UNTERWEISUNGEN
Die ausführliche
Erklärung der einzelnen Emotionen
Unsere
karmische Sicht ändern
Wir sehen hieran
deutlich, dass es von unserer Sichtweise der Welt abhängt,
ob wir ärgerlich werden oder nicht. Wie wir reagieren, hängt
von unserer Einschätzung der Situation ab. Und wie wir eine
Situation einschätzen, ob als Bedrohung oder als Geschenk,
hängt davon ab, was für ein Karma wir haben. Unsere
Sichtweise ist karmisch bedingt. Unsere Sichtweise ist die Folge
von all den Gedanken, Momenten und Tendenzen, die wir in der Vergangenheit
kultiviert haben, und wir können uns nicht aussuchen, mit
welcher karmischen Sichtweise wir durch die Welt laufen. Darin
sind uns enge Grenzen gesetzt.
Um unsere karmische
Sichtweise zu ändern, müssen wir viele positive Gedanken
hervorbringen, die ihrerseits wieder ihre Spuren hinterlassen,
so dass allmählich unsere Sichtweise der Welt positiver,
freundlicher, offener und entspannter wird. Dann betrachten wir
die Welt allmählich nicht mehr als eine Gefahr, sondern zunächst
einmal als eine willkommene Herausforderung und dann sogar als
ein Geschenk. Daran müssen wir arbeiten. Das ist der Punkt,
wo der Dharma ansetzt; der Dharma ändert unsere Sichtweise
der Situation.
Mit Hilfe von heilsamen
Handlungen bauen wir die Stütze für eine offene und
positive Sichtweise. Wir könnten natürlich einfach sagen:
„Jeder, der mich anschreit und kritisiert, macht mir ein Geschenk",
aber wenn wir dann angeschrien werden und nicht das karmische
Polster haben, die karmische Entspannung, um diese Sicht tatsächlich
beizubehalten, dann wird sie in sich zusammenfallen und wir werden
wütend wie eh und je. Um gute Absichten und eine positive
Sichtweise aufrecht zu halten, brauchen wir innere Kraft, eine
Basis heilsamer Handlungen. Um diese Basis zu stärken, sollten
wir unermüdlich heilsame Handlungen ausführen und Gedanken
kultivieren, die zum Wohle aller Wesen sind und Öffnung und
Entspannung in uns bewirken. Mit der Zeit werden wir dadurch emotional
stabiler werden und unsere ganze Sichtweise wird sich verändern.
Das ist ein allmählicher Prozess. All die Heilmittel für
Emotionen, die Gegenmittel, die wir in den Kleingruppen besprechen,
sind Mittel, die unsere Sichtweise verändern und uns helfen,
positive Handlungen auszuführen. Nur dadurch können
wir mit unseren Emotionen anders umgehen.
Zusammenfassung:
Große Wut – großes Ego; versteckte, unterdrückte
Wut – sehr großes Ego; nicht einmal den Mut, seine Wut zu
zeigen – supergroßes Ego. (PS. Das ist natürlich etwas
salopp und überspitzt ausgedrückt, aber je komplizierter
unser Umgang mit einer Emotion ist, desto mehr Elemente von Anhaften
sind beteiligt.)
Frage: Kann sich
Wut auf der körperlichen Ebene manifestieren, ohne dass wir
wirklich wütend sind?
Antwort: Wie soll
sie sich denn auf der körperlichen Ebene manifestieren, wenn
sie sich nicht auf der geistigen Ebene manifestiert? Das geht
nicht. Gedanken und Körper gehen immer zusammen. Wenn wir
unserer Gedanken nicht gewahr sind, kann der Körper allerdings
ein Signal sein, das uns auf unseren Geisteszustand aufmerksam
macht. Der Körper kann uns aufmerksam machen auf das, was
im Geist abläuft.
Frage: Gibt es
auch positive Aspekte des Zorns? Also z.B. wenn ich auf mich selbst
wütend bin, weil ich mich falsch verhalten habe, und dadurch
motiviert werde, mich zum Positiven zu ändern?
Antwort aus dem Publikum:
Ich würde nicht sagen, dass Zorn einen positiven Aspekt hat,
auch wenn er nur gegen sich selbst gerichtet ist. Aber Zorn kann
uns helfen, nicht festzuhalten und uns zu rechtfertigen. Wir können
damit lernen, wie bei allen anderen Gefühlen auch, bewusst
zu sein, ihn richtig anzuschauen, ohne zu verdrängen und
eine Haltung von weder festhalten noch zurückweisen zu bewahren.
Dordje Drölma
sagte: Das Positive für mich ist die starke Energie, die
im Zorn ist.
Stolz
Die Identifikation
mit Qualitäten
Wir werden uns jetzt
mit einer besonderen Kombination der drei bereits besprochenen
Hauptemotionen befassen: dem Stolz. Stolz ist nicht grundlegend
verschieden von Unwissenheit und Begierde, und stolz zu sein führt
zudem unweigerlich dazu, dass man wütend wird und sich ärgert.
Wir können Stolz definieren als das Gefühl, wichtig
und bedeutsam zu sein. Dabei identifizieren wir uns mit eingebildeten
oder tatsächlich vorhandenen Qualitäten, die gar nicht
unbedingt unsere eigenen zu sein brauchen.
