UNTERWEISUNGEN

Lama Guendun RinpocheUnser Problem: Krasse Ichbezogenheit

Was Dharmapraxis ist, läßt sich leicht zusammenfassen: Unser Körper, unsere Rede und unser Geist sind "schmutzig". Um sie zu säubern, müssen wir sie durch Dharmapraxis waschen. Das Waschmittel ist Bodhicitta, der Erleuchtungsgeist.

Im Moment sind Körper, Rede und Geist völlig im Besitz des Ichanhaftens. Daran besteht kein Zweifel, denn zur Zeit ist in unseren Handlungen nicht die geringste Spur einer reinen Geisteshaltung zu finden. Eine solche reine Geisteshaltung wäre ein uneigennütziges Wohlwollen, ein selbstloses sich Einsetzen für andere, der Erleuchtungsgeist. Davon ist überhaupt nichts zu bemerken, denn wir sind allen Wesen gegenüber zutiefst egoistisch und übelwollend, einzig an unserem persönlichen Wohlergehen interessiert.

Die Arbeit, die wir zu tun haben, ist offensichtlich: Als erstes müssen wir unsere negative Geisteshaltung überwinden und die egoistischen Neigungen in unserem Geist bekämpfen. Dann ist es notwendig, die reine Geisteshaltung zu entwickeln, den wohlwollenden Erleuchtungsgeist, zuerst als Wunsch und dann in der Anwendung. Nur so können wir zur Erleuchtung gelangen und schließlich zum Wohl der Wesen wirken. Jetzt ist uns dies überhaupt noch nicht möglich, denn wir sind vollkommen egoistisch und haben keine reine Einstellung. Wir sind ständig nur mit uns selbst beschäftigt: "Ich", "mein", "mir". Es geht uns einzig darum: "Wie kann ich glücklicher sein? Wie lassen sich Probleme für mich vermeiden? Wie kann ich mehr Anerkennung bekommen? Wer wird mich lieben?" Das ist das einzige, was uns interessiert. So ist unser Geist vollkommen von persönlichem Interesse besetzt, und es ist überhaupt kein Platz mehr für irgendwelche reinen Gedanken oder für den Erleuchtungsgeist. Wir handeln aus dem einzigen Reflex, irgendwie immer einen Nutzen für uns selbst herausholen zu wollen.

Wenn wir hören, daß wir zum Wohl der Wesen arbeiten sollen, nehmen wir den Mund voll und behaupten: "Genau das tue ich jetzt. Ich helfe jetzt den Wesen." Wenn wir dann wirklich mal etwas für andere tun, wollen wir doch nur wieder all die Qualitäten dieser anfangs reinen Handlung uns selbst zuschreiben. Unser egoistischer Geist wird wieder alles an sich reißen, was am Anfang vielleicht eine reine Einstellung war. So sind das alles eigentlich nur leere Worte.

Der Geist ist der Chef, und der Körper und die Rede sind seine Sklaven oder Diener. So wie wir uns im Moment verhalten, schicken wir ständig Körper und Rede in alle Richtungen, nur um unseren egoistischen Geist zu befriedigen. Alle Handlungen, aller Wirbel, aller Aufruhr dienen nur einem einzigen Ziel: so gut wie möglich das Ego zu befriedigen. Zusätzlich machen wir einen irren Spektakel, damit endlich alle merken, wie toll und wunderbar wir sind. Das ist das Problem, und sein Heilmittel ist das genaue Gegenteil.

Das Problem angehen: Sich und andere austauschen

Das Problem anzugehen würde bedeuten, daß wir jetzt beginnen, in jedem Moment unsere Absichten und Handlungen zu beobachten und uns zu ändern, so daß die notwendige, tiefe Transformation stattfinden kann. Wenn wir dabei merken, daß wir unter dem Einfluß von Ichanhaften wieder einmal alles an uns reißen möchten, versuchen wir, dies umzudrehen und statt dessen alles den anderen zu geben. Alles, was wir für gewöhnlich lieber nicht haben möchten und lieber auf andere abwälzen, beginnen wir, auf uns zu nehmen.

Diese Arbeit setzt Achtsamkeit voraus, sowie volle Annahme dieser Arbeit von Moment zu Moment. Dafür müssen wir akzeptieren, unseren Geist so zu sehen, wie er ist, und bereit sein, ihn umzuwandeln. Sobald wir bemerken, daß wir wieder einmal alles Gute, alles Glück für uns haben wollen, wenden wir das Gegenmittel an und versuchen unverzüglich, unsere Motivation mit den daraus resultierenden Handlungen und Worten zu ändern. Statt am Glück, am Rechthaben, an Vorteilen festzuhalten, nehmen wir Nachteile und Niederlage auf uns und opfern alles Glück, alle Freude, alle Qualitäten allen Wesen. Das bedeutet Achtsamkeit in jedem Moment.

Wir beginnen, all unsere Gedanken, Worte und Handlungen zu beobachten, und stellen uns immer wieder die Frage: "Haben meine Gedanken, Worte oder Handlungen jetzt wirklich eine reine Motivation? Oder ist es wieder Egoismus?"

