UNTERWEISUNGEN

Lama Guendun RinpocheWas können wir für Verstorbene tun?

In Europa gibt es in vielen Städten Dharmazentren, in denen viel praktiziert wird – und überall gibt es auch den Tod. Wir alle haben erlebt, daß Menschen, die uns sehr nahe waren, gestorben sind, und wir alle haben uns vielleicht schon einmal deswegen sehr verloren gefühlt. Was können wir denn tun, um Verstorbenen und ihren Angehörigen zu helfen?

Wenn wir etwas Sinnvolles tun möchten, können wir uns in einem dieser Dharmazentren oder auch zu Hause treffen und mit geeintem Geist einem Verstorbenen helfen. Das mag ein Mensch aus unserer Familie oder unserem Bekanntenkreis sein, oder auch ein Mitglied der Sangha. Dabei ist es wichtig, sich regelmäßig zu treffen, um eine ganz essentielle und grundlegende Praxis auszuführen: die Tschenresi-Praxis – wobei auch Opferungen dargebracht werden können, wie Lichter und Blumen. Dies tun wir immer in dem Gedanken, dem Verstorbenen und damit auch allen anderen Verstorbenen zu helfen.

Die Tschenresi-Praxis

Die Tschenresi-Praxis ist sehr einfach und zudem vollkommen universell. Wir sollten sie nicht nur ab und zu ausführen, wenn gerade jemand gestorben ist, indem wir uns nur kurz treffen und schnell das Mantra rezitieren, um danach Kaffee trinken zu gehen. Wir sollten sie regelmäßig machen, denn die darin enthaltenen Wünsche sollten wir viele Male wiederholen, zum Beispiel das Gebet zur Wiedergeburt in Dewatschen oder die Wünsche zur altruistischen Aktivität von Tschenresi. Alle Gebete dieser Praxis sollten wir unbedingt öfter machen und Ausdauer in dieser essentiellen Praxis entwickeln.

Vielleicht denken wir, daß diese Praxis zu einfach ist und irgend etwas deswegen nicht stimmen kann, daß sie deswegen nicht gut sein kann. Wir denken, sie wäre nicht so wichtig oder nur eine kleine Praxis für Kinder und Anfänger. Das stimmt aber keineswegs, denn diese Praxis ist deswegen so verbreitet und überall bekannt, weil sie besonders tiefgründig ist.

Diese Praxis vereint das Mitgefühl aller Buddhas. Wir bitten um den Segen des Mitgefühls aller erleuchteten Wesen und verbinden uns selber mit diesem Mitgefühl, das zu allen Wesen strömt. Von daher ist dies wirklich eine universelle Praxis, die wesentlich tiefgründiger ist, als wir zunächst denken würden, wenn wir nur die Einfachheit der Praxis sehen. Glücklicherweise braucht es keine Stunden, um das Ritual zu erlernen – auch das Mantra ist sehr einfach: Om Mani Peme Hung. Es ist so kurz, daß man es eigentlich nicht vergessen kann. Es ist ein Geschenk, so eine Praxis zu haben, die leicht zu lernen, aber nichtsdestoweniger sehr nützlich, tiefgründig und von universeller Anwendbarkeit ist. Speziell wenn jemand gestorben ist, sollten wir uns zusammentun und diese Praxis ausführen.

Was geschieht, wenn wir sterben?

Wenn jemand gestorben ist, verläßt er diese Welt und läßt alles hinter sich, was diese Welt für ihn ausgemacht hat: seinen Körper, alles, was er sich geschaffen hat, seine ganze persönliche Welt. Er nimmt jedoch alle Negativitäten mit, die sich in seinem Geist befinden, all die Emotionen und gewohnheitsmäßigen Neigungen. Diese sind ein schweres Gewicht in seinem Geist und führen zu schmerzhaften Erfahrungen.

