UNTERWEISUNGEN

Lama Guendun RinpocheDer Mechanismus unserer Projektionen und der Blick nach innen

Unser tatsächliches, großes Problem ist, daß unser Blick immer nach außen gerichtet ist. Wir schauen nicht nach innen, in unseren eigenen Geist, sondern folgen stets seinen nach außen gerichteten Projektionen. Das ist die falsche Blickrichtung, und deswegen haben wir so viele Probleme. All die Fehler, die wir eigentlich im eigenen Geist haben, kritisieren wir in der Außenwelt. Dharmapraxis bedeutet, nach innen zu schauen, um zu sehen, was im eigenen Geist passiert. Wenn wir da einen ehrlichen Blick hinein werfen und uns untersuchen, sind wir ziemlich überrascht. Wir sehen, daß wir unfähig sind, eine Handlung auszuführen, die nicht von Emotionen und Ichhaften motiviert ist, und daß unser Geist voller Eifersucht, Anhaftung und Zorn ist. Diese Emotionen sind uns normalerweise nicht bewußt – wir bemerken sie erst, wenn wir nach innen schauen.

Ohne diese klare Sicht sehen wir nur das Ergebnis dieser Emotionen in der Außenwelt. Wenn wir zum Beispiel eifersüchtig sind, sehen wir alles durch den Filter der Eifersucht. Und was sehen wir? Wir sehen eine Welt der Eifersucht und denken: "Die Leute sind alle total eifersüchtig auf mich, wie furchtbar." Ständig begegnen wir Leuten, die uns etwas neiden, und daraus entsteht womöglich sogar Stolz. Wir kommen zu dem Schluß: "Die Leute können ja nur eifersüchtig sein, weil ich so fantastisch bin – also bin ich wunderbar. Ich bin besser als die anderen, und das ist der Grund, warum sie eigentlich eifersüchtig sind."

Wir stellen uns selbst nie in Frage und kommen nicht auf die Idee, daß das Problem eigentlich nur ist, so von Ichbezogenheit beherrscht zu sein, und daß nicht die anderen Leute schuld sind. Wir projizieren das, was uns selber nicht bewußt ist, auf andere und schauen nie nach innen. Dann entsteht aufgrund dieser Emotionen sogar starker Zorn, der unseren Geist verdunkelt. Der eigentliche Zorn ist in unserem Geist, doch sehen wir ihn bei den anderen, weil wir nicht gelernt haben, nach innen zu schauen. Das bewirkt, daß wir noch wütender werden, weil wir der Überzeugung sind, daß die anderen so aggressiv sind. Die Beziehungen mit anderen Menschen werden dadurch äußerst schwierig. Wir haben ständig Konflikte.

Die einzige Möglichkeit, diesen Teufelskreis zu unterbrechen, ist, nach innen zu schauen und den Fehler bei sich selbst zu suchen, sonst werden wir die Wirklichkeit nie entdecken und uns niemals von den Emotionen und dem aus ihnen entstehenden Leid befreien. Bisher tun wir das genaue Gegenteil: Wir denken, daß wir bei allem Recht haben. Wir gehen einfach davon aus, daß alles, was wir selber denken und tun, vollkommen richtig ist, daß wir als einziger einen guten Geschmack haben, die richtige Einstellung usw. – die anderen haben nichts zu sagen und haben sowieso immer Unrecht. Wir nehmen diese Hypothese unserer eigenen Perfektion für Wirklichkeit und bauen all unsere Beziehungen, all unsere Handlungen auf dieser falschen Annahme auf. Deswegen entstehen Konflikte und die Emotionen werden immer stärker. Die Projektionen unserer Emotionen nach außen sind in dieser Weise die Basis all unserer Handlungen, weil wir nicht fähig sind, in uns selbst hinein zuschauen.

In unserem Stolz sind wir stets der Annahme, daß wir gut sind und recht haben. Aufgrund von Stolz streiten wir uns mit anderen um Meinungen, völlig überzeugt, daß nur unsere Sichtweise die Richtige sein kann, und daraus entstehen Kriege und Konflikte, Eifersucht usw. Unsere Augen sind sehr geschickt. Indem wir nach außen schauen, entdecken wir überall Fehler bei anderen und denken: "Genau, ich hab’s ja gewußt, ich hab’ recht gehabt." Aber wir werden uns nicht bewußt, daß unsere Sicht völlig verschleiert ist. Durch unseren emotionalen Filter sehen wir nicht, was wirklich ist.

