UNTERWEISUNGEN

Lama Guendun RinpocheDie eigene Negativität eingestehen und Vertrauen entwickeln

Normalerweise schauen wir immer nur nach außen und beurteilen andere Leute, aber aufgrund der Unterweisungen begreifen wir, daß wir unseren Blick nach innen richten und unseren eigenen Geistesstrom analysieren müssen. Nur dann werden wir fähig sein zu sehen, was im eigenen Geist eigentlich vorhanden ist.

Wenn wir nur oberflächlich schauen, denken wir: "Bei mir ist doch alles in Ordnung. Ich habe vielleicht die eine oder andere kleine Schwierigkeit, aber es ist wirklich nichts Ernstes." Wenn wir jedoch genau hinschauen, was wir von Kindheit an für Neigungen entwickelt haben und was uns treibt, so wie bisher zu handeln, was für Handlungen wir bereits auf Grund von Emotionen ausgeführt haben und welches Leiden wir anderen damit geschaffen haben – dann sehen wir, was für ein unendlich großes, negatives Potential wir in uns tragen. Uns wird klar, daß große Negativität in unserem Geist ist, die uns und anderen jetzt Leiden bereitet und auch in Zukunft leiden lassen wird. Es findet ein Bewußtwerden statt – und wir entwickeln den ehrlichen Wunsch, uns zu ändern.

Mit der Zuflucht haben wir uns bereits auf den Weg begeben, und jetzt endlich beginnen wir, uns wirklich der Erleuchtung zuzuwenden – der Erleuchtung, die frei ist von allen Schleiern, von allen Emotionen und negativen Handlungen. Der Weg zur Erleuchtung setzt voraus, alle Negativitäten offenzulegen und das eigene negative Potential einzugestehen. Wir bitten dafür inständig um den Segen und die Hilfe der Erleuchtung, damit wir uns von dem Leid befreien können, das durch die Negativität entsteht.

Wir beginnen, wirkliches Vertrauen zu entwickeln in die Fähigkeit der Erleuchtung, die Hindernisse und ihre Früchte, das Leid, aufzulösen. Unser Geist beginnt, sich für Buddha, Dharma und Sangha zu öffnen. Dadurch finden die Segenswellen der Drei Juwelen, die ein Ausdruck des Mitgefühls sind, Eingang in unser Herz und helfen, die Transformation zu vollbringen. Die Dunkelheit wird erleuchtet und Klarheit erscheint.

Zunächst muß man sich also selbst klar werden und dann beginnt man, Vertrauen und Offenheit zu entwickeln. Durch diese beiden kann die Transformation stattfinden, und alle Negativitäten können gereinigt werden.

Niederwerfungen

Zufluchtnehmen ist zunächst eine Absichtserklärung auf der Ebene des Geistes. Doch das allein reicht nicht – es muß eine Arbeit mit Körper und Rede folgen. Deshalb wird die Zuflucht immer von Verbeugungen begleitet. Sich mit dem Körper zu verbeugen oder niederzuwerfen drückt unser Vertrauen aus. Es symbolisiert das vertrauensvolle Darbringen von Körper, Rede und Geist. Gleichzeitig sprechen wir auf der Ebene der Rede das Zufluchtsgebet. Zufluchtnehmen ist also eine vollständige Praxis, in der wir unsere Ehrerbietung durch Körper, Rede und Geist ausdrücken.

Für eine Niederwerfung legen wir beide Hände vor der Stirn zusammen. Dies ist Ausdruck unserer Ehrerbietung für die Erleuchtung, die durch eine aufgestellte Buddhastatue, ein Bild des Lamas oder ein Bild des Zufluchtsbaumes symbolisiert wird. Wir können uns die Gegenwart der Zuflucht aber auch einfach nur vorstellen. Die Stirn steht für den Körper. Indem wir sie berühren, bringen wir unsere Ehrerbietung für den erleuchteten Körper dar und bitten damit gleichzeitig um dessen Segen. Wir zeigen also unseren Respekt und erhalten zugleich den Segen. Dieses reinigt alle Schleier, die wir mit dem Körper seit anfangsloser Zeit angesammelt haben, und wir begreifen, daß unser eigener, gewöhnlicher Körper und der erleuchtete Körper untrennbar sind.

Als nächstes legen wir die Hände vor der Kehle zusammen, als Symbol für die Rede. Es ist ein Zeichen der Ehrerbietung der gewöhnlichen gegenüber der erleuchteten Rede. Wir bitten so um ihren Segen und erhalten ihn, was uns verstehen läßt, daß die eigene, gewöhnliche und die erleuchtete Rede untrennbar sind.

