UNTERWEISUNGEN
Verbeugungen:
Stolz auflösen
Wenn
wir dem Dharma zum ersten Mal begegnen, mögen wir überrascht
sein, daß die Praktizierenden so viele Verbeugungen machen.
Sie machen hunderte, tausende, ja hunderttausende von Niederwerfungen
zu den drei Juwelen. Dann fragen wir uns womöglich, ob der
Buddha das vielleicht gut findet, ob er auf seinem Thron im Altar
sitzt, uns zuschaut und sich darüber freut, daß wir
ihm so viel Respekt entgegenbringen? Doch Verbeugungen machen
wir weder um ihm noch um uns zu versichern, was für eine
Hingabe wir haben. Buddhas entwickeln auch keinen Stolz dadurch.
Der Sinn von Verbeugungen ist, neue Gewohnheiten in unserem Geist
zu schaffen. Vielleicht denken wir: "Aber warum muß man
das ständig wiederholen? Einmal würde doch auch reichen."
Doch
da wir seit anfangsloser Zeit mit jedem Moment die Tendenzen genährt
haben, stolz und egozentrisch zu sein, sind unsere ichbezogenen
Gewohnheiten tief in unseren Geist eingeprägt so als hätten
wir jeden Moment, wo wir diesen Tendenzen gefolgt sind, eine Niederwerfung
in Richtung des Egos gemacht. Dies läßt sich mit nur
einer Verbeugung nicht völlig reinigen, sondern es braucht
sehr viele Niederwerfungen, um diese tiefen Gewohnheiten der Ichbezogenheit
aufzulösen.
Das
Ziel der Niederwerfungen ist also einerseits, sich von diesem
Stolz zu befreien, der den Geist vereinnahmt. Zum anderen geht
es darum, die Schleier aufzulösen, die unter dem Einfluß
dieses Stolzes durch negative Handlungen des Körpers entstanden
sind. Das sind all die Handlungen, die wir ständig ausführten,
um dieses vermeintliche Ich zu verteidigen und intakt zu halten.
Diese Schleier lasten wie ein Gewicht auf unserem Geist und hindern
ihn, seine wahre Natur zu erkennen und zur Erleuchtung zu finden.
Verbeugungen
sind etwas wirklich Zentrales in der Arbeit gegen unsere Ichbezogenheit,
und da diese Arbeit eine gewisse Zeit braucht, ist es notwendig,
immer wieder Verbeugungen zu machen, unzählige Male, immer
wieder von neuem. Nur so können wir unsere gewohnten, ichbezogenen
Tendenzen auflösen und Hinwendung zu anderen entwickeln
als neue altruistische Tendenz, welche sich um die Befreiung aller
Wesen kümmert.
Opfergaben:
Habgier auflösen
Auch
sind wir anfangs erstaunt, wieviel Opferungen in Dharmazentren
gemacht werden: die großen Mengen von Nahrung, Räucherwerk
und Blumen bei Festopfern, die vielen Wasserschälchen, die
enormen finanziellen Mittel, die gegeben werden, um zum Beispiel
Stupas und Meditationsräume zu bauen, all die kostbaren Dinge.
Da mögen wir uns auch wieder fragen, ob so viel geopfert
wird, um den Buddha zufrieden zu stellen?
Doch
der Buddha braucht kein Geld, er hat auch kein Spendenkonto. Er
braucht nichts zu essen oder zu trinken. Er ist nicht arm und
hat kein Problem, sich versorgen zu können. Bei Opferungen
geht es wie bei Verbeugungen um das Auflösen der ichbezogenen
Tendenzen unseres Geistes. Da wir dazu neigen, immer alles auf
uns selbst zu beziehen und Gutes für uns selbst zu behalten,
üben wir durch Opferungen das Geben. In unserer großen
Anhaftung wollen wir stets das Ego befriedigen oder schützen.
Was immer angenehm und schön ist, oder einen glücklich
machen könnte, möchten wir für uns haben. Das war
eigentlich immer unser einziges Anliegen und hat dazu geführt,
daß wir jetzt, zusammen mit allen anderen Wesen, Leid erfahren.
Wenn
wir uns von dieser Neigung befreien wollen, können wir als
Gegenmittel Freigebigkeit üben. Durch das Teilen mit anderen
arbeiten wir gegen Habgier, Neid, Geiz usw. Für das Darbringen
von Opfergaben ist ein Altar eine sehr gute Hilfe, oder auch ein
Stupa. Solche Orte helfen uns, die innere Transformation stattfinden
zu lassen und ichbezogene Neigungen aufzugeben. Wir schaffen solche
Orte, um Freigebigkeit zu üben. Diese ist ihrerseits wieder
ein Ausdruck von Vertrauen, denn in dem Moment, wo wir etwas darbringen,
erkennen wir an, daß die Erleuchtung etwas Großes
und Wunderbares ist wir haben Vertrauen in sie. So kann uns
Freigebigkeit von unserer Ichbezogenheit befreien. Es kommt nur
darauf an, mit welcher Motivation wir dabei handeln auf richtige
Weise geübt, ist das Geben sehr nützlich für unsere
innere Umwandlung.
Opferungen
zu machen, ist nicht nur einfach eine Handlung, sagt Rinpotsche,
sondern eine Art zu leben genauso wie Egoismus und Geiz eine
Art zu leben sind. Alle Handlungen werden von dieser Einstellung
inspiriert. Wer viel Geiz in sich hat, will ständig mehr
haben und wird entsprechende Handlungen ausführen. Zudem
hat er ständig Angst, etwas zu verlieren. Wer im Sinne der
Opferung lebt, möchte immer etwas geben. Dies wird zu einer
Art zu leben, die alle Aspekte unserer Existenz einschließen
kann, denn Opferungen sind ja nicht beschränkt auf die traditionellen
Opfergaben. Wir können alles als Opferung betrachten und
ständig opfern. Das ist eine völlig neue Sichtweise.