Der Vorschlag des Dharma wäre, zu schauen: "Ist es wirklich so sicher, daß ich recht habe? Bin ich wirklich so gut, wie ich denke?" Wenn wir beginnen, die Situation zu sehen, wie sie wirklich ist, und uns bewußt wird, wie wir uns getäuscht haben, fühlen wir uns plötzlich ein bißchen unwohl – wir sind uns nicht mehr so sicher, da wir erkennen, daß eigentlich alles, was wir an Problemen bei anderen sehen, nur unsere eigenen Emotionen sind. Obwohl dies etwas unangenehm ist, ist es wichtig, weiter zu schauen und nicht aufzuhören, sondern mutig weiter im eigenen Geist zu suchen und alles hervorzuholen, was dort an Emotionen versteckt ist. Das ist die einzige Möglichkeit, sich vom Daseinskreislauf und damit von Leid zu befreien.

Wenn wir unserer inneren Situation in vollem Umfang bewußt werden und bemerken, daß alle Emotionen in uns selber sind, dann fällt das Gebäude unseres Stolzes von selbst zusammen. Alles hatten wir auf der Annahme aufgebaut, selber recht zu haben und frei von Fehlern zu sein, und aus diesem Stolz heraus haben wir gehandelt. Das Schloß oder die Burg des Stolzes bricht zusammen wie ein Kartenhaus, und alle Emotionen werden sich auflösen, weil wir sehen, daß die Fehler bei uns selbst liegen und die Qualitäten bei den anderen. Dann hört das Projizieren auf, wir sehen mehr von der Wirklichkeit und es stellt sich Frieden ein im Geist. Dieser Frieden ist, was auf Tibetisch ‘Schi-wa' und ‘Nä-pa’ genannt wird, die Ruhe und Stabilität des Geistes: Schi-nä. Dafür braucht man bloß nach innen zu schauen.

Warum sind wir uns immer so sicher, daß wir recht haben, daß wir besser sind, als all die anderen? Bloß, weil wir immer nur nach außen schauen und nie nach innen. Wir stellen uns selber nicht ein einziges Mal in Frage. Wenn wir das endlich einmal tun, sehen wir sofort, daß wir nicht so oft recht haben, wie wir immer dachten. Je mehr wir nach innen schauen und uns untersuchen, umso mehr sehen wir die Emotionen in unserem eigenen Geist und erkennen, daß sie die Quelle aller Probleme sind. Es wird klar, daß wir innerlich etwas verändern müssen und nicht außen. Mehr und mehr sehen wir das subtile Spiel der Emotionen, wie unbewußt, wie untergründig sie arbeiten und wie sie uns gefangen nehmen. Wenn wir aufhören, die Außenwelt zu betrachten und zu beurteilen, merken wir, daß im Innern eine enorme Arbeit auszuführen ist.

Ständig daran zu denken, wie voll man selber von Fehlern ist und wie unglaublich viel es zu transformieren gibt, ist ein sehr gutes Zeichen dafür, auf dem richtigen Weg zu sein. Aber den Eindruck zu haben, bei einem selber sei alles einigermaßen in Ordnung und man habe diverse Qualitäten, ist ein Anzeichen für den fundamentalen Fehler, nicht nach innen zu schauen und nicht zu sehen, was eigentlich wirklich los ist.

Die Welt ist der Spiegel unserer wütenden Grimassen wie auch unseres Lächelns. Ist unsere Welt mit Aggression gefüllt, bedeutet das, daß wir selber aggressiv sind. Ist die Welt voller Lächeln, bedeutet das, daß wir selber lächeln. Sagt uns die Welt freundlich 'Guten Tag', dann heißt das, daß wir selber freundlich 'Guten Tag' gesagt haben. Bemüht Euch, in die Tiefe zu schauen! Wenn wir nicht unseren eigenen Geist untersuchen, werden wir uns ständig den Kopf zerbrechen über die Außenwelt. Wenn wir Leute sehen, werden wir denken: "Ah, der denkt jetzt bestimmt dies und das. Sein Verhalten zeigt, daß er garantiert das gedacht hat – ich bin sicher, daß er so und so über mich denkt." Wir sind aber nur dabei, unsere eigenen Gedanken in andere hinein zu projizieren. Der andere ist nichts als ein Spiegel unserer eigenen Gedanken.

