UNTERWEISUNGEN
Der
Mechanismus unserer Projektionen und der Blick nach innen
Unser
tatsächliches, großes Problem ist, daß unser
Blick immer nach außen gerichtet ist. Wir schauen nicht
nach innen, in unseren eigenen Geist, sondern folgen stets seinen
nach außen gerichteten Projektionen. Das ist die falsche
Blickrichtung, und deswegen haben wir so viele Probleme. All die
Fehler, die wir eigentlich im eigenen Geist haben, kritisieren
wir in der Außenwelt. Dharmapraxis bedeutet, nach innen
zu schauen, um zu sehen, was im eigenen Geist passiert. Wenn wir
da einen ehrlichen Blick hinein werfen und uns untersuchen, sind
wir ziemlich überrascht. Wir sehen, daß wir unfähig
sind, eine Handlung auszuführen, die nicht von Emotionen
und Ichhaften motiviert ist, und daß unser Geist voller
Eifersucht, Anhaftung und Zorn ist. Diese Emotionen sind uns normalerweise
nicht bewußt – wir bemerken sie erst, wenn wir nach innen
schauen.
Ohne
diese klare Sicht sehen wir nur das Ergebnis dieser Emotionen
in der Außenwelt. Wenn wir zum Beispiel eifersüchtig
sind, sehen wir alles durch den Filter der Eifersucht. Und was
sehen wir? Wir sehen eine Welt der Eifersucht und denken: "Die
Leute sind alle total eifersüchtig auf mich, wie furchtbar."
Ständig begegnen wir Leuten, die uns etwas neiden, und daraus
entsteht womöglich sogar Stolz. Wir kommen zu dem Schluß:
"Die Leute können ja nur eifersüchtig sein, weil ich
so fantastisch bin – also bin ich wunderbar. Ich bin besser als
die anderen, und das ist der Grund, warum sie eigentlich eifersüchtig
sind."
Wir
stellen uns selbst nie in Frage und kommen nicht auf die Idee,
daß das Problem eigentlich nur ist, so von Ichbezogenheit
beherrscht zu sein, und daß nicht die anderen Leute schuld
sind. Wir projizieren das, was uns selber nicht bewußt ist,
auf andere und schauen nie nach innen. Dann entsteht aufgrund
dieser Emotionen sogar starker Zorn, der unseren Geist verdunkelt.
Der eigentliche Zorn ist in unserem Geist, doch sehen wir ihn
bei den anderen, weil wir nicht gelernt haben, nach innen zu schauen.
Das bewirkt, daß wir noch wütender werden, weil wir
der Überzeugung sind, daß die anderen so aggressiv
sind. Die Beziehungen mit anderen Menschen werden dadurch äußerst
schwierig. Wir haben ständig Konflikte.
Die
einzige Möglichkeit, diesen Teufelskreis zu unterbrechen,
ist, nach innen zu schauen und den Fehler bei sich selbst zu suchen,
sonst werden wir die Wirklichkeit nie entdecken und uns niemals
von den Emotionen und dem aus ihnen entstehenden Leid befreien.
Bisher tun wir das genaue Gegenteil: Wir denken, daß wir
bei allem Recht haben. Wir gehen einfach davon aus, daß
alles, was wir selber denken und tun, vollkommen richtig ist,
daß wir als einziger einen guten Geschmack haben, die richtige
Einstellung usw. – die anderen haben nichts zu sagen und haben
sowieso immer Unrecht. Wir nehmen diese Hypothese unserer eigenen
Perfektion für Wirklichkeit und bauen all unsere Beziehungen,
all unsere Handlungen auf dieser falschen Annahme auf. Deswegen
entstehen Konflikte und die Emotionen werden immer stärker.
Die Projektionen unserer Emotionen nach außen sind in dieser
Weise die Basis all unserer Handlungen, weil wir nicht fähig
sind, in uns selbst hinein zuschauen.
In
unserem Stolz sind wir stets der Annahme, daß wir gut sind
und recht haben. Aufgrund von Stolz streiten wir uns mit anderen
um Meinungen, völlig überzeugt, daß nur unsere
Sichtweise die Richtige sein kann, und daraus entstehen Kriege
und Konflikte, Eifersucht usw. Unsere Augen sind sehr geschickt.
Indem wir nach außen schauen, entdecken wir überall
Fehler bei anderen und denken: "Genau, ich hab’s ja gewußt,
ich hab’ recht gehabt." Aber wir werden uns nicht bewußt,
daß unsere Sicht völlig verschleiert ist. Durch unseren
emotionalen Filter sehen wir nicht, was wirklich ist.