Ein Beispiel dafür,
wie Stolz zu Wut führt: Ich denke, ich sei sehr intelligent.
Man kann zwar nicht wissen, ob das stimmt, aber ich glaube daran.
Wenn nun jemand behauptet: „Du bist doof!", werde ich ärgerlich,
weil ich mich in meinem Stolz damit identifiziere, intelligent
zu sein. Ohne Stolz wäre seine Behauptung kein Problem.
Man kann sich auch
mit den vermeintlichen oder tatsächlichen Qualitäten
von anderen identifizieren, z.B. mit den vermeintlichen
Qualitäten von jemandem in der Familie: Mein Sohn ist super
gut, der Beste in seiner Klasse! Und weil es mein Sohn ist, identifiziere
ich mich mit seiner Qualität und werde stolz. Für den
Stolz spielt es überhaupt keine Rolle, ob eine Qualität
wirklich vorhanden ist oder nicht. Es reicht, wenn wir glauben,
dass sie vorhanden ist. Es kann sich sogar um einen Fehler handeln,
um einen Charakterfehler, auf den wir stolz sind. Ich kann z.B.
stolz darauf sein, dass ich super gut stehlen kann, kein Haus
widersteht mir. Ich kann stolz darauf sein, wie gut ich lügen
kann, kann jeden um den Finger wickeln, bekomme alles, was ich
haben möchte, perfekte Lüge. Das ist Stolz über
eine vermeintliche Qualität, die aber in Wirklichkeit ein
Charakterfehler ist, der zu viel Leid um mich herum führt.
Obendrein kann ich mich auch mit den Fehlern meiner Nächsten
stolz identifizieren. Ich kann sagen: Mein Sohn ist der beste
Dieb überhaupt. Mein Sohn ist der Stärkste, er schlägt
alle zusammen, die ihm in den Weg kommen, dem kann keiner was.
Mein Sohn lügt so gut, dem kommt keiner nach.
Stolz nimmt sich
fast ausnahmslos alles als Grundlage. Er findet immer einen Grund,
stolz zu sein. Er findet immer etwas, an dem er festhalten kann,
und wenn es die völlige Abwesenheit aller Qualitäten
ist, z.B.: „Mir geht es am dreckigsten von allen. Ich habe die
schlimmste Krankheit von allen. Keiner leidet so sehr wie ich,
keiner ist so deprimiert wie ich. Meine Melancholie ist die größte
von allen." Das alles ist Stolz. Und auch die Wut zeigt sich
sofort, wenn diese stolze, verdrehte Identifikation in Frage gestellt
wird: „Versucht nicht, mir einzureden, dass meine Depression nicht
die schlimmste von allen ist, dann werde ich sauer!"
Stolz als Widerstand
gegen Wandel und die Unfähigkeit, sich selbst in Frage zu
stellen
In diesem Stolz liegt
ein unglaublicher Widerstand gegen alle Veränderungen: „Soll
nur ja keiner kommen und mir sagen, ich sollte anders sein, mir
etwa einen Vorschlag machen, wie ich mich verändern könnte,
oder mir raten, was sich vielleicht bessern könnte bei mir.
Ich bin gut so wie ich bin. Mir ist es gerade recht, so wie ich
bin. Es geht sowieso niemanden etwas an. Das ist mein Bereich.
Ich, so wie ich bin, möchte so bleiben wie ich bin."
Stolz verhindert alle Weiterentwicklung. Stolz ist zäh und
nimmt keine Hilfe an. Er ist undurchdringlich für alle Vorschläge.
Die Ideen müssen immer von mir selbst kommen, nur dann können
sie gut sein!
Einem Stolzen kann
man nichts sagen. Er lebt in seinem Elfenbeinturm und niemand
außer seinen Bediensteten kann an ihn heran. Niemand kann
ihm etwas sagen, weil da keine Öffnung ist, keine Bereitschaft,
sich selbst in Frage zu stellen. Jemandem Stolzen eine Kritik
beizubringen ist nahezu unmöglich. Er sitzt in seinem Elfenbeinturm
der Selbstbehauptung, der Selbstsicherheit und stellt sich überhaupt
nicht in Frage. Er hat sich ein bisschen bei sich umgeschaut,
was wohl bei ihm an Qualitäten zu finden ist, hat hier und
da etwas entdeckt, womit er sich identifizieren kann – und das
reicht aus. Darauf baut er sein stolzes Gebäude.
Er hat nicht tiefer
geschaut, hat nicht die Fehler in sich entdeckt. Um uns weiterentwickeln
zu können, müssen wir unsere Fehler entdecken. Aber
dafür müssen wir erst einmal hinschauen mit dem „Auge
der Weisheit", das nach innen schaut und entdeckt, woran
wir zu arbeiten haben. Dazu ist ein Stolzer nicht in der Lage.
Er kann nicht mit Kritik umgehen und keine Selbstkritik üben.
Wenn ihm ein Fehler an sich selbst auffällt, so wäre
es ihm höchst peinlich, wenn andere den auch bemerken würden.
Die Fähigkeit zur Selbstkritik ist diametral entgegengesetzt
zu Stolz. Stolz bricht zusammen, wenn wir unsere Fehler sehen.
Damit haben wir auch das größte Gegenmittel zum Stolz.