UNTERWEISUNGEN
Das
Herz des Dharma: Unbegrenzte Liebe und unbegrenztes Mitgefühl
Das
Herz aller spirituellen Praxis ist der Wunsch, unbegrenzte Liebe
und unbegrenztes Mitgefühl zu entwickeln.
Unbegrenzte
Liebe ist der tiefe Wunsch, daß alle Wesen Glück und
die Ursachen des Glücks erfahren mögen. Dieser Wunsch
motiviert alle unsere Handlungen, Worte und Gedanken.
Unbegrenztes
Mitgefühl wird aus der Erkenntnis geboren, daß alle
Wesen leiden. Es ist der tiefe Wunsch, daß alle Wesen frei
von Leid sein mögen und daß sie verstehen, was Leid
verursacht, damit sie sich daraus befreien können. Auf diesem
Wunsch, dem Ausdruck großen Mitgefühls, gründen
alle unsere Handlungen.
Wenn
wir diese beiden Wünsche im Geist tragen, werden wir alles
tun, um die Wesen, soweit es uns irgendwie möglich ist, von
Leid zu befreien " alle Wesen ohne irgendeine Ausnahme, ohne
irgendeine Unterscheidung. Selbst wenn Schwierigkeiten auftauchen
" wir werden weiterhin unsere Energie von Körper, Rede
und Geist dem Wohl der Wesen widmen, damit sie die letztendliche
Befreiung erfahren.
Des
Schmerzes und Leidens anderer gewahr zu sein mit dem Wunsch, ihnen
zu helfen, sollte alle unsere Handlungen bestimmen. Doch wenn
wir nun versuchen, Mitgefühl in unserem Geist hervorzubringen,
müssen wir aufpassen, dies nicht zu verdrehen. In unserer
Ichbezogenheit verdrehen wir oft völlig die Dharmalehren,
und das kann auch mit Liebe und Mitgefühl so geschehen "
ebenso wie mit dem Vertrauen in den Meister.
Wir
mögen denken, wir seien sehr mitfühlend, doch wenn wir
unsere Liebe und unser Mitgefühl auf diejenigen beschränken,
die uns nahe stehen oder die wir mögen, dann ist das keine
wirkliche Liebe oder wirkliches Mitgefühl, sondern nur eine
Form von Anhaftung. Es kann sein, daß in unserer Liebe und
unserem Mitgefühl etwas Authentisches ist, so wie ein authentischer
Bodhisattva diese Qualitäten leben würde, aber indem
wir sie aus Ichbezogenheit auf einige wenige beschränken
und Unterscheidungen machen, werden sie vollkommen gewöhnlich
und parteiisch. Es ist äußerst wichtig, daß wir
keine partielle (geteilte) Liebe hervorbringen, sondern universelle.
Genauso
ist es mit Vertrauen und Hingabe zu unserem Meister. Unsere Ichbezogenheit
verwandelt diese Hingabe in Begierde, und es entsteht starke Anhaftung
an die Person unseres Meisters. Dazu gibt es im Tibetischen ein
Wortspiel; es heißt, man solle Depa nicht mit Döpa
verwechseln. Depa heißt Hingabe und Döpa heißt
Begierde.
Wie
werden Liebe und Mitgefühl gelebt ?
Dieser
Wunsch der Liebe und des Mitgefühls muß in Handlungen
umgesetzt werden. Wir sollten diesen Wunsch 3in beide Hände
nehmen" und ihn möglichst praktisch umsetzen. "Mögen
alle Wesen Glück erfahren und die Ursachen des Glücks."
Mit diesem Wunsch beginnen wir natürlicherweise, eine disziplinierte
Lebensweise anzunehmen, die niemandem mehr schadet, sei es durch
körperliche Handlungen, Worte oder Gedanken. Wir versuchen,
entsprechend den DharmaUnterweisungen zu leben, damit niemand
unter uns leiden muß. Wir versuchen zu tun, was förderlich
ist und zu vermeiden, was schädlich ist, wodurch wir erkennen,
was wir in uns weiter entwickeln sollten und wo wir unseren Geist
disziplinieren müssen.
Bei
allem motiviert uns der Wunsch, daß die Wesen nicht nur
Glück erfahren mögen, sondern auch die Ursachen des
Glücks: "Mögen sie erkennen, was wirklich zu Glück
führt, nämlich auf die richtige Art zu handeln." Durch
unser eigenes Lebensbeispiel können wir andere zu positiven
Handlungen inspirieren und ihnen so helfen, die Ursachen des Glücks
zu schaffen. Um sie dabei zu unterstützen, können wir
Erkenntnisse aus unserer Praxis mit ihnen teilen.
