UNTERWEISUNGEN
Der Zweite
Karmapa, Karma Pakschi (1204 1283)
Die
Wiedergeburt von Düsum Khyenpa war von vielen besonderen
Zeichen begleitet, aber was noch erstaunlicher war, ist, dass
dieses Kind sich mit sechs Jahren bereits selbst das Schreiben
vollständig beigebracht hatte und dass er mit zehn Jahren
bereits alle Dharmatexte studiert hatte, die er in seiner Familie
und bei Verwandten finden konnte. Er brauchte einen Text nur einmal
zu lesen oder eine Unterweisung nur einmal zu hören, um den
Inhalt vollkommen zu verstehen und zu behalten. Dadurch waren
seine Eltern völlig überzeugt, dass es sich um ein besonderes
Kind handelte.
Zu diesem Zeitpunkt suchte ihn Pomdrag Sönam Dordje (1170
1249) auf, ein Schüler von Dromgön Rätschen, der
eine Vision von Düsum Khyenpa und vielen Buddha-Aspekten
(Jidams) hatte, dass dieses Kind tatsächlich die erwartete
Wiedergeburt sei. Mit elf Jahren erhielt er die Novizen-Ordination
und von da ab bekam er auch richtigen Unterricht, als erstes in
den Vajragesängen von Saraha und den Mahamudra-Lehren von
Gampopa. Doch Pomdragpa musste feststellen, dass sein Schüler
bereits alles über Meditation verstanden hatte. Die nächsten
zehn Jahre verbrachte Karmapa vorwiegend in Meditation und widmete
sich den Sechs Yogas von Naropa und den Jidampraktiken. Er hatte
häufig Visionen von Tara sowie von Tschenresi und verschiedenen
Schützern.
Anfang zwanzig wurde er von einer Vision des Schützers Dordje
Pältseg nach Nenang gerufen, wo es viele unsichtbare Wesen
zu zähmen gab. Elf Jahre blieb er dann in Schartschog Pungri,
wo er ein Kloster bauen ließ und sich weiter der Praxis
der subtilen Winde und Kanäle widmete. Viele Menschen sahen
Regenbogen um ihn herum und Lichtstrahlen von seinem Körper
ausgehen. Sein Ruhm verbreitete sich und er folgte Einladungen
in ganz Tibet, um zu unterrichten, Ermächtigungen zu geben,
Fehden zu schlichten und Klöster zu renovieren und neu zu
gründen. Dabei hatte er weiter viele Visionen.
Als er 47 Jahre alt war, folgte er einer Einladung von Kublai
Khan, dem Mongolenkönig, der zusammen mit seinem Bruder Mongkor
Gen auch über große Teile Chinas herrschte. Der Lehrer
des Kublai Khan war eigentlich Tschögyal Phagpa von der Sakya
Schule, aber der Ruhm von Karmapa hatte sich bereits so verbreitet,
dass der Herrscher ihn unbedingt sehen wollte. Die Reise dauerte
drei Jahre. Aber als Karmapa in der Hauptstadt Palast ankam, musste
er feststellen, dass im Palast Streitereien ausgebrochen waren,
weil die Anhänger der Sakya Schule befürchteten, dass
sein Einfluss die Sakya Schule verdrängen würde. Entgegen
des dringenden Wunsches von Kublai Khan reiste er unverzüglich
ab.
Ein Jahr später, Karmapa war im tibetischen Amdo, nahe der
Grenze nach China, und unterrichtete, erreichtet ihn eine erneute
Einladung, diesmal von Mongkor Gen, der seinen Bruder abgesetzt
hatte. Er akzeptierte und lehrte im Jahr 1256 ausführlich
im Palast des Kaisers, gab Ermächtigungen und siegte in allen
Debatten mit den nichtbuddhistischen spirituellen Herausforderern.
Er beendete einen schlimmen Schneesturm, setzte sich für
die Freilassung vieler Gefangener ein, stoppte eine Insektenplage
mit Mantren und wirkte in vieler Weise hilfreich bei Krankheiten
und Disputen. Dann machte er sich langsam auf den Rückweg
nach Tibet, überall auf dem Weg unterrichtend. Er war vier
Jahre gereist, da erreichte ihn die Nachricht, dass Kaiser Mongkor
gestorben war und sein Sohn von Kublai Khan in einem blutigen
Krieg besiegt worden war. Karmapa meditierte sieben Tage lang
und machte viele Wünsche für Frieden in China. Dabei
hatte er eine Vision von Buddha Shakyamuni, de ihm auftrug, eine
26 Ellen hohe Buddhastatue zu bauen.
Kublai erinnerte sich der Ablehnung seiner Einladung vor sieben
Jahren und sandte 30.000 Soldaten, um Karma Pakschi gefangen zu
nehmen. Karmapa sah die Zeit gekommen, Kublai Khan zum spirituellen
Weg zu bringen und manifestierte der Reihe nach folgende Wunder:
Als sich die Soldaten ihm näherten, lähmte er sie mit
der Zweifinger Mudra, doch dann gab er ihnen aus Mitgefühl
wieder Bewegungsfreiheit und ließ sich gefangen nehmen.
