UNTERWEISUNGEN
Reine
Sichtweise von Körper, Rede und Geist.
Reinigung auf höchster Ebene
Mit einer
reinen Sichtweise, wie wir sie im Vajrayana entwickeln, können
wir Körper, Rede und Geist in ihrer wahren Natur erkennen.
Auf der Ebene
des Körpers läßt sich dies erreichen, indem wir
unseren Körper als Meditationsgottheit visualisieren. Eine
solche Gottheit symbolisiert unsere wahren, erleuchteten Qualitäten.
Indem uns selbst als vollkommen rein visualisieren, reinigen wir
unsere begrenzten Konzepte über den eigenen Körper.
Diese Form der Praxis hilft uns, den Nirmanakaya oder "Illusionskörper"
zu manifestieren. Kaya heißt auf Sanskrit "Körper",
"Manifestation" oder "Seinsweise", und Nirmana
bedeutet "illusorisch". Ein Nirmanakaya manifestiert sich
und ist dennoch illusorisch und leer, ein Spiel der Illusion,
wie ein Regenbogen. Durch solche Meditation können wir das
zugleich klare, aber doch illusorische Erscheinen körperlicher
Formen erkennen, deren Essenz das ursprüngliche Gewahrsein
ist. Dadurch können wir alle Anhaftung an den Körper
und alle falschen Vorstellungen über den Körper reinigen
und den Illusionskörper, Nirmanakaya genannt, erkennen.
Auch auf der
Ebene der Rede läßt sich eine solche Umwandlung hervorbringen.
Gewöhnliche Rede besteht einfach aus Klängen, die wir
für persönliche Interessen einsetzen. Durch Rezitation
von Texten und besonders auch von Mantras können wir unsere
Rede reinigen. Wir benutzen unsere Stimme dann für reine
Zwecke, wodurch unsere Rede die Weisheitsdimension wiederfindet.
Diese verbale Ebene ist nicht einfach nur die Stimme, sondern
ist Kommunikation, und sie kann so als der natürliche Ausdruck
des Sambhogakayas, des "Freudenkörpers", verwirklicht
werden. Kaya heißt wieder "Körper" und
Sambhoga wird mit "Reichsein", "Freude" oder
"Fülle" übersetzt. Die erleuchteten Qualitäten
des Sambhogakayas ermöglichen uns, auf natürliche, spontane
Weise das Wohl der Wesen zu bewirken. Der Reichtum und die Freude
(Strahlkraft) des Geistes stehen uns dann zur Verfügung.
So wird unsere gewöhnliche Rede in reine, authentische Rede
verwandelt, wobei diese Dimension direkt erfahren wird.
Die Ebene
des Geistes, der wir unsere Hauptaufmerksamkeit widmen, können
wir ebenso reinigen. Gewöhnlich nehmen wir unseren Geist
nur sehr begrenzt wahr: begrenzt auf unsere eigene Person. Wir
sprechen von "meinem" Geist und füllen diesen Begriff
mit dem, was wir wollen bzw. nicht wollen oder fürchten.
Deshalb ist er sehr begrenzt. Durch die Meditation erkennen wir
die offene Natur unseres ursprünglichen Gewahrseins, seine
Raumhaftigkeit oder Weite – eine Offenheit, die sich im Aufgeben
ichbezogenen Haftens zeigt. Wir erfahren den Geist dann nicht
mehr als unser Eigentum, denn diese Vorstellung von Besitz ist
auch nur ein Gedanke, und Gedanken sind nur das Spiel des Geistes.
Durch die
Mahamudra-Meditation werden wir die Natur des Geistes verstehen,
denn im Loslassen jeglicher Anhaftung wird das ursprüngliche
Gewahrsein erfahren wie es ist – frei von jeglichen Konzepten.
Anhaftung loszulassen beinhaltet auch das Loslassen des Anhaftens
an Dualität: Subjekt und Objekt. Der Beobachter, das Beobachtete
und die Handlung des Beobachtens sind nur im Geist vorhanden.
Sowohl der Zeuge wie auch das Wahrgenommene und der Raum zwischen
diesen beiden sind nur Geist. Diese Erkenntnis bewirkt tiefe Entspannung.
Um es noch
einmal zusammenzufassen: Der Reichtum kommunikativer Möglichkeiten
manifestiert sich auf erleuchteter Ebene als Sambhogakaya.
Das Erscheinen körperlicher Form, welches sich als illusorischer
Tanz manifestiert, ist der Nirmanakaya. Beide wirken zum
Wohl der Wesen. Dies in Mahamudra zu erkennen ist der Dharmakaya.