Wenn
wir erkennen, daß Leid die Folge von Unwissenheit ist, entsteht
ganz natürlich der Wunsch, daß wir und andere auch
von dessen Ursachen befreit sein mögen. Die Ursachen allen
Leides sind schädliche, ichbezogene Handlungen, eine verkehrte
Art zu leben. So werden wir versuchen, wohlwollendes Verhalten
zu entwickeln, eine ethische Lebensweise, die auf das Wohl anderer
ausgerichtet und unparteiisch ist.
Liebe
und Mitgefühl ausweiten
Solange
wir denken: "Ich mag diesen lieber als jenen", und unsere Wünsche
auf Angehörige, Freunde, und Leute, die wir nett finden,
beschränken, sind unserer Liebe und unserem Mitgefühl
Grenzen gesetzt. Wir sollten versuchen, diese Grenzen, die unser
Ego zieht, aufzulösen und eine altruistische Aktivität
entwickeln, die alle Wesen ohne Einschränkungen einschließt.
Wir
beginnen mit denen, die wir mögen und versuchen dann, unsere
Liebe auf diejenigen auszuweiten, die uns bisher gleichgültig
sind und mit denen wir keine Probleme haben. Wir versuchen, ihr
Leiden zu empfinden und Sensibilität für sie zu entwickeln.
So verschwindet die Gleichgültigkeit ihnen gegenüber.
Dann
können wir Liebe und Mitgefühl auch auf jene ausweiten,
die wir als Feinde betrachten oder als schwierig und unangenehm
erleben. Dabei wird uns klar, daß sie Liebe und Mitgefühl
am nötigsten brauchen, denn sie leiden sehr. Dazu zählen
auch die Wesen in den Höllenwelten, Geister und Tiere, die
in Zuständen extremen Leides leben. Wir sollten nicht nur
niemanden aus unserer mitfühlenden Aktivität ausschließen,
sondern geradezu diejenigen bevorzugen, die wir als unangenehm
empfinden. So können Liebe und Mitgefühl alle Handlungen
durchdringen, immer unparteiisch und vollkommen gleichmütig.
Warum
bleiben unsere Liebe und unser Mitgefühl oft nur ein Spiel
?
Sie
bleiben ein Spiel von Kindern, weil wir uns nicht wirklich für
das Leid anderer öffnen. Wir nehmen alles von unserem eigenen
Standpunkt aus wahr und beurteilen von dieser Warte aus auch das
Leid anderer. Dabei gehen wir davon aus, daß unsere Wahrnehmung
richtig sei, und aufgrund unserer beschränkten Wahrnehmung
bleiben unsere Liebe und unser Mitgefühl mit allen sich daraus
ergebenen Handlungen ebenfalls beschränkt. Wir meinen, stets
beurteilen zu können, was richtig ist und was nicht.
Ein
Insekt zum Beispiel ist für uns oft störend, wenn es
da auf dem Tisch herumkrabbelt oder um uns herumsurrt, wenn wir
essen. Viele sind der Ansicht, ein Insekt sei sozusagen ein Nichts
und könne nichts fühlen. Dabei wissen wir gar nicht,
was eine Ameise erlebt. Woran leidet sie? Wovon träumt ein
Insekt? Was wünscht ein Insekt? Wir wissen es nicht, sondern
beurteilen es nur von unserem eigenen Standpunkt und behaupten:
Es leidet nicht.
Wenn
wir uns mit anderen austauschen könnten und uns zum Beispiel
in die Haut einer Ameise begeben würden " was zugegebenermaßen
schwierig sein mag ", dann könnten wir das Leben vom
Standpunkt der Ameise aus wahrnehmen, was eine vollkommen andere
Perspektive ist: Die Welt würde uns sehr beunruhigend erscheinen.
Überall sind große Berge, die sich bewegen, und wir
müssen ständig Angst haben, zerquetscht zu werden "
eine Welt großen Leides. Wir müßten ständig
auf der Hut sein vor anderen Insekten, die uns angreifen und dergleichen.
Wenn wir das erleben könnten, würden wir ein tiefes,
ehrliches Mitgefühl empfinden und ein wirkliches Interesse
haben, für das Glück anderer zu wirken. Für altruistische
Handlungen brauchen wir dieses tiefe Bewußtsein des Leides
anderer. Dann bleibt Liebe kein bloßes Spiel und nicht nur
ein Gedanke.
