UNTERWEISUNGEN
Das erleuchtete
Wirken der Gyalwa Karmapas
Die buddhistische Überlieferung in Tibet
Die Kagyü
Schule und die Inkarnationen der Gyalwa Karmapas
Der wichtigste Lama
der Kagyü-Linie ist der Karmapa und seine Inkarnationen werden
jeweils als der "Linienlama", d.h. als wichtigster Halter
der in dieser Linie überlieferten Lehren betrachtet. Der
Karmapa zeichnet sich durch besondere Qualitäten und eine
besonders große und kontinuierliche Aktivität aus.
Kaum ein anderer Meister manifestiert so wie er Buddha-Aktivität
in dieser Welt. Wir werden uns deshalb mit dem Beispiel seiner
Aktivität befassen, um besser zu verstehen, was es bedeutet,
Buddhaschaft zu verwirklichen. Auch wenn dieser Versuch des Beschreibens
seiner Qualitäten nicht mehr ist, als der Versuch einer Ameise
das Leben eines Elefanten zu erfassen, so sei dieser Versuch doch
gewagt, denn vielleicht kommt trotz aller Beschränkungen
ein wenig vom Segen dieses erleuchteten Lehrers bei uns an.
Topga Rinpotsche,
ein 1996 verstorbener tibetischer Meister, schrieb auf Bitten
seiner Schüler eine knappe, schöne Darstellung der Qualitäten
des Gyalwa Karmapa, die bei der Vorbereitung dieses Vortrags sehr
hilfreich war. Darin vergleicht er zum Abschluss des Textes das
Unterfangen, den Karmapa zu beschreiben, mit dem Versuch, die
Weite des Ozeans mit einer Nadel zu messen.
Der Name des Gyalwa
Karmapa weist bereits darauf hin, dass es sich nicht um ein normales
Wesen handelt. Gyalwa bedeutet "Siegreicher"
und steht synonym für "Buddha". Diesen verehrungsvollen
Titel für vollkommen erwachte Wesen tragen in der Kagyü-Linie
nur zwei Meister: der Karmapa selbst und seine zweite Ausstrahlung,
der Shamarpa. Karmapa bedeutet "Halter der Buddha-Aktivität"
oder "Meister des Karma", wobei Karma hier erleuchtete
Aktivität bedeutet.
Karmapa ist ein sogenannter
"Tulku", die bewusste Inkarnation eines Wesens, das
bereits Verwirklichung erreicht hat. Doch Karmapa unterscheidet
sich sehr von anderen Tulkus: Er wird als eine bereits vollkommen
erleuchtete Ausstrahlung des Buddhas des erleuchteten Mitgefühls,
Tschenresi (Avalokiteshvara), betrachtet und als lebender Buddha
verehrt. Das bedeutet, dass Karmapa bereits ein Buddha ist und
keinen persönlichen Weg mehr zurückzulegen hat. Er kommt
aus reinem Mitgefühl in diese Welt, weil es Lebewesen gibt,
die Unterstützung brauchen. Sein Erscheinen wurde von Buddha
Shakyamuni im Samadhiraja-Sutra (Königliche Meditation
Sutra) vorhergesagt:
"Etwa zweitausend
Jahre nach meinem Tod
werden meine Lehren
in das Land der Rotgesichter (Tibet) kommen,
die von Avalokiteshvara
zum Dharma gebracht worden sind.
Wenn die Lehren
dort dann im Verfall begriffen sind,
wird sich der Bodhisattva
mit der Löwenstimme, genannt Karmapa, manifestieren.
Er wird die Wesen
durch die Kraft seines Samadhi wieder auf den Weg bringen
und sie ins Glück
führen, indem sie ihn sehen, von ihm hören,
an ihn denken und
ihn berühren."
Im Tantra des Brennenden
zornvollen Meteoriten heißt es:
"In das vollkommen
reine Mandala,
in dem sich die
Buddhas der zehn Richtungen versammeln,
wird der im ganzen
Universum berühmte Mann namens Karmapa kommen,
um zu zeigen, dass
Vollkommenheit in diesem Leben tatsächlich erreichbar ist."
Und Padmasambhava
(Guru Rinpotsche), der den Dharma im achten Jahrhundert nach
Tibet brachte, prophezeite unter anderem:
"Um die Aktivität
von Avalokiteshvara weiterzuführen,
wird Düsum
Khyenpa an einen Ort kommen, der Tsurphu genannt
wird."
