UNTERWEISUNGEN

Der Siebzehnte Karmapa Trinle Thaye Dorje (1983 – ... )

Der 17. Gyalwa Karmapa, Trinle Thaye Dorje, wurde im Mai 1983 (im Jahr des Schweins) in Lhasa (Tibet) geboren. Er ist das erstgeborene Kind des dritten Mipham Rinpotsche, ist die Reinkarnation eines bekannten Meisters der Nyingma Schule des tibetischen Buddhismus, Oberhaupt von dreizehn Nyingma Klöstern in Kham (Osttibet), und ein Nachkomme vieler Generationen von Ärzten und gelehrten Medizinern. Seine Mutter, Detschen Wangmo, stammt aus einer osttibetischen Adelsfamilie, die auf König Gesar von Ling zurückgeht, und ist ebenfalls eine erfahrene Praktizierende.

In seiner Jugend entkam der dritte Mipham Rinpotsche dem Schicksal vieler Tibeter, die ihre Religion unter der chinesischen Herrschaft nicht mehr ausüben konnten. Sein Lehrer fand einen versteckten Platz in den Bergen, wo sie in der Lage waren, den Dharma von seiner frühen Kindheit an ohne Unterbrechung zu praktizieren. Nach einer allgemeinen Lockerung der staatlichen Beschränkung der Religionsausübung ging Mipham Rinpotsche 1982 nach Lhasa, um an der Erneuerung buddhistischer Institutionen und Praxis teilzunehmen. Dank seiner guten Verbindung mit dem Panchen Lama waren seine Aktivitäten besonders erfolgreich.

Mipham Rinpotsches Jidam (Jidams sind Buddha-Aspekte, auf die man im Vajrayana Buddhismus meditiert) sagte ihm in den frühen achtziger Jahren voraus, dass er – falls er eine Gefährtin nähme – mehrere Söhne zeugen würde, die große Bodhisattvas wären. Am folgenden Tag kam eine Pilgergruppe aus Kham, um ihn zu sehen, unter ihnen befand sich Detschen Wangmo. Er erkannte, dass sie bescheiden und sanft und eine verwirklichte Chakrasambhara Praktizierende war. Als er ihr die Heirat vorschlug, war sie sogleich einverstanden. Mipham Rinpotsche und Detschen Wangmo ließen sich als Mann und Frau in einer Wohnung, die von einer alten Dame vermieten wurde, nieder. Sie befand sich in dem Stadtteil Bakor von Lhasa, in derselben Straße, die einen dreiviertel Kreis um den berühmten Jokhang Tempel beschreibt.

In ihrer Ehe wurde ein Sohn im Jahre 1983 geboren. Im Alter von zweieinhalb Jahren begann der kleine Junge, zu seinen Eltern als auch bei anderen Gelegenheiten zu sagen, dass er der Karmapa ist. Die Vermieterin war zufällig eine entfernte Verwandte des verstorbenen 16. Karmapa und war ihm begegnet, bevor er 1959 aus Tibet floh. Er sagte ihr damals: "Bevor Du stirbst, wirst Du mich wiedersehen." Aufgrund des außergewöhnlichen Verhaltens des Jungen war sie überzeugt, dass er der Karmapa sei. Aus tiefer Hingabe bot sie der Familie an, die Wohnung kostenlos zu bewohnen. Mipham Rinpotsche bewahrte allerdings Schweigen über seinen Sohn, in der Hoffnung, dass er möglicherweise doch die Wiedergeburt des großen Nyingma Meisters Kathog Situ Rinpotsche wäre.

Als Ngorpa Lagen, ein demütiger alter Lama der Sakya Schule, eines Tages zu Beginn des Jahres 1985, den Jokhang Tempel in der Ringstraße umkreiste, bemerkte er das strahlende, weiße Gesicht eines kleinen Jungen, der aus dem Fenster eines Privathauses spähte. Aus Neugier ging er auf das Fenster zu und der Junge sagte: "Weißt Du nicht, dass ich der Karmapa bin?" Ohne über die Ernsthaftigkeit dieser einfachen Worte zu grübelnhne über die Ernsthaftigkeit hinter diesen einfachen Worten zu grübenOhne, antwortete Ngorpa Lagen: "Wenn Du es bist, dann segne mich." Der Junge streckte seinen Arm heraus und berührte den Lama. Dem Lama zufolge fühlte er sofort etwas wie eine nachmeditative Erfahrung von tiefer Ruhe und Weite, das die Oberhand über alle Formen von groben Gefühlen gewinnt.

