UNTERWEISUNGEN

Lama Guendun RinpocheDas Herz des Dharma: Unbegrenzte Liebe und unbegrenztes Mitgefühl

Das Herz aller spirituellen Praxis ist der Wunsch, unbegrenzte Liebe und unbegrenztes Mitgefühl zu entwickeln.

Unbegrenzte Liebe ist der tiefe Wunsch, daß alle Wesen Glück und die Ursachen des Glücks erfahren mögen. Dieser Wunsch motiviert alle unsere Handlungen, Worte und Gedanken.

Unbegrenztes Mitgefühl wird aus der Erkenntnis geboren, daß alle Wesen leiden. Es ist der tiefe Wunsch, daß alle Wesen frei von Leid sein mögen und daß sie verstehen, was Leid verursacht, damit sie sich daraus befreien können. Auf diesem Wunsch, dem Ausdruck großen Mitgefühls, gründen alle unsere Handlungen.

Wenn wir diese beiden Wünsche im Geist tragen, werden wir alles tun, um die Wesen, soweit es uns irgendwie möglich ist, von Leid zu befreien " alle Wesen ohne irgendeine Ausnahme, ohne irgendeine Unterscheidung. Selbst wenn Schwierigkeiten auftauchen " wir werden weiterhin unsere Energie von Körper, Rede und Geist dem Wohl der Wesen widmen, damit sie die letztendliche Befreiung erfahren.

Des Schmerzes und Leidens anderer gewahr zu sein mit dem Wunsch, ihnen zu helfen, sollte alle unsere Handlungen bestimmen. Doch wenn wir nun versuchen, Mitgefühl in unserem Geist hervorzubringen, müssen wir aufpassen, dies nicht zu verdrehen. In unserer Ichbezogenheit verdrehen wir oft völlig die Dharmalehren, und das kann auch mit Liebe und Mitgefühl so geschehen " ebenso wie mit dem Vertrauen in den Meister.

Wir mögen denken, wir seien sehr mitfühlend, doch wenn wir unsere Liebe und unser Mitgefühl auf diejenigen beschränken, die uns nahe stehen oder die wir mögen, dann ist das keine wirkliche Liebe oder wirkliches Mitgefühl, sondern nur eine Form von Anhaftung. Es kann sein, daß in unserer Liebe und unserem Mitgefühl etwas Authentisches ist, so wie ein authentischer Bodhisattva diese Qualitäten leben würde, aber indem wir sie aus Ichbezogenheit auf einige wenige beschränken und Unterscheidungen machen, werden sie vollkommen gewöhnlich und parteiisch. Es ist äußerst wichtig, daß wir keine partielle (geteilte) Liebe hervorbringen, sondern universelle.

Genauso ist es mit Vertrauen und Hingabe zu unserem Meister. Unsere Ichbezogenheit verwandelt diese Hingabe in Begierde, und es entsteht starke Anhaftung an die Person unseres Meisters. Dazu gibt es im Tibetischen ein Wortspiel; es heißt, man solle Depa nicht mit Döpa verwechseln. Depa heißt Hingabe und Döpa heißt Begierde.

Wie werden Liebe und Mitgefühl gelebt ?

Dieser Wunsch der Liebe und des Mitgefühls muß in Handlungen umgesetzt werden. Wir sollten diesen Wunsch 3in beide Hände nehmen" und ihn möglichst praktisch umsetzen. "Mögen alle Wesen Glück erfahren und die Ursachen des Glücks." Mit diesem Wunsch beginnen wir natürlicherweise, eine disziplinierte Lebensweise anzunehmen, die niemandem mehr schadet, sei es durch körperliche Handlungen, Worte oder Gedanken. Wir versuchen, entsprechend den DharmaUnterweisungen zu leben, damit niemand unter uns leiden muß. Wir versuchen zu tun, was förderlich ist und zu vermeiden, was schädlich ist, wodurch wir erkennen, was wir in uns weiter entwickeln sollten und wo wir unseren Geist disziplinieren müssen.

Bei allem motiviert uns der Wunsch, daß die Wesen nicht nur Glück erfahren mögen, sondern auch die Ursachen des Glücks: "Mögen sie erkennen, was wirklich zu Glück führt, nämlich auf die richtige Art zu handeln." Durch unser eigenes Lebensbeispiel können wir andere zu positiven Handlungen inspirieren und ihnen so helfen, die Ursachen des Glücks zu schaffen. Um sie dabei zu unterstützen, können wir Erkenntnisse aus unserer Praxis mit ihnen teilen.

