten sich schließlich, dass der Karmapa nicht mit
exakten Ausdrücken versprochen hatte, nie den Anhängern
des Dalai Lama Schaden zuzufügen. Folglich schickten sie
Truppen, um Karmapas Lager anzugreifen. Sie töteten viele
seiner Schüler, zerstörten ihre Zelte und alles, was
sie bei sich hatten. Karmapa selbst konnte sich dem Gemetzel entziehen
und als es vorüber war, schickte er die Überlebenden
fort, sich im ganzen Land zu verstreuen. Er selbst flog zusammen
mit seinem Diener Küntusangpo durch die Luft in den
Distrikt Kurtö im nördlichen Bhutan. Diejenigen, die
ihn fortfliegen sahen, sahen ihn teils in der Form eines Geiers,
andere als Reh und wieder andere sahen ihn einfach in menschlicher
Form fliegen. Karmapa und Küntusangpo landeten weit weg von
allen Unruhen. Wunderbare Umstände bewirkten, dass sie in
der Wildnis überlebten. Karmapa wanderte über das heutige
Arunachal Pradesh nach Jiang (chin.: Lei-Tsang) in Yunnan, China,
an der Grenze des heutigen Burma. Als die Bewohner dieser Region
ihn schließlich (1645) als Karmapa erkannten, wurde er in
aller Feierlichkeit an den Hof des Königs dieses großen
Landes Jiang eingeladen.
In
Tibet ging die Verfolgung der Kagyü Mönche und Anhänger
weiter. Über tausend von ihnen wurden getötet und die
Überlebenden wurden gezwungen, zum Gelugpa Orden zu konvertieren.
Ohne ihre beiden Führer war die Karma Kagyü Linie in
Tibet schutzlos. 27 Klöster des Karmapa und 20 Klöster
des Shamarpa wurden inklusive ihrer Universitäten mit Gewalt
zur Gelugpa-Schule konvertiert und ihr Besitz konfisziert. Ebenso
mussten auch viele Nyingma Klöster, die mit Karmapa verbunden
waren, zu den Gelugpas übertreten. Nur die Klöster Tsurphu
und Jangpatschen, die jeweiligen Sitze des Karmapa und des Shamarpa,
sowie Nenang und einige andere von weniger Bedeutung durften weiter
entsprechend der Karma Kagyü Tradition praktizieren. Sie
standen jedoch unter harten Einschränkungen, insbesondere
Tsurphu und Jangpatschen, die nahe bei Lhasa und so unter den
wachsamen Augen der Regierung lagen.
Der
Karmapa lehrte am Königshof und im ganzen Land von Jiang
und viele Schüler fassten Vertrauen in ihn. Eines Tages hatten
der König von Yunnan und seine Minister nach einem unerwarteten
aber überraschenderweise siegreichen Kampf mit vandalisierenden
mongolischen Truppen an der Grenze den Plan beschlossen, mit 300.000
Soldaten nach Zentraltibet zu marschieren und den Karmapa wieder
in sein Recht einzusetzen. Da erschien plötzlich Karmapa
selbst vor dem König und verbat dergleichen Handlungen. Er
sagte ihnen, sie sollten absolut keine kriegerische Aktivitäten
unternehmen, denn diese seien in völligem Widerspruch zum
Dharma. Er würde nicht einmal einem Insekt Schaden zufügen,
um sein Leben zu retten.
Kurz darauf
verkleidete er sich als Bettler und wanderte nach Norden, weit
in tibetisches Gebiet, um den siebten Shamarpa Jesche Nyingpo
(1631- 1694) zu sich zu holen und zu unterrichten. Der Junge
erkannte ihn trotz der armseligen Kleidung sofort und lief in
seine Arme. Der sechste Gyaltsab Tulku wurde direkt in Bhutan,
in der Nähe von Karmapas Aufenthalt, geboren und den sechsten
Situ sowie den fünften Pawo holte der Karmapa persönlich
aus Kham, Osttibet, an den Hof des Königs von Jiang (Yunnan).
Er unterrichtete sie alle gemeinsam bis 1661, wo er sich mit ihnen
auf eine zwölfjährige Reise nach Zentraltibet begab,
auf der sie alle heiligen Orte besuchten. 1673, als der Karmapa
68 Jahre alt war, kamen sie in Lhasa an und er begab sich unmittelbar
zum Dalai Lama in den Potala Palast. Dieser fragte ihn über
alle seine Reisen und Erfahrungen und drückte den Wunsch
aus, mehr über die Mahamudra Lehren zu wissen. Bewegt von
Mitgefühl für den Karmapa gab er die Anweisung, dass
dieser frei sein solle, ins Kloster nach Tsurphu zurückzukehren.
Doch damit war, um zu verhindern, dass der Karmapa wieder seine
große Aktivität entfaltete, die Auflage verknüpft,
dass pro Jahr nur drei neue Mönche zu seiner Gemeinschaft
dazukommen durften. Ein Jahr später verließ der zehnte
Karmapa seinen Körper. Einem Bericht zufolge heißt
es, er habe keine Vorhersagen hinterlassen, und einem anderen
zufolge, er habe den Shamar und Gyaltsab Tulkus Angaben zu seiner
nächsten Wiedergeburt gemacht.