Der
Vorschlag des Dharma wäre, zu schauen: "Ist es wirklich so
sicher, daß ich recht habe? Bin ich wirklich so gut, wie
ich denke?" Wenn wir beginnen, die Situation zu sehen, wie sie
wirklich ist, und uns bewußt wird, wie wir uns getäuscht
haben, fühlen wir uns plötzlich ein bißchen unwohl
– wir sind uns nicht mehr so sicher, da wir erkennen, daß
eigentlich alles, was wir an Problemen bei anderen sehen, nur
unsere eigenen Emotionen sind. Obwohl dies etwas unangenehm ist,
ist es wichtig, weiter zu schauen und nicht aufzuhören, sondern
mutig weiter im eigenen Geist zu suchen und alles hervorzuholen,
was dort an Emotionen versteckt ist. Das ist die einzige Möglichkeit,
sich vom Daseinskreislauf und damit von Leid zu befreien.
Wenn
wir unserer inneren Situation in vollem Umfang bewußt werden
und bemerken, daß alle Emotionen in uns selber sind, dann
fällt das Gebäude unseres Stolzes von selbst zusammen.
Alles hatten wir auf der Annahme aufgebaut, selber recht zu haben
und frei von Fehlern zu sein, und aus diesem Stolz heraus haben
wir gehandelt. Das Schloß oder die Burg des Stolzes bricht
zusammen wie ein Kartenhaus, und alle Emotionen werden sich auflösen,
weil wir sehen, daß die Fehler bei uns selbst liegen und
die Qualitäten bei den anderen. Dann hört das Projizieren
auf, wir sehen mehr von der Wirklichkeit und es stellt sich Frieden
ein im Geist. Dieser Frieden ist, was auf Tibetisch ‘Schi-wa'
und ‘Nä-pa’ genannt wird, die Ruhe und Stabilität
des Geistes: Schi-nä. Dafür braucht man bloß
nach innen zu schauen.
Warum
sind wir uns immer so sicher, daß wir recht haben, daß
wir besser sind, als all die anderen? Bloß, weil wir immer
nur nach außen schauen und nie nach innen. Wir stellen uns
selber nicht ein einziges Mal in Frage. Wenn wir das endlich einmal
tun, sehen wir sofort, daß wir nicht so oft recht haben,
wie wir immer dachten. Je mehr wir nach innen schauen und uns
untersuchen, umso mehr sehen wir die Emotionen in unserem eigenen
Geist und erkennen, daß sie die Quelle aller Probleme sind.
Es wird klar, daß wir innerlich etwas verändern müssen
und nicht außen. Mehr und mehr sehen wir das subtile Spiel
der Emotionen, wie unbewußt, wie untergründig sie arbeiten
und wie sie uns gefangen nehmen. Wenn wir aufhören, die Außenwelt
zu betrachten und zu beurteilen, merken wir, daß im Innern
eine enorme Arbeit auszuführen ist.
Ständig
daran zu denken, wie voll man selber von Fehlern ist und wie unglaublich
viel es zu transformieren gibt, ist ein sehr gutes Zeichen dafür,
auf dem richtigen Weg zu sein. Aber den Eindruck zu haben, bei
einem selber sei alles einigermaßen in Ordnung und man habe
diverse Qualitäten, ist ein Anzeichen für den fundamentalen
Fehler, nicht nach innen zu schauen und nicht zu sehen, was eigentlich
wirklich los ist.
Die
Welt ist der Spiegel unserer wütenden Grimassen wie auch
unseres Lächelns. Ist unsere Welt mit Aggression gefüllt,
bedeutet das, daß wir selber aggressiv sind. Ist die Welt
voller Lächeln, bedeutet das, daß wir selber lächeln.
Sagt uns die Welt freundlich 'Guten Tag', dann heißt das,
daß wir selber freundlich 'Guten Tag' gesagt haben. Bemüht
Euch, in die Tiefe zu schauen! Wenn wir nicht unseren eigenen
Geist untersuchen, werden wir uns ständig den Kopf zerbrechen
über die Außenwelt. Wenn wir Leute sehen, werden wir
denken: "Ah, der denkt jetzt bestimmt dies und das. Sein Verhalten
zeigt, daß er garantiert das gedacht hat – ich bin sicher,
daß er so und so über mich denkt." Wir sind aber nur
dabei, unsere eigenen Gedanken in andere hinein zu projizieren.