Einige Tage nach diesem Segen ging der Sakya Lama zusammen mit einer Pilgergruppe, die aus seiner Heimatgegend angekommen war, zu Mipham Rinpotsche, um eine Vorhersage zu erhalten, wohin sich ihre Pilgerreise als nächstes wenden sollte. Er bemerkte den kleinen Jungen, der ihn zuvor gesegnet hatte, in einer Ecke alleine spielen. Mipham Rinpotsche fragte die Gruppe der Besucher, wie viele Familien sie seien. Als sie "sieben" antworteten, rief der Junge aus der Ecke: "Acht!" Alle waren genötigt, nachzuzählen. Als sie erkannten, dass der Junge Recht hatte, stellten sich ihm, so berichtete der Lama, die Härchen auf der Haut überall auf, und seine Erschütterung und Aufregung waren so groß, dass es ihm schwer fiel, seine Reaktion völlig zu verbergen.

Im weiteren Verlauf seiner Pilgerreise spät im Jahre 1985 ging Ngorpa Lagen nach Kathmandu in Nepal, und beteiligte sich an einer großen jährlichen Zusammenkunft für gemeinsame Gebete und Meditationen, die von Lama Sherab Rinpotsche, einem Schüler des verstorbenen Karmapa, geleitet wurde. Die beiden lernten sich kennen, und Ngorpa Lagen begann, Lama Sherab Rinpotsche von seinem Erlebnis mit dem kleinen Jungen in Bakor zu erzählen.

Danach reiste Lama Sherab Rinpotsche und sein Begleiter Tschöpel Sangpo zum Kloster Tsurphu ab, aber zuerst machten sie in Lhasa Halt, um Mipham Rinpotsche zu besuchen. Der Junge war, als sie ankamen, nicht bei seinem Vater, deshalb fragte Lama Sherab Rinpotsche, ob er den Jungen sehen könne. Als er hereingebracht wurde, setzte er sich ruhig neben seinen Vater, aber musterte ab und zu die Gäste und lächelte sichtlich amüsiert. Als Lama Sherab Rinpotsche nach Mipham Rinpotsches Ehefrau fragte, antwortete dieser, dass sie ein Chakrasambhara Retreat mache. Im Laufe der Unterhaltung, so berichtete Lama Sherab Rinpotsche, begann er zu zittern und war unfähig, es zu unterdrücken. Sobald sie gegangen waren, sagte sein Begleiter zu ihm, dass mit ihm etwas sehr Seltsames geschehen wäre, während sie redeten, und es war genau dasselbe, was Lama Sherab Rinpotsche selber erlebt hatte. Dieser Vorfall wurde Shamar Rinpotsche zuerst 1987 von Lama Sherab Rinpotsche berichtet. Die Umstände der Geschichte ähnelten denen eines früheren Berichts, der ihm aus Lhasa überbracht wurde. Im Oktober 1986 machte ihn Tscho-gyä Tri-tschen Rinpotsche aus der Sakya Linie auf Mipham Rinpotsches Sohn aufmerksam und zeigte ihm ein Foto des Jungen.

1988 unternahm Shamar Rinpotsche eigene Nachforschungen, um über die Echtheit von Mipham Rinpotsches Sohn als Karmapa zu befinden. Zuerst bat er Tsechu Rinpotsche, der Tibet im Rahmen einer nepalesischen Regierungsdelegation besuchte, mehr Informationen über den Jungen während seines Aufenthaltes zu erlangen. Danach einen Lama nach Lhasa, um in direkterer Weise den Jungen zu prüfen. Gleich bei ihrem ersten Treffen sagte der Junge dem Lama, dass er geschickt worden sei, um ihn zu prüfen. Nach diesen Berichten ging Shamar Rinpotsche im Juli 1988 in ein Retreat, in dem er durch zwei Träume sicher wurde, dass der Junge tatsächlich der wiedergeborene 17. Karmapa ist.

Trotz seiner persönlichen Überzeugung hinsichtlich der Identität des Karmapa war die Zeit noch nicht gekommen, um eine formelle Erklärung abzugeben.

1991 jedoch (oder 1992), bei der Einweihung des Karma Kagyü Klosters, das von Shangpa Rinpotsche bei Pokhara in Nepal gebaut worden war, an dem Dhazang Rinpotsche, Shachu Rinpotsche, Hunderte von Lamas und mehr als 4000 Tibeter teilnahmen, gab er bekannt, dass das Geburtsland des 17. Gyalwa Karmapa aller Wahrscheinlichkeit nach Tibet sei, dass das Gebet für die schnelle Wiederkehr des 16. Karmapa in ein Gebet für das lange Leben des 17. Karmapa geändert werden sollte und dass der 17. Gyalwa Karmapa entsprechend seiner Entscheidung den Namen Thaye Dordje haben werde. Die Ankündigung machte allen deutlich, dass Künsig Shamarpa die junge Reinkarnation gefunden hatte.