Damit wies Padmasambhava
auf den ersten Karmapa hin, der den Hauptsitz der Karmapas in
Tsurphu gründete. Er sagte weiterhin, dass Karmapa als eine
Ausstrahlung von ihm zu betrachten sei und dass es insgesamt 21
dieser Emanationen geben würde. Er sagte die Namen eines
jeden dieser Karmapas voraus und zu einigen von ihnen machte er
sehr detaillierte Angaben über ihr Wirken und eventuell auftauchende
Schwierigkeiten. Auch Karma Pakschi, der zweite Karmapa,
sagte 21 Inkarnationen voraus, die den Namen Karmapa tragen würden
und die seine Arbeit zum Wohle der Wesen hier auf dem Planeten
fortsetzen würden. Er nannte ihre Namen und beschrieb die
Merkmale ihrer Aktivität.
Aufgrund dieser Vorhersagen
sowie aufgrund seines Wirkens, das diesen Prophezeiungen entspricht,
wird Karmapa als Manifestation von Avalokiteshvara, dem Buddhas
des Mitgefühls, und als Meister, der die Aktivität Padmasambhavas
fortsetzt, betrachtet und verehrt.
Karmapa war der erste
Meister überhaupt, der seine Wiedergeburten exakt voraussagte,
und im Unterschied zu anderen Tulkus, weiß er jeweils in
der neuen Inkarnation von selbst, wer er ist, und gibt sich selbst
zu erkennen, indem er sagt "Ich bin der Karmapa" und
die entsprechenden Qualitäten manifestiert. So hat der 17.
Karmapa Thaye Dordje, sich ebenfalls selbst zu Erkennen gegeben,
wie es der jetzige vierzehnte Shamar Rinpotsche beschreibt
(siehe Biographie im Schlussteil).
Dem Beispiel Karmapas
folgend wurden auch in den anderen Schulen in den darauffolgenden
Jahrhunderten die Inkarnation erleuchteter Meister entdeckt. Diese
inkarnierten Lehrer waren und sind noch bis heute die Pfeiler
der Dharma-Übertragung in Tibet. Seit der Dharma im achten
Jahrhundert unserer Zeitrechnung nach Tibet kam – und speziell
dann in der zweiten Phase seiner Ausbreitung ab dem 12. Jahrhundert
– waren es diese Lehrer, die sich unermüdlich, sobald sie
selbst Befreiung erlangt hatten, immer wieder manifestierten und
die im letzten Leben begonnenen Aufgaben weiterführten. Diese
Lehrer sind echte Bodhisattvas, die entschlossen sind, immer wieder
Geburt im Daseinskreislauf anzunehmen, auch dann, wenn sie selbst
bereits von Illusion befreit sind.
Mitte des 20. Jahrhunderts
gab es in den verschiedenen tibetisch-buddhistischen Schulen insgesamt
rund tausend verschiedene Inkarnationsreihen. International am
bekanntesten geworden ist jene des Dalai Lama, die im 15.
Jahrhundert ihren Anfang hatte, also zur Zeit des fünften
Gyalwa Karmapa. Die Auffindung und Anerkennung der jeweiligen
Tulkus wird in den buddhistischen Traditionen Tibets unterschiedlich
gehandhabt, in jedem Fall ist es jedoch ein rein spiritueller
Prozess innerhalb der jeweiligen Übertragungslinie.
Es gibt, wie es Khenpo
Tschödrag Rinpotsche erklärt, drei Arten, wie ein Tulku
identifiziert werden kann: Der Meister selbst kann in seinem vorherigen
Leben Hinweise auf seine Wiedergeburt hinterlassen, ein anderer
hoch verwirklichter Meister kann ihn aufgrund seiner direkten
Wahrnehmung als die Wiedergeburt erkennen oder die Dharmaschützer
können um Hilfe angerufen werden, seine Inkarnation zu finden.
Das Essentielle dabei ist, dass der Lama, der sich um das Auffinden
eines Tulku kümmert, selbst hoch verwirklicht ist und den
Dharma verkörpert. Nur aufgrund der in seinem eigenen Geistesstrom
hervorgebrachten Dharma-Qualitäten ist er in der Lage, die
in Träumen, Visionen oder auch im Alltag auftretenden Zeichen
und die Merkmale des in Frage kommenden Kindes richtig zu deuten.
Sieben der Karmapas
haben vor ihrem Tod ihren Schülern schriftliche Hinweise
über die Umstände ihrer nächsten Inkarnation gegeben,
vier haben ihre Hinweise mündlich hinterlassen und fünf
haben gar keine Hinweise gegeben. Alle Karmapas haben sich jedoch
durch ihr Verhalten eindeutig als Karmapa zu erkennen gegeben
und wurden dann von verwirklichten Schülern ihrer letzten
Inkarnation als die Wiedergeburt des Karmapa bestätigt. Die
anderen Tulkus, die nicht diese Fähigkeit haben, sich selbst
zu erkennen zu geben, werden jeweils von verwirklichten Meistern
gesucht und mit Hilfe besonderer Meditationen und anhand besonderer
Merkmale und Umstände identifiziert.