Alle drei sind Ausdruck des freien Geistes, frei von Egoismus
und Besitzdenken.
Sich Klarheit
über den Weg verschaffen
Um diesen
Weg zu gehen, müssen wir aber zunächst verstehen, was
der Weg ist, was seine Basis ist, in welche Richtung er geht und
mit welcher Absicht wir ihn gehen. Sonst können wir sehr
in die Irre gehen. Wenn unser Geist nicht richtig ausgerichtet
ist, werden auch die Mittel, die uns im Dharma gegeben werden
und die an sich authentisch und richtig sind, nicht auf die richtige
Weise eingesetzt. So ist es notwendig, zuerst einmal die Dharma-Unterweisungen
zu studieren und über ihren Sinn nachzudenken:
Dharma ist
der Weg von hier und jetzt, wie wir gerade sind, zur Erleuchtung.
Erleuchtung bedeutet völlige Umwandlung (Reinigung) des gewöhnlichen
Zustandes von Körper, Rede und Geist in ihren reinen, wahrhaftigen
Zustand, den Weisheitsaspekten der drei Ebenen. Erleuchtung stellt
also die vollständige Transformation dieser drei Ebenen in
die drei Körper oder Kayas dar. Ein Buddha ist ein
erleuchtetes Wesen, das diese drei Körper vollkommen verwirklicht
hat. Er besitzt all die Qualitäten, die auf dem Weg der Reinigung
und der Verwirklichung erscheinen.
Dharma wird
praktiziert, um diese Verwirklichung zu erlangen und alle Wesen
zu befreien. Wenn wir aber unsere Energie mit persönlichen
Zielen in den Dharma investieren, wird dies keine guten Früchte
bringen. Vielleicht denken wir: "Eigentlich bin ich ja gar nicht
so schlecht (und habe es im Grunde genommen gar nicht nötig),
aber vielleicht gehe ich dennoch zu den Unterweisungen, um etwas
für mich herauszuziehen, damit es mir dann besser geht. Es
könnte mir ja vielleicht nützlich sein." Wenn wir
so denken, wenden wir die Mittel des Dharma vollkommen verkehrt
an und sind ganz und gar unter dem Einfluß egozentrischen
Haftens. Unsere Anstrengungen auf dem Weg werden dann nur dem
Ego zugute kommen. Wir werden immer stolzer und intoleranter,
entwickeln immer mehr Ichanhaften und kümmern uns immer mehr
darum, wie wir es zufriedenstellen können.
So ist es
wichtig, durch Studium, Nachdenken und Meditation zu verstehen,
woraus der Weg besteht, warum man praktiziert und wohin man überhaupt
gehen will. Nur dann ist unsere Arbeit wirklich fruchtbar und
bringt den Nutzen, den sie bringen soll, nämlich den Nutzen
für alle Wesen. Ansonsten wird nur das eigene Ego aufgepäppelt.
Was ist
die Absicht des Dharma?
Dharma ist
einfach Ausdruck von Liebe und Mitgefühl.
Er ist die
Achtsamkeit, die man allen Wesen zukommen läßt.
Alle Wesen
wünschen sich ständiges und dauerhaftes Glück,
aber aufgrund ihrer Unwissenheit sind sie wie blind . Sie suchen
das Glück, entfernen sich aber immer weiter weg davon. Der
Buddha, als erleuchtetes Wesen, sah voller Weisheit und Mitgefühl,
welche Richtung einzuschlagen sei, und er lehrte den Wesen den
Weg und die richtigen Mittel, wirkliches Glück zu erlangen.
Weisheit und Mitgefühl waren die Quelle seiner Unterweisungen.
Diese wurden dann von Meister zu Schüler mündlich weitergegeben
und auch aufgeschrieben.
Erleuchtetes
Gewahrsein hat keine Grenzen. Auch unser Geist kann dies erfahren.
In welchem der drei großen Daseinsbereiche sich die Wesen
auch befinden mögen, sei es im Bereich der Begierde, im Bereich
der Form oder im Bereich der Formlosigkeit – alle drei Ebenen
sind vom Geist durchdrungen. Das erleuchtete Gewahrsein kann alle
Einzelheiten dieser drei Welten wahrnehmen, jegliche Bewegung
und Absicht sowie das Potential, d.h. das positive oder negative
Karma der dort lebenden Wesen. Dieses Gewahrsein ist überall
zugleich. Wenn jemand die erleuchtete Dimension des Geistes verwirklicht,
wird er natürlicherweise durch sein Mitgefühl die entsprechenden
Mittel finden, um anderen Wesen zu helfen – ganz spontan – damit
alle Wesen die Transformation ihres Bewußtseins ausführen
können. Dharma ist nichts anderes als das.
