UNTERWEISUNGEN
Geduld
und Ausdauer
Um
liebevoll und mitfühlend zu handeln, brauchen wir als wichtigste
Qualitäten Geduld und Ausdauer. Ohne Hindernisse können
wir diese aber nicht verwirklichen, denn die Qualitäten eines
Bodhisattvas werden im Feuer von Schwierigkeiten geboren nur durch
sie entwickeln wir Geduld und Ausdauer in altruistischem Handeln.
Ohne geduldige Ausdauer wird unsere Bodhisattva-Aktivität
unterbrochen, sobald ein kleines Hindernis auftaucht. Deshalb
ist es notwendig, Schwierigkeiten, auch Angriffe, mit Geduld anzunehmen.
Wir sollten sie als einen Test betrachten für unsere Fortschritte
in der spirituellen Entwicklung. Mit einer solchen Betrachtungsweise
werden wir keinerlei Problem mehr mit Angriffen haben, sie sind
einfach Prüfungen, die uns zeigen, ob unser Engagement, mitfühlende
Handlungen auszuführen, tief genug ist oder nicht. Sie lassen
uns sehen, ob wir noch Anhaftungen an einen gewissen persönlichen
Frieden haben oder wirklich entschlossen sind. Schwierigkeiten
zeigen uns, ob wir richtig liegen.
Konflikte
sind ein Geschenk!
Wer
immer uns angreift, wir sollten ihn als unseren Lehrer betrachten,
der uns eine Möglichkeit zu spiritueller Entwicklung gibt
und uns sehen läßt, wo wir stehen und woran wir arbeiten
müssen. Dann sehen wir vielleicht, daß wir noch nicht
genügend Abstand haben, oder daß wir nicht genug Toleranz
entwickelt haben und uns viel zu schnell aufregen, und wissen
dann genau, wen wir korrigieren müssen nicht den anderen,
sondern uns selbst. So sind Angriffe sogar etwas sehr Gutes, etwas
äußerst Nützliches für uns. Sie geben uns
eine objektive Grundlage zu sehen, ob wir auf dem spirituellen
Weg vorangekommen oder stehengeblieben sind. Angegriffenwerden
ist also etwas Wunderbares, das Beste, was uns passieren kann!
Denn in diesem Moment haben wir das unendliche Glück zu sehen,
welche Qualitäten wir entwickeln müssen: Mitgefühl,
Liebe und Geduld.
Wer
nur im Frieden verweilt und ständig Stille um sich herum
hat, sieht das nicht. Ein Schleier der Unwissenheit wird das eigene
Wesen verdecken. Man denkt: "Ich bin ja so ruhig, so mitfühlend",
aber im Grunde genommen ist das nur Unwissenheit darüber,
wie man in Wirklichkeit ist. Dies sehen wir erst, wenn wir angegriffen
werden.
Konflikte
sind ohnehin unvermeidbar, denn wir haben die karmischen Bedingungen
dafür geschaffen, aufgrund derer Konflikte überhaupt
auftauchen. Die Kraft des Dharma ermöglicht uns jetzt, diese
Erfahrungen auf die richtige Weise anzunehmen, das heißt,
sie zu nutzen und zu transformieren.
Die
Person, die uns angreift oder aggressiv uns gegenüber ist,
ist nur Ausführender einer karmischen Schuld, die wir selbst
geschaffen haben. Wenn wir nicht sehen, daß wir die Situation
selbst verursacht haben, fangen wir an auf Aggression zu reagieren
und erzeugen neue karmische Saat. Jegliche Aggression, die uns
widerfährt, wird aus dem Karma geboren, den Ursachen, die
wir selbst einmal geschaffen haben. Wenn wir das verstehen, können
wir auf intelligente Weise mit der Situation umgehen. Wir verstehen,
daß uns eine gute Möglichkeit geboten wird, dieses
Karma jetzt zu beenden.
