UNTERWEISUNGEN
Die
sechs Daseinsbereiche
Aufgrund
der Vielfalt von positiven und negativen Handlungen, die jeder
ausgeführt hat, gibt es eine solche Vielzahl von persönlichen
Erfahrungen. In dieser Vielfalt des Erlebens läßt sich
jedoch eine grobe Einteilung machen: wir sprechen von sechs großen
Familien oder Daseinsformen, in denen die jeweiligen Wesen ungefähr
ähnliche Erfahrungen haben.
Drei
dieser sechs Daseinsbereiche sind dadurch charakterisiert, daß
in ihnen sehr viel Leid erfahren wird, das sind die drei sogenannten
niederen Daseinsbereiche. In den anderen dreien, den höheren
Daseinsbereichen, gibt es mehr Raum für Glück und ähnliche
Erfahrungen. Aber alle sechs Welten sind durch Karma bedingt.
Die
Wesen in den drei niederen Daseinsbereichen sind wesentlich zahlreicher
als die der drei höheren Welten. In ihrem Geistesstrom herrschen
negative Tendenzen aufgrund von Unwissenheit vor, all die leiderzeugenden
Tendenzen, das Territorium des Ichs zu verteidigen. Es gibt wesentlich
weniger Wesen, bei denen positive Tendenzen wie Liebe und Mitgefühl
vorherrschen und die von daher in glücklicheren Bedingungen
leben. Ihre geringe Anzahl läßt uns ahnen, wieviel
Anstrengung für die Arbeit der Transformation ichbezogener
Tendenzen notwendig ist. Meist herrscht Egoismus vor, mit all
den daraus folgenden schädlichen Handlungen, die zu Wiedergeburt
in den drei Daseinsbereichen mit großem Leiden führen.
Es
heißt, daß die Zahl der Lebewesen in den drei niederen
Bereichen ungefähr der Zahl der Staubkörner entspricht,
die sich auf der Erde und den Planeten befinden, und daß
die Zahl der Wesen, die sich in den drei höheren Bereichen
befinden, ungefähr der Anzahl der Staubkörner entspricht,
die sich auf einem Fingernagel befinden.
Es
gibt also viel mehr Wesen, die von Unwissenheit und Egoismus motiviert
sind, als solche, die von Liebe, Mitgefühl und Weisheit inspiriert
werden und dementsprechende Handlungen begehen. Es braucht große
Anstrengung, um die aus Egoismus resultierenden schmerzhaften
Erfahrungen in Zukunft vermeiden zu können.
Der
Götterbereich
Der
höchste Daseinsbereich ist der Bereich der Götter, ein
Zustand, wo kein äußeres Leid vorhanden ist und das
Leben sehr viele Qualitäten besitzt. Man erfährt diesen
Zustand aufgrund von ethischem Verhalten und Freigebigkeit in
früheren Leben. Aber diese Freigebigkeit und positiven Handlungen
waren immer begleitet von der Unterscheidung in Subjekt und Objekt,
von dem Gefühl: "Ich mache etwas, ich gebe jemandem etwas."
Es waren stets Spuren von Egoismus vorhanden. Zudem war das Ausführen
dieser positiven, freigebigen Handlungen nicht von höherer
Motivation begleitet, dem Wunsch nach Erleuchtung und wahrem,
nicht dualistischem Glück. Da die Handlungen also relativ
waren, sind auch ihre Früchte relativ. Solche Handlungen
führen nicht aus der Gefangenschaft im karmisch bedingten
Daseinskreislauf hinaus, aber sie bewirken eine relativ glückliche
Existenz, ein sehr angenehmes Leben ohne Krankheiten und mit allen
möglichen Genüssen alles, was sie sich wünschen,
ist sofort da.
Die
Kehrseite der Medaille, das Problem in diesem Daseinsbereich,
ist jedoch der Stolz. Wenn die Götter die niederen Welten
sehen, fühlen sie sich überlegen und werden stolz. Auch
sind sie sich nicht bewußt, daß ihr göttliches
Leben vergänglich ist. Sie leben in Unwissenheit über
die wirkliche Natur ihres Zustands. Irgendwann wird ihr angenehmes
Leben vorbei sein, und dann kann es nur noch abwärts gehen.