Unser Geistesstrom ist durch unsere Emotionen verunreinigt. Erst wenn wir ihn gereinigt haben, können wir anderen wirklich helfen und ihr Freund sein. Wir werden dann nicht mehr unsere Anhaftungen und Emotionen auf die Welt projizieren. Wenn wir der Welt mit Liebe und Mitgefühl begegnen, wo sollte da noch Leiden oder Aggression sein? Wenn unser Geist vollkommen rein ist, sind alle Beziehungen rein. Was bleibt, ist die Frucht der Transformation: anderen mit Liebe und Mitgefühl zu helfen.

Karma zu verstehen ermöglicht tiefes Loslassen

Unser Körper und alle Erfahrungen von Körper, Rede und Geist sind das Resultat von unseren Handlungen, Worten und Gedanken in diesem Leben oder in anderen Existenzen – in unzählbaren Existenzen. Unsere jetzige Existenz ist bedingt durch die angesammelte Kraft von Gewohnheiten und Neigungen, die unsere Reaktionen bestimmen. Wenn wir jetzt aufgrund von karmischen Bedingungen bestimmte Situationen erleben, dann reagieren wir aufgrund dieser Gewohnheiten, ohne überhaupt nachzudenken. Durch solche gewohnheitsmäßigen Reaktionen schaffen wir wieder neues Karma – wir verstärken die karmischen Kräfte und Tendenzen, die unsere zukünftigen Leben bestimmen.

Wir sind das Resultat dessen, was wir vorher getan haben, und alles, was wir in Zukunft erleben werden, ist davon abhängig, was wir jetzt tun.

Mit diesem Verständnis ist es möglich, alle Erfahrungen unseres Lebens einfach kommen und gehen zu lassen, ohne nach ihnen zu greifen. Wenn uns unser Karma schwierige Situationen oder Emotionen bringt, sehen wir diese als Ausdruck unseres Geistes, als die Frucht unserer eigenen Tendenzen. Wir erkennen sie als Bewegungen unseres Geistes, die wir einfach kommen lassen, anschauen und wieder verschwinden lassen. Dabei haften wir nicht im geringsten an und greifen nicht ein, denn diese Emotionen entstehen ja gerade aufgrund von Anhaftungen in unserem eigenen Geist. Wir sollten einfach alles geschehen lassen, den Prozeß ungestört ablaufen lassen, denn sonst werden wir weiterhin die Sklaven unserer Emotionen sein und keine Freiheit erlangen. Wenn wir die Dinge sehen, wie sie sind, werden wir nicht die Sklaven unserer Emotionen bleiben, da wir nicht wie bisher reagieren und dadurch keine neuen karmischen Samen ansammeln. Wenn wir Gedanken und Emotionen einfach kommen und wieder gehen lassen, befreien sie sich von selbst. Dann können wir alles als Bewegung des Geistes erkennen und vorbeiziehen lassen. Reinigung vollzieht sich, indem wir einen karmischen Samen nach dem anderen erfahren und ihn sich befreien lassen, ohne neue hinzuzufügen.

Meditation: Verweilen in der Natur des Geistes

Da einige unter den Zuhörern müde zu werden scheinen und gar einzuschlafen drohen, wollen wir jetzt ein bißchen meditieren:

Wir nehmen eine entspannte und trotzdem aufrechte oder würdige Haltung ein und versuchen, den Geist in seinem natürlichen Zustand ruhen zu lassen, ohne jede Art von Zwang, ohne irgendwelche Gedanken zu verbieten oder ihnen zu folgen. Wir blockieren den Geist nicht, indem wir denken: Meditation sollte so oder so sein. Wir lassen unseren Geist so offen wie möglich in seiner eigenen Natur ruhen, entspannt und ungezwungen.

Wenn Dumpfheit im Geist auftaucht, betrachten wir diese ebenfalls als eine bloße Bewegung des Geistes, als einen Ausdruck des erleuchteten Geistes und lassen uns nicht davon hinwegtragen. Wir versuchen, durch die Dumpfheit hindurch zu schauen und die Klarheit und Offenheit dahinter zu sehen, den weiten Raum der Offenheit, der von dieser Dumpfheit verdeckt ist. Wir können alles, was im Geist auftaucht, nutzen, um den Geist zu sehen. Mit Hilfe von Achtsamkeit können wir dahinter kommen und das Spiel des Geistes verstehen.