Sie wickelten ihn in Tücher und versuchten ihn einzuschnüren,
doch sein Körper war wie ein Regenbogen, ohne Substanz, und
es gelang ihnen nicht. Sie zwangen ihn, Gift zu trinken, aber
statt seine tödliche Wirkung zu zeigen, strömten blendende
Lichtstrahlen von seinem Körper und die Soldaten wurden von
Angst gepackt. Sie brachten ihn auf einen hohen Berg und stießen
ihn in den Abgrund, aber er glitt hinunter, landete auf einem
See und überquerte diesen wie eine Ente. Sie hatten auch
keinen Erfolg damit, ihn zusammen mit Zweien seiner Schüler
in einem lodernden Feuer zu verbrennen, denn Ströme von Wasser
kamen aus ihren Körpern und löschten die Flammen. Kublai
Khan hörte von diesen Vorgängen und befahl, ihn auszuhungern.
Doch Tag um Tag konnten die Menschen sehen, wie himmlische Wesen
ihm Nahrung und Getränke brachten. Da lenkte der Kaiser ein
und wurde Karmapas Schüler. Dieser verbrachte einige Zeit
in der Hauptstadt im großen Palast und wurde sehr verehrt.
Dann reiste er noch weitere sechs Jahre durch China und unterrichtete
allerorten.
Zwischenzeitlich war auf seinen Auftrag hin die große Buddhastatue
im Kloster von Tsurphu gebaut worden, von einem Kunstschmied aus
Tsang, den Karmapa damit beauftragt hatte, weil er eine Ausstrahlung
von ihm selbst sei. Doch die Statue, die nach drei Jahren fertiggestellt
war, lehnte etwas zur linken Seite. Karmapa setzte sich bei seiner
Rückkehr in Medita-tionshaltung vor die riesige Statue, nahm
die etwas seitlich geneigte Haltung der Statue ein und richtete
sich dann und damit auch die Statue in gerader Stellung auf.
Der große Verwirklichte Orgyänpa (1230 1312), ein Schüler
des Rigdsin Götsangpa, besuchte den Karmapa und übertrug
ihm mehrere zusätzliche Unterweisungen des Siddha Tilopa,
die Karmapa noch nicht erhalten hatte. Karmapa sagte ihm, dass
er der Lehrer seiner nächsten Inkarnation sein würde.
Dann kam ein Ehepaar aus Südtibet zu ihm nach Tsurphu auf
Pilgerreise und er teilte ihnen mit, dass seine nächste Inkarnation
als ihr Sohn geboren werden würde und dass er bereits einen
Teil von ihm selbst in die Gebärmutter der Frau übertragen
hätte. Fünf Monate später starb er im Alter von
achtzig Jahren, nachdem er die Phowa-Praxis der Bewusstseinsübertragung
ausgeführt hatte. Viele Reliquien, darunter solche in der
Form von strahlenden, nach rechts drehenden Muscheln und miteinander
verbundenen Buchstaben und vielerlei Symbole, wurden in der Verbrennungsasche
gefunden.
Bevor Karma Pakschi starb, schrieb er in seinen persönlichen
Aufzeichnungen nieder: "Die Karmapas werden sich in Zukunft
in zwei Nirmanakaya Ausstrahlungen manifestieren." Diese
beiden Lamas, so erklärte er, würden sich einer nach
dem anderen abwechselnd als Lehrer und Schüler inkarnieren,
um die Linie ohne jeden Unterbruch zu bewahren und fortzuführen.
Er hinterließ mündliche und - bei einem Nyingma Schüler
- auch schriftliche Anweisungen zu seiner Wiedergeburt. Im Todesjahr
des zweiten Karmapa wurde Drakpa Senge geboren, der später
als der Erste Shamarpa bekannt wurde.
Die wundervollen Manifestationen von Karmapa und Shamarpa in Menschenform
sollten nicht als eine betrachtet werden, da sie jede ihre eindeutige
und separate Identität haben. Doch sollten sie auch nicht
als völlig unverbundene Individuen betrachtet werden. Sie
sind nicht einer, aber auch nicht zwei.