UNTERWEISUNGEN

Die ausführliche Erklärung der einzelnen Emotionen

Lama Guendune RinpocheStolz, das größte Hindernis auf dem spirituellen Weg

Stolz ist von allen Emotionen vermutlich das größte Hindernis auf dem spirituellen Weg. Er schließt die Tore für den Segen, für den Lama, für die Sangha. Er verschließt dem Mitgefühl und anderen Wesen die Tür. Wir sollten dem Stolz nicht auf den Leim gehen. es stimmt, dass Stolz ein zunächst angenehmes Gefühl ist. Wir fühlen uns wohl und selbstzufrieden, aber können nicht vorwärts kommen. Im Stolz sehe ich keinen Grund, jemanden um Rat zu fragen oder gar Zuflucht zu nehmen. Ich halte es nicht für nötig, mich an den Lama zu wenden und ihm von meinen Schwierigkeiten zu erzählen. Es braucht lange, bis Stolz so unangenehm wird, dass wir ihn loswerden wollen. Im Stolz fühlen wir uns reich und haben das Gefühl, anderen von unserem Überfluss abgeben zu können. Wir richten es uns in diesem wohlwollenden Stolz ein, der uns selbstgefällig und völlig unangreifbar macht, und verspüren keinen Impuls, uns ändern zu wollen. Deswegen arbeiten wir auch nicht wirklich an uns. Am Stolz zu arbeiten würde bedeuten, herabzusteigen aus relativem Wohlbefinden in die unbequeme Welt der eigenen Unzulänglichkeit und Bedürftigkeit. Stolz ist, zumindest zu Anfang, nicht schmerzhaft – er lullt uns ein und macht uns blind.

Wenn Stolz zusammenbricht, ist das immer ein schmerzhaftes Erwachen: Wir sehen unsere Fehler, wir müssen uns eingestehen, dass wir ganz normal sind, genau wie die anderen, vielleicht sogar schlimmer dran als sie. Das ist schmerzhaft. Wir fallen aus der Götterwelt auf die Erde. Aber ohne das geht es nicht – später werden wir uns dann wohler fühlen, um einiges leichter als mit der stolzen Bürde unserer Identifikationen. Wir werden plötzlich leichter Zugang zu anderen finden, die Mauern unseres Elfenbeinturms brechen zusammen. Die anderen werden sagen: „Du bist ja plötzlich so menschlich!" Wir finden Freunde, Wegbegleiter und irgendwie wird alles leichter, unbeschwerter. Wir brauchen uns nicht mehr so zu schützen. Es werden plötzlich richtige Freude und Ausgelassenheit auftauchen, weil wir unser Selbstbild nicht mehr zu schützen brauchen. Wir brauchen die Meinung der anderen über uns nicht mehr so zu kontrollieren. Alles beginnt mit einem schmerzhaften Aufwachen, das sich dann aber zumeist über längere Zeit hinzieht. Doch jedem Aufwachen folgen Erfahrungen größerer innerer Freiheit. Die Arbeit am Stolz geht den ganzen Weg über weiter.

Stolz ist die letzte Emotion, die sich auf dem spirituellen Weg auflöst. Der Grund dafür ist, dass unser Ichanhaften noch über lange Zeit versucht, sich an den auftauchenden echten Qualitäten eines spirituell Praktizierenden zu nähren. Stolz aufzulösen, wenn man keine oder kaum Qualitäten hat, ist schon relativ schwer – und wenn sich dann wirkliche Qualitäten einstellen, wird es keineswegs leichter, denn es scheint ja nun einen echten Grund zu geben, stolz zu sein. Was dann hilft, ist, sich ganz dem Lama, dem Segen zu übergeben und Hingabe zu praktizieren.

Die Methode, Stolz zu überwinden

Was dem Stolz aber letztendlich den Boden entzieht, ist, die Natur desjenigen zu betrachten, der stolz ist, das Subjekt, das Ich. Wenn wir erkennen, dass dieses vermeintliche 'Ich' nicht wirklich existiert, dass dieser Denker, dieser Beobachter „leer" ist, leer von einem innersten Kern, den man Ich nennen könnte, dann erkennen wir, dass alle diese Qualitäten, an die sich der Stolz hängt, niemandem gehören. Sie sind spontan vorhanden und aktiv, ohne eine Person im Zentrum. Dies tief zu verwirklichen, durchtrennt den Stolz an der Wurzel. Dann hat er keine Chance mehr, keinen Nährboden.

Die Arbeit mit dem Stolz besteht zunächst darin, die eigenen Fehler zu sehen und auch die eigenen Qualitäten realistischer einzuschätzen. Wir brauchen die Qualitäten nicht zu leugnen, sondern sollten sie in den Dienst aller stellen. Je mehr wir das tun, desto offensichtlicher wird, dass diese Qualitäten nicht an ein Ego gebunden sind, sondern dass sie im Gegenteil abnehmen, wenn sich Ichanhaften breit macht.

