UNTERWEISUNGEN
Was
ist dieses Ich-Anhaften, von dem wir ständig reden?
Das
ist das Ich, ich und ich und wieder ich. Das sind all diese phantastischen
Sachen, Bedürfnisse, kleinen Verlockungen und Begierden,
die sich in unserem Geist melden und wo wir sagen: Das will ich
haben, das ist für mich, das ist mein, das
gehört mir.
...
und was ist der Weg der Bodhisattvas?
Dazu
gehören alle Handlungen mit Körper, Rede und Geist,
die wir nicht mit ichbezogener Motivation ausführen, sondern
mit wahrem Wohlwollen. Dazu gehört auch unser tiefer Wunsch,
die negativen, ichbezogenen Absichten zu erkennen und aufzulösen.
Dafür
müssen wir uns aber direkt anschauen und große Achtsamkeit
in unseren Handlungen mit Körper, Rede und Geist entwickeln.
Je länger wir den Weg gehen, desto natürlicher wird
uns stets die Frage begleiten: "Was für eine Motivation habe
ich gerade bei dieser Handlung? Habe ich eine egoistische Absicht
und kümmere mich nur um mich selbst, oder habe ich eine großzügige,
gütige Motivation und denke wirklich an die anderen?"
Um
uns ständig auf diese Weise untersuchen zu können, brauchen
wir Achtsamkeit und große Entschlossenheit. Wir müssen
unseren Geistesstrom genau beobachten und jeweils die Art zu handeln
wählen, die wir im Hinblick auf alle anderen für sinnvoll
halten und die Ausdruck dieser Güte ist. Wenn wir nur oberflächlich
schauen, ohne uns wirklich zu untersuchen, entdecken wir die egoistischen
Tendenzen nicht und können uns dann auch nicht für sinnvollere
Handlungen entscheiden und positive Tendenzen entwickeln. Uns
mangelt die Klarheit des Unterscheidenkönnens die aber finden
wir nicht ohne eigenes Bemühen. Wir müssen hinschauen:
"Wo ist mein eigenes Interesse im Spiel?" ,und dann eine gewisse
Disziplin zur Anwendung bringen, um unsere Handlungen in altruistische
Handlungen umzuwandeln.
Beherrschung
der Meditation
Disziplin
bedeutet Achtsamkeit bei allen Handlungen von Körper, Rede
und Geist. Dann wird sich diese altruistische Einstellung immer
mehr in unserem Geist ausbreiten. Sie wird zu einer Lebensweise.
Unser Egoismus und unser Übelwollen schwinden dahin, und
unser Interesse an anderen wächst, und schließlich
werden Liebe und Mitgefühl zu einem natürlichen Reflex,
an andere zu denken. Man vergißt sogar, an sich selbst zu
denken, und das ist, was "Beherrschung der Meditation" genannt
wird.
Meditation
heißt auf tibetisch gom und bedeutet soviel wie "sich
an etwas gewöhnen". Meditation ist eine ständige Übung
oder Gewöhnung, durch die man Meister oder Herrscher seines
eigenen Geistes wird und durch die der Geist beginnt, sich anderen
zuzuwenden. Das geht nur, wenn man ständig an sich arbeitet
und sich mit großer Entschlossenheit untersucht. Nur dann
wird eine stabile Güte entstehen und alle Ichbezogenheit
aus dem eigenen Geist verschwinden.
Wenn
wir immer mehr auf diese Weise an uns arbeiten, entwickeln wir
die Bodhisattva-Motivation, wir entwickeln immer mehr Interesse
an anderen, und es wird mit der Übung immer leichter, so
an sich zu arbeiten. Das ist Beherrschung der Meditation oder
der spirituellen Übung.
Güte
kuriert Eifersucht und schenkt uns natürliche Meditation
Wenn
Übelwollen im Geist ist, gibt es keinen Platz für Güte.
Aber wenn sich diese übelwollende Haltung auflöst, kann
sich die Güte ausbreiten und das Leben wird wesentlich einfacher.
Dann werden unsere Handlungen spontan das Wohl der anderen und
damit gleichzeitig auch von uns selbst erfüllen.
Die
Geistige Ruhe eines Bodhisattvas :
Ein
Bodhisattva interessiert sich für andere
und
ist davon betroffen, wenn sie leiden.
Er
wünscht ihnen von Herzen,
daß
sie glücklich und frei von Leid sein mögen.
Wenn
sie glücklich sind, dann ist er froh
und
nicht im geringsten eifersüchtig,
denn
sein einziges Anliegen ist ihr Glück.
Wo
Güte und Wohlwollen vorhanden sind,
verschwindet
jegliche Art von Eifersucht und Wettbewerb,
ebenso
auch Zorn und Neid.
Ein
Bodhisattva hat nicht mehr den Wunsch,
besser
oder glücklicher zu sein als andere.
In
seinem Herzen ist kein Raum mehr für Eifersucht,
und
so erlebt er große Freude und wahren Frieden –
tiefe
Stabilität und anhaltende Freude.
Nicht
mehr motiviert von persönlichen Interessen,
verschwindet
die Faszination für all die Objekte,
die
früher Eifersucht und Begierde nährten.
Die
Objekte, denen er bislang hinterher rannte,
sind
bloß noch Erscheinungen im Geist,
und
der Geist wird glücklich und voller Frieden.
