UNTERWEISUNGEN
Die
eigene Negativität eingestehen und Vertrauen entwickeln
Normalerweise
schauen wir immer nur nach außen und beurteilen andere Leute,
aber aufgrund der Unterweisungen begreifen wir, daß wir
unseren Blick nach innen richten und unseren eigenen Geistesstrom
analysieren müssen. Nur dann werden wir fähig sein zu
sehen, was im eigenen Geist eigentlich vorhanden ist.
Wenn wir nur
oberflächlich schauen, denken wir: "Bei mir ist doch alles
in Ordnung. Ich habe vielleicht die eine oder andere kleine Schwierigkeit,
aber es ist wirklich nichts Ernstes." Wenn wir jedoch genau
hinschauen, was wir von Kindheit an für Neigungen entwickelt
haben und was uns treibt, so wie bisher zu handeln, was für
Handlungen wir bereits auf Grund von Emotionen ausgeführt
haben und welches Leiden wir anderen damit geschaffen haben
dann sehen wir, was für ein unendlich großes, negatives
Potential wir in uns tragen. Uns wird klar, daß große
Negativität in unserem Geist ist, die uns und anderen jetzt
Leiden bereitet und auch in Zukunft leiden lassen wird. Es findet
ein Bewußtwerden statt und wir entwickeln den ehrlichen
Wunsch, uns zu ändern.
Mit der Zuflucht
haben wir uns bereits auf den Weg begeben, und jetzt endlich beginnen
wir, uns wirklich der Erleuchtung zuzuwenden der Erleuchtung,
die frei ist von allen Schleiern, von allen Emotionen und negativen
Handlungen. Der Weg zur Erleuchtung setzt voraus, alle Negativitäten
offenzulegen und das eigene negative Potential einzugestehen.
Wir bitten dafür inständig um den Segen und die Hilfe
der Erleuchtung, damit wir uns von dem Leid befreien können,
das durch die Negativität entsteht.
Wir beginnen,
wirkliches Vertrauen zu entwickeln in die Fähigkeit der Erleuchtung,
die Hindernisse und ihre Früchte, das Leid, aufzulösen.
Unser Geist beginnt, sich für Buddha, Dharma und Sangha zu
öffnen. Dadurch finden die Segenswellen der Drei Juwelen,
die ein Ausdruck des Mitgefühls sind, Eingang in unser Herz
und helfen, die Transformation zu vollbringen. Die Dunkelheit
wird erleuchtet und Klarheit erscheint.
Zunächst
muß man sich also selbst klar werden und dann beginnt man,
Vertrauen und Offenheit zu entwickeln. Durch diese beiden kann
die Transformation stattfinden, und alle Negativitäten können
gereinigt werden.
Niederwerfungen
Zufluchtnehmen
ist zunächst eine Absichtserklärung auf der Ebene des
Geistes. Doch das allein reicht nicht es muß eine
Arbeit mit Körper und Rede folgen. Deshalb wird die Zuflucht
immer von Verbeugungen begleitet. Sich mit dem Körper zu
verbeugen oder niederzuwerfen drückt unser Vertrauen aus.
Es symbolisiert das vertrauensvolle Darbringen von Körper,
Rede und Geist. Gleichzeitig sprechen wir auf der Ebene der Rede
das Zufluchtsgebet. Zufluchtnehmen ist also eine vollständige
Praxis, in der wir unsere Ehrerbietung durch Körper, Rede
und Geist ausdrücken.
Für eine
Niederwerfung legen wir beide Hände vor der Stirn zusammen.
Dies ist Ausdruck unserer Ehrerbietung für die Erleuchtung,
die durch eine aufgestellte Buddhastatue, ein Bild des Lamas oder
ein Bild des Zufluchtsbaumes symbolisiert wird. Wir können
uns die Gegenwart der Zuflucht aber auch einfach nur vorstellen.
Die Stirn steht für den Körper. Indem wir sie berühren,
bringen wir unsere Ehrerbietung für den erleuchteten Körper
dar und bitten damit gleichzeitig um dessen Segen. Wir zeigen
also unseren Respekt und erhalten zugleich den Segen. Dieses reinigt
alle Schleier, die wir mit dem Körper seit anfangsloser Zeit
angesammelt haben, und wir begreifen, daß unser eigener,
gewöhnlicher Körper und der erleuchtete Körper
untrennbar sind.
Als nächstes
legen wir die Hände vor der Kehle zusammen, als Symbol für
die Rede. Es ist ein Zeichen der Ehrerbietung der gewöhnlichen
gegenüber der erleuchteten Rede. Wir bitten so um ihren Segen
und erhalten ihn, was uns verstehen läßt, daß
die eigene, gewöhnliche und die erleuchtete Rede untrennbar
sind.