Wenn die Götter merken, daß ihr Zustand vergänglich
ist und der Tod naht, erleben sie furchtbares Leiden; sie sind
entsetzt und erleben Trauer und Angst, denn sie können bereits
sehen, wo sie wiedergeboren werden. Nach all ihrem Glück
ist es sehr schlimm für sie, eine niedrigere Geburt annehmen
zu müssen. Das Leiden in diesem Daseinsbereich kommt also
hauptsächlich von dem Bewußtwerden über den drohenden
Abstieg und über die Vergänglichkeit ihres Zustandes,
und das ist ein großer Schmerz.
Wie
läßt sich die göttliche Falle vermeiden? Vertrauen
entwickeln und Widmen
Vertrauen
ist das Gegenmittel für die Götterbereichs-Tendenzen
in unserem eigenen Geist, Vertrauen in die Unterweisungen des
Buddha, denn das Problem der Götterwesen ist, daß sie
sich überlegen und wissend vorkommen und deswegen die Unterweisungen
des Buddha ihren Geist nicht erreichen können. Sie öffnen
sich nicht dafür und wollen nichts von Vergänglichkeit
hören. Dagegen hilft es, durch Studium und Nachdenken Vertrauen
in die Unterweisungen zu entwickeln, Vertrauen in die Wahrheit
des Zieles der Erleuchtung wie auch in die Wirksamkeit der Mittel,
die wir auf dem Weg dorthin anwenden. Dadurch können wir
unser ethisches Verhalten und unsere bisher nur relative Großzügigkeit,
die noch gebunden an Vorstellungen von Subjekt und Objekt ist,
umwandeln in eine Großzügigkeit frei von dieser Vorstellung.
Widmung
Das
Umwandeln positiver Handlungen in eine Kraft, die zur Erleuchtung
führt, geschieht durch das Widmen dieser Handlungen für
die Erleuchtung aller Wesen. Dann sind sie nicht mehr unser Besitztum
und auch nicht mehr eine Quelle von Früchten, die vergänglich
sind, weil sie relativ waren. Wir widmen alle Verdienste, die
positive Kraft unserer Handlungen, der Erleuchtung aller Wesen
und verwandeln dadurch diese Handlungen in etwas Höheres.
Wir versiegeln sie mit einer höheren Geisteshaltung, die
frei von Ichanhaften ist. Nach der Widmung verweilen wir in der
Offenheit des Geistes, indem wir einen Moment still bleiben in
dem Verständnis, daß die drei Kreise Subjekt, Objekt
und Handlung nur im Geist bestehen und sich nicht voneinander
unterscheiden. Durch diese Offenheit, in der wir alles loslassen,
kann sich diese positive Kraft unendlich im Raum ausbreiten. So
vermeiden wir die sogenannte göttliche Falle: positive Handlungen
auszuführen, die nicht gewidmet werden und von daher zwar
zu temporärem Wohlergehen führen aber in ihrer Wirkung
stets relativ, begrenzt und vergänglich bleiben.
Ein
anderer Vorteil der Widmung ist, daß unsere Handlungen nicht
mehr unser Eigentum sind, wenn wir sie mit dem Stempel des Verweilens
in Leerheit (Nicht-Identifikation) versehen. Alles, was wir an
Positivem getan haben, kann dadurch unserem Ego entfliehen und
geht in die Energie über, die der Erleuchtung aller Wesen
dient. So schützen wir das Positive vor Schaden, denn wenn
wir unsere positiven Handlungen weiterhin als unser Eigentum betrachten,
können sie durch einen Moment starker Emotionen in unserem
Geist vollkommen vernichtet werden. Es heißt: Ein immenses,
kosmisches Zeitalter des Entwickelns positiver Energie kann durch
einen einzigen Moment tiefen Hasses zerstört werden. All
die positive Energie, die in unendlich langer Zeit angesammelt
wurde, kann unvorstellbar schnell zerstört werden. Deswegen
ist es gut, wenn wir als Schutz gegen unsere eigene Negativität
diese positiven Handlungen widmen.
