UNTERWEISUNGEN
Das erleuchtete
Wirken der Gyalwa Karmapas
Die buddhistische Überlieferung in Tibet
Diese Übertragungslinien
sind unerlässlich für eine umfassende und genaue Überlieferung
des Dharma. Dabei handelt es sich um Abfolgen von Lehrern bzw.
Lehrerinnen, die – nachdem sie selbst die Lehren praktiziert und
verwirklicht haben – diese jeweils an ihre Schüler bzw. Schülerinnen
weitergeben. In Tibet wurde der Dharma in vier großen Übertragungslinien
oder Schulen weitergegeben: Kagyü, Nyingma, Sakya und Gelug.
All diese Linien
lehren und praktizieren beide Ebenen des Buddhismus, d. h. Sutra
und Tantra, aber mit jeweils eigenen Schwerpunkten. Und alle vier
Linien lassen sich ohne Unterbrechung zu den großen buddhistischen
Meister Indiens zwischen dem 8. und 12. Jahrhundert unserer Zeitrechnung
zurückverfolgen. Von dort gehen die Linien noch weiter zurück
bis hin zum historischen Buddha Shakyamuni, der im 6. und 5. Jahrhundert
vor unserer Zeitrechnung lebte. Was die Meister der frühen
indischen Überlieferung angeht, so wissen wir allerdings
nur, welches jeweils die wichtigsten Lehrer ihrer Epoche waren
und nicht, wer genau wem welche Erklärungen weitergab.
In Indien wurden
damals kaum Aufzeichnungen gemacht und der Buddha selbst lehrte
selbst nur mündlich. Seine Unterweisungen wurden von einer
Generation nach der anderen auswendig gelernt und bewahrt, aber
sie wurden erst einige Jahrhunderte später aufgeschrieben.
Oft wird gefragt, ob auch die Mahayana Sutras und die Tantras,
auf die der tibetische Buddhismus aufbaut, tatsächlich vom
Buddha stammen. Da alle diese Texte in Übereinstimmung miteinander
und mit den Grundlehren des Buddhas sind, sind sie offenkundig
Ausdruck ein und desselben erleuchteten Gewahrseins. Sie dienen
alle demselben Ziel, den Weg der Erleuchtung aufzuzeigen. Und
auch wenn Historiker nicht mit Gewissheit aufzeigen können,
dass sie vom Buddha selbst stammen, so besteht doch kein Zweifel
an ihrem Ursprung im Buddhageist. Wir können davon ausgehen,
dass der Buddha bereits zu Lebzeiten auf verschiedenen Ebenen
lehrte, den unterschiedlichen Fähigkeiten seiner Schüler
entsprechend, und dass dieser Buddhageist auch nie aufgehört
hat zu lehren. Die tantrischen Übertragungen gab der Buddha
allesamt nicht in seinem gewöhnlichen Körper, sondern
in Form von Manifestationen in den Visionen seiner bereits erwachten
Schüler. Auf diese Weise ist der Buddhismus ein sehr dynamischer
Weg der Praxis, der über die Visionen erleuchteter Meister
die Möglichkeit der Weiterentwicklung und der Anpassung des
Dharma an neue Gegebenheiten beinhaltet. So können den Schülern
heute eine Vielzahl erprobter Methoden zur Verfügung gestellt
werden, die vielleicht nicht alle schon zu Buddhas Zeit in dieser
für uns sichtbaren Welt praktiziert wurden, aber nachweislich
allesamt zur Befreiung von Leid und zur Erleuchtung führen.
Die zentrale Überlieferungslinie
einer Schule besteht aus der Abfolge ihrer wichtigsten Lehrer,
welche einer dem anderen die mündlichen und schriftlichen
Lehren weitergeben. Einige dieser großen Lehrer haben bei
der Übertragung spezielle Akzente gesetzt, die nun diesen
Schulen ihre besonderen Merkmale verleihen. Jeder Schüler
wird vom Stil seines Lehrers und seiner Schule geprägt und
er wird seine eigenen Schüler später entsprechend unterrichten.
