UNTERWEISUNGEN

Die ausführliche Erklärung der einzelnen Emotionen

Lama Guendune RinpocheDie wütende Depression

Ich ziehe mich zurück und sage: „Sollen die ruhig machen! Die verstehen es ja doch nicht. Sollen sie ruhig leiden, mir geht es auch schlecht genug. Ich konzentriere mich jetzt nur auf mich, mir kann keiner mehr was wollen, sollen sie mich ruhig fragen, ich antworte nicht mehr."

Das ist ein Zustand der wütenden Depression. Einer von vielen. Ihr wisst vielleicht, dass die Heilung von Depressionen oft über wütende Phasen mit Wutausbrüchen geht. Wutausbrüche sind das Zeichen, dass in einer Depression endlich wieder etwas in Bewegung kommt, dass ich jetzt wieder etwas ausdrücke, was ich zuvor unterdrückt habe, weil es keinen Platz mehr hatte, weil ich es nicht zugelassen habe. Und so kommt logischerweise, sobald ich entspanne und mich öffne, erst einmal diese Wut hervor. Dieser Wut muss eine positive, konstruktive Richtung gegeben werden durch konstruktives Handeln und Sprechen. Wir müssen eine neue, angemessenere Sichtweise der Welt entwickeln und ein angemesseneres Umgehen mit Schwierigkeiten.

Wir haben es bei Wut mit einem Spannungszustand zu tun. Das ist offensichtlich. Wir können nicht zornig sein, ohne unter Spannung zu stehen. Und wo Spannung ist, ist Leid. Anspannung des Geistes ist immer Leid. In dieser Anspannung sind wir wie eine gespannte Saite, die – kaum dass man sie antippt – starke Schwingungen von sich gibt. Wir brauchen jemanden, der unter ärgerlicher Anspannung steht, nur mit einer kleinen Provokation zu konfrontieren und, aufgepasst!, schon geht’s los. Wer die empfindlichen Punkte von jemandem unter Anspannung berührt, muss mit einer heftigen Reaktion rechnen.

Die gleichen Mechanismen, wie eben beschrieben, wirken auch in Familien, in größeren Gruppen, bis hin zu Völkern. Ganze Nationen können in solche Spannungszustände geraten, dass eine kleine Provokation genügt, um einen Krieg auszulösen. Ganze Nationen können in dem Bewusstsein leben: „Wir wissen, wie die Welt zu sein hat und was richtig und was falsch ist. Wehe, wenn jemand nicht das tut, was wir für richtig halten, wir werden es ihm sofort zeigen!" Es ist die Selbstgerechtigkeit des Wütenden, der nicht das in der Welt haben will, was halt immer in der Welt ist. Wenn ein Volk überzeugt davon ist, Recht zu haben, und wenn dann eine kleine Provokation zur großen Beleidigung hochgespielt wird, gibt es Krieg. Die Konflikte zwischen Nationen entstehen aufgrund von Mechanismen, die sich in einem Volk genauso abspielen wie in unserer eigenen Psyche. Wir können alles, was wir in unserer eigenen Psyche erleben und erfahren, auch auf Gruppen übertragen, denn Gruppen verhalten sich wie Individuen, nur dass es viele Individuen zusammen sind und dass es zu vielen Wechselwirkungen innerhalb der Gruppe kommt. Aber Gruppen lassen sich ähnlich manipulieren wie Einzelne, in mancher Hinsicht leider noch leichter.

Versteckte Wut

Übrigens ist Ärger nicht so eine einfache Emotion, wie wir sie jetzt gerade darstellen. Es ist nicht immer diese eindeutige „Ich will das nicht und mach es kaputt". Meist geht es sehr viel komplizierter zu, denn es gibt kaum einen Ärger, der nicht von Schuldgefühlen begleitet ist. Wir wissen alle genau, dass irgend etwas auch mit uns nicht stimmt, wenn wir zornig werden. Wir spüren, dass wir im Grunde nicht mehr klar denken und nicht mehr sinnvoll handeln. Dieses Gefühl versuchen wir durch jede Menge Argumente wegzudrücken. Wir werden uns Gründe einreden, warum wir genauso handeln und genauso sein mussten. Wir versuchen, das Schuldgefühl zu überdecken. Wenn wir ein stark ausgeprägtes Gefühl haben, dass dieser Ärger eigentlich zu weit geht und nicht sein sollte, so werden wir schuldbewusst versuchen, den Ärger abzubiegen, ihn einzuwickeln und zu verstecken. Er mag dann eine ganz andere Form bekommen. Das kann so weit gehen, dass wir unserem Ärger die Form von mitfühlender Hilfe geben: Eigentlich wollen wir den anderen nur anders haben als er ist. Wir möchten, dass er uns nicht mehr belästigt. Äußerlich bieten wir ihm aber, eingewickelt in schöne Seidentücher, unsere Hilfe an – ein verkapptes Manipulieren.