Wenn wir meinen, eine 'gute' Meditation zu haben, denken wir: "Wunderbar, ich bin vollkommen offen, voller Freude, ich erlebe einen weiten Raum. Jetzt hab' ich's endlich geschafft. Das ist, wonach ich immer gesucht habe. Ich bin ein guter Praktizierender."

Wenn wir meinen, eine eher 'schlechte' Meditation zu haben, werden wir unruhig, erleben ständig Lärm um uns herum, der Nachbar berührt uns, und wir finden den Weg nicht in die Meditation, nichts funktioniert. Dann denken wir: "Ich werd's nie schaffen."

Wenn die eine oder andere dieser Haltungen auftaucht, sollten wir nicht die Gedanken anschauen, sondern denjenigen, der denkt. Wer ist diese Person, die da behauptet, sie hätte eine gute oder schlechte Meditation? Wer ist der Beobachter? ...und schon haben wir den Gedanken vergessen und suchen nach der Person, die dies behauptet. Was wir finden, ist einfach Geist. So finden wir in die Einfachheit des Geistes zurück, bis die nächste Zerstreuung auftaucht.

Solange wir irgendwelche Zweifel über die Natur des Geistes oder des Beobachters haben, der ebenfalls Geist ist, ist dies noch nicht die wirkliche Erfahrung der Natur des Geistes. Und solange die Erkenntnis noch nicht stabil ist, müssen wir uns hinsetzen und weiter meditieren. Solange, bis Geist sich selbst erkennt. Der dynamische Aspekt des Geistes erkennt, daß der Beobachter einfach nur ein Teil des Spieles ist. Diese Erfahrung bringt völlige Sicherheit über die Natur des Geistes. Man hört auf, nach irgend etwas zu suchen. Man hat keine Fragen mehr, denn alle Fragen haben sich aufgelöst.

Solange wir denken, wir hätten irgend etwas verstanden, oder uns fragen: "Ist es wirklich richtig, wie ich es mache?" ist keine Sicherheit da, und diese Sicht fehlt. Dann bleibt uns nur übrig, uns wieder hinzusetzen und weiter zu meditieren.

Meditations-Anweisungen von Gendün Rinpotsche :

Im Strom der Meditation bleibt mit der Zeit

kein Unterschied mehr zwischen Bewußtsein und demjenigen, der bewußt ist.

Denker und Gedanken sind gleichermaßen das Spiel des Geistes.

Die Unterteilung in Beobachter und Beobachtetes,

in Subjekt und Objekt, fällt weg.

Handelnder und Handlung unterscheiden sich nicht mehr –

alles findet in der Weite des Gewahrseins statt.

Geist ist sich seiner selbst gewahr

und ruht im natürlichen Zustand,

ohne Beobachter und etwas, das beobachtet wird.

Das wird Nichtbeobachtung genannt: natürliches Bewußtsein.

Der Geist nimmt wahr, aber zugleich ist kein Subjekt mehr vorhanden.

Das ist wahres Bewußtwerden – vollkommene, bleibende Gewißheit.

Natürlich beinhaltet dieser Prozeß zunächst, daß wir studieren und über die Unterweisungen nachdenken, um die wahre Natur, den natürlichen Zustand des Geistes intellektuell zu verstehen. Wir machen zunächst eine Analyse von Subjekt und Objekt, die auf relativer Ebene stattfindet, also eine bewußte, man könnte sagen ‚künstliche‘ Arbeit.

Dann jedoch führt uns Meditation in einen Zustand, der nicht mehr gewöhnlich ist und wo keine Unterteilung in Objekt und Subjekt bestehen bleibt, sondern der Geist sich selbst erkennt. Hieraus entsteht eine Sicherheit jenseits aller Analysen, eine ganz spontane Sicherheit.

Die intellektuellen Betrachtungen über Subjekt oder Objekt, die man zunächst benutzt, um zu einer spontanen, natürlichen Meditation zu finden, muß man später wieder loslassen. Wenn man sie aufrecht erhält, wird keine wirkliche Meditation entstehen und unsere Bemühungen werden ohne Nutzen bleiben. Nur die völlig natürliche Meditation führt uns schließlich zur Verwirklichung der Natur des Geistes, zur Befreiung.

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