Auf physischer Ebene können wir nichts mehr für den Verstorbenen tun. Wir können ihm nicht mehr die Hand halten und sagen: Es ist ja alles nicht so schlimm, ich bin ja bei dir. Die einzig wirksame Hilfe ist spiritueller Art, und diese können wir geben, indem wir Mitgefühl entwickeln und altruistische Handlungen mit Körper, Rede und Geist ausführen. So können wir ihn spirituell unterstützen und etwas Positives tun, was für uns selbst wie für den Verstorbenen gut ist. Wir können diese positive Aktivität dem Verstorbenen widmen, indem wir zum Beispiel die Tschenresi-Praxis ausführen, das Mantra von Tschenresi rezitieren oder Opferungen machen.

Wir haben uns im Laufe unseres Lebens durch Unwissenheit und Unachtsamkeit unser eigenes Gefängnis geschaffen. Auch wenn uns das nicht bewußt ist, so hat doch jeder Moment, der von Egoismus und Unwissenheit bestimmt war, negative Auswirkungen in Körper, Rede und Geist hinterlassen. All diese Momente der Ichbezogenheit, und seien es auch nur ichbezogene Gedanken, zählen zu den negativen 'Handlungen' und werden zu einer Quelle von Leid. Sie sind eine schwere Last in unserem Geist, die wir jetzt aber nicht bemerken. Erst wenn wir sterben, wird uns das Ausmaß dieser Last bewußt – doch leider ist es dann zu spät. Im Moment gehen wir wie eingeschläfert oder benebelt durch unser Leben – wir sehen nicht, in welchem Zustand wir uns wirklich befinden. Erst wenn wir sterben und alles verlieren, wachen wir aus unserer Selbsttäuschung auf. Im Tod verlieren wir allen Besitz, unsere Familie und alles, was uns lieb war. Was uns bleibt, ist einzig unser Geist, und der ist angefüllt mit all den Tendenzen, die wir angesammelt haben. Durch Unwissenheit und Unachtsamkeit haben wir sehr viele negative Handlungen begangen, deren Spuren und Auswirkungen unseren Geist prägen. Diese Last des Negativen wird unweigerlich zu sehr schmerzhaften Erfahrungen führen. Wir haben überhaupt keine Wahl, wir können uns unsere Zukunft nicht aussuchen.

Sich auf den Tod vorbereiten

Jetzt aber haben wir die Wahl und Freiheit, uns auszusuchen, was wir mit unserem Leben machen. Wir haben die Möglichkeit, Positives zu tun, und sollten unverzüglich damit beginnen, eine positive Umgebung aufzubauen und den spirituellen Weg zu gehen. Denn spiritueller Reichtum wird das einzige sein, was uns auch nach dem Tode noch helfen kann. Ein wahrer spiritueller Weg läßt uns voranschreiten und mehr und mehr Freiheit und Weisheit entwickeln, was schließlich zur Erleuchtung führt.

Wenn wir jetzt aufmerksam und kontinuierlich an der Transformation der Tendenzen arbeiten, die unseren Körper, Rede und Geist motivieren, dann werden wir im Moment des Todes keinerlei Bedauern empfinden. Es ist äußerst wichtig, daß wir uns auf den Tod vorbereiten, sonst sind wir völlig überrascht, wenn er dann kommt. Wir sollten jetzt bereits darüber nachdenken, daß dieses Leben irgendwann ein Ende haben wird und dann etwas eintritt, was üblicherweise der Tod genannt wird. Es ist uns nicht möglich, den Tod wirklich auszublenden, aber wenn wir es versuchen, schaffen wir uns selbst unendliches Leiden.

