UNTERWEISUNGEN
Das erleuchtete
Wirken der Gyalwa Karmapas
Einführung
In Karmapa begegnen
wir jemandem, dessen Geist jenseits der Vorstellung ist: "Ich
existiere, ich bin jemand, eine konkrete Person." Wenn man
Karmapa fragt: "Bist du der Karmapa?", dann sagt er:
"Mit diesem Geistesstrom wird jetzt der Name oder Titel des
17. Karmapas verknüpft." Wenn man ihn fragt, "Warst
du das, der mich im letzten Leben gesegnet hat?", dann sagt
er: "Ich war es und ich war es nicht."
Auf der relativen Ebene
könnte man sagen: "Ja, da ist eine Kraft, die von einem
Leben zum anderen weiter geht." Aber auf der letztendlichen Ebene
hat es da nie jemanden, nie ein Ich gegeben. Diese grundlegende
Erkenntnis, die allen Emotionen den Boden entzieht, ist die Grundlage
des Dharma, seine Basis. Um die Natur des Geistes zu erfahren,
braucht es jedoch einen Weg der Vorbereitung, auf dem wir lernen,
Ichbezogenheit allmählich loszulassen. Dazu gehört,
bei unseren Handlungen, mehr an andere zu denken, als an uns selbst.
Wir üben uns solange darin, bis wir uns in der Begegnung
mit anderen vergessen und andere tatsächlich unser einziges
Augenmerk sind.
Das bedeutet keineswegs,
diese naive Haltung zu kultivieren: "Ich möchte jetzt
nur noch für andere da sein!", und dann auf den Helfertrip
zu kommen und sich so wohl zu fühlen, weil man seine Probleme
im Helfen vergessen kann. Nein, dieses "dem Anderen helfen"
ist immer auch mit dem Bewusstsein der eigenen Fehler verbunden,
dem Bewusstsein der eigenen Schleier. Das eigentliche Vergessen
im Dienst am Andern kann erst dann passieren, wenn wir all diese
inneren Schleier, alles Helfenwollen und Abgelenktseinwollen aufgelöst
haben. Dann geschieht das Helfen spontan.
Karmapa ist so jemand,
bei dem das Helfen spontan geschieht. Als der 17. Karmapa in den
Westen kam – er war vielleicht 11 Jahre alt – hörten wir,
dass er sich damit beschäftigte, warum es so viel Krebs in
der Welt gibt, und dass er immer wieder davon sprach, es wäre
so schön, wenn er all dieses Krebsleiden in der Welt auflösen
könnte. Solch ein Denken war für ihn schon als Kind
ganz natürlich. Er versucht stets zu erfassen, woran andere
leiden. "Was kann ich tun, um dieses Leid, jenes Leid und
Leid als Ganzes zu beseitigen?" Er weiß, dass es nicht damit
getan ist, nur über die letztendliche Wahrheit zu sprechen,
die Tatsache, dass das Leid an sich gar nicht existiert, weil
es wie alles andere auch leer von konkreter Wirklichkeit ist.
Er weiß, dass es tatsächlich auch darum geht, Leid
konkret im Relativen anzugehen und so leichter zu erträglich
zu machen und auch im Relativen viel Freude entstehen zu lassen.
Diese allgemeine Beschreibung
der Aktivität Karmapas sei der etwas traditionelleren Darstellung
vorausgestellt, in der viele Wunder und viel Erstaunliches erzählt
wird, das zunächst nicht leicht zu verstehen ist. Es ließe
sich dann verstehen, wenn wir selber die Erkenntnis der Leerheit
hätten und verstehen würden, dass alle Phänomene
des Geistes keinerlei Substanz haben und von illusorischer Natur
sind. Dann könnten wir auch verstehen, wie solche Wunder
möglich sind, warum jemand so handeln kann und wie jemand
so furchtlos sein kann. Wir würden eine Ahnung bekommen von
dieser Dimension. Um zu verstehen, was der Motor dafür ist,
dass jemand immer wieder in diese Welt zurückkommt, müssen
wir halt verstehen was Bodhicitta ist, die erleuchtete Geisteshaltung,
bis zur Erleuchtung aller Wesen immer wieder zurückzukommen.
