UNTERWEISUNGEN

Lama Guendun RinpocheDie sechs Daseinsbereiche

Aufgrund der Vielfalt von positiven und negativen Handlungen, die jeder ausgeführt hat, gibt es eine solche Vielzahl von persönlichen Erfahrungen. In dieser Vielfalt des Erlebens läßt sich jedoch eine grobe Einteilung machen: wir sprechen von sechs großen Familien oder Daseinsformen, in denen die jeweiligen Wesen ungefähr ähnliche Erfahrungen haben.

Drei dieser sechs Daseinsbereiche sind dadurch charakterisiert, daß in ihnen sehr viel Leid erfahren wird, das sind die drei sogenannten niederen Daseinsbereiche. In den anderen dreien, den höheren Daseinsbereichen, gibt es mehr Raum für Glück und ähnliche Erfahrungen. Aber alle sechs Welten sind durch Karma bedingt.

Die Wesen in den drei niederen Daseinsbereichen sind wesentlich zahlreicher als die der drei höheren Welten. In ihrem Geistesstrom herrschen negative Tendenzen aufgrund von Unwissenheit vor, all die leiderzeugenden Tendenzen, das Territorium des Ichs zu verteidigen. Es gibt wesentlich weniger Wesen, bei denen positive Tendenzen wie Liebe und Mitgefühl vorherrschen und die von daher in glücklicheren Bedingungen leben. Ihre geringe Anzahl läßt uns ahnen, wieviel Anstrengung für die Arbeit der Transformation ichbezogener Tendenzen notwendig ist. Meist herrscht Egoismus vor, mit all den daraus folgenden schädlichen Handlungen, die zu Wiedergeburt in den drei Daseinsbereichen mit großem Leiden führen.

Es heißt, daß die Zahl der Lebewesen in den drei niederen Bereichen ungefähr der Zahl der Staubkörner entspricht, die sich auf der Erde und den Planeten befinden, und daß die Zahl der Wesen, die sich in den drei höheren Bereichen befinden, ungefähr der Anzahl der Staubkörner entspricht, die sich auf einem Fingernagel befinden.

Es gibt also viel mehr Wesen, die von Unwissenheit und Egoismus motiviert sind, als solche, die von Liebe, Mitgefühl und Weisheit inspiriert werden und dementsprechende Handlungen begehen. Es braucht große Anstrengung, um die aus Egoismus resultierenden schmerzhaften Erfahrungen in Zukunft vermeiden zu können.

Der Götterbereich

Der höchste Daseinsbereich ist der Bereich der Götter, ein Zustand, wo kein äußeres Leid vorhanden ist und das Leben sehr viele Qualitäten besitzt. Man erfährt diesen Zustand aufgrund von ethischem Verhalten und Freigebigkeit in früheren Leben. Aber diese Freigebigkeit und positiven Handlungen waren immer begleitet von der Unterscheidung in Subjekt und Objekt, von dem Gefühl: "Ich mache etwas, ich gebe jemandem etwas." Es waren stets Spuren von Egoismus vorhanden. Zudem war das Ausführen dieser positiven, freigebigen Handlungen nicht von höherer Motivation begleitet, dem Wunsch nach Erleuchtung und wahrem, nicht dualistischem Glück. Da die Handlungen also relativ waren, sind auch ihre Früchte relativ. Solche Handlungen führen nicht aus der Gefangenschaft im karmisch bedingten Daseinskreislauf hinaus, aber sie bewirken eine relativ glückliche Existenz, ein sehr angenehmes Leben ohne Krankheiten und mit allen möglichen Genüssen alles, was sie sich wünschen, ist sofort da.

Die Kehrseite der Medaille, das Problem in diesem Daseinsbereich, ist jedoch der Stolz. Wenn die Götter die niederen Welten sehen, fühlen sie sich überlegen und werden stolz. Auch sind sie sich nicht bewußt, daß ihr göttliches Leben vergänglich ist. Sie leben in Unwissenheit über die wirkliche Natur ihres Zustands. Irgendwann wird ihr angenehmes Leben vorbei sein, und dann kann es nur noch abwärts gehen. Wenn die Götter merken, daß ihr Zustand vergänglich ist und der Tod naht, erleben sie furchtbares Leiden; sie sind entsetzt und erleben Trauer und Angst, denn sie können bereits sehen, wo sie wiedergeboren werden. Nach all ihrem Glück ist es sehr schlimm für sie, eine niedrigere Geburt annehmen zu müssen. Das Leiden in diesem Daseinsbereich kommt also hauptsächlich von dem Bewußtwerden über den drohenden Abstieg und über die Vergänglichkeit ihres Zustandes, und das ist ein großer Schmerz.