Wer versucht, den Tod zu verdrängen, und jeden Moment so viel wie möglich vom Leben haben will, der führt ständig Handlungen aus, welche das Anhaften ans Ich noch vergrößern und anderen schaden. Auf diese Weise sammelt man unendlich viele, aus Egoismus geborene, negative Tendenzen in seinem Geist an, was einem in Zukunft sehr viel Leiden bringen wird. Mit solch einer Einstellung merkt man erst, wenn der Tod kommt, daß man sterben wird. Wenn die Tatsache des Todes nicht mehr zu leugnen ist, wird diese ausgeblendete Wirklichkeit mit ganzer Wucht bewußt werden und man wird immenses Leid erfahren.

Wenn wir hingegen schon während unseres Lebens das Gewahrsein des Todes kultivieren und uns daran erinnern, daß einzig spiritueller Reichtum uns im Moment des Todes etwas nützen wird, dann werden wir nicht überrascht sein, wenn der Tod kommt, und werden keine Angst haben. Wir werden nicht das Leid erleben, das durch das Leugnen des Todes entsteht. Wir verstehen dann, daß Tod einfach ein natürlicher Prozeß ist und zum Leben dazugehört.

Wenn wir in richtiger Weise an uns gearbeitet haben, gibt es nichts zu befürchten und wir brauchen uns keine Sorgen zu machen. Wir haben Vertrauen in die drei Juwelen entwickelt, Vertrauen in die Qualitäten der Erleuchtung, und haben soweit wie möglich die negativen Tendenzen unseres Geistes gereinigt. Dies ist eine gute Ausgangsposition, um dem Tod ins Angesicht zu schauen. Dann ist der Tod nicht das furchtbare Ende vieler Erfahrungen von Freude, sondern birgt die Aussicht weiterer Erfahrungen, die einen der Erleuchtung näher bringen – der Befreiung, die einem ermöglicht, auch andere Lebewesen zu befreien. Sterben ist dann nicht mehr ein Grund zur Panik, sondern vielleicht sogar für wirkliche Freude.

Ob wir den Tod als etwas Furchtbares oder als etwas Schönes erleben, hängt von uns selber ab, von unseren Handlungen und unserem Bewußtwerden. Wenn wir nicht bewußt an uns arbeiten, werden wir sein wie ein Fisch, der an den Strand geworfen wurde und sich ganz plötzlich in einer furchtbaren, feindlichen Umgebung befindet. Was im Tod bleibt ist das, was unseren Geist seit langer Zeit geprägt hat. Es ist nicht schwierig, würdig zu sterben, wenn man sich durch ein Leben der Praxis gut vorbereitet hat.

Im Tod wird alles sehr einfach. Man kann sich nicht mehr verstecken oder vorgeben, etwas zu sein, was man nicht ist. Die Situation wird außerordentlich einfach. Wir mögen aufgrund unserer Praxis großen Stolz entwickelt haben. Vielleicht waren wir sehr fleißig und haben Mahamudra oder Dzogchen studiert. Aber wird uns das im Moment des Todes wirklich helfen? Tatsächliche Verwirklichung in Mahamudra oder Dzogchen wird uns helfen, aber ist unsere vermeintliche Verwirklichung nicht vielleicht nur ein Entwickeln von Konzepten – weit entfernt von der Wirklichkeit des Todes und untauglich, wenn er kommt?

Vertrauen in Tschenresi

Wenn unsere Konzepte zusammenfallen, ist das einzige, was uns bleibt, Tschenresi. Das Vertrauen, das wir in Tschenresi entwickelt haben, und all die Mani-Mantras, die wir rezitierten, werden uns helfen. Vielleicht versuchen wir es im Sterben als erstes mit dem höchsten Bewußtsein, aber wenn wir beim Näherkommen des Todes dann doch ziemliche Angst bekommen, wird uns nur wirkliches Vertrauen helfen. Das Vertrauen, das wir während unseres Lebens in Tschenresi entwickelt haben wird dann ganz natürlich in unserem Geist auftauchen. Wir rufen ihn um Hilfe an, und mit diesem Hilferuf nehmen wir Zuflucht. Das ist aber nur so, wenn wir uns dieses Vertrauen vorher erarbeitet haben. Dann wird es ganz natürlich sein, das Mitgefühl und den Segen aller Buddhas anzurufen. Dies ist, wenn wir es vorher kultiviert haben, etwas sehr Einfaches.