Karmapa ist so jemand, der entschlossen ist, in diesen Daseinskreislauf
zurückzukommen, bis auch das allerletzte Wesen befreit ist.
Dabei denkt er nicht nur an Menschen, sondern auch an die Tiere
und all die unsichtbaren Wesen. Stellen sie sich mal diese Aufgabe
vor.
Allein schon den Menschen
helfen zu wollen, die in einer Stadt wie Darmstadt leben, sie
alle zur Erleuchtung zu bringen, ist eine unüberschaubar
große Aufgabe. Nicht, dass die Menschen hier irgendwie anders
wären als anderswo, aber es gibt unter ihnen einfach so viele,
die sich kein bisschen dafür interessieren, den Weg zur Erleuchtung
oder Befreiung gezeigt zu bekommen. Bis überhaupt einmal
dieses Interesse nur entsteht, braucht es lange Zeit. Für
die meisten wird es nicht in diesem Leben sein. Und auch wenn
das Interesse einmal entstanden ist, ist der Weg noch längst
nicht gegangen. Nun stellen Sie sich vor, sich nicht nur für
die Menschen in dieser einen Stadt einzusetzen, sondern für
alle Menschen – bis sie alle Erleuchtung erlangt haben. Stellen
Sie sich vor dass sich jemand nicht nur das zum Ziel setzt, sondern
sich auch noch um alle Tiere auf dem gesamten Erdball kümmern
wird. Diese sind ja noch viel zahlreicher als die Menschen. Und
dann all die Wesen, die es im Universum gibt und von denen wir
keine Ahnung haben. Dafür braucht es einen langen Atem. Und
mit diesem Atem – dem langen Atem eines Bodhisattvas – mit dieser
Motivation und Ausdauer kommt Karmapa immer wieder und wird nie
aufhören, bis er, bildlich gesprochen, auch das letzte Wesen
durch das Tor der Befreiung geleitet hat.
Wenn wir uns diese
Motivation vor Augen führen, dann erahnen wir, was zur Manifestation
des Karmapas führt und bewirkt, dass so erstaunliche Dinge
um ihn herum passieren. Dann erahnen wir auch, warum er wie ein
Magnet wirkt auf die Wesen – weil Liebe einfach magnetisch ist.
Liebe, wirklich Offensein für andere, sich wirklich für
andere Einsetzen, ist etwas, was uns alle in den Bann schlägt.
Das ist unsere tiefste Sehnsucht: uns zu öffnen und mit anderen
zusammen zu sein, die uns diese Öffnung ermöglichen.
Und das ist die Aufgabe von Dharmalehrern. Sie öffnen uns
die Tore, so dass wir uns ihrer Gegenwart öffnen können
und dann mit dieser Erfahrung nach Hause gehen, um zu Hause an
dieser inneren Öffnung weiter zu arbeiten.
Der Weg vom ersten
Entwickeln des Erleuchtungsgeistes bis hin zum tatsächlichen
Verwirklichen der Erleuchtung erscheint oft lang und beschwerlich
– und manchmal mögen wir etwas verzagen, wenn wir die Immensität
der Aufgabe betrachten. Um immer wieder den Mut und die notwendige
Ausdauer zu finden, ist es deshalb äusserst hilfreich, die
Lebensbeispiele der Meister kennenzulernen, die diesen Weg bereits
gegangen sind und uns ein inspirierendes Beispiel sein können.
Es gibt sehr viele solcher Beispiele in der Linie erleuchteter
Meister, die den Dharma seit zweieinhalb Jahrtausenden in sogenannten
Übertragungslinien weitergeben.