UNTERWEISUNGEN
Meditation
ist nicht Abwesenheit von Gedanken
Nun wollen
wir uns wieder der Meditation zuwenden, die uns diese Arbeit an
uns selbst ermöglicht. Doch was ist Meditation? Oft haben
wir die Vorstellung, daß Meditation die Abwesenheit von
Gedanken ist welch großer Irrtum! Wenn keine Gedanken
da wären, warum müßten wir denn dann überhaupt
meditieren? Wir meditieren gerade weil Gedanken da sind. Dieser
Tisch denkt nicht, deshalb muß er auch nicht meditieren.
Unser Geist
produziert ständig Bewegungen, die Gedanken genannt werden.
Gedanken zu haben ist ganz natürlich. Unser Problem ist nicht
die Anwesenheit von Gedanken, sondern daß wir an ihnen festhalten
und sie als angenehm und unangenehm bewerten wir unterteilen
sie in solche, die wir haben wollen und solche, die wir nicht
haben wollen. (Dies erzeugt Spannung in unserem Geist und setzt
eine ganze Kette von Leid erzeugenden Reaktionen in Gang.)
Meditation
bedeutet, die Bewegungen des Geistes nicht festzuhalten, nicht
nach Gedanken zu greifen und keine innere Diskussion zu pflegen.
Wenn ein Gedanke auftaucht, verfolgen wir ihn nicht mit einem
anderen, der den vorherigen analysiert und sagt: Dieser Gedanke
war jetzt aber gut oder nicht so gut, usw. Wir sollten einfach
das Spiel des Geistes geschehen lassen. Wir lassen die Gedanken
kommen und gehen, ohne sie zu ergreifen oder abzuweisen und ohne
nach Geschehnissen im Geist zu greifen.
Meditation
bedeutet nicht, Leerheit zu erzeugen
Mit Meditation
wird oft eine verkehrte Vorstellung von Leerheit verknüpft.
Meditierende denken dann zum Beispiel: Oh ja, alles ist leer
und projizieren in den Raum vor sich eine unendlich große
Leerheit, von der sie denken, daß sie alles ausfüllt.
Dann sitzen sie da und bewundern diese Leerheit, die sie geschaffen
haben. Diese künstliche Leerheit ist ein bloßes Konzept,
doch der Meditierende wendet viel Energie auf, um diese vermeintliche
Leerheit aufrecht zu erhalten und sie in seinem Erfahrungsfeld
weiter wirken zu lassen. Es begann zunächst mit Gedanken
über die Leerheit, dann wurde daraus eine unheimliche Anspannung,
dieses Leere wahrzunehmen und aufrecht zu erhalten. Das ist keine
Meditation, sondern zerstreuter, abgelenkter Geist.
Verkehrte
Haltungen bei der Meditation das Wechselspiel
von Körper und Geist
Wenn wir die
Tendenzen des Geistes nicht kennen, kann es passieren, daß
wir verkehrt an die Meditation herangehen. Dabei sind unsere geistigen
Tendenzen oft in unserer Körperhaltung zu sehen, denn der
Körper spiegelt wieder, was im Geist vor sich geht.
Wenn jemand
zum Beispiel die Schultern zurückzieht, den Kopf leicht senkt
und das Kinn einzieht, so sieht das aus, als ob er versuche, einen
Rahmen zu schaffen, um seinen Geist festzuhalten und keine Gedanken
aufkommen zu lassen, wobei er sehr angespannt ist. Das kommt vom
Verlangen nach meditativer Stabilität, welche mit Nichtanwesenheit
von Gedanken verwechselt wird. Der Meditierende sehnt sich hier
nach einem Geist frei von Gedanken .
Es gibt noch
eine andere extrem angespannte Haltung: Man versucht mit aller
Energie das, was man sich unter Meditation vorstellt, zu erzeugen,
indem man den Körper krampfhaft nach oben zieht. Es sieht
aus, als würden alle Energien nach oben gezogen und sich
unter der Schädeldecke sammeln. Auch die Augen sind nach
oben gerichtet, und es wird sehr schmerzhaft. Das Ganze sieht
nach jemandem aus, der unbedingt den idealen Zustand der Meditation
sucht.
Meditation
ist keine Arbeit an verschiedenen Punkten oder Farben blau,
rot, gelb, grün, kariert, gestreift und ähnliches. Meditation
bedeutet, den Geist in seinem natürlichen Zustand verweilen
zu lassen, ohne Zwang und Eingreifen, frei von Ablehnung und Anhaftung,
ohne nach bestimmten Gedanken zu greifen und andere zurückzustoßen.
Wenn wir diesen Zustand des Geistes erlangen, an nichts haften
und nichts ablehnen, dann wird unser Geist ganz natürlich
offen und spontan.
