UNTERWEISUNGEN

Lama Guendun RinpocheDer Sinn unseres Lebens

Alle Wesen, die sich um uns herum befinden oder die wir uns vorstellen können, waren einmal (in früheren Leben) unsere Eltern. Wir schulden ihnen von daher große Dankbarkeit und Güte für all das, was sie für uns getan haben. Da sie alle im Daseinskreislauf großes Leid erfahren, sollte unsere einzige Sorge sein, sie von diesem Leid zu befreien. Um dies bewirken zu können, müssen wir die Unterweisungen des Dharmas empfangen, über sie nachdenken und sie praktizieren.

Als erstes entwickeln aus tiefstem Herzen den Wunsch, sie von allem Leid zu befreien, und schließlich führen wir diesen Wunsch in die Tat um, indem wir mit Körper, Rede und Geist die Unterweisungen studieren, kontemplieren und praktizieren. Denn wir können den Wesen nur helfen, wenn wir selbst vollständige Erleuchtung erlangt haben.

Vollständige Erleuchtung bedeutet, daß alle Schleier des Geistes aufgelöst sind und all seine Qualitäten entfaltet wurden. Erleuchtung ermöglicht uns, die Wesen zu befreien. Dies sollte unsere einzige Motivation für die Praxis sein, und nichts anderes. Mit dieser einzigen Absicht sollten wir unseren spirituellen Weg beginnen, handeln, den Dharma studieren, über ihn nachdenken und meditieren. Dies ist der Sinn für unser Leben: alle Wesen aus dem Leiden zu befreien, indem wir den Dharma anwenden.

Wir setzen all unsere Energie von Körper, Rede und Geist für dieses Ziel ein und stellen unser Leben in den Dienst der Wesen und der drei Juwelen: Buddha, Dharma und Sangha. Gleichzeitig bringen wir unser Leben dem Lama dar, der die Einheit von Buddha, Dharma und Sangha verkörpert.

Dieser Wunsch, die Wesen aus allem Leid zu befreien und unsere Energie für dieses Ziel einzusetzen, sollte wirklich aus der Tiefe unseres Herzes kommen und nicht nur ein Lippenbekenntnis sein, das wir einfach hersagen. Es sollte ein ganz tiefer Wunsch sein, eine feste Absicht, die man nicht wieder verwirft, sondern immer weiter vertieft. Wir nehmen uns vor, von jetzt an bis zum Verwirklichen des Herzens der Erleuchtung mit den Mitteln, die uns gegeben werden, für die Befreiung der Wesen zu wirken.

Diese Absicht befreit uns von allen persönlichen und egoistischen Interessen, wir sind nicht mehr die Eigentümer unseres eigenen Lebens, denn unsere Energie dient nun nicht mehr persönlichen Zielen. Sie wird den Wesen und ihrer Befreiung geschenkt. So entsteht eine universelle, vollkommen altruistische Vision.

TaraUnser Hauptproblem: Ichanhaften

Das Hauptproblem auf dem Weg ist unser Anhaften an einem „Ich", der Vorstellung eines Selbst, das wir meinen, schützen oder zufriedenstellen zu müssen. Weil dieses Anhaften die Quelle von unserem Leid wie auch des Leides aller Wesen ist, werden wir mit allen Mitteln dagegen angehen.

Das erste Gegenmittel ist Freigebigkeit, was bedeutet, Körper, Rede und Geist dem Lama und den drei Juwelen darzubringen, wodurch sie der Befreiung aller Wesen dienen. Auf diese Weise kann sich das Haften an einem Ich auflösen und eine vollkommen altruistische Geisteshaltung entstehen.

Der Wunsch, die Wesen aus dem Leid zu befreien, wird zur inspirierenden Kraft aller unserer Handlungen. Wenn dann Schwierigkeiten auf dem spirituellen Weg erscheinen, werden sie nicht mehr als persönliche Schwierigkeiten wahrgenommen, sondern als Hindernisse für Bewirken des Wohles aller Wesen. So betrachtet, werden uns Hindernisse nicht mehr entmutigen, sondern uns helfen, noch mehr Energie zu finden, um für die Befreiung der Wesen zu arbeiten.

Unsere Aufmerksamkeit sollte sich vor allem auf die anderen richten. Wenn wir keine ichbezogenen Absichten mehr verfolgen, werden andere wichtiger und wir entwickeln ein echtes Interesse für sie. Wir kümmern uns um alle Wesen ohne Ausnahme mit einer vollkommen gleichmütigen Einstellung, das heißt, frei von Vorlieben und Abneigungen. Das Wohl der Wesen wird zu unserer einzigen Motivation bei allem, was wir tun.

Anderen helfen zu wollen bedeutet, an sich selbst zu arbeiten

Bevor wir etwas für andere tun können, müssen wir uns jedoch zunächst selbst befreien, denn wir brauchen inneren Freiraum, um uns überhaupt für andere einsetzen zu können. Dafür ist es notwendig, zunächst die eigenen Schwierigkeiten und Grenzen zu erkennen und anzunehmen. Indem wir beginnen, unsere Ichbezogenheit aufzulösen, enthüllen sich unsere Schwierigkeiten als Qualitäten. Unsere Probleme nehmen wir dann nicht mehr als ein Hindernis wahr, sondern als eine Hilfe, uns in die Schwierigkeiten anderer hineinzuversetzen. Je mehr Schwierigkeiten wir selbst erfahren haben, desto wirkungsvoller können wir anderen helfen. Es ist also ein Vorteil, Probleme zu haben.