Schließlich
legen wir die Hände vor dem Herzen zusammen, genauer gesagt
vor dem Brustbein, als Ausdruck des Respektes vor dem Geist oder
dem Herzen der Erleuchtung und bitten so um den Segen des erleuchteten
Geistes. Daraufhin erhalten wir diesen Segen, durch den wir erkennen,
daß unser eigener, gewöhnlicher und der erleuchtete
Geist untrennbar sind.
Nachdem wir
auf diese Weise Körper, Rede und Geist der Erleuchtung um
Segen angerufen haben, beugen wir uns nieder und gleiten mit den
Händen auf dem Boden nach vorne, bis unser Körper vollen
Kontakt mit dem Boden hat. Dabei berühren beide Knie, beide
Hände und die Stirn den Boden. Das Berühren des Bodens
mit diesen fünf Stellen symbolisiert unsere Bitte um Reinigung
der fünf Hauptemotionen: Unwissenheit, Begierde, Haß,
Stolz und Eifersucht. Wir bitten darum und stellen uns vor, daß
die Emotionen Körper, Rede und Geist verlassen und in die
Erde hineinfließen. Auf diese Weise können wir uns
von diesen fünf Geistesgiften reinigen und damit auch von
all den daraus entstehenden Gedanken und Handlungen, die in Zukunft
Leid hervorgerufen hätten.
Solch eine
Niederwerfung ist also eine umfassende Reinigungsarbeit. Wir zeigen
unsere Ehrerbietung, erhalten den Segen und befreien wir uns von
den Geistesgiften emotionaler Verblendung. Es ist aber sehr wichtig,
daß wir dabei wirkliches Vertrauen in diese Methode haben.
Wenn wir kein Vertrauen haben oder uns eine andere Absicht motiviert,
dann sind Niederwerfungen bloßes Kinderspiel oder Gymnastik,
ohne jeglichen Nutzen.
Unsere
Feinde und alle Wesen mit einbeziehen
Bei den Niederwerfungen
stellen wir uns vor, daß sich rechts von uns unser Vater
befindet, links die Mutter und hinter uns alle Wesen der sechs
Daseinsbereiche. Vor uns sind alle Feinde und Wesen, mit denen
wir Schwierigkeiten haben oder die uns besonders ärgern.
Dies wirkt unserer Neigung entgegen, diese Leute zu vergessen,
irgendwie zu vermeiden, oder ihnen gar Schlimmeres anzutun. Die
Anwesenheit dieser für uns schwierigen Wesen ist sehr wichtig,
denn wenn wir nur unsere Eltern und Freunde um uns versammeln,
kommt es uns vielleicht so vor, als wären wir auf einem sonntäglichen
Familientreffen, wo all unsere Lieben da sind und man sich einfach
wohl fühlt.
Indem wir
uns aber auch die Feinde vorstellen, zusammen mit sämtlichen
Wesen, geht uns auf, daß wir mit ihnen allen verbunden sind.
Alle hängen voneinander ab wir können uns nicht
einfach absondern von den anderen, den sechs Arten von Wesen,
und alleine auf die Erleuchtung zugehen, denn wir haben eine große
Schuld ihnen gegenüber. Wir schulden ihnen Liebe. Durch diese
Visualisation zeigt sich zudem, ob wir wirklich den Willen entwickelt
haben, mittels Studium, Kontemplation und Praxis zum Wohle aller
Wesen ohne Ausnahme zu arbeiten. Auch vermeiden wir so den Fehler,
die Praxis rein persönlich anzugehen und zu denken, daß
wir nur unseren eigenen, persönlichen Weg gehen und dabei
alle anderen Wesen einfach vergessen können. Deshalb ist
es so wichtig, bei den Niederwerfungen diese Vorstellung zu haben.
Unsere Feinde sind eigentlich diejenigen, mit denen wir am meisten
arbeiten sollten, da sie uns am meisten auf dem Weg voranbringen.
Durch sie entwickeln wir Geduld und Toleranz sie sind sehr
nützlich für unseren Weg und sollten deshalb den ihnen
gebührenden Platz in unserer spirituellen Praxis bekommen.
Speziell wenn
wir uns bei den Niederwerfungen Vater und Mutter vorstellen, erinnert
uns das daran, daß wir wirklich allen Wesen große
Liebe schulden. Wir stellen uns also vor, daß wir uns zusammen
mit all diesen Wesen dem Zufluchtsbaum, d.h. dem Buddha, zuwenden
und Niederwerfungen machen. Auch unsere Eltern, unsere Freunde
und unsere Feinde werfen sich nieder. Das ist wieder ein Hinweis
darauf, daß es wirklich eine universelle Praxis ist und
keine ausschließlich persönliche Arbeit.