Wir
können zusätzlich noch all die positive Energie widmen,
die von sämtlichen Wesen angesammelt wurde: Wir verbinden
das Positive, das wir selber gerade angesammelt haben, mit dem
Positiven, das von allen Wesen, allen Buddhas und Bodhisattvas
je angesammelt wurde und angesammelt werden wird. Wir verbinden
es mit dem kraftvollen Strom der Handlungen aller Wesen, die schon
erleuchtet sind oder auf die Erleuchtung zugehen. So können
wir die Kraft unserer Handlung, die ja vielleicht nur klein war,
vervielfachen. Indem wir sie so in den großen Strom hineingeben,
entsteht große Freude in unserem Geist. Diese Freude ist
eine große Hilfe gegen Eifersucht, Neid oder Sich-mit-anderen-Vergleichen
Geistesgifte, die sogar bei positiven Handlungen vorhanden sein
können, wie zum Beispiel der Gedanke, daß andere diese
Handlung viel besser ausführen könnten als wir. Widmen
bedeutet, den Wunsch auszusprechen, daß unsere positive
Handlung all den positiven Handlungen hinzugefügt wird, die
von anderen, egal wem, ausgeführt wurden, lassen Freude darüber
entstehen und widmen all dies zusammen wir der Erleuchtung.
Das
Wichtigste an der Widmung ist dieser Stempel des Verweilens in
der letztendlichen, höchsten Wirklichkeit oder Leerheit,
mit dem wir unsere Handlungen versehen. Es wird auch das Siegel
der Wirklichkeit der Erscheinungen genannt.
Indem
wir alle Quellen des Heilsamen (alle positiven Handlungen) der
Erleuchtung widmen, richten wir ihre Kraft auf ein klar definiertes
Ziel aus ein Ziel, das jenseits von Subjekt und Objekt ist. Durch
Aufgeben des Trennens in Subjekt und Objekt und durch die Erkenntnis,
daß sich alles in der leeren Dimension des Geistes abspielt,
werden unsere zunächst nur relativen, begrenzten Handlungen
zu wahren, reinen Handlungen.
Dafür
verweilen wir zum Abschluß einer Handlung, wie zum Beispiel
Freigebigkeit, im Vertrauen oder in der Einfachheit des Geistes,
wo kein Dualismus mehr vorhanden ist. Die Widmung verbindet unsere
Handlungen mit der spontanen Dimension, in der unendliche Verdienste
entstehen und wo sich alle Qualitäten grenzenlos ausbreiten
und so zur Quelle für das Glück aller Wesen werden.
Wenn wir in diesem Moment erkennen, daß sich alles in der
leeren Dimension des Geistes abspielt, dann haben wir auch keine
Hoffnungen mehr oder andere Störungen, die aufgrund von Unwissenheit
und Emotionen in unserem gewöhnlichen Geist entstehen können.
So
richten wir durch die Widmung die Kraft der Handlungen auf das
Höchste aus und schützen sie zugleich vor unserer Negativität,
die alles Positive wieder zerstören könnte.
Zunächst
sprechen wir also die Widmung, dann verweilen wir in diesem Bewußtsein
der Leerheit von Subjekt, Objekt und Handlung, dann stellen wir
uns vor, daß all das Positive den Raum ausfüllt und
anwächst, und schließlich können wir die positive
Energie auch noch durch Wünsche in eine bestimmte Richtung
bringen.
Wunschgebete
für Erleuchtung und Furchtlosigkeit
Durch
Wünsche wird die Kraft positiver Handlungen zum Wohle der
Wesen ausgerichtet. Man kann zum Beispiel wünschen: "Möge
die natürliche altruistische Aktivität vollbracht werden.
Möge der Erleuchtungsgeist dort entstehen, wo er noch nicht
entstanden ist. Möge alles Positive bei den Wesen zunehmen
und nicht abnehmen. Mögen alle Wesen Erleuchtung erreichen."
Es gibt viele Arten von Wünschen, die der positiven Aktivität
sozusagen Wege schaffen, zum Wohle der Wesen zu wirken.
In
den traditionellen Texten finden sich viele solcher Wunschgebete.
So sagen wir im Tschenresi-Text beim Zuflucht nehmen: Möge
ich zum Wohle aller Wesen Erleuchtung erlangen. Dies richtet die
reine Energie der Praxis ganz klar auf ein Ziel aus. Bei anderen
Wünschen geht es mehr um die altruistische Aktivität:
Möge
der kostbare Erleuchtungsgeist
in
all jenen geboren werden, wo er noch nicht vorhanden ist,
und
möge er dort, wo er bereits vorhanden ist,
nicht
abnehmen, sondern immer weiter anwachsen.