Schließlich legen wir die Hände vor dem Herzen zusammen, genauer gesagt vor dem Brustbein, als Ausdruck des Respektes vor dem Geist oder dem Herzen der Erleuchtung und bitten so um den Segen des erleuchteten Geistes. Daraufhin erhalten wir diesen Segen, durch den wir erkennen, daß unser eigener, gewöhnlicher und der erleuchtete Geist untrennbar sind.

Nachdem wir auf diese Weise Körper, Rede und Geist der Erleuchtung um Segen angerufen haben, beugen wir uns nieder und gleiten mit den Händen auf dem Boden nach vorne, bis unser Körper vollen Kontakt mit dem Boden hat. Dabei berühren beide Knie, beide Hände und die Stirn den Boden. Das Berühren des Bodens mit diesen fünf Stellen symbolisiert unsere Bitte um Reinigung der fünf Hauptemotionen: Unwissenheit, Begierde, Haß, Stolz und Eifersucht. Wir bitten darum und stellen uns vor, daß die Emotionen Körper, Rede und Geist verlassen und in die Erde hineinfließen. Auf diese Weise können wir uns von diesen fünf Geistesgiften reinigen und damit auch von all den daraus entstehenden Gedanken und Handlungen, die in Zukunft Leid hervorgerufen hätten.

Solch eine Niederwerfung ist also eine umfassende Reinigungsarbeit. Wir zeigen unsere Ehrerbietung, erhalten den Segen und befreien wir uns von den Geistesgiften emotionaler Verblendung. Es ist aber sehr wichtig, daß wir dabei wirkliches Vertrauen in diese Methode haben. Wenn wir kein Vertrauen haben oder uns eine andere Absicht motiviert, dann sind Niederwerfungen bloßes Kinderspiel oder Gymnastik, ohne jeglichen Nutzen.

Unsere Feinde und alle Wesen mit einbeziehen

Bei den Niederwerfungen stellen wir uns vor, daß sich rechts von uns unser Vater befindet, links die Mutter und hinter uns alle Wesen der sechs Daseinsbereiche. Vor uns sind alle Feinde und Wesen, mit denen wir Schwierigkeiten haben oder die uns besonders ärgern. Dies wirkt unserer Neigung entgegen, diese Leute zu vergessen, irgendwie zu vermeiden, oder ihnen gar Schlimmeres anzutun. Die Anwesenheit dieser für uns schwierigen Wesen ist sehr wichtig, denn wenn wir nur unsere Eltern und Freunde um uns versammeln, kommt es uns vielleicht so vor, als wären wir auf einem sonntäglichen Familientreffen, wo all unsere Lieben da sind und man sich einfach wohl fühlt.

Indem wir uns aber auch die Feinde vorstellen, zusammen mit sämtlichen Wesen, geht uns auf, daß wir mit ihnen allen verbunden sind. Alle hängen voneinander ab – wir können uns nicht einfach absondern von den anderen, den sechs Arten von Wesen, und alleine auf die Erleuchtung zugehen, denn wir haben eine große Schuld ihnen gegenüber. Wir schulden ihnen Liebe. Durch diese Visualisation zeigt sich zudem, ob wir wirklich den Willen entwickelt haben, mittels Studium, Kontemplation und Praxis zum Wohle aller Wesen ohne Ausnahme zu arbeiten. Auch vermeiden wir so den Fehler, die Praxis rein persönlich anzugehen und zu denken, daß wir nur unseren eigenen, persönlichen Weg gehen und dabei alle anderen Wesen einfach vergessen können. Deshalb ist es so wichtig, bei den Niederwerfungen diese Vorstellung zu haben. Unsere Feinde sind eigentlich diejenigen, mit denen wir am meisten arbeiten sollten, da sie uns am meisten auf dem Weg voranbringen. Durch sie entwickeln wir Geduld und Toleranz – sie sind sehr nützlich für unseren Weg und sollten deshalb den ihnen gebührenden Platz in unserer spirituellen Praxis bekommen.

Speziell wenn wir uns bei den Niederwerfungen Vater und Mutter vorstellen, erinnert uns das daran, daß wir wirklich allen Wesen große Liebe schulden. Wir stellen uns also vor, daß wir uns zusammen mit all diesen Wesen dem Zufluchtsbaum, d.h. dem Buddha, zuwenden und Niederwerfungen machen. Auch unsere Eltern, unsere Freunde und unsere Feinde werfen sich nieder. Das ist wieder ein Hinweis darauf, daß es wirklich eine universelle Praxis ist und keine ausschließlich persönliche Arbeit.

