UNTERWEISUNGEN
Der
Sinn unseres Lebens
Alle Wesen,
die sich um uns herum befinden oder die wir uns vorstellen können,
waren einmal (in früheren Leben) unsere Eltern. Wir schulden
ihnen von daher große Dankbarkeit und Güte für
all das, was sie für uns getan haben. Da sie alle im Daseinskreislauf
großes Leid erfahren, sollte unsere einzige Sorge sein,
sie von diesem Leid zu befreien. Um dies bewirken zu können,
müssen wir die Unterweisungen des Dharmas empfangen, über
sie nachdenken und sie praktizieren.
Als erstes
entwickeln aus tiefstem Herzen den Wunsch, sie von allem Leid
zu befreien, und schließlich führen wir diesen Wunsch
in die Tat um, indem wir mit Körper, Rede und Geist die
Unterweisungen studieren, kontemplieren und praktizieren. Denn
wir können den Wesen nur helfen, wenn wir selbst vollständige
Erleuchtung erlangt haben.
Vollständige
Erleuchtung bedeutet, daß alle Schleier des Geistes aufgelöst
sind und all seine Qualitäten entfaltet wurden. Erleuchtung
ermöglicht uns, die Wesen zu befreien. Dies sollte unsere
einzige Motivation für die Praxis sein, und nichts anderes.
Mit dieser einzigen Absicht sollten wir unseren spirituellen
Weg beginnen, handeln, den Dharma studieren, über ihn nachdenken
und meditieren. Dies ist der Sinn für unser Leben: alle
Wesen aus dem Leiden zu befreien, indem wir den Dharma anwenden.
Wir setzen
all unsere Energie von Körper, Rede und Geist für
dieses Ziel ein und stellen unser Leben in den Dienst der Wesen
und der drei Juwelen: Buddha, Dharma und Sangha. Gleichzeitig
bringen wir unser Leben dem Lama dar, der die Einheit von Buddha,
Dharma und Sangha verkörpert.
Dieser Wunsch,
die Wesen aus allem Leid zu befreien und unsere Energie für
dieses Ziel einzusetzen, sollte wirklich aus der Tiefe unseres
Herzes kommen und nicht nur ein Lippenbekenntnis sein, das wir
einfach hersagen. Es sollte ein ganz tiefer Wunsch sein, eine
feste Absicht, die man nicht wieder verwirft, sondern immer
weiter vertieft. Wir nehmen uns vor, von jetzt an bis zum Verwirklichen
des Herzens der Erleuchtung mit den Mitteln, die uns gegeben
werden, für die Befreiung der Wesen zu wirken.
Diese Absicht
befreit uns von allen persönlichen und egoistischen Interessen,
wir sind nicht mehr die Eigentümer unseres eigenen Lebens,
denn unsere Energie dient nun nicht mehr persönlichen Zielen.
Sie wird den Wesen und ihrer Befreiung geschenkt. So entsteht
eine universelle, vollkommen altruistische Vision.
Unser
Hauptproblem: Ichanhaften
Das Hauptproblem
auf dem Weg ist unser Anhaften an einem Ich", der
Vorstellung eines Selbst, das wir meinen, schützen oder
zufriedenstellen zu müssen. Weil dieses Anhaften die Quelle
von unserem Leid wie auch des Leides aller Wesen ist, werden
wir mit allen Mitteln dagegen angehen.
Das erste
Gegenmittel ist Freigebigkeit, was bedeutet, Körper, Rede
und Geist dem Lama und den drei Juwelen darzubringen, wodurch
sie der Befreiung aller Wesen dienen. Auf diese Weise kann sich
das Haften an einem Ich auflösen und eine vollkommen altruistische
Geisteshaltung entstehen.
Der Wunsch,
die Wesen aus dem Leid zu befreien, wird zur inspirierenden
Kraft aller unserer Handlungen. Wenn dann Schwierigkeiten auf
dem spirituellen Weg erscheinen, werden sie nicht mehr als persönliche
Schwierigkeiten wahrgenommen, sondern als Hindernisse für
Bewirken des Wohles aller Wesen. So betrachtet, werden uns Hindernisse
nicht mehr entmutigen, sondern uns helfen, noch mehr Energie
zu finden, um für die Befreiung der Wesen zu arbeiten.
Unsere Aufmerksamkeit
sollte sich vor allem auf die anderen richten. Wenn wir keine
ichbezogenen Absichten mehr verfolgen, werden andere wichtiger
und wir entwickeln ein echtes Interesse für sie. Wir kümmern
uns um alle Wesen ohne Ausnahme mit einer vollkommen gleichmütigen
Einstellung, das heißt, frei von Vorlieben und Abneigungen.
Das Wohl der Wesen wird zu unserer einzigen Motivation bei allem,
was wir tun.
Anderen
helfen zu wollen bedeutet, an sich selbst zu arbeiten
Bevor wir
etwas für andere tun können, müssen wir uns jedoch
zunächst selbst befreien, denn wir brauchen inneren Freiraum,
um uns überhaupt für andere einsetzen zu können.
Dafür ist es notwendig, zunächst die eigenen Schwierigkeiten
und Grenzen zu erkennen und anzunehmen. Indem wir beginnen,
unsere Ichbezogenheit aufzulösen, enthüllen sich unsere
Schwierigkeiten als Qualitäten. Unsere Probleme nehmen
wir dann nicht mehr als ein Hindernis wahr, sondern als eine
Hilfe, uns in die Schwierigkeiten anderer hineinzuversetzen.
