UNTERWEISUNGEN
Rinpotsche
meint, es gäbe wirklich nichts mehr zu sagen. Er habe ja
bereits erklärt, daß der Geist vollkommen offen ist
und die Dinge, sobald sie auftauchen auch gleich wieder verschwinden.Deswegen
wird er bei der Belehrung heute einfach den momentanen Eingebungen
seines Geist folgen.
Im Dharma
geht es darum, sich von den gewöhnlichen Tendenzen des Geistes
zu befreien, die uns seit anfangsloser Zeit bestimmen. Wir neigen
dazu, uns stets auf eine ganz bestimmte Art zu verhalten, geprägt
von unseren gewohnheitsmäßigen Mustern, die der einzige
Bezugspunkt sind, den wir haben. Es ist notwendig, sich von diesen
Gewohnheiten frei zu machen und eine neue Art des Handelns und
Denkens zu finden.
Sich von
Faszination freimachen ...
Für gewöhnlich
sind wir von den Objekten und Phänomenen dieser Welt völlig
fasziniert. Wir halten sie für wunderbar und versprechen
uns von ihnen Glück und Freude. Diese Faszination motiviert
unsere Handlungen. Aufgrund ihrer sind wir ständig in Bewegung,
was uns hindert, die wirkliche Natur unseres Geistes zu erkennen.
Deswegen ist es zunächst einmal notwendig, die Welt anzuschauen
wie sie ist, ohne in Faszination zu fallen. Wenn wir die Welt
anschauen, wie sie ist, erkennen wir, wie unwirklich sie ist.
Sie ist wie ein Traum, vollkommen leer von jeglicher Essenz. Alle
Dinge, alle Erscheinungen, sind vergänglich, sie sind nichts
als eine Bewegung des Geistes. Nichts von all dem, was wir in
der Welt finden, kann uns wirkliches, dauerhaftes Glück geben.
So ist also der erste Schritt, daß wir eine direkte, zutreffendere
Wahrnehmung der Welt bekommen, so wie sie ist, damit sich die
Faszination, die wir normalerweise erfahren, auflöst.
...
und sich der wahren Qualitäten bewußt werden
Als zweites
ist es notwendig, der Vorzüge der Erleuchtung gewahr zu werden,
d.h. zu erkennen, daß es dauerhaftes Glück bedeutet,
erleuchtet zu sein, stabiles Glück – nicht nur für uns,
sondern für alle Wesen. Wir sollten der Qualitäten von
Buddha, Dharma und Sangha tiefer gewahr werden und uns ganz der
Erleuchtung zuwenden, indem wir uns vollkommen öffnen, ohne
Egoismus und Faszination, ohne uns von den gewohnheitsmäßigen
Tendenzen unseres Geistes beeinflussen zu lassen. Wir müssen
uns bewußt werden, wie groß der Segen der Drei Juwelen
ist. Wenn wir so praktizieren, dann haben wir eine Dharmapraxis
ohne Risiko.
Es ist nicht
leicht, sich von diesen Tendenzen freizumachen. Seit anfangsloser
Zeit funktionieren wir auf eine bestimmte Weise, haben eine bestimmte
Sichtweise der Welt. Das ist tief in uns verankert und so ist
es nicht einfach, sich davon frei zu machen. Daher ist es wichtig,
gründlich zu studieren, zu kontemplieren und zu meditieren,
damit wir begreifen, worum es wirklich geht.
Dharma
ist nicht mit dem Willen zu verwirklichen
In der normalen
Welt gebrauchen wir den Willen, um uns zu behaupten, unser Leben
zu regeln, eine Position zu erreichen und ähnliches. Diese
Willensenergie ist egoistisch motiviert, und wir denken, den Dharma
auf gleiche Weise angehen zu können.
Dharmapraxis
bedeutet, sich vollständig zu öffnen,
sich aufzugeben
und loszulassen,
sich vollkommen
der Erleuchtung und dem Segen der drei Juwelen zuzuwenden.
Diese Öffnung
finden wir in der Meditation.