Auf diese Weise entstanden in Tibet vier große und darin
viele kleinere Überlieferungslinien, die zwar alle wesentlichen
Punkte des Buddhadharma gemeinsam haben, aber doch auch ihre typischen
Spezialitäten und Stile entwickelt und gewahrt haben. Drei
dieser großen Linien haben ihre eigene Verbindung mit den
buddhistischen Wurzeln in Indien, aber alle vier haben auch viele
Querverbindungen untereinander, da sie im Laufe der Jahrhunderte
ihre Übertragungen immer wieder miteinander ausgetauscht
haben.
Die älteste
der vier großen buddhistischen Schulen Tibets ist die Schule
der Nyingma oder "Alte Tradition", die auf die
beiden indischen Meister Guru Rinpotsche (Padmasambhava)
und Shantarakshita zurückgeht. Diese wurden – nachdem
bereits im siebten Jahrhundert erste Kontakte vom tibetischen
Königshaus mit dem Dharma in Indien bestanden – im 8. Jahrhundert
vom tibetischen König Trisong Detsen eingeladen, den
Dharma zu lehren. Mit Hilfe einer großen Gruppe von Schülern
begannen sie damit, die traditionellen buddhistischen Texte ins
Tibetische zu übersetzen. Doch Ende des neunten und Anfang
des zehnten Jahrhunderts brachte der tyrannische König Langdarma,
der eine stärkere weltliche Macht mit einem großen
Heer wollte, fast alle Mönche und viele Laienpraktizierende
um und ließ sämtliche Dharmatexte vernichten, derer
er habhaft werden konnte.
Auf Langdarmas Tod
folgte ein Jahrhundert spiritueller Dürre, in dem Tibet wieder
in viele Kleinstaaten zerfiel. Danach kam es zu einer zweiten
Welle der Übertragung des Dharma aus Indien, welche die "Neuen
Traditionen" hervorbrachte. Die erste dieser neuen Schulen,
die Kadampa Schule ging auf den indischen Meister Atisha
(980–1052) zurück, der die letzten Jahre seines Lebens in
Tibet lehrte, um dem Dharma dort neues Leben zu verleihen. Die
Lehren dieser Schule wurden von allen anderen Schulen übernommen
und sie bestand bald nicht mehr in einer von den anderen Übertragungslinien
getrennten Form.
Fast gleichzeitig
entstand die Kagyü Schule oder "Mündliche
Linie". Sie geht auf den indischen Yogi Tilopa zurück
und wurde von dem Übersetzer Marpa (1012- 1097)
nach Tibet gebracht. Marpa war Atisha sogar begegnet und war von
diesem gebeten worden, sein Übersetzer in Tibet zu sein.
Aber Marpa wusste, dass es sein Auftrag war, zuerst nach Indien
zu gehen.
Kaum später
entstand die Sakya Schule, die auf den indischen Yogi Virupa
zurückgeht und von Khön Köntschog Gyalpo
(1034- 1102) gegründet wurde.
Die Gelug
Schule entstand erst zweieinhalb Jahrhunderte später. Sie
wurde von Tsongkhapa (1357- 1419) zur Zeit des vierten
Karmapa gegründet. Tsongkhapa hatte Visionen von dem Bodhisattva
Manjushri, die ihn zu einer Sichtweise der letzten Wirklichkeit
führten, die von den anderen Schulen leicht verschieden war
und zu vielen Debatten führte. Unter anderem integrierte
die Gelug Schule auch einen Teil der Lehren der Kadampa-Linie
Atishas.
Der Reichtum dieser
vielfältigen Übertragungen wurde in Tibet durch die
geographische Abgeschlossenheit vieler Regionen begünstigt,
denn so entwickelte sich in den Klöstern eine jeweils für
diesen Ort und seine Lehrer charakteristische Art der Lehre und
Praxis. Zusätzlich zu der festen, immer gleichen Übertragung
der schriftlich niedergelegten Lehren und der sehr sorgfältig
weiterzugebenden mündlichen Unterweisungen hat ein Meister
die Möglichkeit, aus seiner eigenen Erfahrung stammende,
an die jeweilige Situation angepasste Erklärungen zu geben.
Dies ist, was die tibetischen Lehrer stets getan haben und noch
tun: Sie bringen uns die authentische, immer gleich bleibende
Übertragung zusammen mit ihren erklärenden Ausführungen,
die für uns im 20. und 21. Jahrhundert bestimmt sind.