Nehmen wie ein Beispiel: Jemand kommt zu uns und erzählt, wie schlecht es ihm geht und dass er kurz vor einem Zusammenbruch steht. Er ist noch nicht durchgedreht, es ist keine gravierende psychische Erkrankung, er bräuchte eigentlich nur jemanden, der zuhört. Aber er geht uns so dermaßen auf den Nerv, dass wir ihm freundlich die Hilfe anbieten: Er wird ins Auto gepackt, ich fahre ihn ins Krankenhaus und gebe ihn dort ab mit dem wohlmeinenden Hinweis „vermutlich eine Psychose" und damit hab ich meine Ruhe. Wohlmeinend und sehr liebevoll setzen wir ihn in der Psychiatrie ab und wir sind das Problem los. Das passiert immer häufiger, speziell bei alten Menschen. Abschieben, statt uns die Zeit zu nehmen, auf den Menschen tiefer einzugehen.

Das bedeutet keineswegs, dass wir jemanden nicht ins Krankenhaus bringen sollten. Hier geht es darum zu schauen, was uns wirklich motiviert: ob wir aus Abneigung handeln und jemanden loswerden wollen, weil er im falschen Moment auftaucht, wo wir gerade mit anderem beschäftigt sind. Solch ein Moment der Abneigung, des Nicht-Akzeptieren-Wollens von dem, was sich gerade ereignet, kann zum Auslöser einer als liebevoll getarnten, aber im Grunde aggressiven Handlungskette werden.

Unser Territorium zu verteidigen ist die ganze Logik hinter solch einem Verhalten. Wir identifizieren uns mit dem, was wir sind, tun, haben, denken und für gut halten. Und wenn das angegriffen und in Frage gestellt wird, bekommen wir Angst, verteidigen uns und schlagen zurück. Innerhalb unserer Persönlichkeitsstruktur gibt es Dinge und Personen, mit denen wir uns weniger identifizieren, und Bereiche, mit denen wir uns sehr stark identifizieren – und von der Stärke unserer Identifikation hängt ab, wie stark wir auf eine Bedrohung reagieren, wie heftig unsere Verteidigungs-, Schreck- oder Panikreaktion sein wird.

Angst, die Quelle der Wut

Hinter der Wut steckt eigentlich immer die Angst, dass uns etwas genommen wird, dass etwas zerstört wird und unsere Identifikation in Gefahr gerät. Es ist zu einem großen Anteil Angst, die Wut, Ärger und Hass motiviert. Vermutlich gibt es keine Wut ohne Angst, denn es gibt keine Wut ohne Identifikation. Wir können es auch so ausdrücken: Wo es Identifikation gibt, gibt es auch die Angst, dass das, womit wir uns identifizieren, kaputt geht, aufgelöst wird, geraubt wird etc. Wir sind bereit zu Verteidigung und Angriff, weil wir Angst haben, dass das eintritt, wovor wir am meisten Angst haben. Wenn wir sehen, dass jemand wütend ist, sollten wir daran denken, dass er Angst hat. Damit haben wir einen wichtigen Schlüssel zum Verständnis der anderen Person in der Hand. Wenn wir tiefer hinschauen, können wir vielleicht die Angst sehen, die ihn treibt, und die Worte finden, die ihm zeigen, dass diese Angst nicht notwendig ist, dass sie nicht begründet ist oder dass sie nur zum Teil berechtigt ist. Wir können z.B. behutsam darauf hinweisen, dass die geäußerte Kritik nicht die Person als Ganzes in Frage stellt, sondern nur einen Teilaspekt betrifft. Denn in unserer Angst haben wir oft die Tendenz eine kleine Kritik als ein in Frage Stellen unserer gesamten Person misszuverstehen. Diese Fehlinterpretation von dem, was tatsächlich geschieht, führt zu den völlig unangemessenen, überschießenden Reaktionen der Wut, Verteidigung und Aggression.