Solange unser Blick durch Emotionen verschleiert wird, ist es unmöglich, anderen zu helfen, denn man kann anderen den Weg nicht zeigen, wenn man ihn selber nicht kennt. Um andere auf dem Weg anzuleiten, muß man ihn selber erst gegangen sein. So steht zu Beginn jeder altruistischen Aktivität die Arbeit an den eigenen Problemen. Man erkennt, wie man selber leidet, und arbeitet als erstes daran. Die altruistische Einstellung kommt dann von selbst zum Vorschein, denn das einzige, was sie daran hindert, ist unser Ichanhaften. Wenn sich dieses auflöst, richtet sich unser Geist ganz natürlich auf andere aus und wir können mit ganzer Kraft zum Wohl der Wesen arbeiten.

Die Motivation ist das Wichtigste

Die Qualität einer Handlung hängt von der Motivation ab. So können, je nach Motivation, ähnlich aussehende Handlungen doch vollkommen verschiedene Auswirkungen haben. Als Beispiel können wir zwei Leute nehmen, die einen Obstbaum pflanzen:

Der Erste pflanzt diesen Baum in seinem eigenen Garten, denn er möchte später die Früchte ernten, um selber etwas zu essen zu haben, wenn er hungrig oder durstig ist. Seine Absicht beim Pflanzen ist der Wunsch, selber glücklich sein.

Der Zweite pflanzt auch so einen Baum, aber an den Rand eines Weges oder auf ein öffentliches Feld. Er möchte, daß vorbeigehende Leute, die Hunger oder Durst haben, zu diesem Baum kommen und seine Früchte genießen können. Ihn motiviert das Wohl anderer.

Ihre Arbeit ist äußerlich die gleiche: Beide graben ein Loch, pflanzen einen Baum und pflegen ihn. Aber dennoch werden die Auswirkungen ihrer Handlungen nicht gleich sein, denn die Absicht war verschieden. Der Erste, der den Baum im eigenen Garten pflanzte, wird versuchen, ihn zu schützen, aus Angst, daß ihm jemand die Früchte wegnimmt. Er wird einen Zaun bauen und alles tun, um zu verhindern, daß andere seine Früchte essen. Je größer sie werden, desto mehr wird er aufgrund seines ichbezogenen Interesses Furcht entwickeln. Sein Geist wird dadurch verdunkelt, und er wird möglicherweise sogar aggressiv, wenn er das Gefühl hat, daß ihm jemand die Früchte wegnehmen möchte.

Der Zweite wird sich zwar auch sorgen, daß sein Baum wächst und Früchte trägt, aber da er keine persönlichen Interessen hat, wird sein Geist wesentlich leichter und freier sein. Trägt der Baum dann Früchte, wird er sich freuen, wenn viele Leute kommen und davon nehmen.

Obwohl die beiden Handlungen so ähnlich scheinen, ist ihr Ergebnis vollkommen verschieden, weil sie aus äußerst unterschiedlichen Geisteshaltungen heraus ausgeführt wurden. Der Erste entwickelt Angst und Beunruhigung, und niemand hat etwas von seinem Baum und seinen Früchten, wohingegen der Zweite große Freude erlebt. Deshalb sollten wir bei allen Handlungen auf unsere Motivation achten.

Ich und das Wohl der Wesen

Viele von uns sind an dem Punkt angelangt, wo der Wunsch entsteht, allen Wesen ihr Leid erleichtern und sie alle zur Erleuchtung führen zu können. Dennoch denken wir vielleicht: „Das ist ja ganz nett, an das Wohl aller Wesen zu denken, aber wer denkt dann an mich? Wann habe ich mal Zeit, mir selbst etwas Gutes zu tun?" Solange wir jedoch so denken, werden wir uns nie ganz für andere einsetzen können, weil wir uns sorgen, selber nicht genug zu bekommen. Genau diese kleine Sorge oder Zurückhaltung hindert uns, uns wirklich für das gemeinsame Wohl einzusetzen, denn es hemmt uns stets eine gewisse Angst, und das ist ein Hindernis auf dem Weg.

Wenn wir auf dem Weg fortschreiten, entwickeln wir zwei Eigenschaften: Weisheit und die altruistische Einstellung, die wir Liebe und Mitgefühl nennen. Diese beiden Qualitäten sind zugleich vorhanden und bewirken zweierlei Nutzen, für uns wie für andere. Wenn wir vom gemeinsamen Nutzen sprechen, ist der Nutzen für alle Wesen ohne Ausnahme gemeint, und dieser beinhaltet unseren eigenen Nutzen. Wir brauchen uns nicht zu sorgen, ob bei altruistische Handlungen auch ein Nutzen für uns selber entsteht, denn sie bewirken das Wohl aller Wesen, uns selbst mit eingeschlossen.

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