UNTERWEISUNGEN

Die ausführliche Erklärung der einzelnen Emotionen

Lama Guendune RinpocheÜberlegenheitsgefühl

Das Erkennen und Zugeben der eigenen Fehler ist genau das, was Stolz auflöst. Für einen Stolzen, der so überzeugt von sich selber ist, besteht der Kontakt mit anderen darin, dass sie sein Publikum sind, dass sie eigentlich nur dazu da sind, um zu klatschen, ihn zu preisen und zu sagen wie toll er doch ist. Das Interesse des Stolzes ist, sich immer mehr aufzublähen, immer höher, immer weiter, immer stolzer, immer ausufernder. Und immer dümmer, immer unwissender, immer weniger gewahr der eigenen Fehler.

Je länger diese Entwicklung geht, desto größer wird die Unantastbarkeit des Stolzen. Es wird immer unmöglicher, ihm irgendwas zu sagen, irgendwie an ihn heranzukommen. Der Elfenbeinturm wird immer höher und höher. In seiner Version der Welt sitzt er immer ganz oben und beurteilt alle anderen. Bestens sieht er die Fehler der anderen. Er hat ja den Verstand, er versteht ja die Welt, und da er selber so rein ist, kann er gut die Unreinheiten der anderen wahrnehmen. Das ist wie auf einem Wachturm zu sitzen, ganz zu oberst, unantastbar von allem, und alles andere wird beurteilt.

Das Abschätzen nach oben und nach unten

Diejenigen, die wir da von unserem Turm aus sehen, werden unterteilt in eventuelle Bewunderer, die uns noch hilfreich sein könnten, unsere Position zu festigen, und potentielle Feinde, die unsere stolze Position untergraben könnten. Die Sichtweise des Stolzen ist: Entweder kann mir jemand dienlich sein, meine Überlegenheit auszubauen, oder er gehört zu jenen, die meine Position und damit meinen Stolz untergraben könnten. Entweder ist er Freund oder Feind oder er ist mir gleichgültig, weil er völlig ohne Relevanz ist für mein Streben nach oben.

Für einen Stolzen geht es um zwei Dinge: Niederlage, Kritik, Erniedrigung zu vermeiden und Sieg, Lob, Ruhm, Anerkennung zu erlangen. Diese beiden Anliegen bestimmen sein Leben. Natürlich ist ein Stolzer nicht immer gleich oben auf der sozialen Leiter, es gibt ja auch Vorgesetzte und Leute, die tatsächlich etwas besser können. Den Stolzen beschäftigt die Frage: Ist das jemand, dem ich Respekt zeigen muss, weil er noch über mir steht, oder kann ich ihn bereits einstufen in die Klasse derer, die unter mir sind? Als jemand Stolzes werde ich aber schauen, wie ich mich den Vorgesetzten annähern und sie überholen kann: Zunächst einmal muss ich so werden wie sie und sie dann überholen, wenn sich eine Gelegenheit bietet.

Der Mechanismus des Ehrgeizes ist in dieser Weise bereits angelegt im Stolz. Ein Stolzer mag nach oben noch ducken, für eine bestimmte Zeit erträgt er das noch. Er wird die Oberen imitieren und versuchen, höher zu kommen und die Ebenbürtigen nach unten wegzudrängen, um sicheren Raum zu haben und nicht angetastet werden zu können. aber irgendwann ist die Zeit des Duckens vorbei und er wird zum Überholen ansetzen.

Ein Stolzer mag andere Menschen zwar seine Freunde nennen, aber er öffnet sich ihnen nicht wirklich. Sie werden vor allem für die Ziele des Stolzes eingesetzt. Freunde sind dazu da, die Unterstützung zu geben, um weiter aufzusteigen. In dem Moment, in dem die Freunde ausgedient haben, macht er sich frei von ihnen, um weiter nach oben klettern zu können. Die wohlmeinenden Freunde werden dann zu einem Hindernis, einem lästigen Gepäck, weil sie ja vielleicht nicht so behende auf der sozialen Leiter sind, nicht so angesehen und beliebt wie er selbst.

