UNTERWEISUNGEN

Lama Guendun RinpocheMeditation ist nicht Abwesenheit von Gedanken

Nun wollen wir uns wieder der Meditation zuwenden, die uns diese Arbeit an uns selbst ermöglicht. Doch was ist Meditation? Oft haben wir die Vorstellung, daß Meditation die Abwesenheit von Gedanken ist – welch großer Irrtum! Wenn keine Gedanken da wären, warum müßten wir denn dann überhaupt meditieren? Wir meditieren gerade weil Gedanken da sind. Dieser Tisch denkt nicht, deshalb muß er auch nicht meditieren.

Unser Geist produziert ständig Bewegungen, die Gedanken genannt werden. Gedanken zu haben ist ganz natürlich. Unser Problem ist nicht die Anwesenheit von Gedanken, sondern daß wir an ihnen festhalten und sie als angenehm und unangenehm bewerten – wir unterteilen sie in solche, die wir haben wollen und solche, die wir nicht haben wollen. (Dies erzeugt Spannung in unserem Geist und setzt eine ganze Kette von Leid erzeugenden Reaktionen in Gang.)

Meditation bedeutet, die Bewegungen des Geistes nicht festzuhalten, nicht nach Gedanken zu greifen und keine innere Diskussion zu pflegen. Wenn ein Gedanke auftaucht, verfolgen wir ihn nicht mit einem anderen, der den vorherigen analysiert und sagt: Dieser Gedanke war jetzt aber gut oder nicht so gut, usw. Wir sollten einfach das Spiel des Geistes geschehen lassen. Wir lassen die Gedanken kommen und gehen, ohne sie zu ergreifen oder abzuweisen und ohne nach Geschehnissen im Geist zu greifen.

Meditation bedeutet nicht, Leerheit zu erzeugen

Mit Meditation wird oft eine verkehrte Vorstellung von Leerheit verknüpft. Meditierende denken dann zum Beispiel: Oh ja, alles ist leer – und projizieren in den Raum vor sich eine unendlich große Leerheit, von der sie denken, daß sie alles ausfüllt. Dann sitzen sie da und bewundern diese Leerheit, die sie geschaffen haben. Diese künstliche Leerheit ist ein bloßes Konzept, doch der Meditierende wendet viel Energie auf, um diese vermeintliche Leerheit aufrecht zu erhalten und sie in seinem Erfahrungsfeld weiter wirken zu lassen. Es begann zunächst mit Gedanken über die Leerheit, dann wurde daraus eine unheimliche Anspannung, dieses Leere wahrzunehmen und aufrecht zu erhalten. Das ist keine Meditation, sondern zerstreuter, abgelenkter Geist.

Verkehrte Haltungen bei der Meditation das Wechselspiel von Körper und Geist

Wenn wir die Tendenzen des Geistes nicht kennen, kann es passieren, daß wir verkehrt an die Meditation herangehen. Dabei sind unsere geistigen Tendenzen oft in unserer Körperhaltung zu sehen, denn der Körper spiegelt wieder, was im Geist vor sich geht.

Wenn jemand zum Beispiel die Schultern zurückzieht, den Kopf leicht senkt und das Kinn einzieht, so sieht das aus, als ob er versuche, einen Rahmen zu schaffen, um seinen Geist festzuhalten und keine Gedanken aufkommen zu lassen, wobei er sehr angespannt ist. Das kommt vom Verlangen nach meditativer Stabilität, welche mit Nichtanwesenheit von Gedanken verwechselt wird. Der Meditierende sehnt sich hier nach einem Geist frei von Gedanken .

Es gibt noch eine andere extrem angespannte Haltung: Man versucht mit aller Energie das, was man sich unter Meditation vorstellt, zu erzeugen, indem man den Körper krampfhaft nach oben zieht. Es sieht aus, als würden alle Energien nach oben gezogen und sich unter der Schädeldecke sammeln. Auch die Augen sind nach oben gerichtet, und es wird sehr schmerzhaft. Das Ganze sieht nach jemandem aus, der unbedingt den idealen Zustand der Meditation sucht.

Meditation ist keine Arbeit an verschiedenen Punkten oder Farben – blau, rot, gelb, grün, kariert, gestreift und ähnliches. Meditation bedeutet, den Geist in seinem natürlichen Zustand verweilen zu lassen, ohne Zwang und Eingreifen, frei von Ablehnung und Anhaftung, ohne nach bestimmten Gedanken zu greifen und andere zurückzustoßen. Wenn wir diesen Zustand des Geistes erlangen, an nichts haften und nichts ablehnen, dann wird unser Geist ganz natürlich offen und spontan.

