UNTERWEISUNGEN
Die ausführliche
Erklärung der einzelnen Emotionen
Überlegenheitsgefühl
Das
Erkennen und Zugeben der eigenen Fehler ist genau das, was Stolz
auflöst. Für einen Stolzen, der so überzeugt von
sich selber ist, besteht der Kontakt mit anderen darin, dass sie
sein Publikum sind, dass sie eigentlich nur dazu da sind, um zu
klatschen, ihn zu preisen und zu sagen wie toll er doch ist. Das
Interesse des Stolzes ist, sich immer mehr aufzublähen, immer
höher, immer weiter, immer stolzer, immer ausufernder. Und
immer dümmer, immer unwissender, immer weniger gewahr der
eigenen Fehler.
Je
länger diese Entwicklung geht, desto größer wird
die Unantastbarkeit des Stolzen. Es wird immer unmöglicher,
ihm irgendwas zu sagen, irgendwie an ihn heranzukommen. Der Elfenbeinturm
wird immer höher und höher. In seiner Version der Welt
sitzt er immer ganz oben und beurteilt alle anderen. Bestens sieht
er die Fehler der anderen. Er hat ja den Verstand, er versteht
ja die Welt, und da er selber so rein ist, kann er gut die Unreinheiten
der anderen wahrnehmen. Das ist wie auf einem Wachturm zu sitzen,
ganz zu oberst, unantastbar von allem, und alles andere wird beurteilt.
Das
Abschätzen nach oben und nach unten
Diejenigen,
die wir da von unserem Turm aus sehen, werden unterteilt in eventuelle
Bewunderer, die uns noch hilfreich sein könnten, unsere Position
zu festigen, und potentielle Feinde, die unsere stolze Position
untergraben könnten. Die Sichtweise des Stolzen ist: Entweder
kann mir jemand dienlich sein, meine Überlegenheit auszubauen,
oder er gehört zu jenen, die meine Position und damit meinen
Stolz untergraben könnten. Entweder ist er Freund oder Feind
oder er ist mir gleichgültig, weil er völlig ohne Relevanz
ist für mein Streben nach oben.
Für
einen Stolzen geht es um zwei Dinge: Niederlage, Kritik, Erniedrigung
zu vermeiden und Sieg, Lob, Ruhm, Anerkennung zu erlangen. Diese
beiden Anliegen bestimmen sein Leben. Natürlich ist ein Stolzer
nicht immer gleich oben auf der sozialen Leiter, es gibt ja auch
Vorgesetzte und Leute, die tatsächlich etwas besser können.
Den Stolzen beschäftigt die Frage: Ist das jemand, dem ich
Respekt zeigen muss, weil er noch über mir steht, oder kann
ich ihn bereits einstufen in die Klasse derer, die unter mir sind?
Als jemand Stolzes werde ich aber schauen, wie ich mich den Vorgesetzten
annähern und sie überholen kann: Zunächst einmal
muss ich so werden wie sie und sie dann überholen, wenn sich
eine Gelegenheit bietet.
Der
Mechanismus des Ehrgeizes ist in dieser Weise bereits angelegt
im Stolz. Ein Stolzer mag nach oben noch ducken, für eine
bestimmte Zeit erträgt er das noch. Er wird die Oberen imitieren
und versuchen, höher zu kommen und die Ebenbürtigen
nach unten wegzudrängen, um sicheren Raum zu haben und nicht
angetastet werden zu können. aber irgendwann ist die Zeit
des Duckens vorbei und er wird zum Überholen ansetzen.
Ein
Stolzer mag andere Menschen zwar seine Freunde nennen, aber er
öffnet sich ihnen nicht wirklich. Sie werden vor allem für
die Ziele des Stolzes eingesetzt. Freunde sind dazu da, die Unterstützung
zu geben, um weiter aufzusteigen. In dem Moment, in dem die Freunde
ausgedient haben, macht er sich frei von ihnen, um weiter nach
oben klettern zu können. Die wohlmeinenden Freunde werden
dann zu einem Hindernis, einem lästigen Gepäck, weil
sie ja vielleicht nicht so behende auf der sozialen Leiter sind,
nicht so angesehen und beliebt wie er selbst.
