UNTERWEISUNGEN

Lama Guendun RinpocheGeduld und Ausdauer

Um liebevoll und mitfühlend zu handeln, brauchen wir als wichtigste Qualitäten Geduld und Ausdauer. Ohne Hindernisse können wir diese aber nicht verwirklichen, denn die Qualitäten eines Bodhisattvas werden im Feuer von Schwierigkeiten geboren nur durch sie entwickeln wir Geduld und Ausdauer in altruistischem Handeln. Ohne geduldige Ausdauer wird unsere Bodhisattva-Aktivität unterbrochen, sobald ein kleines Hindernis auftaucht. Deshalb ist es notwendig, Schwierigkeiten, auch Angriffe, mit Geduld anzunehmen. Wir sollten sie als einen Test betrachten für unsere Fortschritte in der spirituellen Entwicklung. Mit einer solchen Betrachtungsweise werden wir keinerlei Problem mehr mit Angriffen haben, sie sind einfach Prüfungen, die uns zeigen, ob unser Engagement, mitfühlende Handlungen auszuführen, tief genug ist oder nicht. Sie lassen uns sehen, ob wir noch Anhaftungen an einen gewissen persönlichen Frieden haben oder wirklich entschlossen sind. Schwierigkeiten zeigen uns, ob wir richtig liegen.

Konflikte sind ein Geschenk!

Wer immer uns angreift, wir sollten ihn als unseren Lehrer betrachten, der uns eine Möglichkeit zu spiritueller Entwicklung gibt und uns sehen läßt, wo wir stehen und woran wir arbeiten müssen. Dann sehen wir vielleicht, daß wir noch nicht genügend Abstand haben, oder daß wir nicht genug Toleranz entwickelt haben und uns viel zu schnell aufregen, und wissen dann genau, wen wir korrigieren müssen nicht den anderen, sondern uns selbst. So sind Angriffe sogar etwas sehr Gutes, etwas äußerst Nützliches für uns. Sie geben uns eine objektive Grundlage zu sehen, ob wir auf dem spirituellen Weg vorangekommen oder stehengeblieben sind. Angegriffenwerden ist also etwas Wunderbares, das Beste, was uns passieren kann! Denn in diesem Moment haben wir das unendliche Glück zu sehen, welche Qualitäten wir entwickeln müssen: Mitgefühl, Liebe und Geduld.

Wer nur im Frieden verweilt und ständig Stille um sich herum hat, sieht das nicht. Ein Schleier der Unwissenheit wird das eigene Wesen verdecken. Man denkt: "Ich bin ja so ruhig, so mitfühlend", aber im Grunde genommen ist das nur Unwissenheit darüber, wie man in Wirklichkeit ist. Dies sehen wir erst, wenn wir angegriffen werden.

Konflikte sind ohnehin unvermeidbar, denn wir haben die karmischen Bedingungen dafür geschaffen, aufgrund derer Konflikte überhaupt auftauchen. Die Kraft des Dharma ermöglicht uns jetzt, diese Erfahrungen auf die richtige Weise anzunehmen, das heißt, sie zu nutzen und zu transformieren.

Die Person, die uns angreift oder aggressiv uns gegenüber ist, ist nur Ausführender einer karmischen Schuld, die wir selbst geschaffen haben. Wenn wir nicht sehen, daß wir die Situation selbst verursacht haben, fangen wir an auf Aggression zu reagieren und erzeugen neue karmische Saat. Jegliche Aggression, die uns widerfährt, wird aus dem Karma geboren, den Ursachen, die wir selbst einmal geschaffen haben. Wenn wir das verstehen, können wir auf intelligente Weise mit der Situation umgehen. Wir verstehen, daß uns eine gute Möglichkeit geboten wird, dieses Karma jetzt zu beenden.

