UNTERWEISUNGEN

Lama Guendun RinpocheDie höchste Wahrheit

Weiter auf dem Weg voranschreitend erlangen wir ein tiefes Verständnis der Natur aller Dinge, der belebten wie auch der nicht belebten Welt. Dieses Verständnis ist die Erkenntnis der letztendlichen, höchsten Wahrheit, der höchsten Ebene der Wirklichkeit, die auf Sanskrit Dharmakaya (Wahrheitskörper) genannt wird. Die Erkenntnis dieser Wahrheit löst alles Leid vollkommen auf und ist der höchste aus der Dharmapraxis entstehende Nutzen. Den Dharmakaya kann aber nur erkennen, wer den Weg der Liebe und des Mitgefühls geht, ohne dabei irgendein persönliches Interesse zu verfolgen. Dafür ist es notwendig, daß wir an das Wohl der Wesen denken, uns selbst vollkommen vergessen und nur noch für sie arbeiten.

Diese höchste Wahrheit oder Wirklichkeit ist nichts Faßbares. Sie ist Weisheit, nicht etwas Materielles. Aber diese Weisheit hat eine gewisse Wärme, sie hat Qualitäten oder Aspekte. Besitzen wir die notwendige positive Kraft oder Energie für den Weg (Verdienste) und die richtige Motivation, dann kommen diese dem Geist innewohnenden Qualitäten von selbst hervor, sobald wir ichbezogene Interessen loslassen. Die Dynamik von Liebe und Mitgefühl drückt sich spontan in Manifestationen für das Wohl der Wesen aus, ohne Unterscheidung in gebendes Subjekt und empfangendes Objekt. Diese Seinsweise wird auf Sanskrit Sambhogakaya (Freudenkörper) genannt. Sie ist der spontane Ausdruck der Qualitäten der Erleuchtung, die Manifestation erleuchteter Aktivität, welche so wie es gerade notwendig ist, spontan das Wohl der Wesen bewirkt. Das ist wahrer Altruismus. Mit dem Auflösen der ichbezogenen Schleier erscheinen all die Qualitäten, mit denen Wesen geholfen werden kann. So wird das Wohl der Wesen und zugleich unser eigenes Wohl bewirkt.

Buddha ist in uns

Denken wir darüber nach, wie unfaßbar Erleuchtung ist, fühlen wir uns vielleicht entmutigt, und Buddhaschaft mag uns weit entfernt erscheinen. Wir fühlen uns verloren und sind unfähig, auch nur einen Schritt in diese Richtung zu machen. Wir glauben, Buddhaschaft wäre unerreichbar. Doch das ist ein großer Irrtum, denn Erleuchtung ist keineswegs getrennt von uns. Sie ist die ursprüngliche Natur unseres eigenen Geistes. Unser gewöhnlicher Geist ist in Wirklichkeit der Geist eines Buddha. Alle Qualitäten sind darin vorhanden, auch die Fähigkeit zu altruistischem Handeln. Aber wir wissen das nicht und finden keinen Zugang zu diesen Qualitäten. Deswegen erscheint uns Buddhaschaft so weit entfernt. Wir wissen nicht, wie wir die geistigen Schleier beseitigen können, und so kann unser gewöhnlicher Geist nicht zu seiner erleuchtete Natur finden.

Was sind Schleier?

Die Schleier, die unseren Geist verhüllen sind die Folge all der ungeschickten Handlungen, die wir motiviert von Ichanhaften mit Körper, Rede und Geist ausgeführt haben. Seit anfangsloser Zeit haben wir Handlung um Handlung ausgeführt, und alle waren von egoistischen Interessen motiviert. Das hat zu den Schleiern geführt, die jetzt verhindern, daß der Geist seine wahre Natur erkennt. Die Schleier bestehen aus gewohnheitsmäßigen Tendenzen, reflexhaftem Verhalten und falscher Wahrnehmung der Wirklichkeit, die auf Unwissenheit, der Quelle von allen Schleiern, beruht. Durch sie sind wir von dem Potential der Weisheitsqualitäten, die sich in unserem Geist befinden, getrennt. Erleuchtung erscheint uns als sehr groß, weit weg und wie getrennt von unserem gewöhnlichem Geist. Um sie zu erreichen, brauchen wir uns aber nur nach und nach von unseren Schleiern zu befreien – das ist die Arbeit, die ansteht. Weiterhin ist es notwendig, daß wir uns ethisch korrekt verhalten, um nicht neue schädliche Handlungen anzusammeln. Erleuchtung braucht nicht erzeugt oder von irgendwo herbeigeschafft zu werden. Wir brauchen nur den Geist von seinen Schleiern befreien.

Arbeit mit Körper, Rede und Geist

Doch die Arbeit in Richtung auf Erleuchtung findet nicht nur im Geist statt, sondern auch mit dem Körper und der Rede. Körper und Rede sind der Ausdruck oder die spielerische Manifestation des Geistes. Der Geist ist zwar die Wurzel von allem, aber unsere Arbeit besteht auch darin, den Körper und die Rede zu reinigen, um die in ihnen verborgenen Qualitäten hervorzubringen. Wenn wir unseren Körper für gewöhnlich halten oder ihn bloß als Fleisch und Blut betrachten, dann erkennen wir nicht, daß in dieser körperlichen Form erleuchtete Weisheit liegt. Normalerweise verleihen wir mit unserer Rede nur den Schleiern unseres Geistes Ausdruck und erkennen nicht, daß Rede auch einen Weisheitsaspekt hat. Es ist also notwendig, Körper und Rede mit den Methoden des Dharmas zu reinigen. Dadurch werden wir Körper, Rede und Geist der Erleuchtung, die Seinsweise der Buddhas erfahren und entwickeln.