Der Maßstab für alles ist reine Motivation – was immer man tut, denkt oder sagt.

Nur so ist es möglich, Negativität und Egoismus in altruistische Aktivität umzuwandeln. Schließlich werden wir diese Übung des Geistes wirklich beherrschen und die Umwandlung zustande bringen. Das geht aber nicht sofort und geschieht auch niemals von selbst ohne unseren Entschluß. Eines Tages müssen wir uns wirklich dazu entschließen, von jetzt an so zu arbeiten – uns richtiggehend dazu verpflichten. Wenn man sich nicht wirklich verpflichtet und einläßt, wird sich der Geist nicht ändern.

Wenn wir jedoch unsere Geisteshaltung ändern, wird sich immer mehr Klarheit einstellen, die Umwandlung wird ganz natürlich stattfinden, und wir werden ganz spontan altruistisch handeln. Doch diese Spontaneität ist die Frucht stetiger Arbeit. Dafür braucht es eine ganze Zeit der Vorbereitung, während der wir uns echt bemühen und anstrengen, die Umwandlung in Gang zu bringen.

Wer auf diese Weise praktiziert, wird mehr Raum und Toleranz haben. Aufgrund von Ichbezogenheit lassen wir uns oft sehr von der Negativität aufwühlen, die uns begegnet, weil wir alles auf uns selber beziehen und befürchten, daß sie uns schaden könnte. Wenn aber dieser Egoismus aufhört und wirkliches Wohlwollen unseren Geist beherrscht, dann ist überhaupt kein Raum mehr für Intoleranz oder Zorn. Dann entsteht nur noch grenzenloses Mitgefühl, denn wir sehen vor allem das Leid, das die Wesen erfahren. Wir denken nicht mehr an das eigene Leid, das vielleicht aufgrund bestimmter Umstände auf uns zukommt, sondern uns beschäftigt einzig, was für ein Leid alle anderen erfahren.

Emotionen und Hindernisse werden sogar eine Quelle von Toleranz und Mitgefühl. Sie spornen uns an, uns immer mehr zu wünschen, den Mechanismus des Geistes und der Emotionen zu verstehen, und es kommt unendlich großes Mitgefühl hervor. Dadurch haben wir wesentlich mehr Energie zur Verfügung, die wir wiederum in die Arbeit der Transformation hineinstecken können. Die Beziehungen mit anderen werden natürlicher und spontaner. Sie sind von Wohlwollen geprägt, weil wir uns des Leidens anderer bewußt sind und den einzigen Wunsch haben, ihr Leid zu erleichtern.

Je mehr man praktiziert, umso mehr versteht man den Geist und umso mehr hat man den Wunsch, noch mehr Dharma zu praktizieren, um noch mehr zu verstehen, um noch schneller die Mittel zu haben, andere aus dem Leiden zu befreien. Auf diese Weise wird immer weniger Zorn und Ärger auftauchen. Man hat nur noch den einen Wunsch: "Möge ich so schnell wie möglich die Mittel haben, den Wesen zu helfen. Möge ich die Möglichkeiten haben, den Dharma zu studieren, darüber nachzudenken und ihn zu praktizieren, damit ich später die Wesen befreien kann." Wenn man nicht diese reine Motivation hat, den Wesen zu helfen, besteht die Gefahr, daß man beginnt, den Dharma zu studieren und zu praktizieren, und sich deswegen besser fühlt als andere. Man entwickelt großen Stolz und denkt, man wäre jetzt jemand besonderes, weil man den Dharma praktiziert. Und man denkt womöglich: "Oh je, die Armen, wie verloren sind sie in dieser Welt." Dann hat man vielleicht keinen Zorn mehr, aber man hat unendlichen Stolz entwickelt, und das ist keineswegs besser. Deswegen ist es so wichtig, eine reine Motivation zu haben.

Glück geben wir her und Unglück nehmen wir auf uns.

Alle Schwierigkeiten sind willkommen, alles Angenehme, Leichte und Schöne sei anderen geschenkt.

In Beziehungen nehmen wir Leid und Niederlage auf uns und geben Sieg, Freude und Glück den anderen.

Wenn wir fähig sind, so zu arbeiten, folgen wir dem Weg der Bodhisattvas, die den Erleuchtungsgeist praktizieren und werden dann fähig sein, allen Wesen zu helfen.

Wenn uns jemand schlägt, sollten wir dies als ein Geschenk annehmen. Es ist eine Belehrung, die uns zeigt, wieviel Geduld uns fehlt und wie schnell wir auf einen Angriff mit einem Gegenangriff reagieren, Gewalt gegen Gewalt, Aggression als Vergeltung für Aggression. Den Angriff sollten wir als Belehrung auffassen und den Angreifer als unseren Meister, der uns die Belehrung gibt.

Wenn wir uns sogar nach außen hin so verhalten können – wunderbar, aber wenn das noch nicht möglich ist, sollten wir es zumindest innerlich tun, indem wir dem Angreifer danken für diese Chance, unsere Qualitäten zu entwickeln und unsere karmischen Schulden aufzulösen. Wenn wir auch das nicht können, sollten wir ihm zumindest freundlich "Guten Tag" sagen.

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