UNTERWEISUNGEN
Das erleuchtete
Wirken der Gyalwa Karmapas
Die buddhistische Überlieferung in Tibet
Gelegentlich sprachen
die Karmapas über ihre früheren Inkarnationen, um bestimmte
Zusammenhänge zu erklären. So sagte der achte Karmapa,
Mikyö Dordje:
"Manchmal bin ich
Padmasambhava, manchmal Saraha und manchmal Karmapa!"
Die erste Manifestation
des Karmapa, die von ihm erwähnt wurde, ist der große
Verwirklichte Lodrö Rintschen, ein indischer Meister
der Frühzeit des buddhistischen Tantra. Danach manifestierte
Karmapa sich als der Mahasiddha Saraha des 7. und 8. Jahrhunderts,
der als Halter der meisten tantrischen Überlieferungslinien
auch als der "Vater" aller Siddhas bezeichnet wird. Ebenfalls
im achten Jahrhundert manifestierte sich diese erleuchtete Aktivität
als Padmasambhava, der entscheidend für die Verwurzelung
des Dharma in Tibet war und der zentrale Lehrer der Nyingma
Linie ist.
Von Saraha gehen
die Linien über mehrere weitere Verwirklichte zu dem großen
indischen Yogi Tilopa (988 - 1069), bei dem die Kagyü
Schule, deren Oberhaupt der Karmapa wurde, ihren Ausgang nimmt.
Tilopa wurde durch Einflussnahme des großen Meisters Nagarjuna
zunächst König eines ostindischen Kleinstaates, entsagte
jedoch dann dem Leben in Wohlstand und Politik und wurde Mönch.
Aufgrund von Visionen, die ihm den Weg zeigten, verließ
er aber auch das Kloster und widmete sich als Yogi für zwölf
Jahre intensivster Dharmapraxis. Bereits hoch verwirklicht praktizierte
er dann jahrelang unerkannt als Angestellter in einem Bordell
bis er mit seiner Gefährtin die volle Erleuchtung manifestierte.
Er war Halter der Mahamudra Übertragung sowie von vier weiteren
Strömen mündlicher Überlieferung, die er von insgesamt
16 Lehrern erhielt. Die erste dieser vier Übertragungen besteht
aus dem Guhyasamaja und dem Catur Vajrasana Tantra sowie den Meditationspraktiken
des Illusorischen Körpers und der Phowa Bewusstseinsübertragung.
Die zweite Übertragung enthält das Mahamaya Tantra und
die Praxis des Traumyoga. Die dritte Übertragung besteht
aus dem Chakrasamvara Tantra und dem Yoga des Klaren Lichtes.
Die vierte Übertragung enthält das Hevajra Tantra und
die Tummo Meditationspraxis. Diese Übertragungen beinhalten
zugleich Vater-, Mutter- und Nonduales Tantra und werden als Ergänzung
und Vertiefung des Mahamudra praktiziert.
Zusätzlich zu
diesen Lehrern in menschlicher Form hatte Tilopa viele Visionen
von Buddha-Aspekten, speziell vom Urbuddha Dordje Tschang (Vajradhara).
In diesen Visionen erhielt er, so heißt es, ausführliche
Praxisanweisungen und Übertragungen, die er in vollem Ausmaß
verwirklichte. Von daher wird der Urbuddha Dordje Tschang, die
ursprüngliche Dimension erleuchteten Gewahrseins, als der
eigentliche Ursprung der Kagyü-Linie verstanden, und jeder
Schüler visualisiert seinen eigenen Lama auch in der symbolischen
Form des blauen Buddha Dordje Tschang, was zugleich ein Symbol
dafür ist, dass der eigene Geist nicht getrennt vom Geist
aller Buddhas ist.
Tilopas Schüler
Naropa(1016- 1100), einer der größten Gelehrten
Indiens an der buddhistischen Universität Nalanda, ließ
ebenfalls aufgrund einer Vision das Mönchsleben hinter sich
und lebte viele Jahre als Yogi in Begleitung von Tilopa, der ihm
zwölf große Prüfungen auferlegte und so zur Reife
brachte. Jede dieser Prüfungen endete mit einer speziellen
Übertragung. Naropa erlangte vollkommene Erleuchtung, lebte
von da an die meiste Zeit auf Leichenäckern und gab die von
seinem Lehrer erhaltenen Meditationspraktiken in systematisierter
Form als die "Sechs Yogas" weiter. Diese bilden bis heute
zusammen mit dem Mahamudra die Pfeiler der Kagyü Überlieferung.
Wie sein Lehrer Tilopa
es vorhergesagt hatte, fand der außerordentlich befähigte
tibetische Übersetzer Marpa (1012- 1097) zu Naropa
und erhielt von ihm den gesamten Schatz seiner Übertragungen.