Wenn wir erkennen, daß Leid die Folge von Unwissenheit ist, entsteht ganz natürlich der Wunsch, daß wir und andere auch von dessen Ursachen befreit sein mögen. Die Ursachen allen Leides sind schädliche, ichbezogene Handlungen, eine verkehrte Art zu leben. So werden wir versuchen, wohlwollendes Verhalten zu entwickeln, eine ethische Lebensweise, die auf das Wohl anderer ausgerichtet und unparteiisch ist.

Liebe und Mitgefühl ausweiten

Solange wir denken: "Ich mag diesen lieber als jenen", und unsere Wünsche auf Angehörige, Freunde, und Leute, die wir nett finden, beschränken, sind unserer Liebe und unserem Mitgefühl Grenzen gesetzt. Wir sollten versuchen, diese Grenzen, die unser Ego zieht, aufzulösen und eine altruistische Aktivität entwickeln, die alle Wesen ohne Einschränkungen einschließt.

Wir beginnen mit denen, die wir mögen und versuchen dann, unsere Liebe auf diejenigen auszuweiten, die uns bisher gleichgültig sind und mit denen wir keine Probleme haben. Wir versuchen, ihr Leiden zu empfinden und Sensibilität für sie zu entwickeln. So verschwindet die Gleichgültigkeit ihnen gegenüber.

Dann können wir Liebe und Mitgefühl auch auf jene ausweiten, die wir als Feinde betrachten oder als schwierig und unangenehm erleben. Dabei wird uns klar, daß sie Liebe und Mitgefühl am nötigsten brauchen, denn sie leiden sehr. Dazu zählen auch die Wesen in den Höllenwelten, Geister und Tiere, die in Zuständen extremen Leides leben. Wir sollten nicht nur niemanden aus unserer mitfühlenden Aktivität ausschließen, sondern geradezu diejenigen bevorzugen, die wir als unangenehm empfinden. So können Liebe und Mitgefühl alle Handlungen durchdringen, immer unparteiisch und vollkommen gleichmütig.

Warum bleiben unsere Liebe und unser Mitgefühl oft nur ein Spiel ?

Sie bleiben ein Spiel von Kindern, weil wir uns nicht wirklich für das Leid anderer öffnen. Wir nehmen alles von unserem eigenen Standpunkt aus wahr und beurteilen von dieser Warte aus auch das Leid anderer. Dabei gehen wir davon aus, daß unsere Wahrnehmung richtig sei, und aufgrund unserer beschränkten Wahrnehmung bleiben unsere Liebe und unser Mitgefühl mit allen sich daraus ergebenen Handlungen ebenfalls beschränkt. Wir meinen, stets beurteilen zu können, was richtig ist und was nicht.

Ein Insekt zum Beispiel ist für uns oft störend, wenn es da auf dem Tisch herumkrabbelt oder um uns herumsurrt, wenn wir essen. Viele sind der Ansicht, ein Insekt sei sozusagen ein Nichts und könne nichts fühlen. Dabei wissen wir gar nicht, was eine Ameise erlebt. Woran leidet sie? Wovon träumt ein Insekt? Was wünscht ein Insekt? Wir wissen es nicht, sondern beurteilen es nur von unserem eigenen Standpunkt und behaupten: Es leidet nicht.

Wenn wir uns mit anderen austauschen könnten und uns zum Beispiel in die Haut einer Ameise begeben würden " was zugegebenermaßen schwierig sein mag ", dann könnten wir das Leben vom Standpunkt der Ameise aus wahrnehmen, was eine vollkommen andere Perspektive ist: Die Welt würde uns sehr beunruhigend erscheinen. Überall sind große Berge, die sich bewegen, und wir müssen ständig Angst haben, zerquetscht zu werden " eine Welt großen Leides. Wir müßten ständig auf der Hut sein vor anderen Insekten, die uns angreifen und dergleichen. Wenn wir das erleben könnten, würden wir ein tiefes, ehrliches Mitgefühl empfinden und ein wirkliches Interesse haben, für das Glück anderer zu wirken. Für altruistische Handlungen brauchen wir dieses tiefe Bewußtsein des Leides anderer. Dann bleibt Liebe kein bloßes Spiel und nicht nur ein Gedanke.