Auch betrachten
wir uns selber nicht als eine einzelne, ganz gewöhnliche
Person, sondern vervielfältigen im Geist unseren eigenen
Körper und stellen uns vor, daß wir in unendlicher
Zahl erscheinen. All diese Ausstrahlungen von uns
werfen sich nieder so ist der Raum dicht gefüllt mit
all diesen Wesen, die Niederwerfungen machen.
Der Umgang
mit körperlichen Beschwerden bei den Niederwerfungen
Niederwerfungen
sind körperliche Handlungen, und natürlich können
körperliche Schwierigkeiten auftauchen, wie Kopfschmerzen,
Knieschmerzen und dergleichen. Dann denkt man natürlich gleich,
wie groß diese Schmerzen sind, kümmert sich nur noch
um sie und denkt womöglich, man müsse unbedingt mit
den Niederwerfungen aufhören. Man fängt an zu klagen
und sich zu beschweren.
Hier sollten
wir die oben erklärte rechte Sichtweise für die Zuflucht
anwenden. Wir erinnern uns, daß wir die Energie von Körper,
Rede und Geist allen Wesen geopfert haben. Wenn dies tatsächlich
der Fall ist, haben wir überhaupt nicht mehr das Gefühl,
diesen Körper selber zu besitzen, und können so diese
körperlichen Schwierigkeiten ganz anders sehen: nicht als
persönliche Schwierigkeiten, sondern als notwendige Anstrengung,
um alle Wesen zur Erleuchtung zu führen. Wir versuchen dann
nicht mehr, irgendwelche Entschuldigungen zu finden, um sobald
wie möglich wieder mit den Niederwerfungen aufzuhören.
Die drei
Juwelen beschleunigen das Aufgehen der karmischen Saat
Durch die
Niederwerfungen sehen wir, was in uns vorgeht. Wir bemerken zum
Beispiel, daß im Geist nicht genug Vertrauen vorhanden ist
und wir uns entmutigt fühlen, daß die Rede müde
wird vom Rezitieren des Zufluchtsgebetes und daß verschiedene
körperliche Schwierigkeiten auftreten. Wenn wir auf diese
Weise nach innen schauen, erkennen wir, daß die karmischen
Samen, die im Geist vorhanden sind, durch die Niederwerfungen
sehr schnell aufgehen, zur Reife kommen. Dies geschieht durch
das Ausführen der Niederwerfungen und durch Vertrauen. Eigentlich
ist dies die Wirkung des Segens der Drei Juwelen, daß wir
diese Schwierigkeiten jetzt erfahren. Durch den Segen der Drei
Juwelen wird das Reifen der karmischen Saat beschleunigt, damit
so schnell wie möglich das Potential großen Leides,
das in der karmischen Saat schlummert, aufgelöst wird.
Sich nicht
unverzüglich an diese Arbeit zu machen läßt sich
damit vergleichen, einen kleinen Baum nicht jetzt schon auszureißen,
sondern zu warten. Dann aber wächst der Baum, und wenn er
erst einmal groß ist, wird er nur unter großen Mühen
auszugraben sein. Dies entspricht dem Baum des Leidens. Die karmische
Saat des Leidens ist jetzt wesentlich leichter herauszureißen,
und wir sollten dies so schnell wie möglich tun nicht
erst später, wenn die Saat bereits von selbst zur Reife gekommen
ist.
Diese Beschleunigung
des Heranreifens karmischer Saat ist ein Segen der drei Juwelen.
Jetzt haben wir Bedingungen, wo wir wesentlich leichter mit Schwierigkeiten
umgehen können als später, wenn wir in anderen Daseinsbereichen
leben, ohne Unterstützung des Dharma. Diese Unterweisungen,
die uns auf den Umgang mit schwierigen Situationen vorbereiten,
sind auch der Segen der drei Juwelen. Sie machen uns klar, daß
alle Hindernisse und Probleme, die mit der Praxis auftauchen,
eine wirklich notwendige Arbeit sind, um schließlich anderen
helfen zu können. Wir lernen, sie zu begrüßen,
weil wir erkennen, daß das Auftauchen von Schwierigkeiten
ein Anzeichen für die beschleunigte Reifung karmischer Saat
ist. Wir erkennen, daß wir jetzt gute Bedingungen haben,
in denen wir Unterstützung finden und wo das Leiden in noch
recht erträglicher Form auftaucht und wesentlich leichter
zu ertragen ist als später in Daseinsbereichen ohne Dharma.