Karma Pakschi, der 2. Karmapa, sagte in seinen esoterischen Werken (Sangwä Namthar), genannt Dugpa Tsar-tschö, die Wiedergeburt von 21 Karmapas voraus und gab die Namen jeder Wiedergeburt im voraus. Der Name des 18. Karmapa ist Thaye Dordje. Obwohl man vom 17. Karmapa spricht, handelt es sich ja tatsächlich – wie bereits erklärt – bereits um die 18. Inkarnation

Nach der Ankündigung in Pokhara kam Lama Sherab Rinpotsche sofort zu Shamar Rinpotsche, der noch in Kathmandu war, und zeigte ihm ein Gedicht, das auf ein Stück Papier geschrieben war. Ein sehr alter Heiliger namens Lopön Künsang Rinpotsche, der bereits vor 1991 verstorben war, hatte dieses Papier Lama Sherab Rinpotsche 1983 strikt vertraulich bei einem seiner vielen Besuche in Lopön Künsang Rinpotsches Retreat in den Rinag Bergen in Sikkim übergeben. Nach Sherab Gyaltsen Rinpotsche, spirituelles Oberhaupt der Gemeinschaft von Manang in Nepal, gab Lopön Künsang Rinpotsche zwei mögliche Quellen für die Herkunft des Gedichtes an: der alte Text "Die Schätze des Yogi Silon Lingpa" (einem Meister der Nyingma Schule) oder der verstorbene Düdjom Rinpotsche, der es in den 60er Jahren während einer speziellen Guru Padmasambhava Puja in Kalimpong verfasst haben könnte. Das Gedicht enthält folgende vier Verse:

Dsa-yi jül-du ki-yi drong-khyer na

In der Gegend von Dza, in der Stadt Ki,

lhamo norbu dzin pä ser ngal du

ist die Devi, die in ihrem goldenen Schoß das Juwel trägt.

kailash-ji chud ly jong [s]min-pä

Durch die nährende Essenz des (Berges) Kailash wird es völlig reifen und

thaye dordje drowä päldu shar

Thaye Dordje wird für das Wohl aller lebenden Wesen erscheinen.

Die Erwähnung von Dsa und Ki im ersten Vers bezieht sich auf die Geburtsstätten vom dritten Mipham Rinpotsche und Detschen Wangmo, seiner Gefährtin und Mutter des 17. Karmapa. Die Nennung des Berges Kailash bezieht sich auf Detschen Wangmo, deren Hauptpraxis als tantrische Praktizierende das Chakrasambhara Tantra ist, in dem der Berg Kailash, der tantrischen Sicht des Universums zufolge, das Mandala von Chakrasambhara darstellt.

Sofort, nachdem es Karmapa Thaye Dordje und seiner Familie gelungen war, im März 1994 von Tibet nach Nepal zu kommen, reisten sie nach Delhi, wo der junge Karmapa in einer Begrüßungszeremonie offiziell von Shamar Rinpotsche als 17. Karmapa anerkannt wurde. Im November 1996 trat Karmapa in einer großen Zeremonie im zentralen Tempel von Buddha Gaya mit einer erneuten Rezitation der Zuflucht zu Buddha, Dharma und Sangha in den Stand eines Novizen mit befristetem Keuschheitsgelübde ein. Er erhielt zu diesem Zeitpunkt den Namen Trinle (Buddha-Aktivität) Thaye (grenzenlos) Dordje (unwandelbar).

Die Ausbildung des Gyalwa Karmapa, die dieser bereits in Tibet begonnen hat, wird seither in Indien unter der Obhut von Künsig Shamarpa fortgesetzt. Der Schwerpunkt liegt dabei auf buddhistischer Philosophie und Meditation. Seit 1998 ist auch Prof. Sempa Dordje, einer der großen buddhistischen Gelehrten unserer Zeit, sein ständiger Lehrer. Außerdem erhält Karmapa die für den tibetischen Buddhismus und vor allem für die Kagyü-Linie spezifischen Übertragungen von Meistern der verschiedenen Traditionen. Er spricht fließend Englisch und versteht Mandarin (Chinesisch). Ende 1999 reiste er nach Singapur, Taiwan und Indonesien und Anfang 2000 besuchte er Deutschland, Frankreich, Österreich und Ungarn. Dann erhielt er im Kagyü Kloster Dhagpo Kündröl Ling in Frankreich von dem großen Sakya Meister Tscho-bgyä Tri-tschen Rinpotsche die Novizengelübde und einen Zyklus von vierzig Ermächtigungen, gefolgt von weiteren Ermächtigungen durch Shamar Rinpotsche.

<<<