Wie läßt sich die göttliche Falle vermeiden? Vertrauen entwickeln und Widmen

Vertrauen ist das Gegenmittel für die Götterbereichs-Tendenzen in unserem eigenen Geist, Vertrauen in die Unterweisungen des Buddha, denn das Problem der Götterwesen ist, daß sie sich überlegen und wissend vorkommen und deswegen die Unterweisungen des Buddha ihren Geist nicht erreichen können. Sie öffnen sich nicht dafür und wollen nichts von Vergänglichkeit hören. Dagegen hilft es, durch Studium und Nachdenken Vertrauen in die Unterweisungen zu entwickeln, Vertrauen in die Wahrheit des Zieles der Erleuchtung wie auch in die Wirksamkeit der Mittel, die wir auf dem Weg dorthin anwenden. Dadurch können wir unser ethisches Verhalten und unsere bisher nur relative Großzügigkeit, die noch gebunden an Vorstellungen von Subjekt und Objekt ist, umwandeln in eine Großzügigkeit frei von dieser Vorstellung.

Widmung

Das Umwandeln positiver Handlungen in eine Kraft, die zur Erleuchtung führt, geschieht durch das Widmen dieser Handlungen für die Erleuchtung aller Wesen. Dann sind sie nicht mehr unser Besitztum und auch nicht mehr eine Quelle von Früchten, die vergänglich sind, weil sie relativ waren. Wir widmen alle Verdienste, die positive Kraft unserer Handlungen, der Erleuchtung aller Wesen und verwandeln dadurch diese Handlungen in etwas Höheres. Wir versiegeln sie mit einer höheren Geisteshaltung, die frei von Ichanhaften ist. Nach der Widmung verweilen wir in der Offenheit des Geistes, indem wir einen Moment still bleiben in dem Verständnis, daß die drei Kreise Subjekt, Objekt und Handlung nur im Geist bestehen und sich nicht voneinander unterscheiden. Durch diese Offenheit, in der wir alles loslassen, kann sich diese positive Kraft unendlich im Raum ausbreiten. So vermeiden wir die sogenannte göttliche Falle: positive Handlungen auszuführen, die nicht gewidmet werden und von daher zwar zu temporärem Wohlergehen führen aber in ihrer Wirkung stets relativ, begrenzt und vergänglich bleiben.

Ein anderer Vorteil der Widmung ist, daß unsere Handlungen nicht mehr unser Eigentum sind, wenn wir sie mit dem Stempel des Verweilens in Leerheit (Nicht-Identifikation) versehen. Alles, was wir an Positivem getan haben, kann dadurch unserem Ego entfliehen und geht in die Energie über, die der Erleuchtung aller Wesen dient. So schützen wir das Positive vor Schaden, denn wenn wir unsere positiven Handlungen weiterhin als unser Eigentum betrachten, können sie durch einen Moment starker Emotionen in unserem Geist vollkommen vernichtet werden. Es heißt: Ein immenses, kosmisches Zeitalter des Entwickelns positiver Energie kann durch einen einzigen Moment tiefen Hasses zerstört werden. All die positive Energie, die in unendlich langer Zeit angesammelt wurde, kann unvorstellbar schnell zerstört werden. Deswegen ist es gut, wenn wir als Schutz gegen unsere eigene Negativität diese positiven Handlungen widmen.

