UNTERWEISUNGEN

Lama Guendun RinpocheErleuchtungsgeist – der Wunsch, alle Wesen zu befreien

Wer den Dharma hören, kontemplieren und ihn in die Praxis umsetzen will muß zuerst die richtige Motivation entwickeln. Diese richtige Motivation nennen wir die erleuchtete Geisteshaltung, auf Sanskrit "Bodhicitta". Der Erleuchtungsgeist auf relativer Ebene ist zunächst der Wunsch, letztendlich alle Wesen aus dem Leiden zu befreien. Es ist wichtig, daß sich dieser Erleuchtungsgeist wirklich in unserem Geist ausbreitet – sonst können wir die Wesen nicht befreien. Der Erleuchtungsgeist hat zwei Aspekte: den Wunsch und die Anwendung.

1) Bevor wir irgendein Engagement auf dem Weg nehmen, ist es absolut notwendig, daß wir den tiefen Wunsch entwickeln, die Wesen zu befreien, die so zahlreich sind wie der Raum weit ist. Überall wo es Raum gibt, gibt es Lebewesen, und all diese Wesen waren einmal unser Vater oder unsere Mutter. Wir können sie aus dem Leid, in dem sie sich jetzt befinden, befreien, indem wir sie zur vollen Erleuchtung führen.

Diese Absicht wird all unsere Handlungen tragen. Ohne diesen Wunsch oder mit instabiler Motivation ohne wirkliche Kraft wird unsere Aktivität für andere immer begrenzt und schwach sein. Deswegen ist es notwendig, diesen Wunsch, alle Wesen zu befreien, nicht nur mit den Lippen zu bekunden, sondern ihn wirklich in der Tiefe des Herzens hervorzubringen. Dafür widmen wir uns den drei Phasen der Dharmapraxis: dem Studium, der Kontemplation und der Meditation. Nur mit dem starken Wunsch, daß alle Wesen die Erleuchtung erfahren mögen, können unsere Handlungen zu tiefen, universellen Handlungen werden, die wirklich das Wohl der Wesen bewirken. Aufgrund unseres eigenen Weges zur Erleuchtung werden wir in der Lage sein, auch alle anderen Wesen aus dem Leid zu befreien.

2) Nachdem wir den Wunsch nach Erleuchtung, den strebenden Erleuchtungsgeist entwickelt haben, geht es darum, in Übereinstimmung mit diesem Wunsch zu leben. Dies entspricht der Phase der Anwendung des Erleuchtungsgeistes.

Zufluchtnehmen bedeutet, sich völlig hinzugeben

Als Ausdruck des angewandten Erleuchtungsgeistes sollten wir als erstes Zuflucht nehmen, was bedeutet, sich ganz und gar der Erleuchtung zuzuwenden. Dabei lassen wir unseren Stolz und unser egozentrisches Anhaften vollkommen los und wenden uns an etwas, das höher als wir selber ist: die Erleuchtung in Form der drei Juwelen: Buddha, Dharma und Sangha. Gleichzeitig wenden wir uns auch an den spirituellen Meister, den Lama, der diese drei Aspekte verkörpert und für uns die Quelle der Zuflucht ist, die all diese Aspekte in sich vereint.

Mit dem Empfangen der Zuflucht widmen wir die Energie unseres Körpers, unserer Rede und unseres Geistes uneingeschränkt der Erleuchtung. Wir geben alle persönlichen oder egoistischen Interessen auf, denn diese würden unsere spirituelle Arbeit des Empfangens von Unterweisungen, des Kontemplierens und des Meditierens verunreinigen. Indem wir jeglichen Besitzanspruch an Körper, Rede und Geist aufgeben und ihre Energie den drei Juwelen und damit allen Wesen darbringen, können wir wirklich zum Wohle der Wesen handeln und es werden keine Hindernisse mehr auftreten. So richten wir die Energie von Körper, Rede und Geist auf das höchste altruistische Ziel, der Erleuchtung aller Wesen.

Zufluchtnehmen verwandelt Hindernisse in Nahrung für den Weg

Diese Freigebigkeit, die eigene Energie den drei Juwelen und allen Wesen darzubringen, hilft uns, auf dem spirituellen Weg ohne Schwierigkeiten und Risiken voranzukommen. Wird der spirituelle Weg mit der richtigen Sichtweise begonnen, wird auch der Weg richtig gegangen, und es gibt keine Gefahr. Treten dann Hindernisse, Versuchungen oder Irrtümer auf, können wir stets zu dieser bei der Zufluchtnahme entwickelten Grundhaltung zurückfinden. Wir können uns daran erinnern:

"Mein Körper, meine Rede und mein Geist gehören mir nicht mehr,

denn ich habe sie bei der Zuflucht der Befreiung aller Wesen gewidmet."