Wie Wut entsteht

Ausführungen eines Zuhörers: Alle Emotionen sind also bereits latent in uns vorhanden. Die äußere Situation ist nur ein Auslöser für die Wut, die bereits in uns ist. Man schaut sich um und sucht nach Gründen, damit sich die Wut ausdrücken kann. Wenn die Wut kein Gegenüber findet, wird sie sich nicht ausdrücken können. Geometrisch kann man sich das vielleicht so vorstellen: Wir haben eine Basislinie, die unserem latenten Reaktionspotential entspricht und darüber im 90°-Winkel eine weitere Linie, welche die Intensität der aktuellen Ausbrüche angibt. Die Basislinie entspricht all dem Ärger, der bereits in uns ist und auf dieser Basis spielen sich, je nach Auslöser, wie Wellen oder Nadeln die verschieden starken Reaktionen ab, bis hin zur überschießenden Wutreaktion.

Antwort: Ja, es ist so, dass wir in diesem Leben und vermutlich auch in früheren schon so viele unangenehme Situationen erlebt haben, auf die wir mit Abneigung und Ärger reagiert haben, dass wir eine Bereitschaft zur Wut bereits als Basislinie in uns haben. Wir haben eine Tendenz erzeugt, die in der Lage ist, solche Gefühle jederzeit hervorzurufen. Aber damit Wut oder Ärger im Geist auftauchen, braucht es eigentlich nicht unbedingt ein äußeres Objekt. Wir erleben manchmal in der Meditation, dass wir einfach nur dasitzen und Ärger steigt auf, ohne dass wir wissen, warum. Wir sehen kein Objekt, das den Ärger ausgelöst hat. Wir bemerken nur diese ärgerliche Energie, die nach einem geeigneten Objekt für ihren Ärger sucht: „Na, wer könnte es denn sein?"

Im Retreat waren wir 14 Männer und ich kann mich an Momente erinnern, wo mein Geist fast jeden in der Gruppe durchging und nach einer Zielscheibe für meinen Ärger suchte. Als mir dieser Prozess klar wurde, war zugleich auch klar, dass es nicht die Zielscheibe ist, die meinen Ärger auslöst, sondern dass es dieses Karma des eigenen Ärgers ist, das sich ein Objekt sucht. Nun bringt natürlich ein geeignetes, besonders unangenehmes Objekt meine latent vorhandene Abneigung schnell an die Oberfläche. Man braucht mir nur dieses Objekt vorzusetzen, der Knopf ist gedrückt und schon werde ich wütend.

Man könnte in dem Moment annehmen, dass es der Gedanke an dieses Objekt war, der die Wut erzeugt hat, aber eigentlich war auch hier das Objekt nur der Auslöser für die wütende Manifestation. Die äußere Situation trat in Kontakt mit einer Bereitschaft des Geistes, so oder so zu reagieren. Um das noch besser zu veranschaulichen: Wir könnten versuchen, jemanden ärgerlich zu machen. Wenn wir die Person gut kennen, wissen wir normalerweise, was diese Person ärgerlich macht. Wir denken: O.K. ich werde ihm das und das sagen und dann wird er schon wütend werden. Und dann nähern wir uns der Person und sprechen mit ihm über das, was ihn wütend machen soll, oder zeigen ihm das Ding, was ihn wütend machen soll, aber – es kann uns passieren, dass wir uns geirrt haben. Es gibt die Möglichkeit, dass wir seine emotionalen Projektionen falsch eingeschätzt haben und dass er, statt ärgerlich zu werden, sagt: „Oh wunderbar! Herzlichen Dank!", einfach, weil seine Projektion, seine Wahrnehmung der Situation, eine andere war, als was wir uns vorgestellt haben. Wir können daran sehen, dass es auch in konkreten Situationen von der Wahrnehmung der Person selbst abhängt, ob Wut und Abneigung in ihm aufsteigen. Wenn unsere Sichtweise der Welt sehr positiv und entspannt ist, dann wird sich nur schwer eine Wut auslösen lassen. Wenn wir allerdings in ständiger Spannung mit der Außenwelt leben, wird es sehr leicht zu Wut kommen.

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