Aufgrund unseres Vertrauens wird der Ruf nach Tschenresi nicht aus dem Intellekt, sondern aus der Tiefe unseres Herzens kommen, und Tschenresi wird dann im Moment des Todes auch ganz natürlich gegenwärtig sein. Unser Körper wird dann aufgrund seiner Gegenwart untrennbar von seinem Körper sein. Unsere Rede wird, da wir sein Mantra rezitieren, untrennbar von seiner Rede. Unser Geist wird von der Offenheit und dem Mitgefühl Tschenresis erfüllt sein, und wir werden merken, daß unser Geist untrennbar von Tschenresi geworden ist. Das ist die Verwirklichung der Meditationsgottheit.

Eine Meditationsgottheit, auf Tibetisch Jidam, ist das, woran der Geist sich bindet, um seine wirkliche Natur zu erfahren. So werden wir im Moment des Todes auf natürliche Weise erfahren, daß unser Körper, Rede und Geist dem erleuchteten Körper, der erleuchteten Rede und dem erleuchteten Geist Tschenresis gleich sind. Wir können so ohne Furcht, voller Sicherheit und Vertrauen den letzten Atem ausströmen lassen. Aber wie gesagt, dafür muß man vorher praktizieren.

Wenn wir uns jetzt an die Tschenresi-Praxis gewöhnen und uns darin üben, den Geist in seiner Natur ruhen zu lassen, wird das zu einer Gewohnheit, die uns im Moment des Todes helfen wird. Weiterhin ist es wichtig, ständig Mitgefühl zu üben, denn Mitgefühl ist die Essenz der Tschenresi-Praxis.

Tauchen Probleme in unserem Leben auf, versuchen wir, sie anzunehmen, und entwickeln den Wunsch, hierdurch alle Wesen von solchem Schmerz und solchen Schwierigkeiten zu befreien. Das heißt, sobald uns Leid begegnet, verbinden wir uns mit der Tschenresi-Praxis, wobei unser eigener Körper, Rede und Geist zu denen von Tschenresi werden. Wir können uns dies einfach nur innerlich vorstellen, oder auch zusätzlich äußerlich durch das Rezitieren des Mantras unterstützen. Dabei nehmen wir alle Schwierigkeiten sofort und freiwillig auf uns, mit dem Wunsch, daß die Wesen davon befreit sein mögen. Wir stellen uns vor, daß alle Schwierigkeiten in unseren Geistesstrom verschmelzen, sich darin auflösen und daß alle anderen sofort von diesen Schwierigkeiten befreit sind. Falls wir bemerken, daß unsere altruistische Aktivität noch begrenzt ist, können wir Wünsche machen, in der Zukunft fähig zu sein, in ähnlichen Situationen so zu handeln, daß es den Wesen nutzt und sie zur Befreiung führt.

Wenn wir so praktizieren, werden wir im Moment des Todes Freude empfinden, denn mit dem Tod nehmen wir das Leid aller Wesen auf uns mit dem großen Wunsch, sie alle von diesem Leid, von allen Schmerzen, zu befreien.

Für die Zukunft, daß heißt für die Zeit unmittelbar nach dem Tod und für spätere Leben, können wir uns mit dem Wunsch vorbereiten: Möge ich ganz natürlich und ohne jede Anstrengung ständig fähig sein, das Wohl der Wesen auszuführen.

