UNTERWEISUNGEN
Der Dreizehnte Karmapa Düdül
Dordje (1733- 1797)
Dieser begann bereits
als kleines Kind von seinen früheren Reisen nach Indien,
Nepal und China zu erzählen. Eines Tages erschien ein in
Weiß gekleideter etwa sechzehnjähriger Junge mit einem
Korb voller Blumen vor ihm, tanzte um ihn herum, streute die Blumen
zu seinen Füßen und sagte: "Ich bin Mahakala!
Ich komme aus dem Licht des Gewahrseins und erscheine manchmal
in zornvoller Form! Als Lehrer und Schützer gibt es keinen
Unterschied zwischen Dir und mir!" Da viele Leute Zeugen
dieses merkwürdigen Ereignisses waren, verbreitete sich der
Ruhm des Jungen in alle Richtungen und der Karmapa wurde von dem
Nyingma Meister Kathog Rigdsin Tschenmo (Tsewang Norbu)
und vom achten Situ Tschökyi Dschungnä als solcher
identifiziert.
Nach dem frühen
Tod sowohl des vorherigen Karmapa als auch des vorherigen Shamarpa
erlitt die Kagyü Linie erneut eine schwere Zeit. Doch bald
zeigte sich wieder Respekt für den Karmapa und die Kagyüpa
im Lande. Einmal konnte Karmapa auf Bitten des achten Dalai Lama
die große Buddhastatue im Jokhang Tempel von Lhasa vor dem
Versinken in Wasser retten. Er reiste nach Nepal, wo er den riesigen
Swayambhunath Stupa restaurierte, und besuchte auch viele Gegenden
in Ost- und Zentraltibet. Karmapa identifizierte den zehnten Shamarpa
Mipham Tschödrub Gyamtso (1742- 1792), der als
Bruder des mächtigen sechsten Panchen Lama Palden Jesche
geboren wurde. Shamarpa hoffte, dass seine Verwandtschaft mit
dem Panchen Lama, dem nach dem Dalai Lama zweithöchsten Lama
in der Gelugpa Schule, die tibetische Regierung dazu bringen könnte,
seine Mitte des 17. Jahrhunderts von den Gelugpas zwangskonvertierten
Klöster wieder in den alten Zustand zu versetzen. Bevor dies
jedoch geschehen konnte, starb der Pantschen Lama in Peking, wohin
er vom Kaiser eingeladen worden war, an den Pocken.
Aus tiefem Respekt
vor dem Pantschen Lama, der sein Lehrer gewesen war, schenkte
der Kaiser den Brüdern und Schwestern des Panchen Lama eine
große Menge Goldmünzen. Der Leiter des Klosters Taschi
Lhünpo, dem Sitz des Panchen Lama, gab jedoch dem 10. Shamarpa
nicht den ihm zustehenden Anteil. Als sich die Verwaltung des
Klosters Jangpatschen darüber beschwerte, erwiderte dieser,
dass das ganze Gold dem Kloster Taschi Lhünpo gehöre,
und behauptete, Shamar Rinpotsche habe eine Rebellion gegen die
tibetische Regierung angezettelt, um seine Klöster zurückzubekommen.
Infolgedessen entstand in der Regierung, die in Abwesenheit des
Dalai Lama von zwei Regenten geleitet wurde, eine Feindseligkeit
gegen den Shamarpa. 1784 verließ er deswegen Tibet und ging
auf eine ausgedehnte Pilgerreise in die Sicherheit des benachbarten
Nepal.
Doch damit hörten
die Schwierigkeiten noch nicht auf. Im späten 18. Jahrhundert
war nepalesisches Falschgeld in Tibet so verbreitet, dass es sogar
in Nepal selbst eine hohe Inflation verursachte. Als der 10. Shamarpa
Zuflucht in Nepal suchte, dachte der nepalesische König Bahadur
Shah, er könne daraus einen Vorteil ziehen und den Shamarpa
benutzen, um eine Lösung des Währungsproblems mit der
tibetischen Regierung auszuhandeln. Die Verhandlungen schlugen
jedoch fehl und die tibetische Delegation, die nach Nepal gekommen
war, wurde gefangen genommen. König Bahadur schickte Truppen
nach Tibet, die viel Land eroberten. Die Chinesen schickten dann
Truppen, um die eindringenden Nepalesen zurückzuschlagen,
und schließlich wurde 1792 ein Frieden ausgehandelt. Shamarpa
wurde von der tibetischen Regierung für das politische und
militärische Debakel verantwortlich gemacht. Als Vergeltung
verbot sie die Inthronisierung der Wiedergeburten Shamarpas und
konfiszierte das Kloster Jangpatschen, das zur Gelug Schule konvertiert
wurde.
Im gleichen Jahr,
1792, starb der 10. Shamarpa an Gelbsucht, aber es kursierten
Gerüchte, er habe sich selbst vergiftet. Ein tibetischer
Minister namens Gashi Dhorinpa, den die nepalesischen Truppen
zuvor gefangen genommen hatten, schrieb dazu: "Ich wurde
freigelassen, nachdem der Frieden ausgehandelt worden war. Der
Shamarpa starb, und ich wurde zu seiner Verbrennung gebracht.
Ich hatte keinen Respekt vor diesem Shamarpa. Sein Leichnam roch
sogar und ich nahm an, er habe tatsächlich Selbstmord begangen.
Während der Verbrennung aber sah ich mit meinen eigenen Augen,
wie sich fünf Regenbögen in Form einer Kuppel über
der Verbrennungstelle bei Bodhanath in Kathmandu formten."
Karmapa reiste in
dieser schwierigen Zeit im Gewand eines gewöhnlichen Lamas
und gab überall sehr einfache, grundlegende Unterweisungen.
Viele Jahre verbrachte er dann alleine in Meditation in seiner
Klausur auf dem Berg bei Tsurphu. Er enthüllte viele Geistesschätze
(Termas) und war berühmt für seine Fähigkeit,
die Mahamudra Lehren auch Tieren – besonders Vögeln – zu
kommunizieren. Den Brief mit seinen Vorhersagen hinterließ
er in der Obhut des Leiters der Drukpa Kagyü Linie, dem Druktschen
Künsig Tschökyi Nangwa.