Zusätzlich wurde Marpa auch zu mehreren anderen großen
Verwirklichten geschickt, wie dem großen Mahamudra Meister
Maitripa, damit er so eine in allen Punkten vollständige
und vielseitige Übertragung erhielt und sein Verständnis
mit den größten Meistern des damaligen Indiens vertiefen
konnte. Marpa reiste dreimal nach Indien und verbrachte insgesamt
21 Jahre mit dem Studium und der Praxis der oben erwähnten
vier Überlieferungsströme in Indien. Ansonsten lebte
er mit seiner Frau, einer verwirklichten Yogini, die ihm mehrere
Söhne gebar, als wohlhabender Bauer und bekannter Lehrer
in Tibet.
Unter Marpas Schülern
wurde der große Yogi Milarepa (1052- 1135) zum
hauptsächlichen Erben seines spirituellen Vermächtnisses.
Dies war bereits von Naropa prophezeit worden. Milarepa lebte
unter äußerst asketischen Bedingungen in Höhlen
hoch oben in den Schneebergen, wo sich allmählich immer mehr
Schüler um ihn sammelten. Er unterrichtete zumeist in Form
von spontanen Gesängen, von denen viele bis heute überliefert
wurden.
Wie von Marpa vorhergesagt,
gab er die komplette Übertragung seiner Lehren an einen besonders
befähigten Schüler weiter, den Mönchsarzt Gampopa
(1079- 1153), der zunächst verheiratet war, dann seine
Familie in einer Epidemie verlor und die Mönchsgelübde
nahm. Er erhielt von seinen ersten Lehrern die Übertragungen
der Kadampa Schule und brachte so den Schatz der Unterweisungen
des großen indischen Meisters Atisha mit in die Kagyü
Linie. Gampopa, der sich in der Provinz Dhagpo ansiedelte, hatte
Tausende von Schülern, von denen vier der Ausgangspunkt für
die vier großen Kagyü-Schulen wurden, die gemeinsam
als die Dhagpo Kagyü Linie bekannt wurden. Diese vier
Kagyü Schulen sind:
die Karma Kagyü,
begründet von Düsum Khyenpa, dem Ersten Karmapa,
die Pagdru Kagyü,
begründet von Phamo Drupa Dordje Gyalpo,
die Barom Kagyü,
begründet von Barom Dharma Wangtschug und
die Tshalpa Kagyü,
begründet von Schang Tshalpa Tsöndrü.
Verschiedene außerordentliche
Meister wurden in der Folge zum Ausgangspunkt für weitere
Unterschulen der Kagyü-Linie, die aber alle Karmapa als das
höchste spirituelle Oberhaupt der Kagyü-Linie betrachten.
Die Karma Kagyü
Schule, welche auf den ersten Karmapa zurückgeht und
am engsten mit der Inkarnationslinie der Karmapas verbunden ist,
war bereits in Tibet sehr bedeutend und hat sich hier im Westen
in den letzten 25 Jahren besonders rasch verbreitet. Seit dem
ersten Karmapa wechseln sich im "Goldenen Rosenkranz"
der Karma Kagyü Linie die Karmapas als zentrale Achse in
ungebrochener Reihenfolge jeweils mit den anderen Linienhaltern,
ihren Schülern, ab. Diese Linienhalter müssen nicht
unbedingt ebenfalls wiedererkannte Inkarnationen sein, sondern
es kann sich dabei auch um weniger bekannte, aber völlig
verwirklichte Meister der Mahamudra-Tradition handeln. Der Gyalwa
Karmapa bestimmt jeweils selbst vor seinem Tod, welcher Lehrer
seiner nächsten Inkarnation die Hauptübertragung geben
soll.
Eine Übertragungslinie
ist nicht so linear, wie sie manchmal erscheinen mag. Sie besteht
in Wirklichkeit zusätzlich zur zentralen Achse aus einem
großen Geflecht von Querverbindungen. Jeder Lehrer hat viele
Schüler, darunter meistens auch mehrere hoch Verwirklichte.
Und viele Schüler haben auch mehrere Lehrer, bei denen sie
verschiedene Aspekte ihrer Praxis vertiefen. Zudem wurden Übertragungen
mit anderen Linien ausgetauscht. So erhielt zum Beispiel der dritte
Karmapa Rangdjung Dordje die vollständige Dsogtschen
Übertragung der Nyingma Linie und fungierte zugleich auch
als einer deren Haupt-Linienhalter. Seither bildet diese Nyingma
Übertragung einen integralen Bestandteil auch der Kagyü
Linie.
Die Biographien all
dieser Linienhalter sind erhalten. Sie sind sehr umfangreich und
im Rahmen dieser Unterweisungen müssen wir uns auf das Wichtigste
beschränken. Dabei ist vor allem das wichtig, was uns einen
Eindruck vermittelt, wie sich der Buddha Karmapa in dieser Welt
manifestiert und was seine Aktivität kennzeichnet.