Die
Einsamkeit der Stolzen
Ein
Stolzer, d.h. jemand, bei dem Stolz wirklich die alles prägende
Charaktereigenschaft ist, hat keine Freunde auf der gleichen Ebene.
Er ist allein, völlig allein, weil er es nicht zulassen kann,
dass jemand genauso gut ist wie er und über seine intimen
Dinge Bescheid weiß. Er möchte nicht, dass ihm jemand
nahe kommt auf einer persönlichen Ebene, wo es auch zu einem
fließendem Austausch kommen muss. Beziehungen von Gleichwertigkeit
kennt ein Stolzer nicht. Und darum ist eins der charakteristischen
Gefühle, das mit Stolz einher geht, das Alleinsein. Jemand,
der keine Freunde hat, sollte sich fragen, ob er nicht ein großes
Problem des Stolzes hat.
Das
Alleinsein des stolzen Menschen ist nicht nur etwas, das er sucht
und mit dem er zufrieden ist es bereitet ihm auch Schmerzen.
Es wird Momente geben, wo trotz des Wunsches nach Bewunderung
auch der Wunsch nach gleichwertigem Austausch auftaucht. Aber
aufgrund seines unnahbaren Verhaltens und der Tatsache, dass er
andere stets auf ihre Fehler aufmerksam macht und sie immer wieder
erniedrigt, werden diese keine Lust haben, mit ihm in näheren
Kontakt zu treten. Sie werden Abstand halten und sich sagen: Dem
sollte man besser nicht zu nahe kommen. Erstens tut es weh und
zweitens lässt er sich sowieso nichts sagen. Lasst ihn doch
machen und seinen Weg gehen. Ich bleibe höflich, aber auf
eine engere Beziehung lasse ich mich nicht ein."
Das
zugrundeliegende Ichanhaften
Die
Grundlage des Stolzes ist die Identifikation mit einem Ich, das
für wichtiger als alle anderen Ichs gehalten wird. Wo immer
Ichanhaften ist, entwickelt sich Stolz es ist der Ausgangspunkt
des Stolzes, dem Gefühl, sich selbst für wichtiger zu
halten als andere. Ichanhaften und Stolz sind in ihrer Grundtendenz
identisch.
Bei
jeder Emotionen finden wir eine grundlegende Tendenz, die zu all
den Erscheinungsformen und Verästelungen dieser Emotion führt.
Bei Unwissenheit ist es der Glaube an die wirkliche Existenz eines
Ichs alles andere baut darauf auf. Bei Begierde ist es das Haften
an einem als angenehm empfundenen Objekt, und das Nichthabenwollen
von einem als unangenehm empfundenen Objekt ist die Basis von
Ärger. Die Grundlage von Eifersucht schließlich ist
der Vergleich mit anderen.
Übertreiben
Eine
Form des Stolzes ist z.B., anderen eine unangemessen vorteilhafte
Sicht von uns selbst schmackhaft zu machen, indem wir in unseren
Erzählungen übertreiben. Wir nehmen eine kleine Qualität,
eine fast unbedeutende Handlung oder Erfahrung, und machen einen
ganzen Zirkus daraus: Wie wunderbar wir doch sind, wieviel wir
doch zu diesem und jenen beigetragen haben, wie außergewöhnlich
mutig wir waren, usw. Übertreibung ist ein Merkmal von Stolz.
Wir erheischen die Bewunderung der anderen und übertreiben
unsere Qualitäten, sportlichen Leistungen, Reisen, Erfahrungen,
Siege, Liebesabenteuer usw. Wir übertreiben in alle Richtungen,
um uns bei anderen interessant zu machen. Das alles ist Stolz.
Krasses Übertreiben
kann aber auch als Gegenmittel für den Stolz genutzt werden,
wie für alle Emotionen. Wenn wir so stark übertreiben,
dass es allen auffällt und allen klar wird, dass das, was
wir da erzählen, völlig unmöglich ist, dann muss
ich selber lachen und alle anderen fangen auch an zu lachen. Der
Versuch des Stolzes, sich in schillerndsten Farben anzupreisen,
löst sich in einem gemeinsamen Gelächter auf, in einer
gemeinsamen Entspannung. Wir täuschen nicht mehr irgendwelche
Qualitäten vor, sondern übertreiben in unserer Erzählung,
bis unser Übertreiben offensichtlich absurd und dadurch für
alle unschädlich wird.