So können uns Hindernisse nicht entmutigen, denn wir fühlen uns nicht mehr persönlich von Schwierigkeiten angegriffen, da wir nicht für das eigene sondern für das Wohl aller Wesen arbeiten. Mit dieser Arbeit machen wir auch bei Schwierigkeiten unentwegt weiter. Eine solche Einstellung hilft, Schwierigkeiten zu überwinden, denn wir sehen nur noch, was zum Wohle der Wesen zu tun ist. Damit wandelt sich auch unsere Wahrnehmung von Schwierigkeiten. Es kann sogar große Freude aufkommen, wenn wir sehen, daß unsere Arbeit effektiv ist und etwas passiert, denn Schwierigkeiten sind dann ein Zeichen, daß etwas in Bewegung kommt, daß unser Weg Früchte trägt. Schwierige Umstände können uns sogar nähren und helfen, noch größere spirituelle Kraft zu entwickeln, da sie uns stimulieren, in dieser Opferung von Körper, Rede und Geist noch weiter zu gehen und noch mehr für die Befreiung der Wesen zu arbeiten.

Wenn man nur eine oberflächliche Motivation hat, wird beim Auftauchen der ersten Schwierigkeit alles zusammenbrechen. Deswegen ist es so wichtig, aus der Tiefe unseres Herzens und unserer Knochen diesen Wunsch zu entwickeln. Nur so können wir auf dem spirituellen Weg vorankommen und die Erleuchtung zum Wohle der Wesen erreichen.

Tiefes Gebet – Die Vier Unermeßlichen

Es gibt eine Art kontemplativen Gebetes, das "die Vier Unermeßlichen" genannt wird. Dabei kontempliert man als erstes die unbegrenzte Liebe – den Wunsch, daß alle Wesen Glück und die Ursachen des Glücks erfahren mögen. Man kann solch ein Gebet einfach nur herunter rezitieren oder aber sich wirklich aus der Tiefe seines Herzens mit diesem Wunsch verbinden und ihn dementsprechend in Handlungen umsetzen. Dies würde bedeuten, daß man sich bemüht, in allen Umständen alles zu tun, damit die Wesen Glück erfahren und, was noch viel wichtiger ist, daß sie die Ursachen des Glücks erlangen.

Dieser Wunsch hat zwei Aspekte. Zunächst wünscht man das Glück der Wesen auf einer relativen Ebene, also einfach, daß alle glücklich sind. Darüber hinaus wünscht man ihnen aber auch, daß sie alle die Ursachen des Glücks erfahren mögen, d.h., daß es stets für alle Wesen möglich sein möge, Unterweisungen zu empfangen und dadurch zu verstehen, wie sie selbst Glück bewirken können. Die Unterweisungen, das daraus bei ihnen erwachsende Verständnis und ihre daraus resultierenden Handlungen werden für sie zur Quelle von Glück. Sich den Ursachen des Glücks aller Wesen zu widmen ist eine große Arbeit, die jeden Moment ausgeführt werden muß.

Der zweite dieser Vier Unermeßlichen ist das unbegrenzte Mitgefühl – der Wunsch, daß alle Wesen frei sein mögen von Leid und den Ursachen des Leides. Auch dieser Wunsch hat wieder zwei Aspekte: Zunächst bemüht man sich, die Wesen vom Leiden freizuhalten und zu vermeiden, daß sie leiden. Der langfristigere Aspekt dieser Arbeit ist der Wunsch, daß die Wesen verstehen, was die Ursachen von Leid sind.

Ursachen von Leid sind all die negativen Handlungen, die wir mit Körper, Rede und Geist ausgeführt haben. Dies taten wir aufgrund von Unwissenheit und mit dem Ziel, unser geliebtes Ego zu schützen. Um wirklich zu verstehen, was die Ursachen von Leid sind, ist es notwendig zu studieren, nachzudenken und zu meditieren. Nur so lernen wir, wirklich zu unterscheiden, was richtig ist und was nicht, was Leiden hervorbringt und was Glück bewirkt. Erst lernen wir es selber und schließlich können wir dann allen Wesen beibringen, was getan werden sollte und was aufzugeben ist. Durch Unterweisungen, Kontemplation und Meditation entsteht Klarheit, die uns genau verstehen läßt, welche Haltung richtig ist und welche nicht. Wenn wir diese Klarheit entwickeln möchten, müssen wir anfangen, unseren eigenen Geistesstrom zu untersuchen und unsere Sicht mehr nach innen zu richten.

 

<<<