Dharma ist
Ausdruck der Weisheit.
Dharma
sind die Methoden, die gegeben werden, um Erleuchtung zu erreichen.
Diese Erleuchtung
ist keineswegs weit von uns weg. Wenn wir die richtige Sichtweise
von Körper, Rede und Geist entwickeln, werden wir diesen
Zustand selbst erfahren. Wir brauchen nur die richtige Motivation
zu entwickeln und müssen unsere Energie einsetzen, um Vertrauen
zu entwickeln und die richtigen Mittel anzuwenden. Dann wird sich
diese, unserem Geist innewohnende reine Erkenntnis (Weisheit),
die alles sieht und alles erkennt, spontan manifestieren. Das
ist eine Arbeit, die zu schaffen ist. Erleuchtung ist keineswegs
unmöglich oder weit von einem weg.
Alles hängt
nur davon ab, wie sehr wir uns engagieren, welche Motivation wir
haben und welches Bewußtsein wir entwickeln. Dieses Bewußtsein
entsteht durch Studieren und Nachdenken, wodurch wir erkennen,
was wir zu tun und zu lassen haben.
Was ist
Meditation?
Um meditieren
zu können, ist es notwendig zu verstehen, daß die Welt
und alle Wesen nur das Spiel des Geistes sind. Alles, d.h. die
gesamte Welt der Erscheinungen, erhebt sich in Form von Gedanken
in unserem Geist, verweilt (für einen Moment) und löst
sich wieder im Geist auf. Meditation besteht darin, sich der im
Geist stattfindenden Bewegung bewußt zu werden: zu sehen,
daß sich Gedanken erheben und sie "zu befreien", das
heißt, sie wieder dorthin zurückkehren zu lassen, woher
sie kamen. Der Weg besteht also darin, gleichzeitig innen den
Geist und außen die Welt zu betrachten, das Universum und
alle Wesen, und dieses Spiel ohne Anhaftung geschehen zu lassen,
ohne eingreifen zu wollen. Das ist Meditation.
Wir werden
jetzt gemeinsam meditieren, denn das ist die Essenz des Ganzen.
Rinpotsche sagt, daß er alles andere sowieso vergessen hat.
Anleitung
zur Meditation (von Gendün Rinpotsche)
Wir versuchen
nicht, eine künstliche Stabilität zu erzeugen, indem
wir zum Beispiel das Kinn krampfhaft nach innen ziehen und aufpassen,
daß uns kein Gedanke entwischt. Unsere Haltung sollte würdig
und aufrecht sein, aber gleichzeitig offen und beweglich.
Unsere Aufgabe
ist es, an der Offenheit und Spontaneität des Geistes zu
arbeiten. Dabei öffnen wir uns der Erkenntnis, daß
alle Manifestation, d.h. alles was erscheint, ohne Wirklichkeit
ist. Dies führt zur Entspannung des Geistes und dadurch auch
zu einer natürlichen Entspannung des Körpers, der aber
gleichzeitig seine Würde behält.
Wir haben
die Neigung, Körper, Rede und Geist gefangen zu halten. Sie
sind durch Gedanken und Absichten gefesselt. Anspannung hält
diese Fesselung aufrecht, und als Reaktion entstehen Dumpfheit
oder Wildheit im Geist.
Bei der Meditation,
wie wir sie jetzt ausführen werden, lösen wir diese
Einengung von Körper, Rede und Geist. Wir erlauben, daß
sie sich auf natürliche Weise öffnen. Dadurch wird unser
gewöhnlicher Geist seine Weite und schließlich auch
seine Weisheitsdimension wiederfinden. Gewöhnlicher Geist
wird sich als erleuchteter Geist erkennen.
Wenn wir ohne
Zwang und Spannung sind,
dann gibt
es auch kein Leiden.
Kein Leiden
heißt Freude,
was bedeutet,
daß der Geist erleuchtet ist!
Es ist wirklich
überhaupt nicht schwierig.
Eigentlich
ist es viel schwieriger,
immerzu festzuhalten
und sich abzumühen.
Öffnen
und Loslassen ist nicht schwierig.
Es ist sogar
die einfachste Sache der Welt.
Man muß
einfach überhaupt nichts tun.