Der andere ist nichts als ein Spiegel unserer eigenen Gedanken.
Unser
Geistesstrom ist durch unsere Emotionen verunreinigt. Erst wenn
wir ihn gereinigt haben, können wir anderen wirklich helfen
und ihr Freund sein. Wir werden dann nicht mehr unsere Anhaftungen
und Emotionen auf die Welt projizieren. Wenn wir der Welt mit
Liebe und Mitgefühl begegnen, wo sollte da noch Leiden oder
Aggression sein? Wenn unser Geist vollkommen rein ist, sind alle
Beziehungen rein. Was bleibt, ist die Frucht der Transformation:
anderen mit Liebe und Mitgefühl zu helfen.
Karma
zu verstehen ermöglicht tiefes Loslassen
Unser
Körper und alle Erfahrungen von Körper, Rede und Geist
sind das Resultat von unseren Handlungen, Worten und Gedanken
in diesem Leben oder in anderen Existenzen – in unzählbaren
Existenzen. Unsere jetzige Existenz ist bedingt durch die angesammelte
Kraft von Gewohnheiten und Neigungen, die unsere Reaktionen bestimmen.
Wenn wir jetzt aufgrund von karmischen Bedingungen bestimmte Situationen
erleben, dann reagieren wir aufgrund dieser Gewohnheiten, ohne
überhaupt nachzudenken. Durch solche gewohnheitsmäßigen
Reaktionen schaffen wir wieder neues Karma – wir verstärken
die karmischen Kräfte und Tendenzen, die unsere zukünftigen
Leben bestimmen.
Wir
sind das Resultat dessen, was wir vorher getan haben, und alles,
was wir in Zukunft erleben werden, ist davon abhängig, was
wir jetzt tun.
Mit
diesem Verständnis ist es möglich, alle Erfahrungen
unseres Lebens einfach kommen und gehen zu lassen, ohne nach ihnen
zu greifen. Wenn uns unser Karma schwierige Situationen oder Emotionen
bringt, sehen wir diese als Ausdruck unseres Geistes, als die
Frucht unserer eigenen Tendenzen. Wir erkennen sie als Bewegungen
unseres Geistes, die wir einfach kommen lassen, anschauen und
wieder verschwinden lassen. Dabei haften wir nicht im geringsten
an und greifen nicht ein, denn diese Emotionen entstehen ja gerade
aufgrund von Anhaftungen in unserem eigenen Geist. Wir sollten
einfach alles geschehen lassen, den Prozeß ungestört
ablaufen lassen, denn sonst werden wir weiterhin die Sklaven unserer
Emotionen sein und keine Freiheit erlangen. Wenn wir die Dinge
sehen, wie sie sind, werden wir nicht die Sklaven unserer Emotionen
bleiben, da wir nicht wie bisher reagieren und dadurch keine neuen
karmischen Samen ansammeln. Wenn wir Gedanken und Emotionen einfach
kommen und wieder gehen lassen, befreien sie sich von selbst.
Dann können wir alles als Bewegung des Geistes erkennen und
vorbeiziehen lassen. Reinigung vollzieht sich, indem wir einen
karmischen Samen nach dem anderen erfahren und ihn sich befreien
lassen, ohne neue hinzuzufügen.
Meditation:
Verweilen in der Natur des Geistes
Da
einige unter den Zuhörern müde zu werden scheinen und
gar einzuschlafen drohen, wollen wir jetzt ein bißchen meditieren:
Wir
nehmen eine entspannte und trotzdem aufrechte oder würdige
Haltung ein und versuchen, den Geist in seinem natürlichen
Zustand ruhen zu lassen, ohne jede Art von Zwang, ohne irgendwelche
Gedanken zu verbieten oder ihnen zu folgen. Wir blockieren den
Geist nicht, indem wir denken: Meditation sollte so oder so sein.
Wir lassen unseren Geist so offen wie möglich in seiner eigenen
Natur ruhen, entspannt und ungezwungen.
Wenn
Dumpfheit im Geist auftaucht, betrachten wir diese ebenfalls als
eine bloße Bewegung des Geistes, als einen Ausdruck des
erleuchteten Geistes und lassen uns nicht davon hinwegtragen.
Wir versuchen, durch die Dumpfheit hindurch zu schauen und die
Klarheit und Offenheit dahinter zu sehen, den weiten Raum der
Offenheit, der von dieser Dumpfheit verdeckt ist. Wir können
alles, was im Geist auftaucht, nutzen, um den Geist zu sehen.