Wir können zusätzlich noch all die positive Energie widmen, die von sämtlichen Wesen angesammelt wurde: Wir verbinden das Positive, das wir selber gerade angesammelt haben, mit dem Positiven, das von allen Wesen, allen Buddhas und Bodhisattvas je angesammelt wurde und angesammelt werden wird. Wir verbinden es mit dem kraftvollen Strom der Handlungen aller Wesen, die schon erleuchtet sind oder auf die Erleuchtung zugehen. So können wir die Kraft unserer Handlung, die ja vielleicht nur klein war, vervielfachen. Indem wir sie so in den großen Strom hineingeben, entsteht große Freude in unserem Geist. Diese Freude ist eine große Hilfe gegen Eifersucht, Neid oder Sich-mit-anderen-Vergleichen Geistesgifte, die sogar bei positiven Handlungen vorhanden sein können, wie zum Beispiel der Gedanke, daß andere diese Handlung viel besser ausführen könnten als wir. Widmen bedeutet, den Wunsch auszusprechen, daß unsere positive Handlung all den positiven Handlungen hinzugefügt wird, die von anderen, egal wem, ausgeführt wurden, lassen Freude darüber entstehen und widmen all dies zusammen wir der Erleuchtung.

Das Wichtigste an der Widmung ist dieser Stempel des Verweilens in der letztendlichen, höchsten Wirklichkeit oder Leerheit, mit dem wir unsere Handlungen versehen. Es wird auch das Siegel der Wirklichkeit der Erscheinungen genannt.

Indem wir alle Quellen des Heilsamen (alle positiven Handlungen) der Erleuchtung widmen, richten wir ihre Kraft auf ein klar definiertes Ziel aus ein Ziel, das jenseits von Subjekt und Objekt ist. Durch Aufgeben des Trennens in Subjekt und Objekt und durch die Erkenntnis, daß sich alles in der leeren Dimension des Geistes abspielt, werden unsere zunächst nur relativen, begrenzten Handlungen zu wahren, reinen Handlungen.

Dafür verweilen wir zum Abschluß einer Handlung, wie zum Beispiel Freigebigkeit, im Vertrauen oder in der Einfachheit des Geistes, wo kein Dualismus mehr vorhanden ist. Die Widmung verbindet unsere Handlungen mit der spontanen Dimension, in der unendliche Verdienste entstehen und wo sich alle Qualitäten grenzenlos ausbreiten und so zur Quelle für das Glück aller Wesen werden. Wenn wir in diesem Moment erkennen, daß sich alles in der leeren Dimension des Geistes abspielt, dann haben wir auch keine Hoffnungen mehr oder andere Störungen, die aufgrund von Unwissenheit und Emotionen in unserem gewöhnlichen Geist entstehen können.

So richten wir durch die Widmung die Kraft der Handlungen auf das Höchste aus und schützen sie zugleich vor unserer Negativität, die alles Positive wieder zerstören könnte.

Zunächst sprechen wir also die Widmung, dann verweilen wir in diesem Bewußtsein der Leerheit von Subjekt, Objekt und Handlung, dann stellen wir uns vor, daß all das Positive den Raum ausfüllt und anwächst, und schließlich können wir die positive Energie auch noch durch Wünsche in eine bestimmte Richtung bringen.

Wunschgebete für Erleuchtung und Furchtlosigkeit

Durch Wünsche wird die Kraft positiver Handlungen zum Wohle der Wesen ausgerichtet. Man kann zum Beispiel wünschen: "Möge die natürliche altruistische Aktivität vollbracht werden. Möge der Erleuchtungsgeist dort entstehen, wo er noch nicht entstanden ist. Möge alles Positive bei den Wesen zunehmen und nicht abnehmen. Mögen alle Wesen Erleuchtung erreichen." Es gibt viele Arten von Wünschen, die der positiven Aktivität sozusagen Wege schaffen, zum Wohle der Wesen zu wirken.

In den traditionellen Texten finden sich viele solcher Wunschgebete. So sagen wir im Tschenresi-Text beim Zuflucht nehmen: Möge ich zum Wohle aller Wesen Erleuchtung erlangen. Dies richtet die reine Energie der Praxis ganz klar auf ein Ziel aus. Bei anderen Wünschen geht es mehr um die altruistische Aktivität:

Möge der kostbare Erleuchtungsgeist

in all jenen geboren werden, wo er noch nicht vorhanden ist,

und möge er dort, wo er bereits vorhanden ist,

nicht abnehmen, sondern immer weiter anwachsen.