Auch betrachten wir uns selber nicht als eine einzelne, ganz gewöhnliche Person, sondern vervielfältigen im Geist unseren eigenen Körper und stellen uns vor, daß wir in unendlicher Zahl erscheinen. All diese ‚Ausstrahlungen’ von uns werfen sich nieder – so ist der Raum dicht gefüllt mit all diesen Wesen, die Niederwerfungen machen.

Der Umgang mit körperlichen Beschwerden bei den Niederwerfungen

Niederwerfungen sind körperliche Handlungen, und natürlich können körperliche Schwierigkeiten auftauchen, wie Kopfschmerzen, Knieschmerzen und dergleichen. Dann denkt man natürlich gleich, wie groß diese Schmerzen sind, kümmert sich nur noch um sie und denkt womöglich, man müsse unbedingt mit den Niederwerfungen aufhören. Man fängt an zu klagen und sich zu beschweren.

Hier sollten wir die oben erklärte rechte Sichtweise für die Zuflucht anwenden. Wir erinnern uns, daß wir die Energie von Körper, Rede und Geist allen Wesen geopfert haben. Wenn dies tatsächlich der Fall ist, haben wir überhaupt nicht mehr das Gefühl, diesen Körper selber zu besitzen, und können so diese körperlichen Schwierigkeiten ganz anders sehen: nicht als persönliche Schwierigkeiten, sondern als notwendige Anstrengung, um alle Wesen zur Erleuchtung zu führen. Wir versuchen dann nicht mehr, irgendwelche Entschuldigungen zu finden, um sobald wie möglich wieder mit den Niederwerfungen aufzuhören.

Die drei Juwelen beschleunigen das Aufgehen der karmischen Saat

Durch die Niederwerfungen sehen wir, was in uns vorgeht. Wir bemerken zum Beispiel, daß im Geist nicht genug Vertrauen vorhanden ist und wir uns entmutigt fühlen, daß die Rede müde wird vom Rezitieren des Zufluchtsgebetes und daß verschiedene körperliche Schwierigkeiten auftreten. Wenn wir auf diese Weise nach innen schauen, erkennen wir, daß die karmischen Samen, die im Geist vorhanden sind, durch die Niederwerfungen sehr schnell aufgehen, zur Reife kommen. Dies geschieht durch das Ausführen der Niederwerfungen und durch Vertrauen. Eigentlich ist dies die Wirkung des Segens der Drei Juwelen, daß wir diese Schwierigkeiten jetzt erfahren. Durch den Segen der Drei Juwelen wird das Reifen der karmischen Saat beschleunigt, damit so schnell wie möglich das Potential großen Leides, das in der karmischen Saat schlummert, aufgelöst wird.

Sich nicht unverzüglich an diese Arbeit zu machen läßt sich damit vergleichen, einen kleinen Baum nicht jetzt schon auszureißen, sondern zu warten. Dann aber wächst der Baum, und wenn er erst einmal groß ist, wird er nur unter großen Mühen auszugraben sein. Dies entspricht dem Baum des Leidens. Die karmische Saat des Leidens ist jetzt wesentlich leichter herauszureißen, und wir sollten dies so schnell wie möglich tun – nicht erst später, wenn die Saat bereits von selbst zur Reife gekommen ist.

Diese Beschleunigung des Heranreifens karmischer Saat ist ein Segen der drei Juwelen. Jetzt haben wir Bedingungen, wo wir wesentlich leichter mit Schwierigkeiten umgehen können als später, wenn wir in anderen Daseinsbereichen leben, ohne Unterstützung des Dharma. Diese Unterweisungen, die uns auf den Umgang mit schwierigen Situationen vorbereiten, sind auch der Segen der drei Juwelen. Sie machen uns klar, daß alle Hindernisse und Probleme, die mit der Praxis auftauchen, eine wirklich notwendige Arbeit sind, um schließlich anderen helfen zu können. Wir lernen, sie zu begrüßen, weil wir erkennen, daß das Auftauchen von Schwierigkeiten ein Anzeichen für die beschleunigte Reifung karmischer Saat ist. Wir erkennen, daß wir jetzt gute Bedingungen haben, in denen wir Unterstützung finden und wo das Leiden in noch recht erträglicher Form auftaucht und wesentlich leichter zu ertragen ist als später in Daseinsbereichen ohne Dharma.