Wenn wir mit
der richtigen Einstellung dem Weg zur Erleuchtung folgen, haben
wir keine Schwierigkeiten. Wir werden ganz natürlich voranschreiten
und keine Hindernisse erfahren – das ist das Ideal. Die meisten
begegnen jedoch Schwierigkeiten auf ihrem Weg.
Die
beiden Hauptschwierigkeiten auf dem Weg sind:
Zähes
Festhalten an der Welt und mangelndes Vertrauen
Woher kommen
Schwierigkeiten? Ein Hauptgrund für unsere Schwierigkeiten
ist unsere Unfähigkeit, die Faszination loszulassen, welche
die Welt auf unseren Geist ausübt. Wir haben zwar den Wunsch,
auf die Erleuchtung zuzugehen, empfinden aber die Welt immer noch
als anziehend. Wir möchten die kleinen Dinge der Welt noch
behalten und klammern uns an dieses oder jenes. Unser Ego trifft
Unterscheidungen und sagt: Dieses könnte noch nützlich
sein auf dem Weg, oder sogar: Jenes ist bestimmt sehr nützlich
für die Erleuchtung, usw. Aufgrund von Unwissenheit halten
wir diese Verbindung mit der Welt aufrecht und reden uns irgendwelche
Gründe ein, warum das sinnvoll sein soll, und das schafft
immer mehr Anhaftung an diese Welt.
Unser Problem
ist, daß wir nicht klar genug sehen, wie die Welt eigentlich
ist. Deswegen suchen wir uns dieses oder jenes aus, was wir noch
gut finden und unbedingt behalten wollen. Das ist eine subtile
Art von Anhaftung oder von Greifen nach den Dingen. Selbst wenn
man eine gute Motivation hat, kann diese Tendenz noch sehr stark
sein. Diese Anhaftung, die wir ständig nähren, schließt
uns vollkommen ein und nimmt uns gefangen. Das ist es, was uns
hindert, auf dem Weg schnell voranzukommen.
Wir sind wie
ein Ballon, der sich nicht in die Lüfte erheben kann, weil
er zu schwer beladen ist. Daran müssen wir arbeiten. Es ist
sehr wichtig, daß wir diese kleinen Anhaftungen, die wir
ständig nähren, wirklich loslassen. Es gibt eigentlich
gar nichts Bestimmtes dabei zu tun. Das einzige, was zu tun ist,
ist loszulassen. Das ist der Weg.
Unser zweites
Haupthindernis auf dem Weg ist mangelndes Vertrauen. Wir haben
kein vollkommenes Vertrauen in die Qualitäten der Erleuchtung
und der Drei Juwelen.
Wir haben
also zwei Störfaktoren: einerseits die kleinen Verbindungen,
die wir weiterhin mit der Welt aufrecht halten und manchmal sogar
wesentlich interessanter finden, als die Erleuchtung, und andererseits
unseren Mangel an Vertrauen. Von beiden sollten wir uns befreien,
sonst werden wir ständig zwischen zwei Kräften hin und
her gezogen und erleben dies als starke, widerstrebende Kräfte
in uns.
Zum einen
gibt es eine starke Kraft in uns, die uns auf die Erleuchtung
zutreibt. Sie ist Ausdruck unseres starken Wunsches nach Erleuchtung.
Zum anderen ist da diese eher konservative, auf Angst beruhende
Kraft, die uns unser Haften an der Welt aufrecht erhalten läßt
– womit wir natürlich auch ständig die Illusion dieser
Welt aufrecht erhalten (d.h. unser Gefangensein in dieser für
wirklich gehaltenen, aber tatsächlich einem Traum gleichenden
Welt).
Die reaktionäre
Kraft unserer Gewohnheiten läßt uns immer wieder einen
Schritt zurück machen, wodurch wir ständig zwischen
zwei Bestrebungen hin und her gezogen werden, fast so, als würde
unser Geist auseinander gerissen. Wir sollten uns wirklich bemühen,
die noch vorhandene Anhaftung an die Welt zu lösen und die
Kraft des Vertrauens, die uns auf die Erleuchtung zubewegt, hervorkommen
zu lassen. Dann wird der Weg vollkommen natürlich. Das ist
der Weg. Loslassen und Vertrauen sind die Essenz des Weges!