Freigebigkeit als Vorbereitung für den Tod und den Übergang nach Dewatschen

Freigebigkeit ist die Geisteshaltung aller Bodhisattvas, also derjenigen, die all ihr Handeln vollkommen der Erleuchtung aller Wesen widmen. Wir sollten so viel wie möglich Freigebigkeit entwickeln, um beim Sterben fähig zu sein, all unser Glück, unsere Freude, alles, was wir an Gutem besitzen, den Wesen zu geben und gleichzeitig alle Schmerzen, alles Leid, alle Schwierigkeiten auf uns zu nehmen. Ohne diese freigebige Geisteshaltung werden wir im Tod weiterhin an allem haften, das wir in dieser Welt erfahren haben. Das wird uns hindern, loszulassen und uns wirklich zu befreien.

Es ist hilfreich, sich auf eine Wiedergeburt in Dewatschen, dem „Land der Freude", einzustellen. Dieses Land der Freude ist der reine Bereich der Buddhas Amitabha und Tschenresi. Tschenresi ist wie ein Führer, der uns aus unserer jetzigen Existenz in das reine Land Dewatschen hinübergeleitet. Haben wir uns darauf vorbereitet und immer wieder diesen Wunsch nach Wiedergeburt in Dewatschen ausgedrückt, wird es im Moment des Todes auch so geschehen. Es wird dann nichts mehr geben, was uns in dieser Welt des Leidens zurückhält. Wir werden sie freudig hinter uns lassen mit dem tiefen Wunsch, auf einer neuen Ebene noch mehr Weisheit und Mitgefühl entwickeln zu können, um den Wesen zu helfen.

Wir sollten bereits rechtzeitig unsere Bindung an diese Welt, die nur Leid bedeutet, lösen. Dann können wir im Todesmoment alles, was wir noch an Anhaftung spüren mögen, alles was uns noch an diese Welt bindet, Amitabha opfern. Dabei können wir uns vorstellen, daß Amitabha sich vor uns befindet, oder auch über unserem Kopf oder in unserem Herzen – wo genau, das spielt eigentlich keine Rolle. Alles, was uns noch gehört und woran wir eventuell noch hängen, alle Gegenstände, die wir zurücklassen, opfern wir Amitabha ohne irgendeine Zurückhaltung und Berechnung – ohne zu denken, daß man dies oder jenes als Gegenleistung bekommen wird, wenn man ihm so und so viel gibt. Wir opfern einfach all das, was wir ohnehin zurücklassen müssen. Auf diese Weise können wir uns von der letzten Anhaftung befreien, die wir noch an diese Welt haben. Wir öffnen uns für den reinen Bereich Dewatschen, und durch den Segen und das Mitgefühl Tschenresis werden wir dorthin, zu Buddha Amitabha gebracht. Durch das Opfern an Amitabha ist unser Geist im Augenblick des Todes vollkommen offen und bereits völlig von der Dimension Dewatschens durchdrungen. Wenn der Geist dann das Gefäß des Körpers verläßt, wird in einem einzigen Moment der Übergang ganz natürlich stattfinden. Wir werden einfach unsere gewöhnliche Daseinsebene hinter uns lassen, und in einem reinen Lotus eine spirituelle Geburt im reinen Land der Freude annehmen.

Bei der Geburt in Dewatschen gibt es kein Polarität von männlich und weiblich mehr. Unser Körper wird der eines erleuchteten Wesens sein und dem Körper Amitabhas ähneln, mit all den Qualitäten, Merkmalen und Zeichen eines erleuchteten Körpers. Wir haben nicht mehr unsere bisherige gewöhnliche Erscheinung, was ermöglicht, daß sich unser Geist weiter entwickeln und mehr Weisheit und Mitgefühl hervorbringen kann, mit denen wir dann anderen Wesen helfen können.

Aber durch den bloßen Gedanken: „Ich kann ja mal Dewatschen ausprobieren, das Land hört sich nicht schlecht an" ,werden wir noch längst nicht dort wiedergeboren. Eine solche Wiedergeburt erreicht man nach einem Leben voller Praxis, das ganz auf dieses Ziel ausgerichtet war. Sie ist die Frucht vieler Wunschgebete. Nur dann wird volles Vertrauen in Amitabha, Tschenresi und Dewatschen vorhanden sein, und nur dann können wir spontan und ohne Hindernisse dorthin kommen.