Je mehr Schwierigkeiten wir selbst erfahren haben, desto wirkungsvoller
können wir anderen helfen. Es ist also ein Vorteil, Probleme
zu haben.
Solange
unser Blick durch Emotionen verschleiert wird, ist es unmöglich,
anderen zu helfen, denn man kann anderen den Weg nicht zeigen,
wenn man ihn selber nicht kennt. Um andere auf dem Weg anzuleiten,
muß man ihn selber erst gegangen sein. So steht zu Beginn
jeder altruistischen Aktivität die Arbeit an den eigenen
Problemen. Man erkennt, wie man selber leidet, und arbeitet
als erstes daran. Die altruistische Einstellung kommt dann von
selbst zum Vorschein, denn das einzige, was sie daran hindert,
ist unser Ichanhaften. Wenn sich dieses auflöst, richtet
sich unser Geist ganz natürlich auf andere aus und wir
können mit ganzer Kraft zum Wohl der Wesen arbeiten.
Die Motivation
ist das Wichtigste
Die Qualität
einer Handlung hängt von der Motivation ab. So können,
je nach Motivation, ähnlich aussehende Handlungen doch
vollkommen verschiedene Auswirkungen haben. Als Beispiel können
wir zwei Leute nehmen, die einen Obstbaum pflanzen:
Der
Erste pflanzt diesen Baum in seinem eigenen Garten, denn er
möchte später die Früchte ernten, um selber etwas
zu essen zu haben, wenn er hungrig oder durstig ist. Seine Absicht
beim Pflanzen ist der Wunsch, selber glücklich sein.
Der Zweite
pflanzt auch so einen Baum, aber an den Rand eines Weges oder
auf ein öffentliches Feld. Er möchte, daß vorbeigehende
Leute, die Hunger oder Durst haben, zu diesem Baum kommen und
seine Früchte genießen können. Ihn motiviert
das Wohl anderer.
Ihre Arbeit
ist äußerlich die gleiche: Beide graben ein Loch,
pflanzen einen Baum und pflegen ihn. Aber dennoch werden die
Auswirkungen ihrer Handlungen nicht gleich sein, denn die Absicht
war verschieden. Der Erste, der den Baum im eigenen Garten pflanzte,
wird versuchen, ihn zu schützen, aus Angst, daß ihm
jemand die Früchte wegnimmt. Er wird einen Zaun bauen und
alles tun, um zu verhindern, daß andere seine Früchte
essen. Je größer sie werden, desto mehr wird er aufgrund
seines ichbezogenen Interesses Furcht entwickeln. Sein Geist
wird dadurch verdunkelt, und er wird möglicherweise sogar
aggressiv, wenn er das Gefühl hat, daß ihm jemand
die Früchte wegnehmen möchte.
Der Zweite
wird sich zwar auch sorgen, daß sein Baum wächst
und Früchte trägt, aber da er keine persönlichen
Interessen hat, wird sein Geist wesentlich leichter und freier
sein. Trägt der Baum dann Früchte, wird er sich freuen,
wenn viele Leute kommen und davon nehmen.
Obwohl die
beiden Handlungen so ähnlich scheinen, ist ihr Ergebnis
vollkommen verschieden, weil sie aus äußerst unterschiedlichen
Geisteshaltungen heraus ausgeführt wurden. Der Erste entwickelt
Angst und Beunruhigung, und niemand hat etwas von seinem Baum
und seinen Früchten, wohingegen der Zweite große
Freude erlebt. Deshalb sollten wir bei allen Handlungen auf
unsere Motivation achten.
Ich und
das Wohl der Wesen
Viele von
uns sind an dem Punkt angelangt, wo der Wunsch entsteht, allen
Wesen ihr Leid erleichtern und sie alle zur Erleuchtung führen
zu können. Dennoch denken wir vielleicht: Das ist
ja ganz nett, an das Wohl aller Wesen zu denken, aber wer denkt
dann an mich? Wann habe ich mal Zeit, mir selbst etwas Gutes
zu tun?" Solange wir jedoch so denken, werden wir uns nie
ganz für andere einsetzen können, weil wir uns sorgen,
selber nicht genug zu bekommen. Genau diese kleine Sorge oder
Zurückhaltung hindert uns, uns wirklich für das gemeinsame
Wohl einzusetzen, denn es hemmt uns stets eine gewisse Angst,
und das ist ein Hindernis auf dem Weg.
Wenn wir
auf dem Weg fortschreiten, entwickeln wir zwei Eigenschaften:
Weisheit und die altruistische Einstellung, die wir Liebe und
Mitgefühl nennen. Diese beiden Qualitäten sind zugleich
vorhanden und bewirken zweierlei Nutzen, für uns wie für
andere. Wenn wir vom gemeinsamen Nutzen sprechen, ist der Nutzen
für alle Wesen ohne Ausnahme gemeint, und dieser beinhaltet
unseren eigenen Nutzen. Wir brauchen uns nicht zu sorgen, ob
bei altruistische Handlungen auch ein Nutzen für uns selber
entsteht, denn sie bewirken das Wohl aller Wesen, uns
selbst mit eingeschlossen.
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