Unser Geist
ist mit dem Körper durch Energiekanäle verbunden, auf
denen die Energien sozusagen reiten. Wenn der Geist gespannt ist,
spannen sich auch die Kanäle im Körper. Dies funktioniert
auch umgekehrt: Wenn man die richtige Körperhaltung einnimmt,
hilft dies, die Energien und die Kanäle zu befreien und zu
lösen. Deswegen ist es sehr wichtig, einerseits eine offene,
bewegliche Haltung im Geist zu haben nichts festzuhalten,
wegzustoßen und zu erzwingen und andererseits die
richtige Körperhaltung einzunehmen, die solch eine Geisteshaltung
spiegelt und erleichtert. Dann können sich die Energiekanäle
wie Blumen öffnen, und die Energien können frei im Körper
zirkulieren, was wiederum den Geist befreit.
Wenn wir aber
unseren Geist anspannen und zwingen, werden die Kanäle ungünstig
beeinflußt: Die Energien zirkulieren nicht mehr frei und
unser Geist bekommt Probleme. Wir mögen uns ärgern,
es kommt Dumpfheit auf oder Wildheit, und verschiedenste körperliche
oder geistige Probleme können auftreten. Unsere Meditation
ist nicht mehr natürlich unser Geist kann seinen natürlichen
Zustand nicht finden.
Die Ketten
lösen
Der Geist
schafft sich selbst sein Gefängnis durch die Zwänge,
die er sich auferlegt, und durch die Wahl, die er trifft. Unser
Haften an Vorstellungen wirkt wie Ketten, die den freien und natürlichen
Zustand des Geistes einzwängen und gefangen nehmen. Diese
Zwänge, die der Geist sich selber schafft, erzeugen Spannungen,
und Spannungen führen zu Leiden. Wo keine Spannung ist, ist
auch kein Leid, und wo kein Leid ist, ist kein Samsara. Der Daseinskreislauf
ist befreit und Erleuchtung ist erlangt.
Dieser Zwang
oder diese Anspannung, die der Geist erzeugt, läßt
sich nicht von außen auflösen. Der Geist muß
sich von innen her befreien, was nur durch innere Öffnung,
inneres Loslassen möglich ist. Dadurch entsteht Raum. Wir
werden fähig, die Spannungen weiter loszulassen und die Natur
des Geistes zu finden.
Diese innere
Arbeit macht es möglich, das Anhaften an die Welt der Erscheinungen
durchzuschneiden. Bisher werden wir ständig von diesen vermeintlich
äußeren Phänomenen angezogen oder abgestoßen.
Sie üben eine Faszination auf uns aus und wir reagieren entweder
mit Anziehung oder Abneigung. Wenn wir die meditative Arbeit wie
beschrieben ausführen und uns von innen her öffnen und
loslassen, werden wir alle äußeren Phänomene als
Objekte des Geistes erkennen. Unser Anhaften wird schwinden. Wir
brauchen nicht mehr dieses oder jenes zu haben. Es handelt sich
dann bei allem, was wir wahrnehmen, einfach um Phänomene
im eigenen Geist, und wir sind dieses spontanen Spiels des Geistes
gewahr. Wir erkennen, wie alles vom Geist selber hervorgerufen
wird, und so können wir uns entspannen und den natürlichen
Zustand des Geistes wiederfinden.
Gibt es ohne
Faszination ein geistiges Objekt, an dem man haften könnte?
Gibt es ohne
Objekte der Anziehung oder Abneigung Leid oder Aufgewühltsein?
Ich sehe,
ihr seid alle schon ganz natürlich im Zustand der Meditation!
...und
Rinpotsche spricht weiter zu den meditierenden Zuhörern im
sommerlich heißen Zelt und gibt diese einem Vajra-Lied gleichenden
Unterweisungen über Wahre Geistige Ruhe :
Meditation
ist nur ein Prozeß des Loslassens:
Sehen, was
sich im Geist erhebt,
und es im
selben Moment wieder loslassen
nichts ergreifen,
nichts wegstoßen.
Als würden
wir uns von Kleidern befreien,
die den Körper
einzwängen
und ihn hindern,
sich frei zu bewegen,
befreien wir
uns von all den Schichten,
welche die
Freiheit des Geistes einschränken
und ihn zum
Gefangenen machen.
Wir sind der
Dinge gewahr, sehen sie,
und lassen
sie im selben Moment wieder los.
Dann ist keinerlei
Aufgewühltsein mehr im Geist.
Die Objekte
der Faszination, nach denen wir vorher griffen,
werden erkannt
als bloße Bewegungen des Geistes.
Der Geist
läuft ihnen nicht mehr hinterher
und ruht sich
endlich aus.
