UNTERWEISUNGEN

Einführung und allgemeine Erklärung der Emotionen

Zu Beginn der Unterweisungen entwickeln wir zunächst die Geisteshaltung, nicht nur nach persönlichem Glück und Befreiung zu streben, sondern durch Dharmapraxis die Befreiung und Erleuchtung aller Wesen bewirken zu wollen.

In diesem ersten Erklärungszyklus zu den Emotionen werden wir uns mit den Mechanismen einer jeden der wichtigsten Emotionen befassen und versuchen, sie zu verstehen. Anschließend sprechen wir in den Arbeitsgruppen nachmittags darüber, wie die Dharmapraxis uns helfen kann, aus den Emotionen herauszufinden.

Was verstehen wir unter Erleuchtung?

Warum praktizieren wir den Dharma? Als Antwort hören wir für gewöhnlich: um zur Erleuchtung zu gelangen. Aber was ist Erleuchtung oder Buddhaschaft? Ein Buddha ist jemand, der alle Schleier gereinigt und alle Qualitäten entwickelt hat. Buddha auf Tibetisch heißt Sangyä, was bedeutet, alle Schleier, die emotionalen wie auch alle anderen, gereinigt zu haben und zugleich alle dem Geist innewohnenden Qualitäten freigelegt zu haben. Wenn wir in dieser Definition von Schleiern oder Unreinheiten sprechen, die unseren Geist verdunkeln, so sprechen wir bereits von Emotionen. Das Freisein von emotionaler Verdunkelung ist also bereits Teil der Definition des Zieles unseres Weges. Um zur Buddhaschaft zu gelangen und uns von aller Verblendung zu befreien, müssen wir die wahre, reine Natur aller Emotionen verwirklichen.

Definition des Begriffes „Emotion"

Wenn wir von Schleiern sprechen, so ist damit alles gemeint, was Verwirrung bewirkt. Emotionen sind im Buddhismus geistige Regungen, die den Geist verschleiern und somit Erleuchtung verhindern. Die Definition von Emotionen, die wir während dieses Kurses benutzen werden, schließt also andere Gefühlsregungen wie Freude, Liebe, Mitgefühl und dergleichen nicht ein, denn diese sind Hilfen auf dem Weg zur Erleuchtung und beim Bewirken des Wohles aller Wesen. Im Dharmakontext bezieht sich der Begriff Emotionen auf all die verwirrten Geisteszustände, die aus dem dualistischen Haften, der Wurzel aller Emotionen, entstehen. Der Begriff umschließt alles, was den Geist verdunkelt oder aufwühlt und so verhindert, die Wirklichkeit erkennen zu können.

Emotion heißt auf Tibetisch Nyön-mong. Nyön steht für Verwirrung, und Mong steht für das, was den Geist schwer macht und verschleiert. Zudem bedeutet das lateinische Wort Emotion so viel wie: in Bewegung sein oder in Bewegung setzen. Eine Emotion ist demnach also etwas, das Bewegung mit sich bringt. Dies entspricht der Sichtweise des Dharma: Emotionen werden hier als geistige Bewegungen betrachtet, die in einer weiteren Bewegung vom Ichanhaften ergriffen, bewertet und als wichtig eingestuft werden. An die ursprüngliche geistige Bewegung heften sich Bewertungen, Hoffnungen und Befürchtungen, die diese Anfangsbewegung am Abebben hindern und aus ihr eine emotionale Welle machen. Es gibt keine Emotion, die nicht aus solchen geistigen Bewegungen bestehen würde. Wir können Emotionen im Dharmakontext also definieren als „geistige Bewegungen, die das Bewusstsein verschleiern und Leid erzeugen".

Die Wurzel der Emotionen: dualistisches Haften

Wenn wir in den Geist schauen, so finden wir viele Emotionen. Wie viele gibt es da wohl? Viele, und keine ist genau gleich wie die andere. Wenn wir nach der Wurzel der Emotionen schauen, so lassen sich alle Emotionen auf das Ichanhaften zurückführen oder, anders ausgedrückt: die dualistische Auftrennung in Ich hier und das andere, das Objekt meiner Emotion dort. Ich, der ich will oder nicht will – das ist die Quelle aller Emotionen. Wir könnten also von nur einer einzigen Emotion sprechen, mit der wir es auf dem Weg zur Erleuchtung zu tun haben: dem Ichanhaften. Diese allem zugrundeliegende Emotion wird auch Unwissenheit genannt.

Könnte es auch Emotionen ohne Dualität geben? Nein, für eine Emotion braucht es das Gefühl eines Ichs und etwas, das als von mir getrennt erlebt wird. In meiner Emotion fixiere ich mich auf etwas als Objekt meiner Begierde, meiner Wut, meiner Eifersucht usw. Das Ich setzt sich mit verschiedenen Objekten in Beziehung und je nach Art dieser Beziehung des Anhaftens und Ablehnens entsteht die typische Emotion.