Mit Hilfe von Achtsamkeit können wir dahinter kommen und
das Spiel des Geistes verstehen.
Wenn
wir meinen, eine 'gute' Meditation zu haben, denken wir: "Wunderbar,
ich bin vollkommen offen, voller Freude, ich erlebe einen weiten
Raum. Jetzt hab' ich's endlich geschafft. Das ist, wonach ich
immer gesucht habe. Ich bin ein guter Praktizierender."
Wenn
wir meinen, eine eher 'schlechte' Meditation zu haben, werden
wir unruhig, erleben ständig Lärm um uns herum, der
Nachbar berührt uns, und wir finden den Weg nicht in die
Meditation, nichts funktioniert. Dann denken wir: "Ich werd's
nie schaffen."
Wenn
die eine oder andere dieser Haltungen auftaucht, sollten wir nicht
die Gedanken anschauen, sondern denjenigen, der denkt. Wer ist
diese Person, die da behauptet, sie hätte eine gute oder
schlechte Meditation? Wer ist der Beobachter? ...und schon haben
wir den Gedanken vergessen und suchen nach der Person, die dies
behauptet. Was wir finden, ist einfach Geist. So finden wir in
die Einfachheit des Geistes zurück, bis die nächste
Zerstreuung auftaucht.
Solange
wir irgendwelche Zweifel über die Natur des Geistes oder
des Beobachters haben, der ebenfalls Geist ist, ist dies noch
nicht die wirkliche Erfahrung der Natur des Geistes. Und solange
die Erkenntnis noch nicht stabil ist, müssen wir uns hinsetzen
und weiter meditieren. Solange, bis Geist sich selbst erkennt.
Der dynamische Aspekt des Geistes erkennt, daß der Beobachter
einfach nur ein Teil des Spieles ist. Diese Erfahrung bringt völlige
Sicherheit über die Natur des Geistes. Man hört auf,
nach irgend etwas zu suchen. Man hat keine Fragen mehr, denn alle
Fragen haben sich aufgelöst.
Solange
wir denken, wir hätten irgend etwas verstanden, oder uns
fragen: "Ist es wirklich richtig, wie ich es mache?" ist keine
Sicherheit da, und diese Sicht fehlt. Dann bleibt uns nur übrig,
uns wieder hinzusetzen und weiter zu meditieren.
Meditations-Anweisungen
von Gendün Rinpotsche :
Im
Strom der Meditation bleibt mit der Zeit
kein
Unterschied mehr zwischen Bewußtsein und demjenigen, der
bewußt ist.
Denker
und Gedanken sind gleichermaßen das Spiel des Geistes.
Die
Unterteilung in Beobachter und Beobachtetes,
in
Subjekt und Objekt, fällt weg.
Handelnder
und Handlung unterscheiden sich nicht mehr –
alles
findet in der Weite des Gewahrseins statt.
Geist
ist sich seiner selbst gewahr
und
ruht im natürlichen Zustand,
ohne
Beobachter und etwas, das beobachtet wird.
Das
wird Nichtbeobachtung genannt: natürliches Bewußtsein.
Der
Geist nimmt wahr, aber zugleich ist kein Subjekt mehr vorhanden.
Das
ist wahres Bewußtwerden – vollkommene, bleibende Gewißheit.
Natürlich
beinhaltet dieser Prozeß zunächst, daß wir studieren
und über die Unterweisungen nachdenken, um die wahre Natur,
den natürlichen Zustand des Geistes intellektuell zu verstehen.
Wir machen zunächst eine Analyse von Subjekt und Objekt,
die auf relativer Ebene stattfindet, also eine bewußte,
man könnte sagen ‚künstliche‘ Arbeit.
Dann
jedoch führt uns Meditation in einen Zustand, der nicht mehr
gewöhnlich ist und wo keine Unterteilung in Objekt und Subjekt
bestehen bleibt, sondern der Geist sich selbst erkennt. Hieraus
entsteht eine Sicherheit jenseits aller Analysen, eine ganz spontane
Sicherheit.
Die
intellektuellen Betrachtungen über Subjekt oder Objekt, die
man zunächst benutzt, um zu einer spontanen, natürlichen
Meditation zu finden, muß man später wieder loslassen.
Wenn man sie aufrecht erhält, wird keine wirkliche Meditation
entstehen und unsere Bemühungen werden ohne Nutzen bleiben.
Nur die völlig natürliche Meditation führt uns
schließlich zur Verwirklichung der Natur des Geistes, zur
Befreiung.