Dieser
Frieden entspringt dem Interesse an anderen
und
wird Geistige Ruhe oder "Schinä" genannt,
die
Stabilität und Beruhigung des Geistes.
Frei
von Faszination wird tiefes Glück entstehen,
und
der Geist wird sich anderen Wesen zuwenden
mit
dem einzigen Wunsch,
daß
sie glücklich sein und sich befreien mögen.
Je
mehr sich diese Hinwendung vollzieht,
um
so glücklicher werdet ihr sein
und große
Freude wird entstehen.
Mitgefühl
: Das Leid sehen
Mitgefühl
entsteht aus dem Gewahrsein des Leidens anderer, und wenn wir
wirklich hinschauen, sehen wir eigentlich überall nur Leiden.
Wir erkennen, daß selbst diejenigen leiden, die in günstigen
Umständen leben und von außen gesehen glücklich
erscheinen.
Es
gibt unzählige Wesen in verschiedensten Daseinsformen. Jedes
Wesen ist anders, und diese Verschiedenheit entsteht durch die
karmischen Tendenzen, welche in unzähligen Existenzen aufgebaut
wurden. Jeder erfährt seine Welt auf ganz persönliche
Weise, jeder hat seine eigene, ganz bestimmte Umgebung. Einige
leben sehr luxuriös, haben große Freiheit, Reichtümer
und dergleichen, und andere haben sehr viel mehr Leid, sind krank
und haben soziale oder psychische Probleme.
Wir
sollten uns aber auf keinen Fall von der äußeren Erscheinung
täuschen lassen. So sitzen zum Beispiel hier vor Rinpotsche
Menschen, die sehr glücklich erscheinen, reich sind usw.
Doch wenn wir uns nicht von dem Spiel äußerer Erscheinungen
täuschen lassen, sondern richtig hinschauen, werden wir dahinter
das Leiden erkennen. Denn sogar in sehr schönen Häusern
und unter sehr angenehmen Bedingungen, wo Menschen ohne Hunger
und Durst, ohne Kriege und ähnliches leben, findet man viele,
viele Wesen, die leiden. Von außen könnte man denken,
sie seien alle glücklich, aber wenn man tiefer schaut, sieht
man unendliches Leiden.
Es
ist unbedingt notwendig, dieses Leiden zu sehen, um fähig
zu sein, jemandem in seiner ganz bestimmten Situation helfen zu
können. Dafür müssen wir mit Liebe und Mitgefühl
hinter die äußere Erscheinung schauen. Wir brauchen
ein mitfühlendes, liebevolles Auge, das gleichzeitig sehr
scharf ist, dann werden wir dieses Leiden sehen. Dieses Leiden
entsteht aufgrund des subtilen Spiels der Unwissenheit, aufgrund
von Hoffnungen und Ängsten. Diese bewirken, daß die
Wesen sich so viel Leid schaffen. Leid und Schmerz sind unter
dem Anstrich von äußerem Glück stets vorhanden.
Dieses Leiden ist in allen Aspekten des Lebens vorhanden.
Wenn
wir grenzenlose Liebe entwickelt haben und frei von persönlichen
Interessen sind, sind wir auch von der Faszination an äußeren
Erscheinungen befreit. Frei von Faszination ist es möglich,
mit diesem scharfen, durchdringenden, aber auch liebevollen Blick
das Leben anderer Wesen zu betrachten und zu sehen, welche Arten
von Leid sie erfahren. Man sieht unendliches Leid, und bei jedem
ist es anders.
Aufgrund
von karmischen Tendenzen, dem persönlichem Karma, erzeugt
jeder sein persönliches Leid, und so sehen wir vielfältigste
Variationen von Leid und zugleich auch das Gemeinsame des Leides
aller Wesen. Das sollte nicht zu Depression oder Traurigkeit führen,
sondern enorme Energie freisetzen, für die Befreiung aller
Wesen zu arbeiten und so vielen Wesen wie möglich den Schlüssel
zur Befreiung zu geben.
Alles,
was die Welt zu bieten hat, führt nur zu noch mehr Leid.
Nichts kann wirkliches Glück bringen, denn alles ist auf
egoistischen Interessen aufgebaut. Wir sehen, wie die Wesen nach
Glück suchen und dabei nur noch mehr Leid erzeugen, denn
ihre Unwissenheit macht sie blind. Es wird unerträglich,
zu sehen, wie sie alle ihr Glück suchen und nur Leiden erfahren.
Vielleicht suchen wir dann einen Ort, wo wir das Leid, das wir
gesehen haben, wieder vergessen können und nur an uns selber
zu denken brauchen – wo wir unserem persönlichen Interesse
leben und Stabilität finden können, unser kleines, persönliches
Glück, und vielleicht ein bißchen schlafen können.
Aber das funktioniert nicht mehr.
Es
wird uns nicht gelingen, das Gesehene zu vergessen. Wir erkennen
hierdurch, daß nur der Dharma fähig ist, die Wesen
zur Befreiung zu führen – und nichts anderes in dieser Welt.
Es wird äußerst dringend für uns, über die
Lehren nachzudenken und sie zu praktizieren, um fähig zu
werden, anderen so viel wie möglich zu helfen. Die Vision
des Leidens treibt uns an. Wir möchten den Dharma anderen
weitergeben, damit sie fähig werden, sich aus dem Leiden
zu befreien. Dies wird das Wichtigste in unserem Leben.