UNTERWEISUNGEN

Das erleuchtete Wirken der Gyalwa Karmapas
Einführung

So hat Gendün Rinpotsche seine Schüler beauftragt, den Dharma wirklich zugänglich zu machen, ihn zu übersetzen, zu lehren und überall hin zu bringen. Er sagte: "Ihr dürft euch nicht die ganze Zeit ins Retreat setzen, sondern müsst auch unterrichten und darauf achten, dass stets ausreichend Lehrer in die Dharmazentren reisen und den Dharma zur Verfügung stellen!" Eigentlich wünschten sich viele von uns, ihre Erfahrungen weiter im Retreat zu vertiefen und so hat er viele Unterweisungen gegeben, wie das richtige Gleichgewicht hergestellt werden kann zwischen Vertiefung der eigenen Praxis und dem Weitergeben dessen, was wir schon verstanden haben. Solche Unterweisungen können – wenn sich unsere persönlichen Vorstellungen nicht einmischen – rein von einem Schüler an den nächsten weitergegeben werden, bis aus einem Schüler jeweils wieder ein Lehrer wird, der die Qualitäten des Erwachens verwirklicht und sie im nächsten Schüler weckt. Und so kann eine Übertragung äußerlich und innerlich rein weitergegeben werden. Dabei geht es um die zentralen Fragen: Was ist die Natur des Geistes? Wie wird sie verwirklicht? Wie werden die Praktiken ausgeführt? Welche Schwierigkeiten gibt es dabei? Wie werden sie aufgelöst? usw.

Der Karmapa ist für alle diese Fragen die letzte Instanz in unserer Linie. Er hat die gleiche Funktion wie der Dalai Lama in seiner Linie und wie die anderen höchsten Linienhalter in ihrer Linie. In den Linien des tibetischen Buddhismus gibt es jeweils einen lebenden Lehrer, der diese letzte Instanz ist, der wirklich die Hauptverantwortung dafür hat, was und wie in dieser Linie weitergegeben wird. Wenn also Fragen auftauchen, wie z.B.: Wie können wir den Dharma im Westen unterrichten? Welche Aspekte der Übertragung können evtl. weggelassen werden, weil sie rein kultureller Natur sind, nur auf Tibet bezogen? Welche Aspekte hingegen sind so wesentlich, dass sie nie weggelassen werden können?, dann haben in solchen Fragen im Moment der Shamarpa und sehr bald der Karmapa die Entscheidungen zu treffen.

Dass z.B. Mönche und Nonnen bei uns im Kloster völlig gleichberechtigt sind und auch gleich behandelt und ausgebildet werden, das ist ein Anpassungsprozess, den die Linienhalter – in diesem Fall Shamar Rinpotsche zusammen mit Gendün Rinpotsche – gezielt gestützt und gefördert haben. Aus kulturellen Gründen war das in Tibet nicht so. Es gab dort eine Benachteiligung der Frauen allgemein und Nonnen im besonderen, die wir hier im Westen aufgelöst haben. Die Entscheidung und Verantwortung für solche Entwicklungen liegt beim jeweiligen Linienhalter. Er trifft aufgrund seiner Verwirklichung diese wichtigen Entscheidungen. Er gibt auch die Erlaubnis, wer die Übertragungen der Linie weitergeben darf. So würden z.B. der Karmapa oder der Shamarpa die Bremsen anziehen, wenn jemand beim Unterrichten von einer korrekten Übertragung abweicht und in ichbezogene Interpretationen der Lehre hineinschlittert.

All dies gehört zu den Aufgaben und Funktionen des Karmapa. Wenn wir sie verstehen, entschlüsselt sich uns ein bißchen mehr von dem, was er in seinem Leben zu bewältigen hat. So muss ein Karmapa z.B., um die Aktivität eines Karmapa auszuführen, sämtliche Übertragungen der Kagyü-Linie erhalten haben. Es sollte keine wichtige Übertragung geben, die er nicht erhalten hat. Um das alles aufzunehmen, braucht es zehn, fünfzehn Jahre pausenloser Ausbildung. Er muss all die Texte, die von Buddha überliefert werden, übertragen bekommen und die wichtigsten ausführlich studieren. Er muss wissen, was der Buddha und andere Lehrer zu den vielen Fragen des spirituellen Weges gesagt haben.

Die Aufgabe der Karmapas in der Vergangenheit war auch, falsche Auslegungen von Buddhas Lehrreden zu korrigieren. Dies taten sie nicht einfach aus ihrer Machtposition heraus, quasi: "Weil ich der Karmapa bin", sondern stets auch in der Debatte, im Streitgespräch mit anderen hohen Meistern der jeweiligen Zeit. In solch einer Debatte wird eine Auslegung der Lehre erst dann als gültig angenommen, wenn alle einstimmig derselben Meinung geworden sind. Es wird solange weiter debattiert, bis z.B. der Herausforderer, der eine andere Meinung hat, sagt: "Ich akzeptiere deinen Standpunkt, ich werde von jetzt an deinem Standpunkt folgen, denn ich haben ihn so tief verstanden, dass ich jetzt weiß, dass dies die richtige Sichtweise ist." Der Karmapa entscheidet solche Fragen also nicht einfach aufgrund seiner Autorität, sondern aufgrund seiner Verwirklichung und seiner Fähigkeit, alle, die sich darauf einlassen ihm zuzuhören und mit ihm zu debattieren, so weit zu führen, dass sie selber zu dem Verständnis kommen, dass diese Form der Sichtweise die höchste oder die hilfreichste ist.

Wenn wir von zweieinhalbtausend Jahren buddhistischer Überlieferung sprechen, die heute noch rein und im Kern unverändert ist, obwohl sie in Prozessen ständiger Neuformulierung auf unterschiedlichste kulturelle Gegebenheiten eingegangen ist, dann deshalb, weil zweieinhalbtausend Jahre lang die erleuchteten Meister die immer wieder auftretenden irrigen Interpretationen berichtigt haben, indem sie selbst die Essenz der Lehre verwirklichten und das Wesentliche herausarbeiteten.

Das Wesentlichste in der Lehre des Buddha ist, zu verstehen, dass ein Ich oder Selbst nie existiert hat. Wir denken zwar: "Da hört doch jemand zu, da ist doch ein Ich, das diesen Text liest, ein Beobachter, ein Zuhörer, eine Zuhörerin, jemand, der analysiert, vergleicht und jetzt gerade denkt." Wir sagen uns: "Ja, das hab ich schon gehört", oder "Nein, das klingt mir zu seltsam." Diese inneren Kommentare nennen wir normalerweise das Ich. Und das Wichtigste in der Übertragung des Dharma ist, dass der Lehrer uns zeigt, dass dieses Ichgefühl nur ein Gedanke ist, viele Gedanken, und dass wir – wenn wir in diese Gedanken hineinschauen –nichts entdecken, was irgend eine Substanz oder einen Kern hätte, dem wir den Namen Ich geben könnten.

Buddhaschaft bedeutet, dies nicht nur einmal für einen Moment erfahren zu haben, sondern 24 Stunden am Tag in dieser Offenheit jenseits von Ichanhaften zu verweilen. Jemand, der zum ersten Mal die Natur des Geistes erkennt, war für einen Moment in der Nondualität, jenseits von Ichbezogenheit. Ein Buddha weilt ständig in der Nondualität. Das ist der Weg, der zu gehen ist, und Karmapa ist derjenige, der immer wieder, eine Verkörperung nach der anderen, diesen Weg hat zeigen können, weil er ihn selber gegangen ist.