Aufgrund dieses Verständnisses kommt große Freude auf. Wir hören auf zu klagen und haben keine Angst mehr, sondern erkennen, daß es sich um eine tiefe Reinigung handelt und dadurch Qualitäten freigesetzt werden, die anderen Wesen zugute kommen werden. Freude gibt Energie, und mit dieser Energie können wir noch mehr Probleme überwinden und weiter gehen, als wir dachten, solange wir uns von unserem Ego Grenzen setzen ließen. All dieses ist möglich aufgrund unseres Vertrauens in die Drei Juwelen und durch ein korrektes Verständnis von dem, was Niederwerfungen auslösen.

Der Lama als Dordsche Tschang

Bei den Niederwerfungen stellen wir uns vor, daß vor uns, etwas oberhalb des Kopfes, der Zufluchtsbaum ist. Im Zentrum des Zufluchtsbaumes ist der Wurzellama, denn der Lama ist die Quelle allen Segens und allen Wohlergehens. Durch den Segen des Wurzellamas erlangen wir Erleuchtung. Wir visualisieren den Lama nicht in seiner gewöhnlichen Form, wie wir ihn kennen, sondern in seiner symbolischen Form als Buddha Dordsche Tschang, der den Dharmakaya repräsentiert, die höchste Seinsweise oder vollkommene Verwirklichung.

Wir stellen ihn uns als die Verkörperung von Körper, Rede und Geist der Erleuchteten vor und vermeiden so, unsere eigenen Vorstellungen auf den Meister zu projizieren und uns die Erleuchtung selber zurecht zu schneidern. Wenn wir uns den Meister als jung und hübsch oder alt und was auch immer vorstellen, verfälschen wir die erleuchtete Manifestation durch unsere eigene dualistische Wahrnehmung, durch unser Anhaften. Damit dies nicht geschieht, wenden wir einen Korrekturfilter an, nämlich die Visualisation des Lamas in Form von Dordsche Tschang als ein geschicktes Mittel, um eine reine Sicht der Erleuchtung zu entwickeln. Wir können damit unsere gewöhnliche Sichtweise überwinden und sind jenseits unserer eigenen Unvollkommenheiten. Wenn wir dann mit Vertrauen und Offenheit des Herzens praktizieren, werden die Schleier abnehmen. Wir können uns für den Segen der Erleuchtung öffnen und werden diesen Segen auf jeden Fall erhalten.

Manchmal gibt es Zweifel an der eigenen Fähigkeit, sich der Erleuchtung auf diese Weise zuwenden zu können. Man denkt: "Wie kann ich mich nur der Erleuchtung zuwenden? Bin ich in der Lage, Niederwerfungen zu machen? Wie kann ich mich an meinen Lama oder an Dordsche Tschang wenden? Ich weiß überhaupt nicht, wie das geht. Ich bin gar nicht würdig und weiß nicht einmal, wie man ihn anredet."

Davon sollten wir uns wirklich befreien. Wir müssen verstehen, daß unsere Beziehung mit dem Lama eine Beziehung von Geist zu Geist ist. Wenn unser eigener Geist voller Hingabe und Vertrauen den Lama um Segen bittet, so kann das in einer sehr einfachen Sprache, mit unseren eigenen Worten sein. Wenn wir Vertrauen und Hingabe haben, öffnet sich unser Herz aufgrund unseres ehrlichen Wunsches, Segen zu erhalten. Durch diese Öffnung unseres Herzens und Geistes wird eine ganz natürliche Begegnung des erleuchteten Geistes mit unserem eigenen Geist stattfinden. Alle Worte sind dann überflüssig.

Die Beziehung von Meister und Schüler ist etwas sehr einfaches. Es bedarf keiner großen Erklärungen und keines Ausdrucks leidenschaftlicher Liebe, wo der Schüler kommt und sagt: "Ich bin dein Schüler", oder ähnliches. Es ist etwas ganz Natürliches. Vertrauen baut sich Stück für Stück auf, und die Beziehung ergibt sich nach und nach. Es ist eine Beziehung von Geist zu Geist. Wir brauchen uns nur hinzusetzen und den Geist für den Segen des Meisters zu öffnen, desjenigen, der uns am meisten inspiriert.

Oft, wenn Schüler große Erklärungen abgeben, verstecken sie eigentlich, daß sie gar nicht wirklich offen sind. Aber auch umgekehrt sollte man aufpassen mit Meistern, die kommen und einem sagen: "Du bist mein auserwählter Schüler." Das sind Lehrer, die Schüler fischen gehen, weil sie gerne möglichst viele Leute um sich herum haben und für ihr eigenes Interesse arbeiten.

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