UNTERWEISUNGEN
Die
höchste Wahrheit
Weiter
auf dem Weg voranschreitend erlangen wir ein tiefes Verständnis
der Natur aller Dinge, der belebten wie auch der nicht belebten
Welt. Dieses Verständnis ist die Erkenntnis der letztendlichen,
höchsten Wahrheit, der höchsten Ebene der Wirklichkeit,
die auf Sanskrit Dharmakaya (Wahrheitskörper) genannt
wird. Die Erkenntnis dieser Wahrheit löst alles Leid vollkommen
auf und ist der höchste aus der Dharmapraxis entstehende
Nutzen. Den Dharmakaya kann aber nur erkennen, wer den Weg der
Liebe und des Mitgefühls geht, ohne dabei irgendein persönliches
Interesse zu verfolgen. Dafür ist es notwendig, daß
wir an das Wohl der Wesen denken, uns selbst vollkommen vergessen
und nur noch für sie arbeiten.
Diese höchste
Wahrheit oder Wirklichkeit ist nichts Faßbares. Sie ist
Weisheit, nicht etwas Materielles. Aber diese Weisheit hat eine
gewisse Wärme, sie hat Qualitäten oder Aspekte. Besitzen
wir die notwendige positive Kraft oder Energie für den Weg
(Verdienste) und die richtige Motivation, dann kommen diese dem
Geist innewohnenden Qualitäten von selbst hervor, sobald
wir ichbezogene Interessen loslassen. Die Dynamik von Liebe und
Mitgefühl drückt sich spontan in Manifestationen für
das Wohl der Wesen aus, ohne Unterscheidung in gebendes Subjekt
und empfangendes Objekt. Diese Seinsweise wird auf Sanskrit Sambhogakaya
(Freudenkörper) genannt. Sie ist der spontane Ausdruck der
Qualitäten der Erleuchtung, die Manifestation erleuchteter
Aktivität, welche so wie es gerade notwendig ist, spontan
das Wohl der Wesen bewirkt. Das ist wahrer Altruismus. Mit dem
Auflösen der ichbezogenen Schleier erscheinen all die Qualitäten,
mit denen Wesen geholfen werden kann. So wird das Wohl der Wesen
und zugleich unser eigenes Wohl bewirkt.
Buddha
ist in uns
Denken wir
darüber nach, wie unfaßbar Erleuchtung ist, fühlen
wir uns vielleicht entmutigt, und Buddhaschaft mag uns weit entfernt
erscheinen. Wir fühlen uns verloren und sind unfähig,
auch nur einen Schritt in diese Richtung zu machen. Wir glauben,
Buddhaschaft wäre unerreichbar. Doch das ist ein großer
Irrtum, denn Erleuchtung ist keineswegs getrennt von uns. Sie
ist die ursprüngliche Natur unseres eigenen Geistes. Unser
gewöhnlicher Geist ist in Wirklichkeit der Geist eines Buddha.
Alle Qualitäten sind darin vorhanden, auch die Fähigkeit
zu altruistischem Handeln. Aber wir wissen das nicht und finden
keinen Zugang zu diesen Qualitäten. Deswegen erscheint uns
Buddhaschaft so weit entfernt. Wir wissen nicht, wie wir die geistigen
Schleier beseitigen können, und so kann unser gewöhnlicher
Geist nicht zu seiner erleuchtete Natur finden.
Was sind
Schleier?
Die Schleier,
die unseren Geist verhüllen sind die Folge all der ungeschickten
Handlungen, die wir motiviert von Ichanhaften mit Körper,
Rede und Geist ausgeführt haben. Seit anfangsloser Zeit haben
wir Handlung um Handlung ausgeführt, und alle waren von egoistischen
Interessen motiviert. Das hat zu den Schleiern geführt, die
jetzt verhindern, daß der Geist seine wahre Natur erkennt.
Die Schleier bestehen aus gewohnheitsmäßigen Tendenzen,
reflexhaftem Verhalten und falscher Wahrnehmung der Wirklichkeit,
die auf Unwissenheit, der Quelle von allen Schleiern, beruht.
Durch sie sind wir von dem Potential der Weisheitsqualitäten,
die sich in unserem Geist befinden, getrennt. Erleuchtung erscheint
uns als sehr groß, weit weg und wie getrennt von unserem
gewöhnlichem Geist. Um sie zu erreichen, brauchen wir uns
aber nur nach und nach von unseren Schleiern zu befreien
das ist die Arbeit, die ansteht. Weiterhin ist es notwendig, daß
wir uns ethisch korrekt verhalten, um nicht neue schädliche
Handlungen anzusammeln. Erleuchtung braucht nicht erzeugt oder
von irgendwo herbeigeschafft zu werden. Wir brauchen nur den Geist
von seinen Schleiern befreien.
Arbeit
mit Körper, Rede und Geist
Doch die
Arbeit in Richtung auf Erleuchtung findet nicht nur im Geist statt,
sondern auch mit dem Körper und der Rede. Körper und
Rede sind der Ausdruck oder die spielerische Manifestation des
Geistes. Der Geist ist zwar die Wurzel von allem, aber unsere
Arbeit besteht auch darin, den Körper und die Rede zu reinigen,
um die in ihnen verborgenen Qualitäten hervorzubringen. Wenn
wir unseren Körper für gewöhnlich halten oder ihn
bloß als Fleisch und Blut betrachten, dann erkennen wir
nicht, daß in dieser körperlichen Form erleuchtete
Weisheit liegt. Normalerweise verleihen wir mit unserer Rede nur
den Schleiern unseres Geistes Ausdruck und erkennen nicht, daß
Rede auch einen Weisheitsaspekt hat. Es ist also notwendig, Körper
und Rede mit den Methoden des Dharmas zu reinigen. Dadurch werden
wir Körper, Rede und Geist der Erleuchtung, die Seinsweise
der Buddhas erfahren und entwickeln.
