UNTERWEISUNGEN
Das erleuchtete
Wirken der Gyalwa Karmapas
Einführung
Das beste Beispiel, um zu verstehen,
was eine solche Bodhisattva-Motivation bewirkt, ist der Karmapa.
Um die Aktivität der Karmapas zu verstehen, müssen wir
die Motivation verstehen, mit denen sie in dieses Leben kommen.
Wenn wir den eigentlichen Grund ihres Hierseins nicht verstehen,
werden wir auch nie verstehen, warum sich ein Sechzehnjähriger
in solch eine Situation begibt, dass er von morgens bis abends
z.B. Leute segnet, Gespräche hat, den Dharma lernt und auf
so vieles verzichtet, was für andere in seinem Alter ganz
selbstverständlich ist. Bei den großen Ermächtigungen
segnet er manchmal mehrere tausend Menschen an einem Tag. Wieso
macht das ein sechzehnjähriger Junge? Was veranlasst ihn
dazu, freudig solche Situationen einzuladen?
Um das zu verstehen,
müssen wir ein Verständnis der Voraussetzungen entwickeln,
die es braucht, um anderen helfen zu können. Um jemandem
helfen zu können, muss überhaupt erst einmal eine Beziehung
zu diesem "Jemand" hergestellt werden. Der Karmapa ist
bereit, mit jedem, wer es auch sei, eine spirituelle Beziehung
herzustellen. Deswegen schafft er regelmäßig, in allen
seinen Inkarnationen, viele Situationen, wo er Tausenden von Menschen
begegnet, um eine Beziehung zu ihnen herzustellen. Wenn der Kontakt
stattgefunden hat und von Vertrauen geprägt war, entsteht
ein Samens des Vertrauens, aufgrund dessen dann weitere Situationen
entstehen können, die es ermöglichen zu helfen. Deswegen,
um solche Samen des Vertrauens entstehen zu lassen, lässt
sich der Karmapa auf Begegnungen mit so vielen Menschen ein.
Es ist nicht so,
dass in der einmaligen Begegnung mit dem Karmapa der spirituelle
Weg bereits gegangen wäre. Nein. Es ist zunächst einfach
ein Kontakt und dadurch eventuell eine von Vertrauen geprägte
Beziehung entstanden. Später kann es dann sein, dass wir
aufgrund dieses Vertrauens, auch noch einen Schritt weiter gehen
und uns etwas weiter helfen lassen. Dieser weitere Schritt wird
dann zu noch mehr Vertrauen führen, in dem Maße, wie
wir merken, dass uns die angebotene Hilfe tatsächlich hilft.
Aber es muss irgendwie zunächst einmal ein Kontakt hergestellt
werden.
Wir nennen diese
spezielle Form von in Kontakt treten auf Tibetisch, ein Tendrel
zu schaffen, der Karmapa arbeitet mit solchen Tendrels. Das
sind, einfach übersetzt, glückverheißende Verbindungen.
Für sich genommen bedeutet Ten: Basis und drel:
Das, was verbindet. Günstige Tendrels schaffen eine glückverheißende
Verbindung zur Basis. Hier ist damit die Basis der Erleuchtung
gemeint, d.h. jemanden getroffen zu haben, der den Weg zur Erleuchtung
kennt. Diese Basis brauchen wir, um den Weg gehen zu können.
Ein erstes Mal mit dem Karmapa in Kontakt gekommen zu sein, ist
bereits solch ein Tendrel: Wir schaffen eine Beziehung zu der
notwendigen Voraussetzung, um Erleuchtung zu erlangen.
Der weitere spirituelle
Weg findet keineswegs in Großveranstaltungen statt. Er besteht
daraus, Schritt für Schritt in den Dharma hineinzufinden,
die erhaltenen Ratschläge im Alltag anzuwenden, mit dem Meditieren
zu beginnen, indem wir den Geist beruhigen, öffnen und entspannen,
eine Beziehung zu einem Lehrer aufzubauen, der uns in der Meditation
führt usw. Dabei mögen wir gelegentlich auch wieder
mit dem Karmapa Kontakt haben, um weitere Impulse zu bekommen
und Mut zu fassen, wieder einen Schritt weiter zu gehen.
Bei der Begegnung
mit einem erleuchteten Lehrer gehen für diejenigen, die Vertrauen
haben, die Türen auf – und dann liegt es an uns, ob wir eintreten
oder nicht. Von Karmapa aus sind die Tore weit offen. Er ist bereit,
uns alles zu geben. Er kommt nur deswegen in dieses Leben, weil
er mit denen, die schon in früheren Leben einen Kontakt mit
ihm eingegangen sind, die Arbeit weiterführen möchte
und mit denen, die sich einen Kontakt wünschen, diese Arbeit
beginnen möchte.
