UNTERWEISUNGEN
Allgemeine Merkmale der Aktivität
der Gyalwa Karmapas
Die Lebensgeschichten
der Karmapas sind so inspirierend, dass es am Schönsten wäre,
sie in voller Länge wiederzugeben, doch das ist im Rahmen
dieser Zusammenstellung nicht möglich. Wer die Biographien
selber liest, wird feststellen, dass sich gewisse Merkmale der
Aktivität dieses erleuchteten Meisters immer wieder zeigen:
Der Geburt eines
Karmapa gehen jeweils verheißungsvolle Träume der Eltern
voraus oder die Eltern werden durch Visionen oder vom noch lebenden
Karmapa selbst auf die Geburt dieses besonderen Kindes vorbereitet.
Das Kind zeigt bereits
in der Gebärmutter und unmittelbar nach der Geburt durch
das Rezitieren von Mantras, besondere Verhaltensweisen und frühes
Sprechen, dass es die Wiedergeburt eines großen Meisters
ist.
Wenn der Zeitpunkt
gekommen ist, gibt sich der junge Karmapa seiner Umgebung unmissverständlich
zu erkennen und bittet darum, zu dem Lehrer gebracht zu werden,
dem die Aufgabe zugedacht ist, ihm die notwendige Ausbildung und
Übertragungen zu geben.
Dem folgt eine intensive
Zeit des Studiums und der Meditation, die den Karmapa sehr frühzeitig
zu einem vollgültigen Lehrer werden lässt, der seine
Schüler in allen Belangen führen kann. Bisher haben
die Karmapas meist bald nachdem sie zwanzig Jahre alt wurden die
Mönchsordination erbeten, nachdem sie die Novizen-Ordination
schon einiges früher erhalten haben. Die einzige Ausnahme
war der fünfzehnte Karmapa, der als Laie praktizierte.
Mit dem Beginn seiner
mehr nach außen gerichteten Aktivität zeigt sich der
Karmapa als von außergewöhnlich breit gefächerten
Fähigkeiten. Nicht nur überträgt er sämtliche
Praktiken und erklärt sämtliche Unterweisungen des Buddha
mühelos, sondern er zeigt sich auch als Künstler und
Heiler, er verhilft Gemeinschaften und ganzen Ländern zu
harmonischem Zusammenleben, schlichtet Dispute, verhindert Kriege
und Seuchen. Er hat viele Visionen, schreibt Praxistexte, verfasst
Kommentare und erläutert die verschiedenen Aspekte des Dharma,
um anderen zu helfen, zu einem immer feineren und tatsächlich
befreienden Verständnis der Wirklichkeit vorzudringen. Er
macht Prophezeiungen, baut und renoviert Klöster, gewährt
Ordination und Ermächtigungen – kurz, es gibt keinen Bereich,
dem er sich nicht widmen würde, wenn es den Wesen nutzt.
Er ist von seinem Verhalten und seinem Charakter anderen in jeder
Hinsicht ein Vorbild. Es ist, als würde man in ihm der Verkörperung
des höchsten menschlichen Potentials begegnen.
All diese Aktivität
vollzieht sich gewöhnlich während der Karmapa auf Reisen
unterwegs ist. Früher zogen stets viele hundert Praktizierende
mit dem Karmapa durchs Land. Wo immer er hinkam, schlug er für
einige Tage oder Wochen die Zelte auf und während sich die
Mitreisenden ihrer Praxis, ihrem Studium und ihren Aufgaben widmeten
empfing der Karmapa alle Hilfesuchenden und Praktizierenden, die
ihn in der jeweiligen Gegend sehen wollten, und gab ihnen Segen
und Unterweisungen. In allen Situationen setzte er seine intensiven
Gebete zum Wohl der Wesen fort. So zog der Karmapa während
eines Lebens den vielen Einladungen folgend oft mehrmals durch
das riesige Tibet und auch durch China und angrenzende Regionen,
um allen Schülern Gelegenheit zu geben, ihm zu begegnen.
Überall kümmerte er sich um die Klöster und Praxisstätten
und identifizierte zugleich auch die noch nicht erkannten Inkarnationen
großer Meister, die daraufhin die ihnen gemäße
Förderung erhalten konnten. Gelegentlich zogen sich die Karmapas
auch für Meditationsklausuren zurück, um verstärkt
auf dieser Ebene den Wesen zu helfen.
Wir sollten uns,
wenn wir das Leben dieses Meisters betrachten, immer vor Augen
halten, dass wir nur einen verschwindend geringen Teil seiner
Aktivität wahrnehmen können. Wir bemerken zum Beispiel
kaum etwas davon, wenn er den für uns unsichtbaren Wesen
den Dharma lehrt oder auch den Tieren. Wenn der Karmapa ruht,
so schläft er nicht im üblichen Sinn, sondern ist im
Klaren Licht und geht in die reinen Buddhagefilde und andere Daseinsbereiche,
wo er ebenfalls das Rad des Dharma dreht. Er ist sich auch der
Aktivitäten weiterer Ausstrahlungen von sich selbst bewusst,
was er allerdings nur selten zu erkennen gibt. Der sechzehnte
Karmapa lachte einmal unvermittelt auf. Als er gefragt wurde,
warum, meinte er nur, eine seiner Ausstrahlungen wäre gerade
ungeschickt gestolpert und hingefallen.