Aufgrund dieses
Verständnisses kommt große Freude auf. Wir hören
auf zu klagen und haben keine Angst mehr, sondern erkennen, daß
es sich um eine tiefe Reinigung handelt und dadurch Qualitäten
freigesetzt werden, die anderen Wesen zugute kommen werden. Freude
gibt Energie, und mit dieser Energie können wir noch mehr
Probleme überwinden und weiter gehen, als wir dachten, solange
wir uns von unserem Ego Grenzen setzen ließen. All dieses
ist möglich aufgrund unseres Vertrauens in die Drei Juwelen
und durch ein korrektes Verständnis von dem, was Niederwerfungen
auslösen.
Der Lama
als Dordsche Tschang
Bei den Niederwerfungen
stellen wir uns vor, daß vor uns, etwas oberhalb des Kopfes,
der Zufluchtsbaum ist. Im Zentrum des Zufluchtsbaumes ist der
Wurzellama, denn der Lama ist die Quelle allen Segens und allen
Wohlergehens. Durch den Segen des Wurzellamas erlangen wir Erleuchtung.
Wir visualisieren den Lama nicht in seiner gewöhnlichen Form,
wie wir ihn kennen, sondern in seiner symbolischen Form als Buddha
Dordsche Tschang, der den Dharmakaya repräsentiert, die höchste
Seinsweise oder vollkommene Verwirklichung.
Wir stellen
ihn uns als die Verkörperung von Körper, Rede und Geist
der Erleuchteten vor und vermeiden so, unsere eigenen Vorstellungen
auf den Meister zu projizieren und uns die Erleuchtung selber
zurecht zu schneidern. Wenn wir uns den Meister als jung und hübsch
oder alt und was auch immer vorstellen, verfälschen wir die
erleuchtete Manifestation durch unsere eigene dualistische Wahrnehmung,
durch unser Anhaften. Damit dies nicht geschieht, wenden wir einen
Korrekturfilter an, nämlich die Visualisation des Lamas in
Form von Dordsche Tschang als ein geschicktes Mittel, um eine
reine Sicht der Erleuchtung zu entwickeln. Wir können damit
unsere gewöhnliche Sichtweise überwinden und sind jenseits
unserer eigenen Unvollkommenheiten. Wenn wir dann mit Vertrauen
und Offenheit des Herzens praktizieren, werden die Schleier abnehmen.
Wir können uns für den Segen der Erleuchtung öffnen
und werden diesen Segen auf jeden Fall erhalten.
Manchmal gibt
es Zweifel an der eigenen Fähigkeit, sich der Erleuchtung
auf diese Weise zuwenden zu können. Man denkt: "Wie kann
ich mich nur der Erleuchtung zuwenden? Bin ich in der Lage, Niederwerfungen
zu machen? Wie kann ich mich an meinen Lama oder an Dordsche Tschang
wenden? Ich weiß überhaupt nicht, wie das geht. Ich
bin gar nicht würdig und weiß nicht einmal, wie man
ihn anredet."
Davon sollten
wir uns wirklich befreien. Wir müssen verstehen, daß
unsere Beziehung mit dem Lama eine Beziehung von Geist zu Geist
ist. Wenn unser eigener Geist voller Hingabe und Vertrauen den
Lama um Segen bittet, so kann das in einer sehr einfachen Sprache,
mit unseren eigenen Worten sein. Wenn wir Vertrauen und Hingabe
haben, öffnet sich unser Herz aufgrund unseres ehrlichen
Wunsches, Segen zu erhalten. Durch diese Öffnung unseres
Herzens und Geistes wird eine ganz natürliche Begegnung des
erleuchteten Geistes mit unserem eigenen Geist stattfinden. Alle
Worte sind dann überflüssig.
Die Beziehung
von Meister und Schüler ist etwas sehr einfaches. Es bedarf
keiner großen Erklärungen und keines Ausdrucks leidenschaftlicher
Liebe, wo der Schüler kommt und sagt: "Ich bin dein Schüler",
oder ähnliches. Es ist etwas ganz Natürliches. Vertrauen
baut sich Stück für Stück auf, und die Beziehung
ergibt sich nach und nach. Es ist eine Beziehung von Geist zu
Geist. Wir brauchen uns nur hinzusetzen und den Geist für
den Segen des Meisters zu öffnen, desjenigen, der uns am
meisten inspiriert.
Oft, wenn
Schüler große Erklärungen abgeben, verstecken
sie eigentlich, daß sie gar nicht wirklich offen sind. Aber
auch umgekehrt sollte man aufpassen mit Meistern, die kommen und
einem sagen: "Du bist mein auserwählter Schüler."
Das sind Lehrer, die Schüler fischen gehen, weil sie gerne
möglichst viele Leute um sich herum haben und für ihr
eigenes Interesse arbeiten.