Eine
andere wichtige Qualität, die man sich auch wünschen
sollte, ist die der Furchtlosigkeit. Denn es ist sehr wichtig,
daß man auf dem Weg zur Erleuchtung keine Furcht entwickelt,
damit man wirklich gut für das kollektive Wohl arbeiten kann,
jenseits von persönlichem Interesse. Wenn man kein persönliches
Interesse mehr hat, dann wird man furchtlos, denn es gibt ja nichts
mehr zu schützen. Man wird furchtlos in der altruistischen
Aktivität, die vom Erleuchtungsgeist motiviert wird.
Ratschläge
für die Meditation
Wir
haben so allerlei Vorstellungen, was Meditation sei, besonders
auch über Leerheit. Manche denken: "Es ist alles leer. Es
ist überhaupt nichts da. Wenn ich nur diese Idee im Geist
halten könnte! So sollte ich meditieren, um Leerheit zu erfahren."
Aber solch eine Leerheit ist nur eine Idee des Geistes, die man
selbst projiziert. Im Grunde ist es reine Zerstreuung, man ist
ständig mit dieser Idee beschäftigt. Man klammert sich
an eine Anschauung über die Natur des eigenen Geistes, statt
den Geist selbst zu erfahren. Der Geist haftet an irgendeiner
Vorstellung. Solch eine Vorstellung ist auch: Das ist jetzt eine
gute, eine richtige oder eine schlechte Meditation alles künstliche
Konzepte, die der Geist über sich selbst erzeugt, ohne zu
sehen, wie er wirklich ist. Konzepte sind Ablenkung und Zerstreuung.
Wirkliche
Meditation hat nichts mit Festhalten an Vorstellungen zu tun oder
mit dem Beurteilen, ob die eigene Meditation gut oder schlecht
ist. Meditation ist ein Zustand, in dem der Geist in sich selbst
ruht, ohne jeden Zwang, ohne Bewertung von Gedanken, wie zum Beispiel:
Das ist ein guter Gedanke und dies ist ein schlechter.
Wenn
der Geist beginnt, Gedanken zu unterscheiden und zu beurteilen,
trennt er sich von sich selbst, und schon ist die Einfachheit
verschwunden. Der Geist verfängt sich in dualistischen Projektionen,
statt einfach die Bewegung, die er wahrnimmt, als das Spiel des
Geistes zu erfahren. In der Meditation sollte die spontan sich
selbst erkennende Bewußtheit des Geistes wirksam werden.
Mit zunehmender Übung wird die Fähigkeit, diese Bewußtheit
aufrecht zu erhalten, immer stärker und damit auch die Fähigkeit,
im nicht-dualistischen Gewahrsein zu weilen. Dann nimmt der Geist
sich selbst wahr, so wie er ist.
Durch
die Kraft meditativer Gewöhnung folgt unser Geist nicht mehr
den Impulsen der Gedanken und Gefühle. Er findet zu seiner
Einfachheit zurück. Dadurch entstehen große Klarheit
und Stabilität, worin der Geist sich-selbst-erkennend verweilen
kann. Dies läßt Vertrauen entstehen, die Erfahrungen
vertiefen sich, und schließlich entsteht Verwirklichung
mit völliger Gewißheit, daß es genauso ist. Keinerlei
Zweifel sind dann mehr vorhanden, nur noch die Stabilität
der tiefen Ruhe des Geistes.
Unterweisungen
zur Meditation:
All
dies Festhalten und Zurückstoßen,
die
Anhaftung, Unruhe und Dumpfheit
zwängen
den Geist ein und beschränken ihn wie enge Kleider.
Diese
Zwänge lösen sich durch Meditation.
Wenn
sich im ruhigen Verweilen Gedanken und Emotionen erheben,
stoßt
sie nicht weg und haltet sie nicht fest.
Erkennt
sie als bloße Bewegungen des Geistes und laßt sie
los.
Damit
der Geist seine engen Kleider ablegen kann,
die
ihn der Freiheit berauben,
sollten
wir während der Meditation nicht eingreifen,
sondern
die Bewegungen des Geistes einfach geschehen lassen,
und
loslassen, ohne zu unterscheiden.
Wenn
sich diese Zwänge des Geistes endlich aufgelöst haben,
wird
die wirkliche Freiheit des Geistes hervorkommen.
Der
Geist bleibt dann offen und selbstgewahr.
Er
erkennt seine eigene Natur.