Mit dem Mitgefühl ist es ähnlich: Wir denken, wir wären mitfühlend. Wenn wir jemanden in der Familie oder Freunde leiden sehen, werden wir selber auch ganz unglücklich und leiden mit. Wir denken dann: "Jetzt bin ich endlich auf dem Weg der Bodhisattvas, jetzt bin ich genau so, wie es in den Texten erklärt wird." Es ist aber kein wirkliches Mitgefühl, sondern einfach Anhaftung. Wir machen Unterscheidungen und sind parteiisch, denn wir leiden deswegen mit, weil es sich um unsere Freunde handelt. Wenn wir ehrlich hinschauen, sehen wir, daß wir deswegen leiden, weil der andere wie eine Verlängerung von uns selbst ist. Wir sehen sein Leiden nicht von seinem, sondern von unserem Standpunkt aus und projizieren unserer eigenes Leiden auf ihn. Wir identifizieren uns mit dem anderen. Wir betrachten ihn geradezu als unser Eigentum und unser Ego fühlt sich angegriffen, wenn der andere leidet. Das ist mehr Anhaftung als Mitgefühl und ist auf keinen Fall das Mitgefühl eines Bodhisattvas.

Wir helfen eigentlich nur denen, die uns lieb und teuer sind und mit denen wir uns identifizieren. Damit helfen wir letztendlich uns selber im anderen, und das ist Anhaftung. Wenn uns jemand für unsere Hilfe nicht dankt und womöglich auch noch ärgerlich auf uns reagiert, sind wir dann völlig enttäuscht und werden sogar wütend. Das ist ein offensichtliches Zeichen, daß wir nur egoistisch waren und hofften, etwas für unsere Hilfe zu bekommen. Es handelte sich also nur um Pseudo-Liebe und -Mitgefühl.

Gleichmut begleitet wahre Liebe

Wenn wir unvoreingenommene Liebe und Mitgefühl entwickeln, werden alle Wesen im Universum unsere Geschwister. Wir machen keinerlei Unterscheidungen mehr zwischen Nahestehenden und Fremden, Freunden und Feinden. Große Güte und großes Wohlwollen für alle Wesen kommen hervor, und das kennzeichnet den Erleuchtungsgeist. Ob andere uns helfen oder uns angreifen, ist dann nicht mehr wichtig, denn wir betrachten die Situation nicht mehr vom eigenen Standpunkt, sondern nehmen den Standpunkt der anderen ein und sehen, was sie brauchen.

Ohne diese Ichbezogenheit betrachten wir alle Wesen gleich, und unsere Handlungen haben stets die gleiche Tiefe, egal, um wen es sich handelt. Diese Art von Gleichmut oder Unparteilichkeit sollten wir entwickeln.

Dafür müssen wir sehen, wo in uns selber Anhaftung ist und wo wirkliche Liebe entsteht. Denn wenn wir das nicht sehen, nehmen wir den Mund voll mit großen Worten über Liebe und Mitgefühl, aber unsere Handlungen werden das Gegenteil beweisen. Unser Mund sagt dann: "Ich helfe allen Wesen" ,aber unsere Hände nehmen den Wesen alles Gute weg, um uns selber glücklich zu machen.

Ist der Weg wirklich so schwierig ?

Vielleicht fühlt Ihr Euch jetzt entmutigt, weil die Tiefe der Anhaftung ans Ego fast unüberwindbar erscheint. Aber gerade weil die Anhaftung so groß ist, ist es so notwendig, daß wir die Lehren studieren, über sie nachdenken und sie praktizieren, und daß wir ein ethisches Verhalten pflegen, das uns hilft, unsere Einstellung zu ändern und mit Körper, Rede und Geist positiv zu handeln.

Der Fortschritt auf unserem Weg hängt von unserer Einstellung ab, und von dieser hängt auch ab, ob unser Fortschritt schnell oder langsam vorangeht. Wir müssen einfach bereit sein, an unserer Umwandlung zu arbeiten, unseren Egoismus in Altruismus zu verwandeln, uns anzuschauen und zu fragen: Was sind unsere Neigungen und was müssen wir verwandeln? Wenn wir bereit sind, ständig an uns zu arbeiten, in jedem Moment achtsam zu sein, dann wird unser Weg sehr einfach sein. Ob er einfach oder schwierig ist, hängt nur von uns selber ab. Wenn wir zögern, diese spirituellen Übungen auszuführen, nicht davon überzeugt sind und uns zurückhalten, dann wird unser Weg schwieriger sein. So hängt es vom Geisteszustand eines jeden einzelnen von uns ab, wie schnell er auf dem Weg vorankommt, und wie leicht es sein wird.

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