Mit
dem Mitgefühl ist es ähnlich: Wir denken, wir wären
mitfühlend. Wenn wir jemanden in der Familie oder Freunde
leiden sehen, werden wir selber auch ganz unglücklich und
leiden mit. Wir denken dann: "Jetzt bin ich endlich auf dem Weg
der Bodhisattvas, jetzt bin ich genau so, wie es in den Texten
erklärt wird." Es ist aber kein wirkliches Mitgefühl,
sondern einfach Anhaftung. Wir machen Unterscheidungen und sind
parteiisch, denn wir leiden deswegen mit, weil es sich um unsere
Freunde handelt. Wenn wir ehrlich hinschauen, sehen wir, daß
wir deswegen leiden, weil der andere wie eine Verlängerung
von uns selbst ist. Wir sehen sein Leiden nicht von seinem, sondern
von unserem Standpunkt aus und projizieren unserer eigenes Leiden
auf ihn. Wir identifizieren uns mit dem anderen. Wir betrachten
ihn geradezu als unser Eigentum und unser Ego fühlt sich
angegriffen, wenn der andere leidet. Das ist mehr Anhaftung als
Mitgefühl und ist auf keinen Fall das Mitgefühl eines
Bodhisattvas.
Wir
helfen eigentlich nur denen, die uns lieb und teuer sind und mit
denen wir uns identifizieren. Damit helfen wir letztendlich uns
selber im anderen, und das ist Anhaftung. Wenn uns jemand für
unsere Hilfe nicht dankt und womöglich auch noch ärgerlich
auf uns reagiert, sind wir dann völlig enttäuscht und
werden sogar wütend. Das ist ein offensichtliches Zeichen,
daß wir nur egoistisch waren und hofften, etwas für
unsere Hilfe zu bekommen. Es handelte sich also nur um Pseudo-Liebe
und -Mitgefühl.
Gleichmut
begleitet wahre Liebe
Wenn
wir unvoreingenommene Liebe und Mitgefühl entwickeln, werden
alle Wesen im Universum unsere Geschwister. Wir machen keinerlei
Unterscheidungen mehr zwischen Nahestehenden und Fremden, Freunden
und Feinden. Große Güte und großes Wohlwollen
für alle Wesen kommen hervor, und das kennzeichnet den Erleuchtungsgeist.
Ob andere uns helfen oder uns angreifen, ist dann nicht mehr wichtig,
denn wir betrachten die Situation nicht mehr vom eigenen Standpunkt,
sondern nehmen den Standpunkt der anderen ein und sehen, was sie
brauchen.
Ohne
diese Ichbezogenheit betrachten wir alle Wesen gleich, und unsere
Handlungen haben stets die gleiche Tiefe, egal, um wen es sich
handelt. Diese Art von Gleichmut oder Unparteilichkeit sollten
wir entwickeln.
Dafür
müssen wir sehen, wo in uns selber Anhaftung ist und wo wirkliche
Liebe entsteht. Denn wenn wir das nicht sehen, nehmen wir den
Mund voll mit großen Worten über Liebe und Mitgefühl,
aber unsere Handlungen werden das Gegenteil beweisen. Unser Mund
sagt dann: "Ich helfe allen Wesen" ,aber unsere Hände nehmen
den Wesen alles Gute weg, um uns selber glücklich zu machen.
Ist
der Weg wirklich so schwierig ?
Vielleicht
fühlt Ihr Euch jetzt entmutigt, weil die Tiefe der Anhaftung
ans Ego fast unüberwindbar erscheint. Aber gerade weil die
Anhaftung so groß ist, ist es so notwendig, daß wir
die Lehren studieren, über sie nachdenken und sie praktizieren,
und daß wir ein ethisches Verhalten pflegen, das uns hilft,
unsere Einstellung zu ändern und mit Körper, Rede und
Geist positiv zu handeln.
Der
Fortschritt auf unserem Weg hängt von unserer Einstellung
ab, und von dieser hängt auch ab, ob unser Fortschritt schnell
oder langsam vorangeht. Wir müssen einfach bereit sein, an
unserer Umwandlung zu arbeiten, unseren Egoismus in Altruismus
zu verwandeln, uns anzuschauen und zu fragen: Was sind unsere
Neigungen und was müssen wir verwandeln? Wenn wir bereit
sind, ständig an uns zu arbeiten, in jedem Moment achtsam
zu sein, dann wird unser Weg sehr einfach sein. Ob er einfach
oder schwierig ist, hängt nur von uns selber ab. Wenn wir
zögern, diese spirituellen Übungen auszuführen,
nicht davon überzeugt sind und uns zurückhalten, dann
wird unser Weg schwieriger sein. So hängt es vom Geisteszustand
eines jeden einzelnen von uns ab, wie schnell er auf dem Weg vorankommt,
und wie leicht es sein wird.