UNTERWEISUNGEN

Die ausführliche Erklärung der einzelnen Emotionen

Lama Guendune RinpocheUnsere karmische Sicht ändern

Wir sehen hieran deutlich, dass es von unserer Sichtweise der Welt abhängt, ob wir ärgerlich werden oder nicht. Wie wir reagieren, hängt von unserer Einschätzung der Situation ab. Und wie wir eine Situation einschätzen, ob als Bedrohung oder als Geschenk, hängt davon ab, was für ein Karma wir haben. Unsere Sichtweise ist karmisch bedingt. Unsere Sichtweise ist die Folge von all den Gedanken, Momenten und Tendenzen, die wir in der Vergangenheit kultiviert haben, und wir können uns nicht aussuchen, mit welcher karmischen Sichtweise wir durch die Welt laufen. Darin sind uns enge Grenzen gesetzt.

Um unsere karmische Sichtweise zu ändern, müssen wir viele positive Gedanken hervorbringen, die ihrerseits wieder ihre Spuren hinterlassen, so dass allmählich unsere Sichtweise der Welt positiver, freundlicher, offener und entspannter wird. Dann betrachten wir die Welt allmählich nicht mehr als eine Gefahr, sondern zunächst einmal als eine willkommene Herausforderung und dann sogar als ein Geschenk. Daran müssen wir arbeiten. Das ist der Punkt, wo der Dharma ansetzt; der Dharma ändert unsere Sichtweise der Situation.

Mit Hilfe von heilsamen Handlungen bauen wir die Stütze für eine offene und positive Sichtweise. Wir könnten natürlich einfach sagen: „Jeder, der mich anschreit und kritisiert, macht mir ein Geschenk", aber wenn wir dann angeschrien werden und nicht das karmische Polster haben, die karmische Entspannung, um diese Sicht tatsächlich beizubehalten, dann wird sie in sich zusammenfallen und wir werden wütend wie eh und je. Um gute Absichten und eine positive Sichtweise aufrecht zu halten, brauchen wir innere Kraft, eine Basis heilsamer Handlungen. Um diese Basis zu stärken, sollten wir unermüdlich heilsame Handlungen ausführen und Gedanken kultivieren, die zum Wohle aller Wesen sind und Öffnung und Entspannung in uns bewirken. Mit der Zeit werden wir dadurch emotional stabiler werden und unsere ganze Sichtweise wird sich verändern. Das ist ein allmählicher Prozess. All die Heilmittel für Emotionen, die Gegenmittel, die wir in den Kleingruppen besprechen, sind Mittel, die unsere Sichtweise verändern und uns helfen, positive Handlungen auszuführen. Nur dadurch können wir mit unseren Emotionen anders umgehen.

Zusammenfassung: Große Wut – großes Ego; versteckte, unterdrückte Wut – sehr großes Ego; nicht einmal den Mut, seine Wut zu zeigen – supergroßes Ego. (PS. Das ist natürlich etwas salopp und überspitzt ausgedrückt, aber je komplizierter unser Umgang mit einer Emotion ist, desto mehr Elemente von Anhaften sind beteiligt.)

Frage: Kann sich Wut auf der körperlichen Ebene manifestieren, ohne dass wir wirklich wütend sind?

Antwort: Wie soll sie sich denn auf der körperlichen Ebene manifestieren, wenn sie sich nicht auf der geistigen Ebene manifestiert? Das geht nicht. Gedanken und Körper gehen immer zusammen. Wenn wir unserer Gedanken nicht gewahr sind, kann der Körper allerdings ein Signal sein, das uns auf unseren Geisteszustand aufmerksam macht. Der Körper kann uns aufmerksam machen auf das, was im Geist abläuft.

Frage: Gibt es auch positive Aspekte des Zorns? Also z.B. wenn ich auf mich selbst wütend bin, weil ich mich falsch verhalten habe, und dadurch motiviert werde, mich zum Positiven zu ändern?

Antwort aus dem Publikum: Ich würde nicht sagen, dass Zorn einen positiven Aspekt hat, auch wenn er nur gegen sich selbst gerichtet ist. Aber Zorn kann uns helfen, nicht festzuhalten und uns zu rechtfertigen. Wir können damit lernen, wie bei allen anderen Gefühlen auch, bewusst zu sein, ihn richtig anzuschauen, ohne zu verdrängen und eine Haltung von weder festhalten noch zurückweisen zu bewahren.

Dordje Drölma sagte: Das Positive für mich ist die starke Energie, die im Zorn ist.

Stolz

Die Identifikation mit Qualitäten

Wir werden uns jetzt mit einer besonderen Kombination der drei bereits besprochenen Hauptemotionen befassen: dem Stolz. Stolz ist nicht grundlegend verschieden von Unwissenheit und Begierde, und stolz zu sein führt zudem unweigerlich dazu, dass man wütend wird und sich ärgert. Wir können Stolz definieren als das Gefühl, wichtig und bedeutsam zu sein. Dabei identifizieren wir uns mit eingebildeten oder tatsächlich vorhandenen Qualitäten, die gar nicht unbedingt unsere eigenen zu sein brauchen.