Anderen wirklich ein Diener zu sein, sich zutiefst dem Wohl aller Wesen in dieser Welt zu verpflichten und demütig, ohne Aufsehen zu erregen, seine Arbeit zu tun ist ein Heilmittel für den Stolz. Doch aufgepasst, ich bin nicht da, um der berühmteste und demütigste Diener der Welt zu werden. Ich sollte mich nicht am Lob anderer erbauen, sondern mich einfach um die jeweilige Situation kümmern und in aller Einfachheit mein Bestes geben. Stolz und wahres, einfaches, aufrichtiges Dienen gehen nicht zusammen.

Aber wir sollten nicht glauben, dass sich Stolz austreiben ließe, indem wir einfach unser Verhalten ändern. Nein, da braucht es schon einen etwas längeren Atem. Immer wieder müssen wir den Geist des aufrichtigen Dienens, der Hingabe und des Mitgefühls in uns wachrufen, immer wieder uns innerlich distanzieren von stolzen Gedanken, immer wieder uns in unserem Stolz auslachen. Wenn der Stolz nachlässt, werden wir immer natürlicher mit anderen das einfache Sein teilen können, ohne Eigeninteresse, ohne Aufhebens, einfach so... einige Momente teilen im natürlichen Sein – was mehr wollen wir anderen denn schenken? Wir teilen ihre Probleme und sprechen mit ihnen, wir teilen unsere Freude. Wir haben keine fixen Ideen, kein „Ich" mehr, das unbedingt möchte, dass andere mit meiner Hilfe Erleuchtung erlangen.

Was mich selbst angeht, so war es mir eine große Hilfe, mir zu sagen, wie Gendün Rinpotsche mir das vorschlug: „Wenn ich wirklich so intelligent wäre, wie ich denke, dann sollte ich doch schon längst erleuchtet sein! Warum bin ich noch nicht erleuchtet? Warum irre ich noch immer im Daseinskreislauf? Warum stecke ich noch immer in dieser emotionalen Verwirrung fest? Das ist doch der Beweis, dass ich nicht so schlau und weise bin, wie ich meine. Es zeigt, dass es mir an der positiven Kraft mangelte, früheren Buddhas zu begegnen und den erleuchteten Meistern zu folgen. Sonst wäre ich ja schon längst erleuchtet! Zum Glück nimmt mich jetzt jemand bei der Hand und zeigt mir den Weg. Zum Glück gibt es den Segen des Lamas, ohne ihn wäre ich aufgeschmissen. Er zeigt mir meine Fehler und wie ich mich daraus befreien kann. Nur dank des Segens der drei Juwelen kann ich da herausfinden. Ich muss sehr dumm sein, denn schon seit anfangsloser Zeit irre ich in Samsara; kein Grund für Stolz. Millionen und Abermillionen von Wesen haben schon Erleuchtung gefunden und ich stecke immer noch fest. Ich bin noch nicht einmal nahe der Erleuchtung." Indem ich so mit mir rede, beruhigt sich mein Stolz.

Wir sollten nicht mit dem Gefühl im Dharma ankommen: „Oh, die sollten froh sein, dass ich jetzt dazu stoße! Es ist ein echte Verstärkung für den Dharma, wenn so jemand wie ich auftaucht! Der Lama sollte froh sein, mich als Schüler zu haben!" wer so denkt, ist blind dafür, dass es überhaupt nur dank der enormen Geduld des Lamas möglich ist, dass ein so Verblendeter überhaupt den Weg finden kann. Er nimmt die schwere Bürde auf sich, mit so jemandem Stolzen wie mir, der seine Fehler nicht einmal ahnt, zu arbeiten. Gütig erklärt er mir zehn Mal, hundert Mal dasselbe, bis ich schließlich ein kleines bisschen verstehe von dem, was Dharma ist. So zu denken, ist ein gutes Mittel für den Stolz. Vergesst diesen Rat von Gendün Rinpotsche nicht. Es gibt nichts Schlimmeres als den Stolz; er ist die Quelle aller anderen Emotionen: Wut, Eifersucht usw.

Stolze Menschen sind zudem aus Dharmasicht auch äußerst faul, da sie nicht die Notwendigkeit sehen, sich zu ändern. Sie machen nicht die notwendigen inneren Anstrengungen, da sie keinen Grund dazu sehen. Sie sind so mit sich selbst zufrieden, dass nichts sie in innere Bewegung bringt. Ein Stolzer ändert sich erst, wenn er seine Fehler sieht. Für manche Stolze muss es erst knüppeldick kommen, bevor sie an sich arbeiten, aber andere, die mehr Mitgefühl haben, setzen sich schneller in Bewegung, denn sie merken, was für eine große Last sie in ihrem Stolz für die Umgebung sind: wie sie andere vor den Kopf stoßen, ihnen weh tun, sie nicht verstehen können... es gäbe noch viel zu sagen...

Hier haben wir über Stolz vorwiegend als einem Charakterzug gesprochen, aber wir sollten uns bewusst sein, dass Stolz, genauso wie alle anderen Emotionen auch, aus einzelnen Gedanken besteht. Manchmal sind es nur ganz kleine Gedanken, aber es ist trotzdem Stolz, auch wenn wir das manchmal nicht wahr haben wollen.

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