In extremen Situationen kommt wirklich alles an die Oberfläche all unsere Fehler. In solchen Momenten zeigt sich, was man bereits verwirklicht hat. Tilopa sagte, daß sich in schwierigen Situationen mehr noch als in der Meditationspraxis zeigt, welche Verwirklichung man hat und wie man diese Verwirklichung integriert hat.

Eigentlich ist es sehr gut, wenn wir von Tag zu Tag mal einen kleinen Konflikt erleben, der uns wieder auf den Boden bringt, denn sonst können wir ziemlich stolz werden und denken, wir seien schon sehr weit entwickelt, wunderbar und vollkommen. Wir sitzen auf einem Thron, alle lieben uns, und wir halten uns für sehr intelligent. Kaum kommt aber ein kleiner Konflikt, fühlen wir uns miserabel. Wir sind voller Zorn und Aggressivität, und dann kommt die Wahrheit an den Tag.

Derjenige, der angreift und derjenige, der angegriffen wird, suchen eigentlich dasselbe. Beide möchten Glück und wollen Leid vermeiden, und jeder tut, was ihm möglich ist, um Gutes zu erreichen und Schwierigkeiten auszuweichen. Aber beide haben keine wirkliche Freiheit. Die Situation entsteht aufgrund ihrer Handlungen und Worte in der Vergangenheit, den karmischen Samen früherer Existenzen, die zu dieser Situation führen. Jeder spielt dabei eine bestimmte Rolle entsprechend seiner eigenen karmischen Saat (und den daraus hervorgegangenen Tendenzen) er reagiert gemäß seiner früheren Handlungen und Worte. Trotz des beiderseitigen Wunsches, Leid zu vermeiden und Glück zu erlangen, wurden sie von dem karmischen Strom erfaßt, der zu diesem Konflikt geführt hat, und wieder ist neues Leid entstanden. Sie sind in dieses Leid hineingeraten, ohne es zu wollen.

Der Buddha sagte:

Wie wir jetzt sind,

das ist das Resultat unserer vergangenen Handlungen,

und wie wir in Zukunft sein werden,

das hängt von unseren jetzigen Handlungen ab.

Karma

Alles, was wir jetzt erleben, ist das Resultat von dem, wie wir vorher gehandelt haben. Wenn wir das verstehen, können wir andere nicht mehr für etwas beschuldigen, denn alles entsteht aus unseren eigenen vergangenen Handlungen. Wir sollten versuchen, dieses Erbe der Vergangenheit anzunehmen und damit zu arbeiten, um die Zukunft vorzubereiten, das heißt, sich ein Beispiel zu nehmen an der Vergangenheit und zu sehen, was uns hierher geführt hat.

Warum erleben wir solch stete Wechsel von Glück und Unglück? Weil wir abwechselnd positive und negative Handlungen ausgeführt haben. Jetzt, in der Gegenwart, können wir versuchen, Disziplin zu entwickeln und nicht auf Angriffe mit Gegenangriffen zu reagieren. Dadurch vermeiden wir, daß neues Leiden geschaffen wird und können diese ständig laufende Maschine anhalten denn sonst wird sie unendlich weiterlaufen. Das Erbe der Vergangenheit anzunehmen und die Gegenwart zu nutzen, damit die Zukunft anders aussehen wird, ist der beste Weg zur Erleuchtung.

Wir haben kaum Freiheiten, was die Auswirkungen unserer Vergangenheit angeht. Dieses Erbe formt unsere Welt und unsere Erfahrungen. Da haben wir wenig Spielraum. Wir können nicht irgend etwas anderes schaffen oder unsere karmische Spur willentlich verändern. Wir haben bestimmte Bedingungen geschaffen und können jetzt nur aus diesen Bedingungen das Beste machen, um die zukünftige Spur in Richtung auf größere Freiheit zu verändern. Das Erbe der Vergangenheit betreffend, können wir nur lernen, anders zu reagieren und unsere Tendenzen umzuwandeln.

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