Den Stolz
reinigen Methoden für Körper, Rede und Geist
Wir
haben mit Körper, Rede und Geist negative Handlungen ausgeführt
und sollten ethisches Verhalten pflegen, um diesen gewohnheitsmäßigen
Neigungen entgegen zu wirken. Dabei ist Stolz unser Hauptproblem.
Das tibetische Wort für Stolz (nga-rgyal) bedeutet
Krönung des Ich" oder Königreich des
Egos". Wir haben viele negative Handlungen ausgeführt,
um diesen Ego-König zu befriedigen. Dabei haben wir Wesen
auf vielerlei Art und Weise geschadet, durch Handlungen, die wir
mit dem Körper ausführten, und auch immer wieder, indem
wir uns sprachlich in einer Weise ausdrückten, die andere
verletzte und ihnen schadete all dies, weil wir so überzeugt
von unserer eigenen, überaus großen Wichtigkeit waren.
Das Gegenmittel
für Stolz ist das Entwickeln von Respekt und Bescheidenheit
in Hinblick auf das, was richtig und wahr ist, also in Bezug auf
die Erleuchtung. Um den Körper zu reinigen, können wir
Niederwerfungen ausführen. Wir werfen uns in Bescheidenheit
nieder und lassen in diesem Moment uns selbst und unseren Stolz
los. Wir erkennen an, wie groß die Erleuchtung ist. Als
Unterstützung bei den Niederwerfungen können wir vor
uns zum Beispiel eine Buddhastatue hinstellen, die uns an die
Qualitäten der Erleuchtung erinnert. Wir können auch
Niederwerfungen vor Mandalas machen, die künstlerische Darstellungen
des erleuchteten Universums sind. Dies sind Möglichkeiten,
unserem Stolz entgegenzuwirken, und dadurch erkennen wir die Qualitäten
der Erleuchtung, die sich in unserem eigenen Geist befinden. Aufgrund
von Stolz haben wir oft Worte benutzt, die andere verletzten.
Wir haben schlecht über sie geredet, um uns selbst herauszustreichen,
oder wir haben auf Meinungen beharrt, weil wir unseren Standpunkt
für den einzig richtigen hielten. Dadurch haben wir oft großes
Leid bei anderen verursacht, auch durch verletzende Worte oder
Lügen. Um auf dem Weg zum Wohle anderer voranzuschreiten
und das Ichanhaften aufzulösen, können wir Methoden
anwenden, um die Rede zu reinigen. Wir können zum Beispiel
Texte von verwirklichten Meistern, die Ausdruck von reiner Rede
sind, rezitieren oder Mantras und Gebete sprechen, die Ausdruck
der Wahrheit der Erleuchtung sind. Dies kann unserer Rede die
Dimension der Weisheit wiedergeben, die wir verloren haben.
Achtsamkeit
und ein bißchen Anstrengung
Alle Emotionen
beginnen im Geist. Alles beginnt dort. Als erstes zeigt sich Stolz,
und daraus entstehen die Geistesgifte der verschiedenen Emotionen,
wie Anhaftung, Eifersucht oder Zorn. Unser Geist wird vollkommen
mitgerissen von diesen Emotionen, was schließlich zu negativen
Handlungen und negativer Rede führt. Unsere dringlichste
Aufgabe ist deshalb, Achtsamkeit zu entwickeln. Dies können
wir durch Meditation üben. Wenn wir beim Meditieren unseren
Geistesstrom beobachten, werden wir all seine Bewegungen wahrnehmen,
die Gedanken und Emotionen, welche die letztendliche Wahrheit
überlagern. Dann sollten wir uns fragen: Woher kommen diese
Gedanken? ...und wir werden erkennen, daß sie im Geist entstehen.
Wir können auch fragen: Wo sind diese Gedanken? ...sie sind
im Geist. Wohin gehen sie? ...sie lösen sich wieder im Geist
auf. So erkennen wir, daß alle Gedanken und Emotionen sich
im Geist selbst befreien. Das ist die Erfahrung von Mahamudra,
die große Reinigung auf der Ebene des Geistes. Durch die
Mahamudra-Praxis erfahren wir, daß sich gewöhnlicher
Körper, gewöhnliche Rede und gewöhnlicher Geist
in erleuchteten Körper, erleuchtete Rede und erleuchteten
Geist verwandeln können. Meditation besteht darin, die Natur
dieser drei erleuchteten Seinsweisen zu entdecken und zu manifestieren.
Das, was wir Erleuchtung nennen, ist von jeher die Natur unseres
eigenen Geistes, doch wir müssen eine gewisse Anstrengung
vollbringen, um dies zu erkennen. Ohne Anstrengung ist es, als
würden wir vor einem Glas Milch sitzen und warten, daß
von selbst Butter entsteht. Die Milch wird uns schlecht werden,
aber es wird keine Butter daraus. Um Butter zu erhalten, muß
die Sahne geschlagen werden. Wer das weiß, der wird die
Sahne schlagen und sich anstrengen, daraus Butter zu machen. Genauso
müssen wir uns anstrengen, um erleuchteten Körper, erleuchtete
Rede und erleuchteten Geist hervorzubringen.