UNTERWEISUNGEN
Die ausführliche
Erklärung der einzelnen Emotionen
Die
wütende Depression
Ich ziehe mich zurück
und sage: „Sollen die ruhig machen! Die verstehen es ja doch nicht.
Sollen sie ruhig leiden, mir geht es auch schlecht genug. Ich
konzentriere mich jetzt nur auf mich, mir kann keiner mehr was
wollen, sollen sie mich ruhig fragen, ich antworte nicht mehr."
Das ist ein Zustand
der wütenden Depression. Einer von vielen. Ihr wisst vielleicht,
dass die Heilung von Depressionen oft über wütende Phasen
mit Wutausbrüchen geht. Wutausbrüche sind das Zeichen,
dass in einer Depression endlich wieder etwas in Bewegung kommt,
dass ich jetzt wieder etwas ausdrücke, was ich zuvor unterdrückt
habe, weil es keinen Platz mehr hatte, weil ich es nicht zugelassen
habe. Und so kommt logischerweise, sobald ich entspanne und mich
öffne, erst einmal diese Wut hervor. Dieser Wut muss eine
positive, konstruktive Richtung gegeben werden durch konstruktives
Handeln und Sprechen. Wir müssen eine neue, angemessenere
Sichtweise der Welt entwickeln und ein angemesseneres Umgehen
mit Schwierigkeiten.
Wir haben es bei
Wut mit einem Spannungszustand zu tun. Das ist offensichtlich.
Wir können nicht zornig sein, ohne unter Spannung zu stehen.
Und wo Spannung ist, ist Leid. Anspannung des Geistes ist immer
Leid. In dieser Anspannung sind wir wie eine gespannte Saite,
die – kaum dass man sie antippt – starke Schwingungen von sich
gibt. Wir brauchen jemanden, der unter ärgerlicher Anspannung
steht, nur mit einer kleinen Provokation zu konfrontieren und,
aufgepasst!, schon geht’s los. Wer die empfindlichen Punkte von
jemandem unter Anspannung berührt, muss mit einer heftigen
Reaktion rechnen.
Die gleichen Mechanismen,
wie eben beschrieben, wirken auch in Familien, in größeren
Gruppen, bis hin zu Völkern. Ganze Nationen können in
solche Spannungszustände geraten, dass eine kleine Provokation
genügt, um einen Krieg auszulösen. Ganze Nationen können
in dem Bewusstsein leben: „Wir wissen, wie die Welt zu sein hat
und was richtig und was falsch ist. Wehe, wenn jemand nicht das
tut, was wir für richtig halten, wir werden es ihm sofort
zeigen!" Es ist die Selbstgerechtigkeit des Wütenden,
der nicht das in der Welt haben will, was halt immer in der Welt
ist. Wenn ein Volk überzeugt davon ist, Recht zu haben, und
wenn dann eine kleine Provokation zur großen Beleidigung
hochgespielt wird, gibt es Krieg. Die Konflikte zwischen Nationen
entstehen aufgrund von Mechanismen, die sich in einem Volk genauso
abspielen wie in unserer eigenen Psyche. Wir können alles,
was wir in unserer eigenen Psyche erleben und erfahren, auch auf
Gruppen übertragen, denn Gruppen verhalten sich wie Individuen,
nur dass es viele Individuen zusammen sind und dass es zu vielen
Wechselwirkungen innerhalb der Gruppe kommt. Aber Gruppen lassen
sich ähnlich manipulieren wie Einzelne, in mancher Hinsicht
leider noch leichter.
Versteckte
Wut
Übrigens ist
Ärger nicht so eine einfache Emotion, wie wir sie jetzt gerade
darstellen. Es ist nicht immer diese eindeutige „Ich will das
nicht und mach es kaputt". Meist geht es sehr viel komplizierter
zu, denn es gibt kaum einen Ärger, der nicht von Schuldgefühlen
begleitet ist. Wir wissen alle genau, dass irgend etwas auch mit
uns nicht stimmt, wenn wir zornig werden. Wir spüren, dass
wir im Grunde nicht mehr klar denken und nicht mehr sinnvoll handeln.
Dieses Gefühl versuchen wir durch jede Menge Argumente wegzudrücken.