Den Stolz reinigen – Methoden für Körper, Rede und Geist

Wir haben mit Körper, Rede und Geist negative Handlungen ausgeführt und sollten ethisches Verhalten pflegen, um diesen gewohnheitsmäßigen Neigungen entgegen zu wirken. Dabei ist Stolz unser Hauptproblem. Das tibetische Wort für Stolz (nga-rgyal) bedeutet „Krönung des Ich" oder „Königreich des Egos". Wir haben viele negative Handlungen ausgeführt, um diesen Ego-König zu befriedigen. Dabei haben wir Wesen auf vielerlei Art und Weise geschadet, durch Handlungen, die wir mit dem Körper ausführten, und auch immer wieder, indem wir uns sprachlich in einer Weise ausdrückten, die andere verletzte und ihnen schadete – all dies, weil wir so überzeugt von unserer eigenen, überaus großen Wichtigkeit waren.

Das Gegenmittel für Stolz ist das Entwickeln von Respekt und Bescheidenheit in Hinblick auf das, was richtig und wahr ist, also in Bezug auf die Erleuchtung. Um den Körper zu reinigen, können wir Niederwerfungen ausführen. Wir werfen uns in Bescheidenheit nieder und lassen in diesem Moment uns selbst und unseren Stolz los. Wir erkennen an, wie groß die Erleuchtung ist. Als Unterstützung bei den Niederwerfungen können wir vor uns zum Beispiel eine Buddhastatue hinstellen, die uns an die Qualitäten der Erleuchtung erinnert. Wir können auch Niederwerfungen vor Mandalas machen, die künstlerische Darstellungen des erleuchteten Universums sind. Dies sind Möglichkeiten, unserem Stolz entgegenzuwirken, und dadurch erkennen wir die Qualitäten der Erleuchtung, die sich in unserem eigenen Geist befinden. Aufgrund von Stolz haben wir oft Worte benutzt, die andere verletzten. Wir haben schlecht über sie geredet, um uns selbst herauszustreichen, oder wir haben auf Meinungen beharrt, weil wir unseren Standpunkt für den einzig richtigen hielten. Dadurch haben wir oft großes Leid bei anderen verursacht, auch durch verletzende Worte oder Lügen. Um auf dem Weg zum Wohle anderer voranzuschreiten und das Ichanhaften aufzulösen, können wir Methoden anwenden, um die Rede zu reinigen. Wir können zum Beispiel Texte von verwirklichten Meistern, die Ausdruck von reiner Rede sind, rezitieren oder Mantras und Gebete sprechen, die Ausdruck der Wahrheit der Erleuchtung sind. Dies kann unserer Rede die Dimension der Weisheit wiedergeben, die wir verloren haben.

Achtsamkeit und ein bißchen Anstrengung

Alle Emotionen beginnen im Geist. Alles beginnt dort. Als erstes zeigt sich Stolz, und daraus entstehen die Geistesgifte der verschiedenen Emotionen, wie Anhaftung, Eifersucht oder Zorn. Unser Geist wird vollkommen mitgerissen von diesen Emotionen, was schließlich zu negativen Handlungen und negativer Rede führt. Unsere dringlichste Aufgabe ist deshalb, Achtsamkeit zu entwickeln. Dies können wir durch Meditation üben. Wenn wir beim Meditieren unseren Geistesstrom beobachten, werden wir all seine Bewegungen wahrnehmen, die Gedanken und Emotionen, welche die letztendliche Wahrheit überlagern. Dann sollten wir uns fragen: Woher kommen diese Gedanken? ...und wir werden erkennen, daß sie im Geist entstehen. Wir können auch fragen: Wo sind diese Gedanken? ...sie sind im Geist. Wohin gehen sie? ...sie lösen sich wieder im Geist auf. So erkennen wir, daß alle Gedanken und Emotionen sich im Geist selbst befreien. Das ist die Erfahrung von Mahamudra, die große Reinigung auf der Ebene des Geistes. Durch die Mahamudra-Praxis erfahren wir, daß sich gewöhnlicher Körper, gewöhnliche Rede und gewöhnlicher Geist in erleuchteten Körper, erleuchtete Rede und erleuchteten Geist verwandeln können. Meditation besteht darin, die Natur dieser drei erleuchteten Seinsweisen zu entdecken und zu manifestieren. Das, was wir Erleuchtung nennen, ist von jeher die Natur unseres eigenen Geistes, doch wir müssen eine gewisse Anstrengung vollbringen, um dies zu erkennen. Ohne Anstrengung ist es, als würden wir vor einem Glas Milch sitzen und warten, daß von selbst Butter entsteht. Die Milch wird uns schlecht werden, aber es wird keine Butter daraus. Um Butter zu erhalten, muß die Sahne geschlagen werden. Wer das weiß, der wird die Sahne schlagen und sich anstrengen, daraus Butter zu machen. Genauso müssen wir uns anstrengen, um erleuchteten Körper, erleuchtete Rede und erleuchteten Geist hervorzubringen.

 

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