Karmapa ist was die
Kagyü Linie angeht, aber auch in den Augen der Praktizierenden
anderer Linien des tibetischen Buddhismus, der Lehrer der Lehrer.
Er ist für alle Lamas und Rinpotsches unserer Linie der Bezugspunkt.
Karmapa führt die Lamas, die ihrerseits bereits andere anleiten,
in ihrer Entwicklung. Er ist derjenige, der in der Lage ist, die
weit fortgeschrittenen Lehrer über die letzten Stufen des
Bodhisattva-Weges zu führen, bis zur Erleuchtung. Obwohl
sich der Weg immer spontaner vollzieht, brauchen wir solche Lehrer,
die auch die letzten Stufen des Weges kennen, denn der Weg ist
deutlich leichter, wenn ein sichtbares Vorbild vorhanden ist,
jemand, der den Weg vorlebt und zeigt, wie auch die letzten Hindernisse
überwunden werden. Karmapa übernimmt diese Funktion.
Dazu gehört auch, dass er sich um die Wiedergeburten der
verwirklichten Meister kümmert, d.h. um ihre Auffindung,
ihre Ausbildung und Meditation und um die ihnen zu gebenden Übertragungen
der Linie. Das ist eine der wichtigen Aufgaben des Karmapa, denn
diese verwirklichten Meister brauchen die beste Nahrung, um schnellstmöglich
in der Lage zu sein, ihre Aktivität weiterzuführen.
Bei einer guten Ausbildung können sie schon sehr bald andere
anleiten, denn sie gehen ihren Weg in diesem Leben wie im Zeitraffer.
Aber sie müssen ihn jedes Mal, in jedem Leben erneut gehen.
Nur dann sind sie wirklich in der Lage, ihre verantwortungsvolle
Aufgabe auch verantwortungsvoll auszuführen. Die Karmapas
sind bekannt dafür, ihren inneren Weg jeweils mit einer unglaublichen
Geschwindigkeit zu gehen, weil ihre tiefe Verwirklichung im Unterschied
zu den meisten anderen Tulkus durch den Übergang von einem
Leben zum anderen nicht verschleiert wird. Deshalb werden sie
auch von den anderen Tulkus als ihre Lehrer akzeptiert.
Der Lehrer, der die
Ausbildung der Lamas in Dhagpo Kündröl Ling betreute,
hieß Gendün Rinpotsche. Er war vom 16. Karmapa bezeichnet
worden als jemand, der die Verwirklichung von Buddha Dordje Tschang
erreicht hat, das ist die höchste Verwirklichungsstufe. Auch
von anderen Lehrern, wie Dilgo Khyentse Rinpotsche, wurde Gendün
Rinpotsche als völlig verwirklicht beschrieben. Trotz seiner
völligen Verwirklichung befolgte er auch die geringste Andeutung
seines Lehrers, des Karmapa. Die Tatsache, dass er selber völlige
Freiheit von Emotionen und einschränkenden Mustern verwirklicht
hatte, war kein Grund für ihn, zu sagen: "Und jetzt
mach ich alles selber, so wie ich es gerne hätte!" Sondern
gerade weil er nicht mehr in Ichbezogenheit befangen war, war
er in der Lage, den teilweise sehr detaillierten Instruktionen
seines Lehrers zu folgen.
Der 16. Karmapa hatte
ihm Unterweisungen mitgegeben zu vielen Dingen, die nach seinem
Tod eintreten würden: Wie Gendün Rinpoche dann zu handeln
habe und worauf es bei seiner Aktivität vor allem ankomme.
Dazu gehörte, dass er z.B. tatsächlich ein Männer-
und ein Frauenkloster gründet und auch für ein großes
Laienzentrum sorgt, dass ausreichend Lehrer in Dreijahres-Klausurzentren
herangebildet werden und dass eine Schedra – eine buddhistische
Universität mit Bibliothek – entsteht. Das waren die fünf
großen Wünsche des Karmapa für den Dharma in Europa,
aber Karmapa hat zusätzlich noch viele andere Wünsche
ausgedrückt und Gendün hat sich als erleuchteter Lehrer
bis ans Ende seines Lebens an jede einzelne dieser Unterweisungen
gehalten und er hat seine Schüler damit beauftragt, genauso
fortzufahren, bis der 17. Karmapa kommt und selber die Fäden
wieder in die Hand nimmt. Und wenn sich in diesem Prozess der
Übertragung, der gemeinsamen Arbeit am Wohl der Wesen, kein
Ichanhaften einschleicht, dann verwirklichen sich die Wünsche
der erleuchteten Lehrer in einem Strom der Aktivität, der
sich durch alle Generationen fortsetzt.