Wir werden uns Gründe einreden, warum wir genauso handeln
und genauso sein mussten. Wir versuchen, das Schuldgefühl
zu überdecken. Wenn wir ein stark ausgeprägtes Gefühl
haben, dass dieser Ärger eigentlich zu weit geht und nicht
sein sollte, so werden wir schuldbewusst versuchen, den Ärger
abzubiegen, ihn einzuwickeln und zu verstecken. Er mag dann eine
ganz andere Form bekommen. Das kann so weit gehen, dass wir unserem
Ärger die Form von mitfühlender Hilfe geben: Eigentlich
wollen wir den anderen nur anders haben als er ist. Wir möchten,
dass er uns nicht mehr belästigt. Äußerlich bieten
wir ihm aber, eingewickelt in schöne Seidentücher, unsere
Hilfe an – ein verkapptes Manipulieren.
Nehmen wie ein Beispiel:
Jemand kommt zu uns und erzählt, wie schlecht es ihm geht
und dass er kurz vor einem Zusammenbruch steht. Er ist noch nicht
durchgedreht, es ist keine gravierende psychische Erkrankung,
er bräuchte eigentlich nur jemanden, der zuhört. Aber
er geht uns so dermaßen auf den Nerv, dass wir ihm freundlich
die Hilfe anbieten: Er wird ins Auto gepackt, ich fahre ihn ins
Krankenhaus und gebe ihn dort ab mit dem wohlmeinenden Hinweis
„vermutlich eine Psychose" und damit hab ich meine Ruhe.
Wohlmeinend und sehr liebevoll setzen wir ihn in der Psychiatrie
ab und wir sind das Problem los. Das passiert immer häufiger,
speziell bei alten Menschen. Abschieben, statt uns die Zeit zu
nehmen, auf den Menschen tiefer einzugehen.
Das bedeutet keineswegs,
dass wir jemanden nicht ins Krankenhaus bringen sollten. Hier
geht es darum zu schauen, was uns wirklich motiviert: ob wir aus
Abneigung handeln und jemanden loswerden wollen, weil er im falschen
Moment auftaucht, wo wir gerade mit anderem beschäftigt sind.
Solch ein Moment der Abneigung, des Nicht-Akzeptieren-Wollens
von dem, was sich gerade ereignet, kann zum Auslöser einer
als liebevoll getarnten, aber im Grunde aggressiven Handlungskette
werden.
Unser Territorium
zu verteidigen ist die ganze Logik hinter solch einem Verhalten.
Wir identifizieren uns mit dem, was wir sind, tun, haben, denken
und für gut halten. Und wenn das angegriffen und in Frage
gestellt wird, bekommen wir Angst, verteidigen uns und schlagen
zurück. Innerhalb unserer Persönlichkeitsstruktur gibt
es Dinge und Personen, mit denen wir uns weniger identifizieren,
und Bereiche, mit denen wir uns sehr stark identifizieren – und
von der Stärke unserer Identifikation hängt ab, wie
stark wir auf eine Bedrohung reagieren, wie heftig unsere Verteidigungs-,
Schreck- oder Panikreaktion sein wird.
Angst, die
Quelle der Wut
Hinter der Wut steckt
eigentlich immer die Angst, dass uns etwas genommen wird, dass
etwas zerstört wird und unsere Identifikation in Gefahr gerät.
Es ist zu einem großen Anteil Angst, die Wut, Ärger
und Hass motiviert. Vermutlich gibt es keine Wut ohne Angst, denn
es gibt keine Wut ohne Identifikation. Wir können es auch
so ausdrücken: Wo es Identifikation gibt, gibt es auch die
Angst, dass das, womit wir uns identifizieren, kaputt geht, aufgelöst
wird, geraubt wird etc. Wir sind bereit zu Verteidigung und Angriff,
weil wir Angst haben, dass das eintritt, wovor wir am meisten
Angst haben. Wenn wir sehen, dass jemand wütend ist, sollten
wir daran denken, dass er Angst hat. Damit haben wir einen wichtigen
Schlüssel zum Verständnis der anderen Person in der
Hand. Wenn wir tiefer hinschauen, können wir vielleicht die
Angst sehen, die ihn treibt, und die Worte finden, die ihm zeigen,
dass diese Angst nicht notwendig ist, dass sie nicht begründet
ist oder dass sie nur zum Teil berechtigt ist. Wir können
z.B. behutsam darauf hinweisen, dass die geäußerte
Kritik nicht die Person als Ganzes in Frage stellt, sondern nur
einen Teilaspekt betrifft. Denn in unserer Angst haben wir oft
die Tendenz eine kleine Kritik als ein in Frage Stellen unserer
gesamten Person misszuverstehen. Diese Fehlinterpretation von
dem, was tatsächlich geschieht, führt zu den völlig
unangemessenen, überschießenden Reaktionen der Wut,
Verteidigung und Aggression.