Für uns ist es für gewöhnlich völlig normal, in der Dualität zu sein. Wir haben vermutlich noch nie etwas an der Dualität auszusetzen gehabt. Es erscheint uns ganz normal, einen Beobachter im Geist zu haben, der alles überwacht und beurteilt. Das ist Teil unseres Lebens. Wieso sagt der Lama jetzt, das wäre ein Problem? Nun, das Problem besteht darin, dass die Dualität die Quelle der Spannungen in unserem Geist ist und damit die Quelle allen Leides. Sonst gäbe es kein Problem.

Diese Grundspannung ist immer gleich: Ich und meine Gedanken, Ich und was ich haben kann oder was ich nicht bekommen kann, Ich, der ich nicht einfach so sein kann, ohne zu benennen und zu bewerten. Diesen Spannungszustand (auch wenn er uns gering und vielleicht sogar angenehm erscheint) nennen wir Samsara, den Kreislauf des Leidens.

Das Wesen Samsaras

Samsara steht für den dualistischen Seinszustand. Und Buddhaschaft, Erleuchtung, Nirwana steht für die Befreiung von dieser Dualität, wo es keinerlei Anspannung mehr gibt, die Dimension der Einfachheit und völligen Öffnung, in der es keine Trennung mehr zwischen Ich und anderen gibt. Wenn wir uns dieses dualistische Samsara anschauen, bemerken wir sofort das viele Leid, die unangenehmen Erfahrungen. Und selbst in den angenehmen Erfahrungen, im Glück, in der Freude, gibt es ständig diesen kleinen Beobachter, der bewertet, kontrolliert und bereits Angst hat, dass das Glück zu Ende geht, und die Hoffnung, es vielleicht doch noch ausdehnen oder zumindest wiederholen zu können.

Aufgrund dieser Spannung, dem mangelnden Loslassen in unserem Geist, gibt es nie vollständige Freude, völliges, entspanntes Glück. Stets schleicht sich die Befürchtung ein, dass es bald vorbei ist und etwas kommt, das unser Glück zerstört. Aus diesem Grund werden auch diese Erfahrungen von Genuss, Freude und Öffnung „Leid" genannt, einfach, weil stets eine Grundspannung vorhanden ist. Ihr freudiger Charakter sei keineswegs geleugnet, doch sind sie auf subtile Weise noch mit Anhaften vermischt – und wo Anhaften ist, ist keine Befreiung.

Wie finden wir nun aus unserem Sein voller Anhaftung und Abneigung heraus in das Sein der Befreiung, Offenheit und allumfassender Liebe ohne Grenzen? Das ist zugegebenermaßen die Arbeit eines ganzen Lebens, oder mehrerer, und wird sich nicht in sieben Tagen einstellen. Wir haben mit dieser Arbeit bereits begonnen, machen jetzt weiter und fahren auch nach dem Kurs damit fort. Hier geht es darum, die uns zur Verfügung stehenden Werkzeuge besser nutzen zu lernen. Wir werden die Emotionen besser verstehen lernen, um nicht unsere Zeit und unser Potential zu vergeuden, sondern unsern Geist auf geschickteste Weise zu nutzen und jeden Tag, jeden Moment unseres Lebens für diesen Weg zu nutzen. Je besser wir den Geist und die Methoden kennen, desto leichter ist der Weg zu Erleuchtung.

Gendün RinpotscheFrage: Sich Samsara so anzuschauen, ist doch ziemlich deprimierend, oder?

Wenn uns auffällt, wie die gewöhnlichen Anhaftungen zu Leid führen, stellt sich ein Loslassen ein, eine natürliche Entsagung, welche die Quelle von wahrem Glück ist, denn wir finden darin größere Freiheit und Öffnung. Samsara zu sehen ist also nicht unbedingt Anlass zur Depression, sondern kann uns helfen, Räume der Entspannung und der Öffnung zu finden. Ein Dharmapraktizierender, der des Leides bewusst ist, wird die Mittel finden, sich davon zu lösen, und wird eine andere Richtung einschlagen, wo er wahres Glück finden kann, dass nicht von äußeren Bedingungen abhängig ist.

Gendün Rinpotsche erklärte, dass wir, um zu dieser völligen Freiheit von Leid zu gelangen, zunächst unseren schlechten Traum in einen guten verwandeln müssen. Dann erst werden wir zur Wirklichkeit erwachen können. Zunächst müssen wir eine positive Sicht der Dinge entwickeln, auch wenn das noch dualistisch ist. Diese positive Grundhaltung ermöglicht uns, die Natur unserer Erfahrungen zu erkennen. Wir würden es nicht schaffen, aus einem Alptraum in die Erleuchtung zu springen. Zunächst wird der Alptraum durch positives Handeln in einen etwas entspannteren Traum verwandelt und dann können wir die Natur der Dinge betrachten und aufwachen.