In
extremen Situationen kommt wirklich alles an die Oberfläche
all unsere Fehler. In solchen Momenten zeigt sich, was man bereits
verwirklicht hat. Tilopa sagte, daß sich in schwierigen
Situationen mehr noch als in der Meditationspraxis zeigt, welche
Verwirklichung man hat und wie man diese Verwirklichung integriert
hat.
Eigentlich
ist es sehr gut, wenn wir von Tag zu Tag mal einen kleinen Konflikt
erleben, der uns wieder auf den Boden bringt, denn sonst können
wir ziemlich stolz werden und denken, wir seien schon sehr weit
entwickelt, wunderbar und vollkommen. Wir sitzen auf einem Thron,
alle lieben uns, und wir halten uns für sehr intelligent.
Kaum kommt aber ein kleiner Konflikt, fühlen wir uns miserabel.
Wir sind voller Zorn und Aggressivität, und dann kommt die
Wahrheit an den Tag.
Derjenige,
der angreift und derjenige, der angegriffen wird, suchen eigentlich
dasselbe. Beide möchten Glück und wollen Leid vermeiden,
und jeder tut, was ihm möglich ist, um Gutes zu erreichen
und Schwierigkeiten auszuweichen. Aber beide haben keine wirkliche
Freiheit. Die Situation entsteht aufgrund ihrer Handlungen und
Worte in der Vergangenheit, den karmischen Samen früherer
Existenzen, die zu dieser Situation führen. Jeder spielt
dabei eine bestimmte Rolle entsprechend seiner eigenen karmischen
Saat (und den daraus hervorgegangenen Tendenzen) er reagiert gemäß
seiner früheren Handlungen und Worte. Trotz des beiderseitigen
Wunsches, Leid zu vermeiden und Glück zu erlangen, wurden
sie von dem karmischen Strom erfaßt, der zu diesem Konflikt
geführt hat, und wieder ist neues Leid entstanden. Sie sind
in dieses Leid hineingeraten, ohne es zu wollen.
Der
Buddha sagte:
Wie
wir jetzt sind,
das
ist das Resultat unserer vergangenen Handlungen,
und
wie wir in Zukunft sein werden,
das
hängt von unseren jetzigen Handlungen ab.
Karma
Alles,
was wir jetzt erleben, ist das Resultat von dem, wie wir vorher
gehandelt haben. Wenn wir das verstehen, können wir andere
nicht mehr für etwas beschuldigen, denn alles entsteht aus
unseren eigenen vergangenen Handlungen. Wir sollten versuchen,
dieses Erbe der Vergangenheit anzunehmen und damit zu arbeiten,
um die Zukunft vorzubereiten, das heißt, sich ein Beispiel
zu nehmen an der Vergangenheit und zu sehen, was uns hierher geführt
hat.
Warum
erleben wir solch stete Wechsel von Glück und Unglück?
Weil wir abwechselnd positive und negative Handlungen ausgeführt
haben. Jetzt, in der Gegenwart, können wir versuchen, Disziplin
zu entwickeln und nicht auf Angriffe mit Gegenangriffen zu reagieren.
Dadurch vermeiden wir, daß neues Leiden geschaffen wird
und können diese ständig laufende Maschine anhalten
denn sonst wird sie unendlich weiterlaufen. Das Erbe der Vergangenheit
anzunehmen und die Gegenwart zu nutzen, damit die Zukunft anders
aussehen wird, ist der beste Weg zur Erleuchtung.
Wir haben
kaum Freiheiten, was die Auswirkungen unserer Vergangenheit angeht.
Dieses Erbe formt unsere Welt und unsere Erfahrungen. Da haben
wir wenig Spielraum. Wir können nicht irgend etwas anderes
schaffen oder unsere karmische Spur willentlich verändern.
Wir haben bestimmte Bedingungen geschaffen und können jetzt
nur aus diesen Bedingungen das Beste machen, um die zukünftige
Spur in Richtung auf größere Freiheit zu verändern.
Das Erbe der Vergangenheit betreffend, können wir nur lernen,
anders zu reagieren und unsere Tendenzen umzuwandeln.