UNTERWEISUNGEN

Der Elfte Karmapa Jesche Dordje (1676- 1702)

Der noch sehr junge elfte Karmapa sah eines Tages im Himmel über sich den Buddha-Aspekt Chakrasamvara und andere Jidams und Schützer. Er deutete auf sie, um sie auch den Anwesenden zu zeigen, doch diese konnten nichts sehen und begannen, ihn auszulachen. Als Antwort auf ihr Gespött flog er in die Luft, blieb eine Weile schweben und landete dann wieder auf dem Boden. Die Nachricht von diesem wundersamen Ereignis erreichte die Shamar und Gyaltsab Tulkus, die zugleich Vertreter los schickten, um das Kind genauer anzuschauen. Er wurde auch von dem Nyingma Meister Mingyur Dordje identifiziert. So wurde der Karmapa gefunden und erhielt dann von seinen ehemaligen Schülern wieder sämtliche Übertragungen. Er konnte Tsurphu und auch einige andere Klöster, die von den mongolischen Soldaten schwer beschädigt worden waren, wieder aufbauen. Ein Jahr nach dem Tod des Shamarpa hatte Karmapa eine Vision der neuen Inkarnation, dem in Nepal geborenen achten Shamar Tulku Pältschen Tschökyi Döndrub (1695- 1735), und lud den Jungen sofort nach Tsurphu ein. Karmapa unterrichtete den Dharma sowohl entsprechend der Nyingma wie auch der Kagyü Tradition und war ein spiritueller Leiter beider Schulen. Bevor er im Alter von nur 27 Jahren seinen Körper verließ, gab er dem kleinen Shamar Rinpotsche die volle Übertragung der Linie, die exakten Prophezeiungen für die zukünftigen Inkarnationen des nächsten Situ Tulku und auch mündliche Hinweise zu seiner eigenen Wiedergeburt.

Der Zwölfte Karmapa Djangtschub Dordje (1703- 1732)

Der zwölfte Karmapa gab sich bereits mit zwei Monaten zu erkennen und konnte so ebenfalls leicht identifiziert werden. Zusammen mit Shamar Rinpotsche und den Situ und Gyaltsab Tulkus reiste er nach Nepal. Dort unterrichtete er wie auch sein Lehrer Shamar Rinpotsche, der in Nepal geboren war und dort viele Schüler hatte. Dann reisten sie weiter nach Kushinagara, dem Ort von Buddhas Parinirwana in Nordindien. Dort erreichte ihn die überraschende Einladung des Kaisers Yung Cheng (Chien Lung) von China. Eigentlich standen die meisten chinesischen Kaiser der Ching Dynastie seit dem 17. Jahrhundert unter der geistigen Leitung des Dalai Lama, dessen Repräsentanten in Peking einen ständigen Sitz hatten. Doch der 12. Karmapa und der 8. Shamarpa hatten einen so hervorragenden Ruf, dass der Kaiser sie trotz allem einlud.

So machte sich der Karmapa auf den Rückweg und durchquerte zusammen mit seinem Lehrer Shamar Rinpotsche ganz Tibet. Sie forderten alle ihre Schüler auf, in diesen schwierigen Zeiten den Dharma überall zu verbreiten. Karmapa unterrichtete wiederum sowohl gemäß der Kagyü als auch der Nyingma Tradition. Dank ihrer unablässigen gemeinsamen Dharma-Aktivitäten gab es ein Wiederaufleben der Karma Kagyü Linie. Sie besuchten viele Gegenden Tibets und verhinderten so, dass die Linie vollends zum Erlöschen kam. Die Spannungen zwischen den Gelugpas und Kagyüpas hatten aber noch nicht aufgehört. Bei Ankunft im Palast des chinesischen Kaisers, der ihn aufs Beste willkommen hieß, wo es aber ebenfalls viele Feinde gab, verließen unglücklicherweise zunächst der Karmapa im Alter von wiederum nur 29 Jahren und am zwei Tage später auch der Shamarpa im Alter von 37 Jahren unter vielen wundersamen Zeichen ihren Körper. Sie waren an Pocken erkrankt. Zwei der Gelugpa Repräsentanten am Hof, die Lamas Kyangkya und Thudka erklärten stolz, das Versterben der beiden Meister, gerade noch rechtzeitig bevor sie den Kaiser für sich gewinnen konnten, sei ihrer Schwarzmagie zu verdanken. Einem Text zufolge hatte Karmapa noch einen Brief mit den Details seiner nächsten Geburt an den achten Situ Tschökyi Djungnä (1700- 1774) geschickt, andere Quellen erwähnen nichts dergleichen. Sicher ist nur, dass Shamarpa und Karmapa dem Situ Rinpotsche bereits in Kham Gebete für ihre baldige Wiedergeburt anvertraut hatten, weil sie wussten, dass sie bald sterben würden.

Zwischenbemerkung: Wir wissen nicht, ob diese Geschichte mit der Schwarzmagie zutrifft. In Tibet war dergleichen leider durchaus nicht ungewöhnlich und ihre Aussage ist schriftlich erhalten. Die Vermutung liegt nahe, dass es sich bei diesen Hofintrigen nicht nur um Gerüchte handelt. Wenn der Dharma nicht auf sich selbst angewendet wird, sind die Emotionen auch in buddhistischen Ländern genauso stark wie anderswo in der Welt. Wie auch immer, ein Ausufern der Konflikte konnte vermieden werden.