Unser Geist ist mit dem Körper durch Energiekanäle verbunden, auf denen die Energien sozusagen reiten. Wenn der Geist gespannt ist, spannen sich auch die Kanäle im Körper. Dies funktioniert auch umgekehrt: Wenn man die richtige Körperhaltung einnimmt, hilft dies, die Energien und die Kanäle zu befreien und zu lösen. Deswegen ist es sehr wichtig, einerseits eine offene, bewegliche Haltung im Geist zu haben – nichts festzuhalten, wegzustoßen und zu erzwingen – und andererseits die richtige Körperhaltung einzunehmen, die solch eine Geisteshaltung spiegelt und erleichtert. Dann können sich die Energiekanäle wie Blumen öffnen, und die Energien können frei im Körper zirkulieren, was wiederum den Geist befreit.

Wenn wir aber unseren Geist anspannen und zwingen, werden die Kanäle ungünstig beeinflußt: Die Energien zirkulieren nicht mehr frei und unser Geist bekommt Probleme. Wir mögen uns ärgern, es kommt Dumpfheit auf oder Wildheit, und verschiedenste körperliche oder geistige Probleme können auftreten. Unsere Meditation ist nicht mehr natürlich – unser Geist kann seinen natürlichen Zustand nicht finden.

Die Ketten lösen

Der Geist schafft sich selbst sein Gefängnis durch die Zwänge, die er sich auferlegt, und durch die Wahl, die er trifft. Unser Haften an Vorstellungen wirkt wie Ketten, die den freien und natürlichen Zustand des Geistes einzwängen und gefangen nehmen. Diese Zwänge, die der Geist sich selber schafft, erzeugen Spannungen, und Spannungen führen zu Leiden. Wo keine Spannung ist, ist auch kein Leid, und wo kein Leid ist, ist kein Samsara. Der Daseinskreislauf ist befreit und Erleuchtung ist erlangt.

Dieser Zwang oder diese Anspannung, die der Geist erzeugt, läßt sich nicht von außen auflösen. Der Geist muß sich von innen her befreien, was nur durch innere Öffnung, inneres Loslassen möglich ist. Dadurch entsteht Raum. Wir werden fähig, die Spannungen weiter loszulassen und die Natur des Geistes zu finden.

Diese innere Arbeit macht es möglich, das Anhaften an die Welt der Erscheinungen durchzuschneiden. Bisher werden wir ständig von diesen vermeintlich äußeren Phänomenen angezogen oder abgestoßen. Sie üben eine Faszination auf uns aus und wir reagieren entweder mit Anziehung oder Abneigung. Wenn wir die meditative Arbeit wie beschrieben ausführen und uns von innen her öffnen und loslassen, werden wir alle äußeren Phänomene als Objekte des Geistes erkennen. Unser Anhaften wird schwinden. Wir brauchen nicht mehr dieses oder jenes zu haben. Es handelt sich dann bei allem, was wir wahrnehmen, einfach um Phänomene im eigenen Geist, und wir sind dieses spontanen Spiels des Geistes gewahr. Wir erkennen, wie alles vom Geist selber hervorgerufen wird, und so können wir uns entspannen und den natürlichen Zustand des Geistes wiederfinden.

Gibt es ohne Faszination ein geistiges Objekt, an dem man haften könnte?

Gibt es ohne Objekte der Anziehung oder Abneigung Leid oder Aufgewühltsein?

Ich sehe, ihr seid alle schon ganz natürlich im Zustand der Meditation!

...und Rinpotsche spricht weiter zu den meditierenden Zuhörern im sommerlich heißen Zelt und gibt diese einem Vajra-Lied gleichenden Unterweisungen über Wahre Geistige Ruhe :

Meditation ist nur ein Prozeß des Loslassens:

Sehen, was sich im Geist erhebt,

und es im selben Moment wieder loslassen –

nichts ergreifen, nichts wegstoßen.

Als würden wir uns von Kleidern befreien,

die den Körper einzwängen

und ihn hindern, sich frei zu bewegen,

befreien wir uns von all den Schichten,

welche die Freiheit des Geistes einschränken

und ihn zum Gefangenen machen.

Wir sind der Dinge gewahr, sehen sie,

und lassen sie im selben Moment wieder los.

Dann ist keinerlei Aufgewühltsein mehr im Geist.

Die Objekte der Faszination, nach denen wir vorher griffen,

werden erkannt als bloße Bewegungen des Geistes.

Der Geist läuft ihnen nicht mehr hinterher

und ruht sich endlich aus.