Wie Wut entsteht
Ausführungen
eines Zuhörers: Alle Emotionen sind also bereits latent in
uns vorhanden. Die äußere Situation ist nur ein Auslöser
für die Wut, die bereits in uns ist. Man schaut sich um und
sucht nach Gründen, damit sich die Wut ausdrücken kann.
Wenn die Wut kein Gegenüber findet, wird sie sich nicht ausdrücken
können. Geometrisch kann man sich das vielleicht so vorstellen:
Wir haben eine Basislinie, die unserem latenten Reaktionspotential
entspricht und darüber im 90°-Winkel eine weitere Linie,
welche die Intensität der aktuellen Ausbrüche angibt.
Die Basislinie entspricht all dem Ärger, der bereits in uns
ist und auf dieser Basis spielen sich, je nach Auslöser,
wie Wellen oder Nadeln die verschieden starken Reaktionen ab,
bis hin zur überschießenden Wutreaktion.
Antwort: Ja, es ist
so, dass wir in diesem Leben und vermutlich auch in früheren
schon so viele unangenehme Situationen erlebt haben, auf die wir
mit Abneigung und Ärger reagiert haben, dass wir eine Bereitschaft
zur Wut bereits als Basislinie in uns haben. Wir haben eine Tendenz
erzeugt, die in der Lage ist, solche Gefühle jederzeit hervorzurufen.
Aber damit Wut oder Ärger im Geist auftauchen, braucht es
eigentlich nicht unbedingt ein äußeres Objekt. Wir
erleben manchmal in der Meditation, dass wir einfach nur dasitzen
und Ärger steigt auf, ohne dass wir wissen, warum. Wir sehen
kein Objekt, das den Ärger ausgelöst hat. Wir bemerken
nur diese ärgerliche Energie, die nach einem geeigneten Objekt
für ihren Ärger sucht: „Na, wer könnte es denn
sein?"
Im Retreat waren
wir 14 Männer und ich kann mich an Momente erinnern, wo mein
Geist fast jeden in der Gruppe durchging und nach einer Zielscheibe
für meinen Ärger suchte. Als mir dieser Prozess klar
wurde, war zugleich auch klar, dass es nicht die Zielscheibe ist,
die meinen Ärger auslöst, sondern dass es dieses Karma
des eigenen Ärgers ist, das sich ein Objekt sucht. Nun bringt
natürlich ein geeignetes, besonders unangenehmes Objekt meine
latent vorhandene Abneigung schnell an die Oberfläche. Man
braucht mir nur dieses Objekt vorzusetzen, der Knopf ist gedrückt
und schon werde ich wütend.
Man könnte in
dem Moment annehmen, dass es der Gedanke an dieses Objekt war,
der die Wut erzeugt hat, aber eigentlich war auch hier das Objekt
nur der Auslöser für die wütende Manifestation.
Die äußere Situation trat in Kontakt mit einer Bereitschaft
des Geistes, so oder so zu reagieren. Um das noch besser zu veranschaulichen:
Wir könnten versuchen, jemanden ärgerlich zu machen.
Wenn wir die Person gut kennen, wissen wir normalerweise, was
diese Person ärgerlich macht. Wir denken: O.K. ich werde
ihm das und das sagen und dann wird er schon wütend werden.
Und dann nähern wir uns der Person und sprechen mit ihm über
das, was ihn wütend machen soll, oder zeigen ihm das Ding,
was ihn wütend machen soll, aber – es kann uns passieren,
dass wir uns geirrt haben. Es gibt die Möglichkeit, dass
wir seine emotionalen Projektionen falsch eingeschätzt haben
und dass er, statt ärgerlich zu werden, sagt: „Oh wunderbar!
Herzlichen Dank!", einfach, weil seine Projektion, seine
Wahrnehmung der Situation, eine andere war, als was wir uns vorgestellt
haben. Wir können daran sehen, dass es auch in konkreten
Situationen von der Wahrnehmung der Person selbst abhängt,
ob Wut und Abneigung in ihm aufsteigen. Wenn unsere Sichtweise
der Welt sehr positiv und entspannt ist, dann wird sich nur schwer
eine Wut auslösen lassen. Wenn wir allerdings in ständiger
Spannung mit der Außenwelt leben, wird es sehr leicht zu
Wut kommen.