Ein Beispiel dafür, wie Stolz zu Wut führt: Ich denke, ich sei sehr intelligent. Man kann zwar nicht wissen, ob das stimmt, aber ich glaube daran. Wenn nun jemand behauptet: „Du bist doof!", werde ich ärgerlich, weil ich mich in meinem Stolz damit identifiziere, intelligent zu sein. Ohne Stolz wäre seine Behauptung kein Problem.

Man kann sich auch mit den vermeintlichen oder tatsächlichen Qualitäten von anderen identifizieren, z.B. mit den vermeintlichen Qualitäten von jemandem in der Familie: Mein Sohn ist super gut, der Beste in seiner Klasse! Und weil es mein Sohn ist, identifiziere ich mich mit seiner Qualität und werde stolz. Für den Stolz spielt es überhaupt keine Rolle, ob eine Qualität wirklich vorhanden ist oder nicht. Es reicht, wenn wir glauben, dass sie vorhanden ist. Es kann sich sogar um einen Fehler handeln, um einen Charakterfehler, auf den wir stolz sind. Ich kann z.B. stolz darauf sein, dass ich super gut stehlen kann, kein Haus widersteht mir. Ich kann stolz darauf sein, wie gut ich lügen kann, kann jeden um den Finger wickeln, bekomme alles, was ich haben möchte, perfekte Lüge. Das ist Stolz über eine vermeintliche Qualität, die aber in Wirklichkeit ein Charakterfehler ist, der zu viel Leid um mich herum führt. Obendrein kann ich mich auch mit den Fehlern meiner Nächsten stolz identifizieren. Ich kann sagen: Mein Sohn ist der beste Dieb überhaupt. Mein Sohn ist der Stärkste, er schlägt alle zusammen, die ihm in den Weg kommen, dem kann keiner was. Mein Sohn lügt so gut, dem kommt keiner nach.

Stolz nimmt sich fast ausnahmslos alles als Grundlage. Er findet immer einen Grund, stolz zu sein. Er findet immer etwas, an dem er festhalten kann, und wenn es die völlige Abwesenheit aller Qualitäten ist, z.B.: „Mir geht es am dreckigsten von allen. Ich habe die schlimmste Krankheit von allen. Keiner leidet so sehr wie ich, keiner ist so deprimiert wie ich. Meine Melancholie ist die größte von allen." Das alles ist Stolz. Und auch die Wut zeigt sich sofort, wenn diese stolze, verdrehte Identifikation in Frage gestellt wird: „Versucht nicht, mir einzureden, dass meine Depression nicht die schlimmste von allen ist, dann werde ich sauer!"

Stolz als Widerstand gegen Wandel und die Unfähigkeit, sich selbst in Frage zu stellen

In diesem Stolz liegt ein unglaublicher Widerstand gegen alle Veränderungen: „Soll nur ja keiner kommen und mir sagen, ich sollte anders sein, mir etwa einen Vorschlag machen, wie ich mich verändern könnte, oder mir raten, was sich vielleicht bessern könnte bei mir. Ich bin gut so wie ich bin. Mir ist es gerade recht, so wie ich bin. Es geht sowieso niemanden etwas an. Das ist mein Bereich. Ich, so wie ich bin, möchte so bleiben wie ich bin." Stolz verhindert alle Weiterentwicklung. Stolz ist zäh und nimmt keine Hilfe an. Er ist undurchdringlich für alle Vorschläge. Die Ideen müssen immer von mir selbst kommen, nur dann können sie gut sein!

Einem Stolzen kann man nichts sagen. Er lebt in seinem Elfenbeinturm und niemand außer seinen Bediensteten kann an ihn heran. Niemand kann ihm etwas sagen, weil da keine Öffnung ist, keine Bereitschaft, sich selbst in Frage zu stellen. Jemandem Stolzen eine Kritik beizubringen ist nahezu unmöglich. Er sitzt in seinem Elfenbeinturm der Selbstbehauptung, der Selbstsicherheit und stellt sich überhaupt nicht in Frage. Er hat sich ein bisschen bei sich umgeschaut, was wohl bei ihm an Qualitäten zu finden ist, hat hier und da etwas entdeckt, womit er sich identifizieren kann – und das reicht aus. Darauf baut er sein stolzes Gebäude.

Er hat nicht tiefer geschaut, hat nicht die Fehler in sich entdeckt. Um uns weiterentwickeln zu können, müssen wir unsere Fehler entdecken. Aber dafür müssen wir erst einmal hinschauen mit dem „Auge der Weisheit", das nach innen schaut und entdeckt, woran wir zu arbeiten haben. Dazu ist ein Stolzer nicht in der Lage. Er kann nicht mit Kritik umgehen und keine Selbstkritik üben. Wenn ihm ein Fehler an sich selbst auffällt, so wäre es ihm höchst peinlich, wenn andere den auch bemerken würden. Die Fähigkeit zur Selbstkritik ist diametral entgegengesetzt zu Stolz. Stolz bricht zusammen, wenn wir unsere Fehler sehen. Damit haben wir auch das größte Gegenmittel zum Stolz.

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