Wir haften sehr an allem, was wir besitzen und was uns in dieser Welt umgibt, und natürlich ist es schwierig, sich davon zu lösen. Obwohl wir im Laufe unseres Lebens viele Unterweisungen gehört haben mögen und im Sterben eigentlich wissen, daß wir uns von allem, was uns an diese Welt bindet, lösen sollten, so kann dies trotzdem schwierig sein, denn die Gewohnheiten sind sehr, sehr stark. Irgendwie denkt man immer noch, man könne vielleicht doch irgend etwas mitnehmen und behalten. Deshalb ist es so wichtig, schon jetzt, während des Lebens, Freigebigkeit zu üben.

Wenn wir sterben, hinterlassen wir auch materiellen Besitz, den unsere Familie oder unsere Freunde erben werden. Wenn wir uns rechtzeitig darauf einstellen, daß andere unsere Besitztümer bekommen werden, wird es leichter für uns sein, im Moment des Todes loszulassen. Wir üben uns bereits vorher darin, im Geist wirklich alles loszulassen und uns vollkommen frei zu machen. Dies können wir während des Lebens üben, indem wir Freigebigkeit in jeder Form praktizieren, zum Beispiel durch das Darbringen vieler Opfergaben, seien es materielle Opferungen, die wir auf unserem Altar aufstellen, oder geistige Opferungen. So bereiten wir uns auf den Moment vor, wenn wir alle Dinge dieses Universums hinter uns lassen müssen. Es ist sehr hilfreich, wenn wir bei jeder Art von Praxis immer wieder Opfergaben darbringen. Aus der Tiefe unseres Herzens können wir alles opfern, was uns einfällt. Dadurch haben wir weniger Anhaftung, greifen nicht mehr nach den Dingen. Wenn dann der Moment des Sterbens gekommen ist, sind wir so ans Geben gewöhnt, daß es vollkommen natürlich für uns ist. Wir können wir uns vollkommen lösen und werden den Todesmoment als Befreiung erleben und nicht als einen Moment des Gefangenseins, der Angst oder des Schocks.

Sich von seinen Problemen lösen

Der Tod wird so zu einem Moment der Befreiung, der spirituellen Transformation. Wir müssen aber während unserer ganzen Existenz darauf hinarbeiten, indem wir uns von all den täglichen, kleinen Konflikten und Problemen lösen, von allem, was unseren Geist verdunkelt, belastet und aufwühlt. Oft denken wir, etwas solle so oder so sein, doch es ist keineswegs nach unserem Wunsch – oder wir sind der Ansicht, jemand solle sich so oder so verhalten, aber er verhält sich durchaus nicht so, wie wir es wünschen. Solcherlei Konflikte beschäftigen uns jeden Tag. Wir hatten vielleicht jemandem aufgetragen, etwas auszurichten, aber er tut das nicht, oder jemand sollte etwas für sich behalten, spricht aber trotzdem darüber – all das macht uns unglücklich, wir regen uns über dieses und jenes auf oder sind enttäuscht, weil wir etwas nicht bekommen. So sind wir aufgrund von Unwissenheit und Ichhaften ständig mit solcherlei vollkommen unbedeutenden Dingen beschäftigt, nur weil wir uns ständig selber schützen und unser Ego befriedigen wollen. Deswegen finden wir keine Ruhe – und dabei sind doch all diese Probleme nur von minimaler Bedeutung. Sie sind einfach die Früchte unseres Karmas und unserer Unwissenheit. Nur aufgrund unseres Ichanhaftens wühlen uns ständig Probleme auf, die eigentlich vollkommen nichtig sind. Aber wenn wir schon mit solchen kleinen Ärgernissen nicht umgehen können, was werden wir tun, wenn sich der Tod meldet?

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