Das ist zunächst
das zur Ruhe Kommen des Geistes,
gefolgt von
dem Verweilen des Geistes in Klarheit:
Wenn wir in
allen Phänomenen
immer wieder
den Geist erkennen
und sehen,
daß alles, was sich erhebt,
einfach Geist
ist nicht materiell, nicht greifbar,
dann sieht
schließlich der Geist sich selbst.
Er sieht sich
in seiner wahren Natur,
in seiner
ursprünglichen Essenz,
worauf eine
große Entspannung erfolgt.
Der Geist
ruht sich aus
und sucht
nicht mehr nach irgend etwas,
sondern verweilt
in geistiger Ruhe.
So erkennt
der Geist sich selbst,
sieht sich
selbst durch sich selbst,
natürlich
ruhend in seiner eigenen Natur.
Geist nimmt
sich selbst wahr so, wie er ist:
kreativ und
leuchtend, die Quelle aller Manifestation,
und gleichzeitig
leer, nicht materiell.
Diese Vision
führt zur natürlichen Ruhe des Geistes,
tief und umfassend.
Dies ist wahre
Geistige Ruhe,
die natürliche
Stabilität eines Geistes,
der in seiner
eigenen Natur ruht.
Diese Instruktionen
führen uns einen Schritt weiter als die gewöhnliche
Praxis von geistiger Ruhe, wo man auf den Atem meditiert usw.,
was nur ein oberflächliches Beruhigen des bewegten Geistes
bewirkt. Wenn der Geist sich in seiner eigenen Essenz wahrnimmt,
so ist das die eigentliche, wahre geistige Ruhe.
Kriterien
für echte Geistige Ruhe
Bei der Meditation
geistiger Ruhe ist wichtig, daß gleichzeitig auch Klarheit
vorhanden ist, Lebendigkeit, starke Bewußtheit etwas
äußerst Klares und Präzises. Der Geist nimmt sich
selbst wahr mit all den Bewegungen, die in ihm stattfinden, ohne
irgendwelche Schleier oder Verdunkelungen.
Manchmal gibt
es eine Erfahrung von innerer Ruhe, die sehr tief zu sein scheint,
aber etwas neblig oder dumpf ist vielleicht sogar mit der
Tendenz, einzuschlafen. Das ist keine Klarheit und wirkliche innere
Ruhe, sondern ein vernebelter, schläfriger Geisteszustand.
Bei der wirklichen Erfahrung von geistiger Ruhe muß diese
Lebendigkeit im Geist vorhanden sein, eine Erfahrung von Klarheit
und präziser Bewußtheit verbunden mit einer Erfahrung
von Offenheit oder weiten Raumes. Alle Begrenzungen des
Geistes, die man vorher geschaffen hat, scheinen wegzufallen,
wir machen eine Erfahrung, als würde der Geist allen Raum
um uns herum beleben. Hierin ruhen sich Körper, Rede und
Geist vollkommen aus.
Dies ist keine
Erfahrung von etwas Leerem, vollkommen Kaltem, sondern in dieser
Leerheit, diesem offenen Raum ist eine innere Wärme vorhanden,
ein Wohlwollen, sowie Freude und Klarheit. Wärme und Offenheit
sind zugleich vorhanden. In dieser Offenheit des Geistes können
wir verschiedene Erfahrungen machen:
Zum einen
ist da eine Wahrnehmung von Leerheit im eigenen Geist.
Darüber hinaus macht man die Erfahrung, daß die Gedanken
kommen und gehen, ohne daß Anhaftung oder Abneigung entstehen.
Das wird Abwesenheit geistiger Bewegung genannt, das Freisein
von inneren Diskussionen oder innerem Gerede.
Auf der Ebene
des Körpers erlebt man Wohlgefühl. Man fühlt
sich vollkommen ruhig und wohl und hat schließlich ein Gefühl,
als wäre der Körper nicht mehr vorhanden. Es ist nur
noch ein offener Geist da, der Glückseligkeit und Wärme
erfährt. Der Körper wird nicht mehr als etwas Konkretes
oder Greifbares wahrgenommen. Meistens hat man dann das Gefühl,
sehr lange in dieser Erfahrung verweilen zu können.
Diese drei
Erfahrungen die Offenheit mit Wohlgefühl, die Klarheit
des Geistes und die Abwesenheit geistiger Bewegung sind
die Erfahrungen tiefer geistiger Ruhe, die wir Samadhi nennen,
tibetisch "Ting-nge-dsin". Ting-nge heißt tief
und dsin heißt aufrecht erhalten: Der Geist erfährt
seine eigene Natur und kann diesen Zustand tiefer Ruhe vollkommen
aufrecht erhalten. Dabei ist keinerlei Unruhe im Geist und es
stellt sich große Freude ein. Das ist das Ziel der Praxis
geistiger Ruhe.