Der Karmapa ist sich
der Gedanken und Probleme seiner Schüler bewusst, auch derer,
die nicht in seiner Nähe leben. Er ist in ständiger
Fühlung mit ihnen – und das völlig mühelos. Die
verschiedenen Ebenen seiner Aktivität durchdringen einander
und sind simultan. Sie sind Ausdruck der spontanen grenzenlosen
Aktivität eines Buddha. Möge der Karmapa verzeihen,
dass überhaupt der Versuch unternommen wird, seine Aktivität
zu schildern, denn sie ist wirklich jenseits von Vorstellungen.
Im Folgenden wollen
wir nur die ganz besonders wichtigen Ereignisse in der Karma Kagyü
Linie ansprechen und einen Eindruck davon vermitteln, wie die
Linie von einem Meister zum anderen weitergegeben wurde:
Der Erste Karmapa,
Düsum Khyenpa (1110 - 1193)
Düsum Khyenpa
wurde als das außerordentliche Kind eines Yogis und einer
Yogini in Kham, Osttibet, geboren. Schon mit elf Jahren zeigte
er Zeichen der Verwirklichung der Jidampraxis von Ekajati,
die ihm sein Vater gelehrt hatte. Bald zeigte er aufgrund seiner
Praxis des Dharmaschützers Mahakala Wunderkräfte
und hinterließ Hand- und Fußabdrücke in Felsen.
Mit sechzehn wurde er Mönch. Er lernte mit vielen Meistern
und erhielt eine gründliche Ausbildung in allen Aspekten
buddhistischer Lehre sowie eine Vielzahl von tantrischen Übertragungen,
die er im Nu verwirklichte. Auch hatte er Visionen, unter anderem
vom zukünftigen Buddha Maitreya, der ihm Ermächtigung
in fünf verschiedene Praktiken gewährte. Mit 30 Jahren
begab er sich zu Gampopa, der ihm zunächst nur ganz
grundlegende Unterweisungen im stufenweisen Weg der Kadampas gewährte.
Erst auf Düsum Khyenpas wiederholtes Bitten gab Gampopa ihm
die Hevajra Ermächtigung. Dabei zeigte sich Gampopa in Form
von Hevajra selbst und Düsum Khyenpa entwickelte spontan
die innere yogische Wärme. Von da an trug er nur noch ein
einfaches Baumwolltuch und ging für neun Monate in den Bergen
in Klausur. Dem folgte eine Reihe von Jahren mit Übertragungen
und intensiven Klausuren, unter anderem auch bei dem Meister Retschungpa,
neben Gampopa dem zweiten Hauptschüler von Milarepa. Von
dort zurückgekommen schickte Gampopa ihn nochmals für
sechs Monate in die Klausur, wo er die vollkommene Erleuchtung
manifestierte. Meister Gampopa (sowie Lama Sakya Shri aus
Kaschmir und der Tshalpa Kagyü Lama Schang) bestätigten
ihn als der vom Buddha vorhergesagte Karmapa. Auf Geheiß
von Gampopa zog er dann durch ganz Tibet und unterrichtete. Obwohl
der Dharma in Tibet in voller Blüte war und es viele große
Meister gab, nannte Gampopa ihn "eine Sonne unter den Sternen".
Drei Sommer und Winter verbrachte er auf einem Felsen bei Jabsang
und demonstrierte die Fähigkeit, durch soliden Fels und Berge
zu gleiten.
Als Gampopa starb,
fiel Düsum Khyenpa, als einem der vier Hauptschüler
Gampopas, die Aufgabe zu, die Kagyü Lehren weiter zu tragen.
Er versprach seinen Schülern, 84 Jahre alt zu werden. Mit
56 Jahren gründete er das Kampo Nenang Kloster, wo es seither
einen Fels gibt, auf dem jedes Mal, wenn sich ein Karmapa in dieser
Welt manifestiert, ein neues KA erscheint. Es heißt, dass
das 16. KA für den 16. Karmapa, dessen Aktivität sich
über die ganze Welt ausbreitete größer als die
anderen sei. Düsum Khyenpa reiste durch ganz Tibet, gründete
mehrere Klöster und setzte auch das Kloster von Gampopa wieder
völlig instand. Hier kann nur eine kurze Zusammenfassung
seiner Aktivität gegeben werden, aber er zeigte so unglaubliche
Fähigkeiten, den Dharma zu unterrichten, dass sogar ein Tiger
von ihm Dharma-Unterweisungen erhielt und umsetzte.
Als er bereits auf
die Achtzig zuging, gründete er das Kloster Tsurphu
in der Nähe von Lhasa, welches der Hauptsitz der Karmapas
werden sollte. Zu dieser Zeit erschien auch das erste KA auf dem
Felsen in Nenang. Bevor er dann mit 84 Jahren seinen Körper
verließ, gab er einer Gruppe seiner Schüler, darunter
Gyalsä Pomdragpa, mündliche Anweisungen, dass
sie seine nächste Inkarnation nahe des Flusses Dri-tschu
in Kham (Osttibet) finden würden. Mit dieser Vorhersage begründete
der 1. Karmapa das System der Linien von wiedergeborenen Lamas
in Tibet. Er erklärte, dass es viele zukünftige Karmapas
geben würde und dass es bereits jetzt vier Emanationen von
ihm gäbe, darunter eine in Purang, eine an der nepalesischen
Grenze, eine in Ostindien und eine in einem östlichen Gefilde
(vermutlich nicht hier auf der Erde). Sein Tod war von vielen
ungewöhnlichen, glückverheißenden Zeichen begleitet.