Es
gibt nicht nur materielle, sondern auch geistige Opferungen. Bei
geistigen Opferungen können wir alles darbringen ob es
uns gehört, oder jemand anderem, oder allen Wesen, oder niemandem.
Wir sind dabei vollkommen frei und können unbeschränkt
schöpferisch sein, denn im Geiste können wir alles opfern,
egal, wem es gehört.
Dem
Buddha eine Blume darbringen: ein Universum opfern
Wenn
wir dem Buddha eine Blume opfern, vielleicht vor einem Altar,
dann denken wir vielleicht: Na ja, ich hab ihm jetzt eine Blume
geschenkt. Aber was ist das schon?" Doch das Wichtige dabei
ist gar nicht die materielle Gabe, sondern der Geist, der diese
Opferung begleitet. Mit dem Geist können wir unendliche Opferungen
hervorbringen. Sie sind keineswegs begrenzt, genausowenig wie
unser Geist begrenzt ist. Wir können diese Blume im Geiste
vervielfältigen und das ganze Universum mit Hunderten, Tausenden,
ja Hunderttausenden und Millionen von Blumen anfüllen. Das
Universum hat keine Grenzen, und wir können es völlig
mit Blumen füllen, die wir der Erleuchtung opfern. So wird
diese Handlung der Freigebigkeit wahrhaft riesig, sie wird unendlich
groß.
Wenn
wir Freigebigkeit so zu unserem Leben machen, werden wir keinen
Geiz mehr kennen. Wir brauchen nichts mehr zurückzuhalten,
wir haben vollkommene Freiheit. Materielle Opferungen sind dann
einfach eine Unterstützung für die unendlichen geistigen
Opferungen, die wir ständig machen. So können wir alles
Schöne und Angenehme opfern, das wir sehen: schöne Häuser,
Autos und dergleichen. Wir können diese äußeren
Dinge als Unterstützung für unsere geistigen Opferungen
nutzen.
Bislang
wollten wir die Dinge, die wir sahen, unbedingt für uns selber
haben sie waren Objekte unserer Anhaftung, Eifersucht und Gier,
doch jetzt werden sie die Objekte unserer Freigebigkeit, die wir
der Erleuchtung darbringen. Wir können auch Dinge darbringen,
die niemandem gehören, wie die Berge oder die Luft, die Elemente,
die Sterne, Sonne oder Mond. All dieses können wir opfern,
das ganze wunderbare Universum kann zu einer großen Opferung
werden. Dies hilft, unsere Ichbezogenheit aufzugeben, Altruismus
zu entwickeln und Erleuchtung anzustreben.
Einen
Altar als Stütze nutzen für das Entwickeln von positiver
Kraft (Verdiensten)
Wir
können uns einen Altar einrichten, um das Streben nach Erleuchtung
in uns zu fördern. Ein Altar ist eine Unterstützung
für unsere Wünsche und für das Ansammeln positiver
Handlungen, er ist ein Ort, an dem wir Freigebigkeit entwickeln
und unsere altruistischen Wünsche aussprechen können.
Er wird uns dabei helfen, die positive Energie zu entwickeln,
die zur Erleuchtung führt. Diese positive Kraft wird spirituelles
Verdienst genannt. Spirituelle Verdienste entstehen aus positiven
Handlungen, die unsere Ichbezogenheit auflösen und Altruismus
fördern.
Es
ist sehr hilfreich, wenn wir unseren Tag mit Handlungen der Freigebigkeit
beginnen und so bereits morgens unseren Geist auf Freigebigkeit
einstellen, auf das Teilen mit anderen. Ein Altar hilft uns, unseren
Geist auf die Erleuchtung auszurichten. Wir können auf dem
Altar Repräsentationen von Körper, Rede und Geist der
Erleuchtung aufstellen, z.B. Statuen oder Fotos. Dann können
wir die traditionellen Opferungen anordnen, Wasser und Weihrauch,
parfümiertes Wasser usw. Dafür gibt es ausführliche
Erklärungen. Dann stellt man sich vor, daß man dies
alles der Erleuchtung opfert.
Wir
können dazu auch ein kurzes Gebet aus dem Text der Vorbereitenden
Übungen rezitieren, die Mandalaopferung. Dieses Gebet
ist relativ kurz und wird von einer symbolischen Geste (Mudra)
begleitet, die ausdrückt, daß wir nicht nur einige
Opferschalen, Blumen oder ähnliches darbringen, sondern das
ganze Universum. Wir stellen uns dabei vor, daß wir allen
Reichtum der Welt der Erleuchtung opfern. So beginnen wir den
Tag mit Freigebigkeit, und das hilft uns, den Tag über die
richtige Einstellung zu wahren, vorausgesetzt, daß wir achtsam
sind. Wird der Tag so begonnen, sind auch die folgenden Handlungen
von der selben Motivation begleitet.
Nach
diesen Opferungen können wir das Zufluchtsgebet rezitieren,
den Erleuchtungsgeist hervorrufen und Wunschgebete sprechen
dem sind keine Grenzen gesetzt. Das sind Mittel, um eine altruistische
Haltung in unserem Geist zu wecken. Sie helfen uns, die notwendige
positive Energie zu entwickeln, welche die treibende Kraft auf
unserem Weg zur Erleuchtung ist. Wenn wir auf diese Weise praktizieren,
wird die innewohnende Weisheit hervorkommen.