Das ist zunächst das zur Ruhe Kommen des Geistes,

gefolgt von dem Verweilen des Geistes in Klarheit:

Wenn wir in allen Phänomenen

immer wieder den Geist erkennen

und sehen, daß alles, was sich erhebt,

einfach Geist ist – nicht materiell, nicht greifbar,

dann sieht schließlich der Geist sich selbst.

Er sieht sich in seiner wahren Natur,

in seiner ursprünglichen Essenz,

worauf eine große Entspannung erfolgt.

Der Geist ruht sich aus

und sucht nicht mehr nach irgend etwas,

sondern verweilt in geistiger Ruhe.

So erkennt der Geist sich selbst,

sieht sich selbst durch sich selbst,

natürlich ruhend in seiner eigenen Natur.

Geist nimmt sich selbst wahr so, wie er ist:

kreativ und leuchtend, die Quelle aller Manifestation,

und gleichzeitig leer, nicht materiell.

Diese Vision führt zur natürlichen Ruhe des Geistes,

tief und umfassend.

Dies ist wahre Geistige Ruhe,

die natürliche Stabilität eines Geistes,

der in seiner eigenen Natur ruht.

Diese Instruktionen führen uns einen Schritt weiter als die gewöhnliche Praxis von geistiger Ruhe, wo man auf den Atem meditiert usw., was nur ein oberflächliches Beruhigen des bewegten Geistes bewirkt. Wenn der Geist sich in seiner eigenen Essenz wahrnimmt, so ist das die eigentliche, wahre geistige Ruhe.

Kriterien für echte Geistige Ruhe

Bei der Meditation geistiger Ruhe ist wichtig, daß gleichzeitig auch Klarheit vorhanden ist, Lebendigkeit, starke Bewußtheit – etwas äußerst Klares und Präzises. Der Geist nimmt sich selbst wahr mit all den Bewegungen, die in ihm stattfinden, ohne irgendwelche Schleier oder Verdunkelungen.

Manchmal gibt es eine Erfahrung von innerer Ruhe, die sehr tief zu sein scheint, aber etwas neblig oder dumpf ist – vielleicht sogar mit der Tendenz, einzuschlafen. Das ist keine Klarheit und wirkliche innere Ruhe, sondern ein vernebelter, schläfriger Geisteszustand. Bei der wirklichen Erfahrung von geistiger Ruhe muß diese Lebendigkeit im Geist vorhanden sein, eine Erfahrung von Klarheit und präziser Bewußtheit verbunden mit einer Erfahrung von Offenheit oder weiten Raumes. Alle Begrenzungen des Geistes, die man vorher geschaffen hat, scheinen wegzufallen, wir machen eine Erfahrung, als würde der Geist allen Raum um uns herum beleben. Hierin ruhen sich Körper, Rede und Geist vollkommen aus.

Dies ist keine Erfahrung von etwas Leerem, vollkommen Kaltem, sondern in dieser Leerheit, diesem offenen Raum ist eine innere Wärme vorhanden, ein Wohlwollen, sowie Freude und Klarheit. Wärme und Offenheit sind zugleich vorhanden. In dieser Offenheit des Geistes können wir verschiedene Erfahrungen machen:

Zum einen ist da eine Wahrnehmung von Leerheit im eigenen Geist. Darüber hinaus macht man die Erfahrung, daß die Gedanken kommen und gehen, ohne daß Anhaftung oder Abneigung entstehen. Das wird Abwesenheit geistiger Bewegung genannt, das Freisein von inneren Diskussionen oder innerem Gerede.

Auf der Ebene des Körpers erlebt man Wohlgefühl. Man fühlt sich vollkommen ruhig und wohl und hat schließlich ein Gefühl, als wäre der Körper nicht mehr vorhanden. Es ist nur noch ein offener Geist da, der Glückseligkeit und Wärme erfährt. Der Körper wird nicht mehr als etwas Konkretes oder Greifbares wahrgenommen. Meistens hat man dann das Gefühl, sehr lange in dieser Erfahrung verweilen zu können.

Diese drei Erfahrungen – die Offenheit mit Wohlgefühl, die Klarheit des Geistes und die Abwesenheit geistiger Bewegung – sind die Erfahrungen tiefer geistiger Ruhe, die wir Samadhi nennen, tibetisch "Ting-nge-dsin". Ting-nge heißt tief und dsin heißt aufrecht erhalten: Der Geist erfährt seine eigene Natur und kann diesen Zustand tiefer Ruhe vollkommen aufrecht erhalten. Dabei ist keinerlei Unruhe im Geist und es stellt sich große Freude ein. Das ist das Ziel der Praxis geistiger Ruhe.

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