Die Einsamkeit der Stolzen

Ein Stolzer, d.h. jemand, bei dem Stolz wirklich die alles prägende Charaktereigenschaft ist, hat keine Freunde auf der gleichen Ebene. Er ist allein, völlig allein, weil er es nicht zulassen kann, dass jemand genauso gut ist wie er und über seine intimen Dinge Bescheid weiß. Er möchte nicht, dass ihm jemand nahe kommt auf einer persönlichen Ebene, wo es auch zu einem fließendem Austausch kommen muss. Beziehungen von Gleichwertigkeit kennt ein Stolzer nicht. Und darum ist eins der charakteristischen Gefühle, das mit Stolz einher geht, das Alleinsein. Jemand, der keine Freunde hat, sollte sich fragen, ob er nicht ein großes Problem des Stolzes hat.

Das Alleinsein des stolzen Menschen ist nicht nur etwas, das er sucht und mit dem er zufrieden ist – es bereitet ihm auch Schmerzen. Es wird Momente geben, wo trotz des Wunsches nach Bewunderung auch der Wunsch nach gleichwertigem Austausch auftaucht. Aber aufgrund seines unnahbaren Verhaltens und der Tatsache, dass er andere stets auf ihre Fehler aufmerksam macht und sie immer wieder erniedrigt, werden diese keine Lust haben, mit ihm in näheren Kontakt zu treten. Sie werden Abstand halten und sich sagen: „Dem sollte man besser nicht zu nahe kommen. Erstens tut es weh und zweitens lässt er sich sowieso nichts sagen. Lasst ihn doch machen und seinen Weg gehen. Ich bleibe höflich, aber auf eine engere Beziehung lasse ich mich nicht ein."

Das zugrundeliegende Ichanhaften

Die Grundlage des Stolzes ist die Identifikation mit einem Ich, das für wichtiger als alle anderen Ichs gehalten wird. Wo immer Ichanhaften ist, entwickelt sich Stolz – es ist der Ausgangspunkt des Stolzes, dem Gefühl, sich selbst für wichtiger zu halten als andere. Ichanhaften und Stolz sind in ihrer Grundtendenz identisch.

Bei jeder Emotionen finden wir eine grundlegende Tendenz, die zu all den Erscheinungsformen und Verästelungen dieser Emotion führt. Bei Unwissenheit ist es der Glaube an die wirkliche Existenz eines Ichs – alles andere baut darauf auf. Bei Begierde ist es das Haften an einem als angenehm empfundenen Objekt, und das Nichthabenwollen von einem als unangenehm empfundenen Objekt ist die Basis von Ärger. Die Grundlage von Eifersucht schließlich ist der Vergleich mit anderen.

Übertreiben

Eine Form des Stolzes ist z.B., anderen eine unangemessen vorteilhafte Sicht von uns selbst schmackhaft zu machen, indem wir in unseren Erzählungen übertreiben. Wir nehmen eine kleine Qualität, eine fast unbedeutende Handlung oder Erfahrung, und machen einen ganzen Zirkus daraus: Wie wunderbar wir doch sind, wieviel wir doch zu diesem und jenen beigetragen haben, wie außergewöhnlich mutig wir waren, usw. Übertreibung ist ein Merkmal von Stolz. Wir erheischen die Bewunderung der anderen und übertreiben unsere Qualitäten, sportlichen Leistungen, Reisen, Erfahrungen, Siege, Liebesabenteuer usw. Wir übertreiben in alle Richtungen, um uns bei anderen interessant zu machen. Das alles ist Stolz.

Krasses Übertreiben kann aber auch als Gegenmittel für den Stolz genutzt werden, wie für alle Emotionen. Wenn wir so stark übertreiben, dass es allen auffällt und allen klar wird, dass das, was wir da erzählen, völlig unmöglich ist, dann muss ich selber lachen und alle anderen fangen auch an zu lachen. Der Versuch des Stolzes, sich in schillerndsten Farben anzupreisen, löst sich in einem gemeinsamen Gelächter auf, in einer gemeinsamen Entspannung. Wir täuschen nicht mehr irgendwelche Qualitäten vor, sondern übertreiben in unserer Erzählung, bis unser Übertreiben offensichtlich absurd und dadurch für alle unschädlich wird.

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