Eine andere wichtige Qualität, die man sich auch wünschen sollte, ist die der Furchtlosigkeit. Denn es ist sehr wichtig, daß man auf dem Weg zur Erleuchtung keine Furcht entwickelt, damit man wirklich gut für das kollektive Wohl arbeiten kann, jenseits von persönlichem Interesse. Wenn man kein persönliches Interesse mehr hat, dann wird man furchtlos, denn es gibt ja nichts mehr zu schützen. Man wird furchtlos in der altruistischen Aktivität, die vom Erleuchtungsgeist motiviert wird.

Ratschläge für die Meditation

Wir haben so allerlei Vorstellungen, was Meditation sei, besonders auch über Leerheit. Manche denken: "Es ist alles leer. Es ist überhaupt nichts da. Wenn ich nur diese Idee im Geist halten könnte! So sollte ich meditieren, um Leerheit zu erfahren." Aber solch eine Leerheit ist nur eine Idee des Geistes, die man selbst projiziert. Im Grunde ist es reine Zerstreuung, man ist ständig mit dieser Idee beschäftigt. Man klammert sich an eine Anschauung über die Natur des eigenen Geistes, statt den Geist selbst zu erfahren. Der Geist haftet an irgendeiner Vorstellung. Solch eine Vorstellung ist auch: Das ist jetzt eine gute, eine richtige oder eine schlechte Meditation alles künstliche Konzepte, die der Geist über sich selbst erzeugt, ohne zu sehen, wie er wirklich ist. Konzepte sind Ablenkung und Zerstreuung.

Wirkliche Meditation hat nichts mit Festhalten an Vorstellungen zu tun oder mit dem Beurteilen, ob die eigene Meditation gut oder schlecht ist. Meditation ist ein Zustand, in dem der Geist in sich selbst ruht, ohne jeden Zwang, ohne Bewertung von Gedanken, wie zum Beispiel: Das ist ein guter Gedanke und dies ist ein schlechter.

Wenn der Geist beginnt, Gedanken zu unterscheiden und zu beurteilen, trennt er sich von sich selbst, und schon ist die Einfachheit verschwunden. Der Geist verfängt sich in dualistischen Projektionen, statt einfach die Bewegung, die er wahrnimmt, als das Spiel des Geistes zu erfahren. In der Meditation sollte die spontan sich selbst erkennende Bewußtheit des Geistes wirksam werden. Mit zunehmender Übung wird die Fähigkeit, diese Bewußtheit aufrecht zu erhalten, immer stärker und damit auch die Fähigkeit, im nicht-dualistischen Gewahrsein zu weilen. Dann nimmt der Geist sich selbst wahr, so wie er ist.

Durch die Kraft meditativer Gewöhnung folgt unser Geist nicht mehr den Impulsen der Gedanken und Gefühle. Er findet zu seiner Einfachheit zurück. Dadurch entstehen große Klarheit und Stabilität, worin der Geist sich-selbst-erkennend verweilen kann. Dies läßt Vertrauen entstehen, die Erfahrungen vertiefen sich, und schließlich entsteht Verwirklichung mit völliger Gewißheit, daß es genauso ist. Keinerlei Zweifel sind dann mehr vorhanden, nur noch die Stabilität der tiefen Ruhe des Geistes.

Unterweisungen zur Meditation:

All dies Festhalten und Zurückstoßen,

die Anhaftung, Unruhe und Dumpfheit

zwängen den Geist ein und beschränken ihn wie enge Kleider.

Diese Zwänge lösen sich durch Meditation.

Wenn sich im ruhigen Verweilen Gedanken und Emotionen erheben,

stoßt sie nicht weg und haltet sie nicht fest.

Erkennt sie als bloße Bewegungen des Geistes und laßt sie los.

Damit der Geist seine engen Kleider ablegen kann,

die ihn der Freiheit berauben,

sollten wir während der Meditation nicht eingreifen,

sondern die Bewegungen des Geistes einfach geschehen lassen,

und loslassen, ohne zu unterscheiden.

Wenn sich diese Zwänge des Geistes endlich aufgelöst haben,

wird die wirkliche Freiheit des Geistes hervorkommen.

Der Geist bleibt dann offen und selbstgewahr.

Er erkennt seine eigene Natur.

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